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Patrick Jung: Die „verführerische Banalität“ strukturbildender Orte

Cover Patrick Jung: Die „verführerische Banalität“ strukturbildender Orte. Soziologische Perspektiven auf die Gemeindepsychiatrie in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 176 Seiten. ISBN 978-3-7799-6012-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die Dissertation von Patrick Jung schlägt den Bogen von den Grundlagen der Sozialpsychiatrie zu Fallrekonstruktionen, die der Autor an drei Beispielen vollzieht. So wird die grundlegende Frage personenbezogen bearbeitet: Was kann die postmoderne Psychiatrie für die Menschen tun? Oder was tut sie ihnen an?

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel führt der Autor in die „soziale und anthropologische Psychiatrie“ ein. In einem zweiten Abschnitt wird in die Methodik der Studie – die rekonstruktive Fallarbeit im Rahmen der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung eingeführt. Darauf geht Kapitel II in die Darstellung von drei realen Patienten /Menschen über. In Kapitel III werden diese biografischen Erfahrungen abgeglichen und im Kontext der psychiatrischen Versorgung gedeutet. In diesem Buch steht die gemeindepsychologische Denke insgesamt auf dem Prüfstand. Ausgangspunkt dieses Analyseansatzes sind die Lebens- und Selbsterfahrungen von KlientInnen vor, während und nach der Psychiatrie. Stigmatisierung ist hierbei ein wichtiges Thema. Die beruflichen Erfahrungen des Autors sind erkennbar an vielen Stellen, sein Überblickswissen im sozialpsychiatrischen Universum ist umfassend, nicht zuletzt in vielen Fußnoten, die es in sich haben, nachvollziehbar. Spannend die Frage, wie sozialpsychiatrische Konzepte auf der Mikro-/der Beziehungsebene umgesetzt werden - und hierzu gibt die Arbeit einigen Aufschluss.

Diskussion

In der üblichen Versorgungsforschung tauchen Menschen nur als Fälle auf. „Psychisch krank“ ist aber eine hochkomplexe Situation. Wie Patrick Jung erinnert, kommen Patientinnen und Patienten in den Bilanzen der deutschen Psychiatriereform selbst nicht zu Wort - in dieser Untersuchung stehen sie hingegen im Zentrum. Die Psychiatriekritik habe zusammen mit ihrer „Einpeitscherin“, der Soziologie, an Relevanz im Umgang mit der Psychiatrie eingebüßt, schreibt Jung. Diese Arbeit kommt mir dabei mindestens so psychologisch wie soziologisch vor. Klassische stationäre psychiatrische Einrichtungen kommen dabei schlecht weg - mit Ausnahme derjenigen Betroffenen, die die Vorteile einer eher untypischen Einrichtung erleben konnte.

Methodisch kann man die Frage aufwerfen, ob die Auswahl der geringen Zahl von Interviewpartnern entscheidenden Einfluss auf die Studie insgesamt und vor allem auf die Schlussfolgerungen hat - ich vermute, eher nicht. Es werden einige funktionierende psychosozialer Unterstützungsmöglichkeiten der ambulanten Einrichtungen skizziert, die von der "Erfahrung des Angenommenseins >trotz Psychose<“; „der Vergemeinschaftung mit Leuten, denen es ähnlich geht“, dem Bewusstsein um eine vertrauensvolle Beziehung und dem Wissen um Hilfe während einer normalen Lebensführung“ bis hin zum „Bewirken von sozialen Kontakt- und Freizeitmöglichkeiten“ und „einer sinnstiftenden Tätigkeit“ (S.155) reichen. Unterstützen, stabilisieren, Bewältigungshandeln stärken? Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Die Arbeit ist grundkritisch gehalten, so warnt der Autor beispielsweise vor einer gemeindepsychiatrischen Glorifizierung der „Gemeinde“ (S. 171).

Patrick Jung, bis vor kurzem Psychiatriekoordinator der Stadt Erfurt, wirft die Frage auf „Für was könnte die Psychiatrie eigentlich gut sein und ab wann sollte man sie trotzdem meiden?“ - Was könnte also aus dieser Untersuchung folgen? Eine strikt antipsychiatrische Haltung fände der Autor völlig verfehlt (S. 170). Einige Begriffe wie Teilhabe und Inklusion wie auch Personenzentrierung werden als schwammig kritisiert. Die Idee, dass im Gemeinwesen das >reale Leben< herrsche, hält er für irreführend, basierend auf einer anti-psychiatrischen Einstellung.

Psychiatrisch Tätige entledigten sich zu gerne bestimmter Personen mit der Etikettierung als >Systemsprenger<. Und was unter >Normalität und Abweichung< im Rahmen gemeindepsychiatrischer Inklusionsbestrebungen eigentlich verstanden werden solle, bleibe unklar. Das Verhältnis von Psychiatrie und Institution sei zu bestimmen und zu gestalten.

Sozialarbeiter, so Jung, hätten häufig kein klares Kompetenzprofil, sie führten eine >Chamäleon-Existen< (S.175) obwohl sie im Rahmen einer lebenswelt- und alltagsorientierten Sozialpsychiatrie entscheidende Beiträge mit Bezug zu einer sinnverstehenden Soziologie liefern sollten „statt sich an der fortschreitenden >Erbsenzählerei< im Gesundheitswesen zu engagieren“.

Fazit

Bekanntermaßen steckt die Psychiatrie als Disziplin weltweit in der Krise, was sich auch in sinkenden Anmeldungen für Facharztausbildungen zeigt. In der Perspektive der in dieser Untersuchung vollzogenen Falldarstellungen steht auch eine gemeindenahe Psychiatrie eher am Anfang als auf sicherem Boden. Psychiatrische Erfahrungen sind nicht gänzlich anders als das Leben an sich, sie sind Teil von diesem - gelebte Erfahrungen im Guten wie im Schlechten auf allen Seiten. Der Ansatz des Fallverstehens ist der Versuch, sie für die Beteiligten verstehbar und ggf. veränderbar zu machen. Auch moderne Ansätze wie home-treatment, ACT und anderes mehr müssen sich daran messen lassen, inwieweit sie Überleben, Wachstum, Autonomie und Lebensqualität fördern. Der Rahmen dafür sind Beziehungserfahrungen, die Patrick Jung kategorial erfasst und hervorragend nachvollziehbar macht. Vielleicht kann das Leben so ein Stück in die Psychiatrie zurückgeholt werden (oder umgekehrt?).


Rezension von
Prof. Dr. Eckhard Giese
Dipl. Psych.
Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Erfurt
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Zitiervorschlag
Eckhard Giese. Rezension vom 27.03.2020 zu: Patrick Jung: Die „verführerische Banalität“ strukturbildender Orte. Soziologische Perspektiven auf die Gemeindepsychiatrie in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6012-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26596.php, Datum des Zugriffs 02.04.2020.


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