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Johanna Hefel: Verlust, Sterben und Tod über die Lebensspanne

Cover Johanna Hefel: Verlust, Sterben und Tod über die Lebensspanne. Kernthemen Sozialer Arbeit am Beispiel österreichischer Fachhochschulen. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 206 Seiten. ISBN 978-3-86388-805-3.
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Thema

Trauer, Verlust, Sterben und Tod sind in der Wissenschaft, in den Medien und der politischen Diskussion aktuelle Themen geworden. Die Hospizbewegung hat sich weiterentwickelt, die Palliativmedizin hat sich etabliert. Es entstanden Palliativstationen in Krankenhäusern und zahlreiche stationäre Hospize, auch die ambulante Sterbebegleitung der Hospizvereine wird gefördert. In Deutschland wurde kontrovers über den assistierten Suizid diskutiert. Es wurde die Behandlung, Pflege und Begleitung Sterbender gesellschaftlich reglementiert. So gibt zum Beispiel viele Männer und Frauen, die wahrscheinlich bald sterben werden, aber die strengen Kriterien für die Aufnahme in ein Hospiz oder für eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung nicht erfüllen. Im Unterschied zu früher gibt es heute mehr technische und medizinische Möglichkeiten, Leben aber auch Sterben zu verlängern. Selbstbestimmung und Lebensqualität werden daher zu wichtigen Themen. Sterbende in Pflegeheimen werden selten in ein Hospiz verlegt. Einige sprechen sogar von „Sterben zweiter Klasse“ (ÄrzteZeitung 2015). Die Autorin dieses Buches behandelt die Frage, inwieweit die Themen zum Gegenstandsbereich Sozialer Arbeit in Wissenschaft, Ausbildung und Praxis gehören sollten. Die Themen sind auch Gegenstand der Palliativmedizin und Palliativpflege. Ehrenamtliche Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter haben zwar einen Vorbereitungskurs (100 Stunden) und ein Praktikum absolviert und erhalten Supervision, sie verstehen sich aber nicht als professionelle Helfer. Inwieweit sich hier ein Handlungsfeld für professionelle Sozialarbeit einwickelt könnte oder sollte, ist daher eine wichtige Frage. Inwieweit Sterbebegleitung professionalisiert werden sollte, wird kritisch diskutiert, da Ehrenamtliche im Vergleich zu Hauptamtlichen eine besondere Position haben (vgl. Gronemeyer 2018, Domdey 2018). Sie sind auch weniger abhängig von Organisationszwängen und der Finanzierung durch die Kranken–und Pflegekassen. Aber auch Hauptamtliche sind in der Hospizarbeit und der palliativen Versorgung unverzichtbar. Dies gilt auch für die sozialen, psychischen und spirituellen Aufgaben.

Autorin

Frau Prof. Dr. Johanna Hefel ist Professorin an der Fachhochschule Vorarlberg in Österreich

Aufbau und Inhalt.

Das Buch ist in vier Kapitel und einem Ausblick gegliedert

In den einleitenden Bemerkungen wird zunächst auf das Profil der Ausbildung im Bachelorstudium eingegangen. Einiges bleibt hier programmatisch. Inwieweit Ziele wie Analysefähigkeit und Reflexionsfähigkeit erreicht werden, ist eine empirische Frage. Gegenstand ihres Buches ist die „Thematisierung und Sichtbarmachung als einem Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit“ (S. 13) auf den drei Ebenen Ausbildung, Wissenschaft und Praxis. Anschließend werden der Aufbau des Buches und die Inhalten der Kapitel skizziert.

Das Kapitel 1 beginnt mit einer kurzen Diskussion zentraler Begriffe der Sozialen Arbeit (Unterkapitel 1.1.), die einem historischen Wandel unterworfen sind. Einige dieser Begriffe sind diffus. Hingewiesen wird auch auf die „Allzuständigkeit“. Dies ist nach Ansicht des Rezensenten ein Professionalisierungshindernis (vgl. hierzu auch Stichweh 1996, S. 63). Man kann kein Experte für Alles sein. Danach wird in Unterkapitel 1.2. die Entwicklung von Armut und Armenwesen im Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit in Europa dargestellt. Eingegangen wird auf die Veränderungen der gesellschaftlichen Einstellung zu Armut bis hin zur Arbeitserziehung. Eingegangen wird dann auf die Industrialisierung und die Entstehung der „sozialen Frage“. Behandelt wird dann auf die Entwicklung des Sozialstaates in Österreich, auf die ehrenamtliche Hilfe bürgerlicher Frauen und die Verberuflichung sozialer Arbeit. Im Unterkapitel 1.3. wird die Geschichte der „Professionalisierung“ behandelt. Begonnen wird mit der Darstellung der Arbeit von vier Pionierinnen der Sozialarbeit Vorläufer einer Professionalisierung.[1] Danach wird die Geschichte der Ausbildung der Sozialarbeit in Österreich von den gehobenen Lehranstalten zu Fachhochschulausbildung skizziert.

Offen ist nach Meinung des Rezensenten hier die Frage nach dem Professionalisierungsbegriff. Die Ausbildung an Universitäten und Hochschulen ist zwar ein wichtiges Merkmal von Professionen, aber kein hinreichendes Merkmal. Hinzu kommen müssen weitere Merkmale, wie Lizenz und Mandat, relative Autonomie von Markt und Administration etc. Werden die Kriterien der klassischen soziologischen Professionstheorie gelockert, „verschmilzt sie relativ schnell mit der Soziologie der Berufe“ (Stichweh 1996, S. 57). Mit Unterkapitel 1.4 folgt eine Darstellung der Methodendiskussion. Einbezogen wird eine Kritik an der Dominanz der Methodendiskussion, der eine theoretische Fundierung fehle. Das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle werde, so diese Kritik, nicht oder nur unzureichend wahrgenommen.

Es folgt ein Abschnitt zu Handlungsfeldern Sozialer Arbeit. Dargestellt werden unterschiedliche Differenzierung und Systematiken. Nach Ansicht des Rezensenten bleiben diese Systematiken primär deskriptiv. Es gibt zu wenig fundierte Analysen der Handlungsfelder vor dem Hintergrund professionstheoretischer Ansätze. Eine Möglichkeit wäre eine Unterscheidung nach der „Professionalisierungsbedürftigkeit“ (Oevermann 1996). Einige Praxisfelder sind nicht professionalisierungsbedürftig, andere sind professionalisierungsbedürftig, aber noch nicht professionalisiert (vgl. Müller 2016).

In Unterkapitel 1.6. wird auf theoretische Grundlagen der Sozialen Arbeit eingegangen. Begonnen wird mit der lebensweltlichen Orientierung nach Thiersch. Dieser Ansatz ist fruchtbar für die Sozialarbeit, wenn er zu konkreten Analysen sozialer Welten und sozialer Milieus (zum Beispiel Familien oder Freundeskreise) führt. In der modernen Welt ist der Einzelne mit einer Vielzahl unterschiedlicher Sozialzusammenhänge verbunden. Hingewiesen wird auch auf die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel. Es folgt eine Darstellung zur Bedürfnistheorie nach Olbrecht und Staub-Bernasconi. Diese Theorie wird auch bezogen auf die Thematik Tod und Sterben. Die Autorin nimmt an, dass durch die Dominanz der Medizin, biopsychosoziale Bedürfnisse als „elastische Bedürfnisse“ eher in den Hintergrund gedrängt werden. Dies ist nach Einschätzung des Rezensenten zu pauschal. Für die kurative Therapie mag dies zutreffen, aber nicht für die Palliativmedizin (vgl. Borasio 2014 S. 131 ff.). Das Fach Palliativmedizin umfasst biologisch-körperliche, soziale, psychische und spirituelle Aspekte des Sterbens. „Wie lehrt man ein Fach, das zugleich eine Naturwissenschaft und eine Geisteswissenschaft ist?“ (Lübbe 2014, S. 35). Allerdings betrifft dies nur die Patientinnen und Patienten, die an einer lebensverkürzenden Krankheit sterben.

Das Kapitel 2 zur gesellschaftlichen Relevanz von Sterben und Tod beginnt mit einem Unterkapitel zum historischen Kontext. Eine stärkerer Differenzierung oder aber eine Fokussierung auf einen Typus von Sterbeverlauf wäre hier sinnvoll gewesen.[2] Eingegangen wird dann auf den „Ars moriendi“ (2.2.), wobei der Schwerpunkt auf der christlichen Tradition und Entwicklung liegt. Prognosen zur demographischen Entwicklung (Unterkapitel 2.3) sieht der Rezensent skeptisch. Da diese Prognose von Annahmen ausgehen (Generatives Verhalten, Wanderungsbilanz, Entwicklung des Gesundheitswesens, wirtschaftliche Entwicklung etc.), die nicht sicher vorhersehbar sind, sind Prognose über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren problematisch. Die meisten Menschen sterben in Krankenhäusern. Dies könnte auch damit erklärt werden, dass nur ein kleiner Teil der Sterbenden die Kriterien für eine palliative Behandlung und Versorgung erfüllt. Es folgt ein Unterkapitel (2.4.) zu Sterben und Tod als täglicher Begleiter. Eingegangen wird auf den Umgang der Medien mit der Thematik, auf drei Autorinnen, die sich mit dem Thema befasst haben, und auf den wissenschaftlichen Diskurs. Einige Positionen von zitierten wissenschaftlichen Autoren sind nach Meinung des Rezensenten zu pauschal und empirisch nicht hinreichend belegt. Zumindest in Deutschland ist die Thematik schon lange kein Tabu mehr. In der Medizin wird die Thematik kontrovers diskutiert, in der Palliativmedizin kann von einer Dominanz einer körperlich-medizinischen Perspektive keine Rede sein. Auf der anderen Seite stehen andere Medizinsegmente, die zu Übertherapie am Lebensende neigen. (vgl. Thöns 2016).[3] Es folgt ein Unterkapitel zu Suizid und Sterbehilfe ( 2.5.). Die historische Entwicklung zu diesem Thema mit der Diskriminierung von Menschen, die sich töten, durch religiöse Instanzen wird skizziert. Eingegangen wird auch auf die kontroverse Diskussion um die Tötung auf Verlangen und den assistierten Suizid und das Thema Lebensqualität am Lebensende. Hier wäre nach Ansicht des Rezensenten eine ausführlichere Diskussion wünschenswert gewesen. Die moderne Medizin ermöglicht in einigen Fällen ein Weiterleben bei sehr geringer Lebensqualität. Die Grenzen zwischen der Forderung der Patienten nach der Beendigung lebensverlängernder Maßnahmen (z.B. Magensonde), das Sterbefasten (vgl. Luckwaldt 2018) und dem assistierten Suizid können dann fließend sein. Es folgt das Unterkapitel 2.6 zum Hospiz und Palliativ- Care. Skizziert wird die historische Entwicklung mit dem Schwerpunkt auf die Entwicklung in Österreich. Ausführlicher wird auf die Entwicklung von Institutionen in diesem Bereich eingegangen. Die Zahl der Palliativstationen (42) und Stationären Hospize (11) in Österreich ist relativ gering.[4] Inhaltliche Themen werden später in Kapitel 3.2. behandelt.

Im Kapitel 3 geht es um die Relevanz der Themen Sterben und Tod für die Praxis Sozialer Arbeit. Im ersten Unterkapitel wird diese Thematik in den Handlungsfeldern außerhalb der Bereiche Hospiz und Palliative Care behandelt. Ausgegangen wird dabei von programmatischen Aussagen zur Sozialen Arbeit (Global Definition of the Social Work Profession) Exemplarisch wird dann auf einige Handlungsfelder (u.a. Arbeit mit Flüchtlingen, Arbeit mit Drogenabhängigen) eingegangen. Es werden mehrere Fragen hierzu gestellt. Deutlich wird hier eine große Forschungslücke. Programmatische Aussagen mögen sinnvoll sein. Wichtiger aber ist, wie die Praktiker der Sozialen Arbeit in den Handlungsfeldern die Thematik behandeln und wie sie dafür qualifiziert sind.[5] Wichtig ist die Thematik, weil nur ein kleiner Teil der Sterbenden in Hospizen oder auf Palliativstationen gepflegt und begleitet wird und weil die Trauer der Angehörigen zwar im Sterbeprozess beginnt (antizipierende Trauer), danach aber länger andauern. Es folgt das Kapitel 3.2. zur sozialen Arbeit in Hospiz und Palliative Care. Für den Rezensenten stellt sich die Frage, was hier das Spezifische der Sozialen Arbeit ist. Vieles, was hier dargestellt wird, betrifft genauso gut Palliativmediziner, Palliativschwestern und Palliativpfleger, Psychoonkologen und Ehrenamtliche.[6] Sie stellt fest „Soziale Arbeit in diesem Feld erfordert ein erhebliches Maß an Fach-, Methoden-, Sozial und Selbstkompetenz“ (S. 135).Daraus ergibt sich die Frage, wie diese Kompetenz erworben und festgestellt wird. Die Arbeitsgruppe Palliativsozialarbeit fordert eine Zusatzqualifikation. Hieraus ergibt sich, dass Absolventinnen des BA-Studium über diese Qualifikation nicht verfügen. Es wird jedoch festgestellt, dass die Soziale Arbeit auf diese Aufgaben geradezu zugeschnitten sei (s. S. 137) und unverzichtbare Dienste leiste. Es gibt allerdings auch Forderungen, diesen Bereich in das Curriculum aufzunehmen (s S. 138). Festgestellt wird, dass der Anteil der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter am Personal der Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich mit 5 % relativ gering ist. Dafür könnte es mehrere Gründe geben. Fachkräfte der Palliativpflege und Palliativmediziner sehen die psycho-soziale Begleitung von Sterbenden ebenfalls als ihre Aufgabe an.

In Kapitel 4 wird die empirische Studie der Autorin zur Bedeutung von Sterben und Tod im BA-Studium in Österreich dargestellt Die Autorin hat neun Curricula zum BA-Studium in Österreich ausgewertet. In Unterkapitel 4.1. wird auf den Stand der Forschung allgemein eingegangen. Nicht alle der hier behandelten Studien fokussieren explizit das Studium der Sozialen Arbeit. Eingegangen wird auf die Erfordernisse der Praxis, zum Beispiel auf biographische Arbeit von Sterbenden, die von Mitarbeiterinnen der Hospizdienste begleitet werden. Angelsächsische Studien, die Lehrbücher der Sozialarbeit untersuchten, kommen zu dem Ergebnis, dass es in Hinblick auf diese Bereiche erhebliche Lücken gibt. Dies sei erschreckend. Zum Teil handelt es sich um quantitative Inhaltsanalysen. Der Rezensent sieht hier eine methodische Lücke. Eine qualitative Analyse könnte auch untersuchen, inwieweit die entsprechende Texte und Ausschnitte die Themen auch entsprechend dem Stand und den Prinzipien der Hospizarbeit, Palliativ-Care und Palliativmedizin auch angemessen behandeln. Es folgt ein Unterkapitel zum Forschungsdesign, in dem auch die Dokumentenanalyse von Curriculare reflektiert und begründet wird. Näher eingehen könnte man hier noch auf die unterschiedlichen Gruppen von Adressaten (vgl. Wolff 1995).[7] Es folgt mit Unterkapitel 4.3. eine Darstellung des methodischen Vorgehens. Eingegangen wird auf inhaltliche und formale Kriterien, die die Curricula erfüllen sollen. Die Sichtung des Materials führte zu einer Eingrenzung auf Modul- und Veranstaltungsbeschreibungen (S. 157). Diese hatten unterschiedlichen Umfang. Sechs Forschungsleitende Fragestellungen werden dargestellt und begründet.

In Unterkapitel 4.4. werden Ergebnisse der Untersuchung dargestellt. Aus der lexikalischen Analyse ergibt sich, dass die Themen in den Curricular der neun Hochschulen 153 mal vertreten sind. Die Tabelle zeigt aber auch große Unterschiede zwischen den Hochschulen. Einzelne Themen kommen in einigen Curricular häufig vor, in anderen aber überhaupt nicht. Nur die Themen Krise und Suizid kommen in allen neun Curricular vor. Die Untersuchung ergibt, dass insgesamt 24 Veranstaltungen im Kontext von Sterben und Tod stehen. Auch hier gibt es wieder große Unterschiede zwischen den Hochschulen. Unterschieden wird hier noch in Bezug auf Sterben und Tod zwischen „eindeutig vorhanden“ und „latent vorhanden“. Wissenserwerb zu Sterben und Tod wird in 16 Fundstellen explizit und in acht latent vermittelt (etwa wenn es um Krisen geht, aber nicht direkt auf Sterben und Tod eingegangen wird). Inhaltliche Schwerpunkte in den Fundstellen sind Suizid, Suizidalität und psychische Störungen. Auf professionelle Kompetenz und Methoden zu Tod und Sterben wird 13 mal explizit und fünfmal implizit eingegangen. Auf fachspezifische Kommunikation in Bezug auf Tod und Sterben wird nur viermal explizit und achtmal latent eingegangen. Selbst- und Sozialkompetenz werden nur viermal explizit thematisiert. Die Autorin stellt fest, dass nur in drei Veranstaltungen „alle vier Dimensionen Wissen, Handlungskompetenz, Kommunikation sowie Selbst- und Sozialkompetenz und somit sozialarbeitswissenschaftlich fundiert“ (S. 173) sind.

Im Kapitel 5 ( Ausblick) stellt die Autorin fest: „Diese Ergebnisse belegen in aller Deutlichkeit, dass eine Ergänzung und Vertiefung des Bachelorstudiums Soziale Arbeit zu den Themen Abschied, Verlust, Sterben und Tod hinsichtlich eines adäquaten professionellen Handelns als Sozialarbeiter*in und der Entwicklung einer genuinen Identität erforderlich ist“ ( S. 178) Zum Vergleich skizziert sie die Death Education in den USA die seit Jahrzehnten integraler Bestandteil des Grundstudium der Sozialen Arbeit sei. Sie fordert, dass der Themenkomplex auch in den österreichischen Bachelorcurricula stärker berücksichtigt wird. Eingegangen wird u.a. auf die vier Dimensionen Wissenserwerb, Kommunikation, Methodenkompetenz, Selbst- und Sozialkompetenz sowie auf Methoden der „Selbstexploration“ wie Biographiearbeit, Autoethnographie, Exkursionen, Gespräche mit Sterbenden. Auch die Möglichkeiten interdisziplinärer Kooperation in interdisziplinären Masterstudiengängen in End-of-Life-Care (EOL), wie in North Carolina werden behandelt.

Diskussion

Sterben, Tod und Trauer sind nicht nur wichtige Themen in der Hospizarbeit und Palliativ Care. Trauerbegleitung beginnt häufig erst nach dem Tod von Angehörigen. Gestorben wird auch auf Normalstationen und in Pflegeheimen und zuhause, ohne dass Hospizdienste einbezogen werden. Die Themen werden auch dann schon wichtig, wenn eine Krankheit mit dem Tode enden kann, aber eine kurative Therapie noch sinnvoll zu sein scheint (z.B. bei Krebs). Viele Frauen übernehmen die Pflege ihrer schwerkranken Mütter und Schwiegermütter (vgl. Maly 2001) und erleben später den Verlust des Ehepartner (vgl. Steinert/Müller 2007). Pflegeheime sind immer auch Orte des Sterbens (vgl. Xyländer, Sauer 2019).Wenn Elternteile an Krebs erkranken, sind Kinder betroffen. Daher ist die Frage wichtig, welchen Stellenwert diese Themen im Curriculum des BA-Studiums der sozialen Arbeit haben. Diese Frage wird von der Autorin untersucht.

In den Hospiz- und Palliativeinrichtungen wäre eine strikte Trennung zwischen körperlicher Pflege und medizinscher Behandlung einerseits und psycho-sozialer Begleitung andererseits widersinnig. Wichtige Entscheidungen, zum Beispiel zur Schmerztherapie, könnten nur zusammen mit den Patientinnen und Patienten vor dem Hintergrund ihrer individuellen psycho-sozialen Situation und Wünsche getroffen werden. Die Pflegekräfte haben den meisten Kontakt zu den Patienten und Patientinnen. Daher kann keine Berufsgruppe ein exklusives Mandat haben, es ist immer ein multi-professionelles Team zuständig. Alle müssen mit den Betroffenen kommunizieren. Der Stellenwert der Sozialen Arbeit in dieser Teamarbeit wird auch davon abhängen, welchen Stellenwert diese Arbeit in der Ausbildung hat.

Vor dem Hintergrund der empirischen Ergebnisse entsteht beim Rezensenten der Eindruck, dass ehrenamtliche Sterbebegleiter besser auf ihre Arbeit in diesem Bereich vorbereitet werden als Absolventinnen und Absolventen des BA-Studiums. Dies dürfte auch für die psychischen, sozialen und spirituellen Aspekte gelten. Dies wirft die Frage auf, ob eigentlich die Studierenden der Sozialen Arbeit in diesem Feld besser als Ehrenamtliche, Palliativmediziner und Pflegende sind. Absolventinnen und Absolventen des BA-Studiums können diesen Rückstand vielleicht durch berufsbegleitenden Weiterbildung und Spezialisierung aufheben. Wenn sie im Hospizdienst arbeiten wollen, müssen sie dies tun.[8] Aber die Autorin weist zu Recht darauf hin, dass diese Aufgaben auch in anderen Handlungsfeldern bedeutsam sind. Die Klientinnen und Klienten der Sozialarbeit waren in ihrer Biographie mehrfach mit dem Tod von Angehörigen, Nachbarn und Freunden konfrontiert, was ihre Persönlichkeit mehr oder weniger stark geprägt hat. Einige von ihnen befinden sich auch aktuell in einer Trauersituation, zum Beispiel weil der Ehepartner oder ein Elternteil vor einigen Monaten gestorben ist.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie realistisch eine solche Forderung für ein Studium von 6 Semestern ist. In den klassischen Professionen hat sich die Bologna-Reform nicht durchgesetzt. Nur wenn die Wissensvermittlung, die Kompetenzentwicklung und die Selbstreflexion zu dieser Thematik einen erheblichen Umfang (zum Beispiel ein Modul) einnehmen, kann man von professionellem Handeln in diesen Bereichen und beim Thema Sterben und Tod sprechen.

Eine weitere Frage ist die nach Professionalisierung der Hospizarbeit. Gronemeyer (2018, S. 17 ff.) weist daraufhin, dass Ehrenamtliche unverzichtbar sind. Er zitiert Frank Ostaseski, einen bedeutenden Vertreter der amerikanischen Hospizarbeit. Wichtig sei: „Das Bewusstsein dafür, dass wir das, was wir für diesen Job brauchen nicht erst lernen müssen, sondern bereits in uns tragen. Für andere zu sorgen ist ein natürlicher Ausdruck unserer Menschlichkeit. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir den Prozess des Sterbens unnötig komplex gemacht, überprofessionalisiert und mystifiziert, so dass wir ihn jetzt oft als Bürde, als Pflicht empfinden“ (S. 17/18). Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter müssen keine Experten sein, ein Vorbereitungskurs reicht häufig aus. Aber bestimmte Aufgaben können Ehrenamtliche nicht übernehmen, weil sie zu wenig Zeit haben oder nicht fachlich hinreichend qualifiziert sind. Hierzu gehören: Erstgespräche mit Sterbenden, Auswahl der geeigneten Begleiter, Betreuung der Sterbebegleiter während der Begleitung, Supervision der Ehrenamtlichen, Kooperation mit Organisationen, in denen gestorben wird, Trauertherapie in Fällen komplizierter Trauer (vgl. Jungbauer 2013, Stelling, Jungbauer 2013).[9] Die Möglichkeiten der Weiterbildung für Ehrenamtliche und der Zeitaufwand für eine Begleitung sind begrenzt, weil viele von ihn berufstätig sind und/oder Kinder haben.

Fazit

Das Buch belegt und begründet ein Defizit in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in Österreich. Die Situation in Deutschland ist wohl nicht viel besser. Das Thema ist wichtig für die Weiterentwicklung und Professionalisierung sozialer Arbeit.

Literatur

Ärzte Zeitung (2015), Patientenschützer beklagen „Zwei-Klassen-Sterben“. 12.6.2015, online verfügbar unter http://www.aerztezeitung.de

Borasio, G. D. (2014) selbst bestimmt sterben. Was es bedeutet, was uns daran hindert. Wie wir es erreichen können, München, Verlag C.H.Beck.

Braches-Chyrek, Rita (2013) Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon, Opladen, Berlin, Toronto, Verlag Barbara Budrich

Bucher, Rue; Strauss, Anselm (1972) Wandlungsprozesse in Professionen in: Thomas Luckmann; Walter Michael Sprondel, Berufssoziologie, Köln: Kiepenheuer und Witsch, S. 182 – 197

Brathuhn, Sylvia, Adelt, Thorsten (2015) Vom Wachsen und Werden im Prozess der Trauer, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht

Giger-Bütler, Josef: Wenn Menschen sterben wollen. Mehr Verständnis für einen selbstbestimmten Weg aus dem Leben. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018

Gronemeyer, Reimer (2018) Professionalisierung der Sterbebegleitung und die Zukunft der Hospizarbeit, in Müller Monika C.M (Hrsg.) Gut gemeint – gut gemacht? Professionalisierung der Sterbebegleitung und Zukunft der Hospizarbeit. 21. Loccumer Hospiztagung 2018, Loccumer Protokolle 25/2018, Rehburg-Loccum 2018 S. 9 - 20

Jungbauer, Johannes, (2013) Trauer und Trauerbewältigung aus psychologischer Perspektive, in: Jungbauer, Johannes, Rainer Krockauer (Hrsg.): Wegbegleitung, Trost und Hoffnung. Interdisziplinäre Beiträge zum Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2013, S. 49 - 70.

Luckwaldt, Frauke (2018): Ich will selbstbestimmt sterben! Die mutige Entscheidung meines Vaters zum Sterbefasten. Ernst Reinhardt Verlag

Lübbe, A. S., (2014), Für ein gutes Ende. Von der Kunst, Menschen in ihrem Sterben zu begleiten, München: Heyne

Maly, N. (2001), Töchter, die ihre Mütter pflegen, Münster, Lit-Verlag

Müller, H. (2016) Professionalisierung von Praxisfeldern der Sozialarbeit, Opladen: Verlag Barbara Budrich

Oevermann, U. (1996). Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionellen Handelns. In Combe, A. & Helsper, W. (Hrsg.). Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns (S. 70–182). Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

Steinert, E.; Müller, H. (2007), Misslungener innerdeutscher Dialog. Biografische Brüche ostdeutscher älterer Frauen in der Nachwendezeit, erscheint 2007 beim Centaurus Verlag Herbolzheim

Stelling, Kirsten und Jungbauer, Johannes (2013) „Mein Leben darf nicht mehr schön werden, weil mein Kind tot ist!“ Psychotherapie bei komplizierter Trauer, in: Jungbauer, Johannes, Rainer Krockauer (Hrsg.): Wegbegleitung, Trost und Hoffnung. Interdisziplinäre Beiträge zum Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2013, S. 166 -181

Stichweh, R. (1996). Professionen in einer funktional differenzierten Gesellschaft. In Combe, A. & Helsper, W. (Hrsg.). Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns (S. 49–69). Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

Thöns, Matthias, (2016), Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende, München, Berlin, Piper

Wolff, Stephan (1995), Text und Schuld. Die Rhetorik psychiatrischer Gerichtsgutachten, Berlin: de Gruyer

Xyländer, Margret; Sauer, Peter,(2018) Zwischen Gestalten und Aushalten. Sterbebegleitung in statonären Pflegeeinrichtungen im urbanen Raum, Opladen


[1] Vgl. zu dieser Thematik auch Braches-Chyrek 2013

[2] Es gibt unterschiedliche Verläufe, die zum Sterben und zum Tod führen können. Der plötzliche Tod, etwa bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt ist relativ selten. Es gibt den Tod nach kurzem Sterbeverlauf, zum Beispiel im Krankenhaus nach einem Unfall, einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt. Es gibt Krankheiten, die nicht immer lebensverkürzend sind, aber das Risiko zu sterben erhöhen. Diese erfüllen nicht die Kriterien für eine Aufnahme in ein Hospiz oder auf eine Palliativstation ( progredient in fortgeschrittenen Stadium, Heilung ausgeschlossen, geringe Lebenserwartung)

[3] Bucher und Strauss (1972) sehen in der medizinischen Profession eine Verbindung einzelner Segmente „die verschiedene Ziele auf unterschiedliche Weise verfolgen“ ( S. 183)

[4] Zum Vergleich: In Niedersachsen gibt es 26 stationäre Hospize ( vgl. Domdey 2018 S. 26)

[5] Trauerbegleitung ( vgl. z.B. Brathuhn/Adelt 2015) könnte zum Beispiel Bestandteil der Ausbildung oder Weiterbildung sein.

[6] Nur wenn man den Begriff soziale Arbeit weit fast, trifft dies zu. Die Arbeit der beruflich oder ehrenamtlich Beteiligten ist zweifellos sozial.

[7] Die Dokumente sind so konstruiert, dass eine Akkreditierung wahrscheinlich erscheint. Adressaten sind also Mitglieder von Gremien. Weitere Adressaten sind Studierende und Lehrende.

[8] Zumindest in Deutschland

[9] Die Unterscheidung zwischen Trauerbegleitung und Trauertherapie ist in einzelnen Fällen schwierig und immer abhängig von den Bedürfnissen der Trauernden. „Wir sollten der Versuchung widerstehen, aus jedem Trauerfall einen pathologischen Trauerverlauf zu machen.“ ( Domdey 2018, S. 31)


Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 24.02.2020 zu: Johanna Hefel: Verlust, Sterben und Tod über die Lebensspanne. Kernthemen Sozialer Arbeit am Beispiel österreichischer Fachhochschulen. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-86388-805-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26601.php, Datum des Zugriffs 13.07.2020.


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