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Gudrun Perko: Antisemitismus in der Schule

Cover Gudrun Perko: Antisemitismus in der Schule. Handlungsmöglichkeiten der Schulsozialarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 128 Seiten. ISBN 978-3-7799-6254-0. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 16,85 sFr.
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Thema und Hintergrund

Thema und Absicht des Bandes ist, die vorhandene Lücke bezüglich des Autismus im Kontext Sozialer Arbeit in der Schule zu schließen. Diese Aufmerksamkeit ist auch deshalb notwendig, weil die mediale Berichterstattung immer wieder auf antisemitische Vorfälle in den Schulen verweist.

Autor*innen

Die Herausgeberin, Gudrun Perko, ist an der Fachhochschule Potsdam Professorin für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Gender, Diversity und Mediation. Der veröffentlichte Text ist unter Mitwirkung von Studentinnen und Studenten im Rahmen eines Forschungsprojektes entstanden. Projektakteure sind: Nancy Bünger, Theresa Hafner, Fabian Hischmann, Dilan Kaplan, Sophia Klug, Marlene Knobel, Ludwig Kuntscher, Lion Laspe, Marika Naneishvili, Femke Puye Nora Scharffenberg, Mieke Scheppang, Sandro Zarbo.

Aufbau

Der Band ist in acht Kapitel gegliedert:

  1. Einleitung
  2. Schulsozialarbeit
  3. Grundlagen zu Antisemitismus
  4. Aktuelle Auseinandersetzung mit Antisemitismus: Schule, Jugendarbeit
  5. Exkurs: Gesetzliche Verankerung
  6. Forschungsmethodik
  7. Forschungsbefunde
  8. Fazit und Ausblick

Inhalt

Nach der Einleitung wird im zweiten Kapitel die Schulsozialarbeit in Deutschland dargestellt. Die dortige Praxis wird u.a. anhand eines Interviews mit einem Schulsozialarbeiter beschrieben. Daran schließen sich sieben Berichte über antisemitische Vorfälle an Schulen an.

Das Folgekapitel erörtert Grundlagen zum Antisemitismus. Einführend wird dabei auf das Buch von Oliver Polak „Gegen Judenhass“ (2018) zurückgegriffen. Daran anschließend erfolgt ein Abriss zur Geschichte des Antisemitismus: Antike, Mittelalter, 19. Jh., Zeit des 1. Weltkrieges, Nationalsozialismus und aktueller Antisemitismus. Diese letztgenannte Antisemitismusform differenziert u.a. nach sekundärem Antisemitismus (Holocaustverharmlosung) und israelbezogenem Antisemitismus (Delegitimierung des Staates Israel). Weiterhin wird nach rechtem Antisemitismus (eingebunden in rechte Ideologien), nach linkem Antisemitismus (Mischung aus Anti-Amerikanismus, Anti-Imperialismus, Anti-Zionismus) und nach muslimischem Antisemitismus (möglicherweise hervorgerufen durch muslimische Zuwanderung) unterschieden. Der muslimische Antisemitismus wird umfangreich anhand der Veröffentlichung von Ahmad Mansur „Antisemitismus und die historische Verantwortung Deutschlands“ (2018) erörtert.

Das vierte Kapitel zur aktuellen Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Schule und Jugendarbeit berichtet zunächst über ein Symposium mit dem Titel „Antisemitismus an der Schule – ein beständiges Problem“ (2017). Dort wird u.a darauf hingewiesen, dass zwar der Holocaust ein Bestandteil schulischer Bildung ist, die aktuelle Form des Antisemitismus aber vernachlässigt wird. Auch die Bearbeitung des aktuellen Antisemitismus als Rassismus wird als unzureichend angesehen. Sodann werden Ergebnisse einer Studie dargestellt, die die Dimensionen des Antisemitismus kennzeichnet (z.B. Stigmatisierung in der Schulöffentlichkeit, Benutzung von Stereotypen wie Gier, Geiz und Verschwörung). Zu den dann folgenden Handlungsempfehlungen gehört auch der Hinweis, dass emotionale Faktoren nicht ausgeblendet werden dürfen. Keine Formen von Antisemitismus dürfen toleriert werden. Angriffen ist auch mit disziplinarischen Maßnahmen zu begegnen; bereits mit Präventionsarbeit sind Fragmente antisemitischer Weltanschauung zu bearbeiten. Lehrmaterialien, z.B. zum Nahostkonflikt, sollten überarbeitet werden, da dort auch problematische Bilder von Israel vorfindlich sind. Für die Jugendarbeit wird ein sieben Punkte umfassendes Handlungskonzept gegen Antisemitismus vorgestellt.

Dieses Kapitel schließt mit Erinnerungen an Adornos „Erziehung nach Auschwitz“ (1966). Konsequenzen daraus sind Erziehung zur Selbstreflexion, Aufklärung, Abwehr autoritärer Strukturen und Organisationswut, Bekämpfung von Emotionslosigkeit und Nationalismus. Nur so kann Manipulation überwunden werden. Auf diesen Adorno-Text bezogen werden für die Soziale Arbeit wie auch für Lehrkräfte Handlungskonsequenzen formuliert.

Das fünfte Kapitel stellt einen Exkurs zu gesetzlichen Verankerungen dar. Dazu gehört § 130 Strafgesetzbuch zur Volksverhetzung und § 189 Strafgesetzbuch zur Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Ferner wird das Gleichbehandlungsgesetz erörtert und Reformen dazu angemahnt.

Kapitel sechs und sieben stellen das Forschungsprojekt und erzielte Ergebnisse „Antisemitismus in Schulen und Gegenmaßnahmen aus der Perspektive der Schulsozialarbeit“ vor. Fünfzehn Schulsozialarbeiter*innen an unterschiedlichen Schultypen in Potsdam wurden mittels Experten*inneninterviews befragt. Nach der Erörterung der Forschungsmethodik werden die Forschungsbefunde umfangreich aufgeführt. Diese Darstellung der Interviewergebnisse gliedert sich nachfolgenden Gesichtspunkten:

  • Antisemitismus: Beginn, Definition, Formen,
  • Offizielle Leitfäden/Richtlinien,
  • Antisemitismus an der Schule,
  • Präventive Maßnahmen in der Schule gegen Antisemitismus,
  • Fortbildungsangebote,
  • Konkrete Handlungsstrategien und pädagogische Haltung,
  • Aufgreifen weiterer Themen,
  • Ergebnisse.

Beispiele: In dem Unterpunkt „Projekte und Workshops in der Schule“ berichtet die sozialpädagogische Fachkraft einer Gemeinschaftsschule von einem Projekt zum Thema Islamismus mit Berührung zum Antisemitismus; ansonsten sei das Thema nicht sehr präsent. Die Fachkraft eines Oberstufenzentrums führt aus, dass jeden 27. Januar ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus stattfindet. Antisemitismus ist in diesem Rahmen ein Thema in Workshops und Projekten.

In dem Unterpunkt „Konkrete Handlungsstrategien und pädagogische Haltung“ antwortet die Fachkraft einer Oberschule, man handhabe es wie bei klassischen Beleidigungen und es könne bis zur Suspendierung vom Unterricht führen. Man solle jemanden nicht bestrafen wenn er unwissend sei – dann aber für Aufklärung sorgen. Dem stimmt die Fachkraft einer Integrierten Sekundarstufe zu.

In der Ergebniszusammenfassung wird u.a. festgestellt, dass sich für die Fachkräfte kein einheitliches Bild ergibt. An den meisten Schulen existieren keine konkreten Leitfäden oder Richtlinien. Als Präventionsmaßnahmen werden in den Schulen Synagogen und Einrichtungen anderer Religionen besucht. Fortbildungsangebote zum Thema sind kaum bekannt.

Im Schlusskapitel wird darauf hingewiesen, dass in Bezug zu Lehrer*innen bei den Schulsozialarbeiter*innen keine gravierenden Unterschiede bestehen. Die Ausgangsthese, dass Antisemitismus eine Leerstelle in der Schulsozialarbeit sei, wird bestätigt. Gefordert wird u.a. Kompetenzentwicklung zur sozialpädagogischen Beratung bei antisemitischen Vorfällen, Handlungsoptionen gegen Antisemitismus in der Praxis, Wissensaneignung bezüglich vorhandener Materialien, Informationen über Beratungsstellen und Netzwerke sowie Leitfäden gegen Antisemitismus an Schulen und einschlägige Weiterbildung.

Diskussion

Der Band stellt eine wichtige Ergänzung für das Aufgabenspektrum der Schulsozialarbeit dar. Das gilt, obwohl gesellschaftliche und institutionelle Ausgrenzung und Stigmatisierung in der Sozialen Arbeit ein vielfältig bearbeitetes Thema in der Theorie, der Konzeptentwicklung und deren praktischen Umsetzung darstellt. Trotzdem verweisen die Ergebnisse der Potsdamer Forschungsgruppe detailliert auf die nicht ausreichende Praxis zur Verhinderung antisemitischen Denkens und Handelns in Schule und Schulsozialarbeit. Es handelt sich um ein auf Potsdamer Schulen gerichtetes Projekt einer Lehr-Praxis-Forschung, welches zu weiteren Untersuchungen anregt. Sicherlich sollte die vorliegende Veröffentlichung zur Grundlagenliteratur der Schulsozialarbeit gezählt werden. Das gilt darüber hinaus auch für weitere Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe.

Sollte es zu einer zweiten Auflage kommen, wäre allerdings die Einführung in die Schulsozialarbeit (2. Kapitel) zu überarbeiten und zu erweitern. Die jetzt dargebotene Darstellung ist außergewöhnlich knapp und so fehlen Ansätze, die auch dem Antisemitismus zu begegnen hilfreich wären. So z.B. der sozialräumliche Vernetzungsansatz, der u.a. intensiver auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler eingehen würde.

Fazit

Der Band stellt eine wichtige Ergänzung des Aufgabenspektrums der Schulsozialarbeit dar. Eine entsprechende Verhinderungs- und Aufklärungspraxis zu antisemitischen Äußerungen und Vorfällen, sind nur sehr spärlich in diesem Handlungsfeld zu finden. Dies zeigt die Studiengruppe der Fachhochschule Potsdam an 15 untersuchten Schulen und der dortigen Schulsozialarbeit. Diese Leerstelle zu belegen, sowie daraus zu ziehende Handlungskonsequenzen aufzuzeigen, gehört zu den zentralen Anliegen dieses Buches.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 19.03.2020 zu: Gudrun Perko: Antisemitismus in der Schule. Handlungsmöglichkeiten der Schulsozialarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6254-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26595.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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