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Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Soziale Arbeit in Schlüsselbegriffen

Cover Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Soziale Arbeit in Schlüsselbegriffen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-6065-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 19,10 sFr.
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Thema

Der Sammelband, der 40 Schlüsselbegriffe der Sozialen Arbeit enthält, will, nach eigener Darstellung, kein Lexikon und auch kein Handbuch sein (14). So enthält er jeweils wenige Seiten umfassende Kurzdarstellungen von theoretischen, methodischen, handlungsfeldspezifischen und andersartigen Begriffen aus der Sozialen Arbeit.

Herausgeber und Autor*innen

Der Herausgeber, Peter-Ulrich Wendt, ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg und hat zuletzt Lehrbücher zu „Methoden der Sozialen Arbeit“ und zu „Sozialer Gruppenarbeit“, beide bei Beltz Juventa, veröffentlicht, die sich wie auch der vorliegende Sammelband vornehmlich an Studierende richten. Die 28 weiteren Autor*innen sind entweder in der Hochschullehre oder in der Praxis der Sozialen Arbeit tätig. 11 Beiträge wurden vom Herausheber selbst verfasst.

Entstehungshintergrund

Wie an der Vielzahl der mittlerweile vorhandenen Einführungswerke, Lexika, Handbücher und Studienbücher für die Soziale Arbeit abgelesen werden kann, besteht anscheinend ein hoher Bedarf an schnell zugänglicher Informationen für Studierende und Praktiker*innen. Auch dieser Sammelband, der selbst keine Vollständigkeit beansprucht, kann nur bei einem ersten schnellen Zugang zu zentralen Begriffen hilfreich sein. Der Herausgeber, Peter-Ulrich Wendt, bezeichnet ihn selbst als ein „offenes Buch“, das Fragen offen lässt und auf detaillierte Spezifizierungen verzichten muss. Er hat es auch als Reaktion auf seine eigenen Erfahrungen als Hochschullehrer initiiert, um Studierenden einen schnellen Zugriff zu ermöglichen.

Aufbau

Die 40 Schlüsselbegriffe sind in vier Bereiche sortiert: „Grundlagen der Sozialen Arbeit“, „Die Subjekte“, „Der Fall“ und „Die Sozialen“. Nach einer kurzen Einleitung (versehen mit einem ausführlichen Fallbeispiel) in Intention und Zweck der Begriffssammlung sowie Leseempfehlungen zur Einführung in die Soziale Arbeit, die als Gebrauchsanweisung tituliert wird, widmen sich die einzelnen Beiträge kurz und bündig jeweils einem mehr oder weniger großen Begriff. Jeder Beitrag beginnt mit einem „Fallbeispiel“, teilweise mit personenbezogenen Fällen, teilweise mit Situationen aus Handlungsfeldern, und endet mit weitergehenden Leseempfehlungen. Alle Beiträge weisen Querverweise zu anderen Schlüsselbegriffen im Sammelband auf. Die Quellen aller Beiträge sind in einem gemeinsamen Literaturverzeichnis am Ende des Sammelbandes zu finden. Zudem finden sich dort kurze Autor*innen-Informationen aller Beitragenden.

Inhalt

Da es keinen Sinn machen würde, jeden Beitrag beziehungsweise jeden Schlüsselbegriff einzeln vorzustellen, werden hier aus jedem der vier Teile jeweils zwei Beiträge besprochen.

Die einzelnen Beiträge sind jeweils auf unterschiedlichen Ebenen anzusiedeln, was sich zum Beispiel in Teil III „Der Fall“ zeigt, wenn dort sowohl „Emanzipation – Teilhabe und Empowerment“ als normative Leitideen, „Kulturarbeit“, „Medienpädagogik“ als Konzepte oder methodische Zugänge sowie „besondere Lebenslagen“ und „Migration“ als Handlungsfelder zu Sprache kommen.

Teil I „Grundlagen der Sozialen Arbeit“

Soziale Arbeit als Wissenschaft

Rahim Hajji, Professor für Gesundheits- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Forschungsmethoden an der Hochschule Magdeburg-Stendal, bringt in stark verkürzter Form die Entwicklungen in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit auf den Punkt, indem er die Sozialarbeitswissenschaft, die disziplinäre Sozialpädagogik und die Referenzwissenschaften in ein Verhältnis zueinander setzt, das deren Spannungen aber auch ergiebige Kooperation aufscheinen lässt. Mit der Handlungswissenschaft nach Staub-Bernasconi wird eine, wenn auch prominente, Theorie fokussiert. Zudem gibt er einen Ausblick bezüglich des Promotionsrechts an (Fach-)Hochschulen und problematisiert gleichzeitig, dass die Selbstrekrutierungsrate des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland zu gering sei.

Ethik

Anton Schlittmaier, Professor für Philosophie und Grundlagen Sozialer Arbeit an der Berufsakademie Sachsen, stellt einen zwar ebenfalls sehr komprimierten aber sehr gut einführenden Beitrag die Ethik in ihren Facetten in durchaus lexikalischer Art und Weise dar, indem er Definitionen und Beispiele ethischer Herangehensweisen bringt. Neben der Berufsethik werden auch allgemeine Theorien der Ethik in Kurzform vorgestellt.

Teil II „Die Subjekte“

Mittleres Lebensalter

Die Ausführungen zum sogenannten mittleren Lebensalter, als eines von drei Lebensaltern, die in diesem Sammelband behandelt werden (daneben: Kindheit und Jugend sowie Alter), stammen vom Herausgeber, Peter-Ulrich Wendt, selbst. Ausgehend von einem Fallbeispiel werden Entwicklungsaufgaben und Fragen der Identität, des Lebensstils und des Milieus behandelt und gesellschaftlich kontextualisiert.

Dazu dient vor allem das Konzept der Lebensbewältigung, wie es von Lothar Böhnisch entwickelt wurde, um zu zeigen, wie Lebensaufgaben in der Moderne beziehungsweise riskanten Moderne (Ulrich Beck) verstanden werden können und weist eine Überschneidung zu einem ebenfalls von Wendt geschriebenen Beitrag mit dem Titel „Lebensbewältigung – soziale Arbeit im mittleren Lebensalter“, der in Teil III enthalten ist, auf.

Selbsthilfe – Hilfe zur Selbsthilfe

Auch den Begriff der Selbsthilfe charakterisiert Peter-Ulrich Wendt selbst. In eher praxisbezogener Weise wird die Selbsthilfe als Organisationsform (Selbsthilfegruppen, Selbsthilfekontaktstellen, etc.) dargestellt und ihre Funktionen vorgestellt. Als ein Exempel werden die Tafeln angeführt, die durchaus als kritisches Beispiel für fehlende sozialstaatliche Leistungen diskutiert werden.

Teil III „Der Fall“

Soziale Gruppenarbeit

Der Autor, Werner Freigang, ist seit 1993 Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik und Hilfen zur Erziehung im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg. Nach einer kurzen Einführung darin, dass Menschen fast ausschließlich in Gruppen agieren, was an Beispielen verdeutlicht wird, charakterisiert der Autor die soziale Gruppenarbeit als eine Methode der Sozialen Arbeit und benennt Grundqualifikation für eine fachgerechte Anwendung. Dem folgen Ausführungen zur Gruppendynamik und Gruppenprozessen anhand von klassischen theoretischen Zugängen.

Gesundheit

Gudrun Faller, Verfasserin dieses instruktiven und in das Thema einführenden Beitrags, ist Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Alter an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Sie fächert zunächst subjektive Konzepte von Gesundheit und Gesundheitskonzepte in der Wissenschaft auf, um danach ein gesundheitswissenschaftliches Verständnis aufzuzeigen. Im Anschluss daran werden soziale Ungleichheit und Gesundheitsförderung thematisiert.

Teil IV „Die Sozialen“

Ausbildung und Beruf

René Börrnert, der diesen Beitrag verantwortet, lehrt seit 2019 an der Fachhochschule des Mittelstandes in Rostock. Er stellt den Begriff der employability ins Zentrum seines Beitrags und diskutiert, ausgehend von einem Fallbeispiel, Rollenkonflikte, in denen sich Menschen in einer sozialen Ausbildung befinden können. Aufbauend auf dem irritierenden Argument, sie nicht „wie in früheren Jahren zu einer akademischen Persönlichkeit“ auszubilden, „sondern sie zu dieser Beschäftigungsfähigkeit heran zu ziehen“ (Wolter 2013, zitiert nach Börrnert, 211), werden anhand des Eingangsbeispiels zwei Rollenkonflikte verdeutlicht und dafür argumentiert, dass es neben der „Vermittlung von Wissen“ und „der Ausprägung und Festigung einer Berufsrolle“ um die „Erläuterung von Diskrepanzen und die kritische Betrachtung von (…) Gefahren und Spannungsfeldern“ (213) ginge. Diese werden mit den Titeln „Das Steuerbare“, „Das Verhandelbare“, „Das Unsichtbare und das Ungewisse“, „Das Spontane“ und „Das Individuelle“ versehen und jeweils kurz ausgeführt. Der Beitrag endet abrupt und ohne weitere Einbindung dieser sechs Kategorien.

Menschenrechtsprofession

Dieser Beitrag stammt von Andreas Borchert, Fach- und Bildungsreferent bei der Sächsischen Landjugend e.V. und Geschäftsführer der Gilde Soziale Arbeit e.V., sowie Kai Fritzsche, Programmleiter FSJ Politik bei der Sächsischen Jugendstiftung und freier Fachreferent für Digitalisierung und Soziale Arbeit und Landesvorsitzender der Sächsischen Landjugend e.V. Sie argumentieren, ausgehend von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und im Zusammenhang mit der Formel von Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession nach Staub-Bernasconi sowie auf Basis der Berufsethik, dafür, Menschenrechte als Analyseinstrument, als Referenzrahmen (das Tripelmandat) und in der Praxis zu nutzen. Unter Verweis auf einen eingangs skizzierten Fall, in dem die sozialarbeiterische Interaktion mit einem Klienten durch deren Informationssuche via Smartphone unterstützt wird, schließen sie mit der Aufforderung, „… unseren anfänglichen Fall entlang dieser Praxis auszubuchstabieren, um so den Menschenrechtsansatz beispielhaft einzuüben.“ (224)

Diskussion

Der Sammelband beinhaltet eine unsystematische, aber nach den oben genannten vier Kategorien sortierte Aufzählung von Schlüsselbegriffen, die, jeder für sich, in der Sozialen Arbeit ihre Bedeutung haben. Bei ungefähr gleichem Umfang ist die Qualität der Beiträge hinsichtlich des Einführungscharakters als sehr unterschiedlich zu bewerten. Es zeigt sich, dass die vorliegende Sammlung vor allem in didaktischer Hinsicht Vor- und Nachteile aufweist: Positiv ins Gewicht fällt, dass Studierende einen schnellen Zugang zu den Grundproblematiken der mit den jeweiligen Schlüsselbegriffen verbundenen Themen erhalten können und in einigen der Beiträge auch zu weiterem Nachdenken angeregt werden. Negativ ist zu konstatieren, dass nicht jeder Schlüsselbegriff so aufgearbeitet ist, dass er als einführend und Übersicht gebend einzuschätzen ist. Die jedem Beitrag vorangestellten Fallbeispiele geben aber Hinweise darauf, was bezüglich des jeweiligen Schlüsselbegriffs thematisiert und problematisiert werden könnte. Damit ist der gesamte Sammelband, didaktisch gesehen, durchaus in Grundlagenseminaren zu verwenden, um davon ausgehend ins vertiefte Studium einzusteigen.

Fazit

Da der Herausgeber in seinem einleitenden Beitrag selbst einräumt, dass es sich weder um ein Lexikon noch um ein Handbuch handelt, kann das vorliegende Werk hinsichtlich seiner Funktion als Sammlung von zentralen Schlüsselbegriffen der Sozialen Arbeit verstanden werden. Studierenden sei jedoch, mit dem Herausgeber gesprochen, dazu geraten, unbedingt die von ihm selbst verfasste Gebrauchsanweisung zu Beginn zu lesen, um auch die Grenzen dieser Publikation im Blick zu behalten.


Rezension von
Prof. Dr. Dieter Röh
HAW Hamburg
Department Soziale Arbeit
Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit, Beauftragter für die Belange behinderter und chronisch kranker Studierender
Homepage www.haw-hamburg.de/hochschule/beschaeftigte/detail/ ...
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Zitiervorschlag
Dieter Röh. Rezension vom 15.12.2020 zu: Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Soziale Arbeit in Schlüsselbegriffen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6065-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26606.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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