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Ulrike Fickler-Stang: Dissoziale Kinder und Jugendliche - unverstanden und unverstehbar?

Cover Ulrike Fickler-Stang: Dissoziale Kinder und Jugendliche - unverstanden und unverstehbar? Frühe Beiträge der Psychoanalytischen Pädagogik und ihre aktuelle Bedeutung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 304 Seiten. ISBN 978-3-8379-2894-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Psychoanalytische Pädagogik - Band 50.
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Thema

Im vorliegenden Buch wird der Frage nachgegangen, inwiefern frühe psychoanalytische Konzepte (Aichhorn, Bernfeld, Redl) auch heute bei der Behandlung dissozialer und delinquenter Jugendlicher helfen können.

Autorin

Ulrike Fickler-Stang ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Pädagogik an der Humboldt-Universität/Berlin. Schwerpunkte ihrer Forschungstätigkeit sind Delinquenz und Dissozialität, Inklusion von Kindern und Jugendlichen und Förderung ihrer emotional-sozialen Entwicklung.

Entstehungshintergrund

Nach wie vor sind Fachkräfte mit schwierigen dissozialen Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Können frühe Konzepte engagierter psychoanalytischer Forscher auch heute noch hilfreich sein, angemessen mit den Herausforderungen dieser Klienten umzugehen?

Aufbau

Der Einleitung folgt ein historischer Überblick über das Verhältnis von Psychoanalyse und Pädagogik, der im nächsten Kapitel ergänzt wird durch Entwicklungen der Referenz- und Ordnungsschemata in der Psychoanalyse. Dem folgt eine Begriffs- und Ideengeschichte über den Umgang mit schwierigen Kindern und Jugendlichen und eine Vorstellung der Behandlungsansätze von Aichhorn, Bernfeld und Redl, u.a. auch in Bezug auf weiter entwickelte psychoanalytische Theorien. Diese werden im Schlusskapitel diskutiert und über Konsequenzen für die aktuelle Pädagogik reflektiert.

Inhalt

Einleitung oder der Versuch einer Annäherung an die pädagogische Realität

Wie muss ein professionelles Angebot aussehen, das ‚verwahrlosten‘ Kindern helfen kann? Ein Verständnis intrapsychischer Prozesse und seelischer Notlagen kann zu einem veränderten pädagogischen und therapeutischem Umgang führen. Deshalb erfolgt ein Rückblick auf die Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik in der Zwischenkriegszeit, speziell auf die Arbeiten von August Aichhorn (1878-1949), Sigfried Bernfeld (1892-1953) und Fritz Redl (1902-1988).

Psychoanalyse, historischer Blick und das Verhältnis von Psychoanalyse und Pädagogik

Lassen sich aus der frühen psychoanalytischen Pädagogik heute noch – durch eine Neuinterpretation – Lehren ziehen? Das gesellschaftliche Umfeld und die Repräsentationen sozialer Ordnung dienen als Orientierungsrahmen sowohl im Hinblick auf die Psychoanalyse als auch auf die Pädagogik. ‚Schwierige Kindern‘ waren seinerzeit ein ‚Störkapital‘ in politischer, sozialer und medizinisch-psychiatrische Sichtweise, ohne einen Fokus auf biographische Zusammenhänge. Für die genannten Autoren war die Frage, ob sich psychoanalytische Erkenntnisse übertragen ließen auf ein interaktives pädagogisches Feld, oder ob man eine eigenständige psychoanalytische Pädagogik als Wissenschaft brauchte. Die Autorin beschreibt das Verhältnis von Psychoanalyse und Pädagogik aus unterschiedlichen Perspektiven, aber mit dem Fokus, geeignete Methoden im Umgang mit schwierigen Kindern zu finden.

Die vier Psychologien der Psychoanalyse als Referenz- und Ordnungsschema

Die frühen Schriften zur psychoanalytischen Pädagogik fußten auf den Schriften und Erkenntnissen der Triebpsychologie von Freud, mit dem Aichhorn, Bernfeld und Redl auch persönlich Kontakt hatten. Spätere Entwicklungen der Psychoanalyse ermöglichten nach Fred Pine (1988) einen differenzierteren theoretischen Blick auf einen ‚Triebbegriff im Wandel‘, dem ausgearbeitete Konzeptionen folgten wie die ‚Ich-Psychologie‘ (Hartmann 1939 u.a.), die ‚Psychologie der Objektbeziehungen‘ (Kernberg 1976 u.a.) und die ‚Selbstpsychologie‘ (Kohut 1971 u.a.). Gemeinsam ist den Theoretikern, ob und wie der Therapeut, auf der theoretischen Basis des Unbewussten, unterschiedlich fokussiert, intersubjektiv und relational eine Zugang zu den Problemen des Patienten findet.

Historischer Rahmen der Betrachtung

Fickler-Stang geht auf die ‚Begriffs- und Ideengeschichte, sowie die disziplinären Verordnungen und die entsprechenden Methoden im Umgang mit schwierigen Kindern und Jugendlichen in einem historischen Rückblick ein. Deutungsmuster waren: sittliche Mängel, moralische Abweichungen und psychiatrische Krankheit verbunden mit den entsprechenden Zuständigkeiten von Pädagogik, Psychiatrie und institutioneller Fürsorge. Die Symptome und ihre Beschreibung waren über Jahrhunderte gleich geblieben, auch wenn die Bezeichnungen wechselten. Mit der Psychoanalyse verband sich die Hoffnung auf ein neues Verständnis und einen anderen pädagogischen Umgang mit dieser schwierigen Gruppe. Die neuen Ideen mussten sich in Wien gegen die klassischen Disziplinen (Psychologie, Psychiatrie) behaupten. Erbliche und erworbenen Ursachen wurden diskutiert, wobei die Biologisierung den Blick auf das soziale Umfeld verstellte. Die individuelle Lebensgeschichte, ihre Folgen und entsprechende Hilfsangebote zu Veränderungen wurde zur zentralen Aufgabe der psychoanalytischen Pädagogik.

Gleichzeitig gab es auch reformpädagogische Erziehungsversuche unter Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse, die dem Klima des Aufbruchs in Wie in der Zwischenkriegszeit entsprachen. Der Nationalsozialismus bedeutete insofern eine Zäsur, als sowohl die Psychoanalyse als auch die psychoanalytische Pädagogik aus ideologischen Gründen nicht akzeptiert wurden.

Ausgewählte frühe psychoanalytisch-pädagogische Theorien und institutionelle Konzepte im Umgang mit schwierigen Kindern und Jugendlichen

Die Autorin versucht, das frühe psychoanalytisch-pädagogische Selbstverständnis (Konzepte und Theorien) zu eruieren und einen Bezug zu aktuellen Diskursen und Theorien herzustellen. Das wird beispielhaft durchgeführt an den Autoren Aichhorn, Bernfeld und Redl, die in einem begrenzten Zeitraum mit vor allem durch den 1. Weltkrieg verwahrlosten und verwaisten Kindern und Jugendlichen gearbeitet haben.

Aichhorn war nach seinem Pädagogikstudium in der Jugendfürsorge tätig und erhielt 1918 den Auftrag, eine Fürsorge- und Erziehungsanstalt für Kinder und Jugendliche in Oberhollabrunn einzurichten, die bis 1921 bestand und in de r um die 1000 Kinder und Jugendliche betreut wurden. Er war theoretisch und praktisch orientiert und suchte psychoanalytisches Wissen und Erfahrung in die pädagogische Praxis umzusetzen. Er verstand die Symptome der Kinder als Ausdruck einer individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung und Konfliktdynamik mit bewussten und unbewussten Anteilen. Indem sich der Erzieher durch das Verstehen der Psychodynamik als Objekt zur Identifikation anbot, sollte der Aufbau eines sozialverträglichen Über-Ich gefördert werden. Seine Beobachtungen und Erfahrungen veröffentlichte er 1925 in ‚Verwahrloste Jugend‘, ein Klassiker der psychoanalytischen Pädagogik.

Bernfeld war ein bedeutender Jugendforscher und charismatischer Praktiker, der bereits 1915 ‚Über den Begriff der Jugend‘ promoviert hatte und seit 1907 an der Psychoanalyse interessiert und seit 1915 Gast bei der Wiener psychoanalytischen Vereinigung war. 1919 gründete er das Kinderheim Baumgarten für ca. 250 verwaiste Kinder und Jugendliche im Alter von 3 – 16 Jahren. Die Fluktuation war hoch, was die Arbeit erschwerte. Die Kinder kamen aus verschiedenen Einrichtungen, waren zum Teil Erwachsenen gegenüber extrem misstrauisch, geduckt passiv oder ‚vollkommene Verbrechertypen‘. Es gab kein detailliertes pädagogisches Konzept, doch versuchte man den Kindern durch eine identifizierende Beobachtung neue und andere Erfahrungen zu vermitteln und sie ‚bildungs- und erziehungsfähig‘ zu machen. Aufgrund unterschiedlicher Zuständigkeiten und Kooperationen beendete Bernfeld 1921 aus persönlichen, strukturellen und politischen Gründen seine Mitarbeit. Er hatte erkannt, dass eine Objektbindung eine kritische Selbstreflexion der Erzieher und ein Mittelmaß von Autorität und Emotion voraussetzt. Wecken (Wahrnehmen der kindlichen Not), Erziehen (Triebverdrängung, libidinöse Bindungen und Ich-Ideal-Entwicklungen), Gestalten (Etablierung eines Über-Ichs durch Annäherung von Ich und Ich-Ideal) in einem gesellschaftlichen Kontext waren die Ziele.

Als 1925 ‚Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung‘, erschien, arbeitete Bernfeld am Berliner Psychoanalytischen Institut. 1932 ging er zurück nach Wien, 1934 nach Frankreich und London und schließlich 1937 nach San Francisco, wo er 1953 verstarb. Er blieb interessiert an Fragen der Erziehung aus psychoanalytischer Sicht, speziell an der Entwicklung der Fähigkeit, neue Objekte libidinös zu besetzen. Die Bedeutung und der Wechsel des ‚sozialen Ortes‘ (1929) als Konzept zum Verständnis und zur Behandlung seelischer Verwahrlosung war für ihn kulturell und gesellschaftlich nicht wertneutral, und somit auch nicht das pädagogische Handeln. Bernfeld unterschied vier Typen; Der Kranke, für den eher die Psychiatrie zuständig ist, der ‚moral insanity‘-Typ, der mit gewährenden und zugewandten Erziehungsmethoden erreichbar ist, der des ‚trotzig verbitterten‘ Verwahrlosten und den vierten Typus der ‚normalen‘ Anstaltszöglinge ohne extreme Merkmale.

Fritz Redl war jünger als Aichhorn und Bernfeld und als österreichischer Pädagoge früh mit der Psychoanalyse in Kontakt gekommen. Er kam mit reformpädagogischen Orientierungen aus der österreichischen Wandervogelbewegung, war Lehrer am Gymnasium, promovierte und arbeitete systematisch an praktischen und anwendungsorientierten Konzepten. Entscheidend war auch für ihn die die eigene analytische Erfahrung (Lehr- und Kontrollanalyse (bei Hartmann und Aichhorn) und die Bekanntschaft mit Bettelheim. 1930 wurde er Schulpsychologe und Leiter der Erziehungsberatungsstellen des Wiener Volksbildungsreferats bis zu seiner Emigration nach USA 1936. Die entscheidende Frage war für ihn, wie sich psychoanalytisches Wissen in den pädagogischen Alltag integrieren ließ. Er beteiligte sich in USA an einer Langzeitstudie über die Jugend- und Adoleszentenphase, war vorübergehend in einem Internat tätig und übernahm dann eine Professor für Sozialarbeit in Detroit, wo er sich mit verhaltensgestörten Kindern und der Fürsorge beschäftigte. Ein Erziehungsversuch mit fünf dissozialen und delinquenten Jugendlichen im Pioneer House gab er zwar nach 2 Jahren auf, engagierte sich weiterhin in der Lehre und Forschung, übernahm sechs Jahre lang die Leitung der kinderpsychiatrischen Station In Bethesda/nahe Washington und dann wieder die Professur in Detroit bis zu seiner Emeritierung 1973. Er war Mitglied und Präsident der American Orthopsychiatric Association und setzte die Gedanken von Aichhorn und Bernfeld um, dass dissoziale Verhaltensweisen nicht losgelöst von ihrem sozialen Kontext zu verstehen seien. Zum Zweck der Intervention und Prävention arbeitete mit der Sozialarbeit und der Justiz zusammen. Bereits in Wien war er durchgängig am pädagogischen Alltag interessiert und an einer anwendungsbezogenen psychoanalytischen Pädagogik. Ich-Strukturen würden durch familiäre – und Sozialisationserfahrungen in der Schule ungleich gebildet, was in den Handlungen der Kinder symbolisch zum Ausdruck kommt. Bindung, Triebeinschränkung und-Befriedigung seien Ziele einer ‚analytische Erziehung‘. Systematisch untersuchte er Lern-, Leistungs- und Arbeitsstörungen, und getrennt davon Verhaltensstörungen. Als psychoanalytisch geschulter Pädagoge adaptierte er psychoanalytisch Konzepte zunehmend differenzierend für die Pädagogik mit besonderer Aufmerksamkeit für Ich-Funktionen.

Im Pioneer House blieben wegen der engen Zugangskriterien ( Diebstahl, Aggression, Schuleschwänzen, Weglaufen Wutanfälle, Lügen, insgesamt ‚delinquente Verhaltensmuster‘, Kinder ‚die keiner will‘) nur 5 Kinder im Alter von 8- 10 Jahren über einen Zeitraum von 15 bis 19 Monaten. Die Betreuer versuchten die Störung unter Rückgriff auf die Vorgeschichte nachzuvollziehen, um Erkenntnisse für die Erziehungsmaßnahmen zu gewinnen. Auffällig war, dass die Eltern kein Interesse an der Entwicklung ihrer Kinder hatten. Hass, aus unterschiedlichen Quellen, sollte durch eine gerechte Umgebung, die das gesamte Milieu – einschliesslich der Erzieher und der Gruppe – umfasste, im Alltag begegnet werden durch Toleranz gegenüber den Symptomen, Akzeptanz übermässiger Affekte und Regressionen, soweit sie sich und andere nicht gefährdeten. Der Blick lag auf gestörten und vorhandenen Ich-Funktionen, wozu auch die Identifizierung mit einem delinquente Umfeld gehören konnte (delinquentes Ich).

Es folgt ein Exkurs zur Rezeption von Aichhorn, Bernfeld und Redl:

Die Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik seit ihren Anfängen ist durch die NS-Zeit nur bruchstückhaft erhalten. Die Rezeption der drei genannten Autoren muss in einen biographischen und zeitbezogenen Zusammenhang eingeordnet werden. Aichhorn gilt als der Gründer der psychoanalytischen Pädagogik durch ‚Verwahrloste Jugend‘ (1925); die Rezeption schwankte zwischen Bewunderung und (Fast-) Vergessenheit; aus pädagogischer Perspektive ist die Sicht eher eingeschränkt. Bernfeld hingegen war engagiert vielfältig publizistisch tätig als Kritiker, Mahner, Visionär im Bereich Pädagogik, Soziologie und Psychoanalyse, was fachbezogenen nur zu einer partiellen Rezeption führte. ( Acht Bände seiner Schriften sind im Psychosozial-Verlag editiert worden mit einer Bandbreite unterschiedlicher Perspektiven.) Die fragmentarische Rezeption entspricht auch der Wahrnehmung von Bernfeld als vielseitiger Wanderer zwischen Themen und Wissenschaften, ohne festgelegtes Profil.

 Redl wurde breiter rezipiert und in die Ich-Psychologie eingeordnet. Neben seinen späteren Werken nach der Emigration, sind die früheren in der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik lesenswert, weil sie sich mit den drängenden pädagogischen Probleme in der Schule befassen. Er suchte nach originär pädagogischen Maßnahmen, die den delinquenten, dissozialen, gestörten und verwahrlosten Kinder und Jugendlichen Entwicklungschancen ermöglichten.

Die frühen psychoanalytischen Konzepte Aichhorns, Bernfelds und Redls vor der Folie der vier Psychologien

Pines hat die vier psychoanalytischen Psychologien als Werkzeuge und theoretische Konstrukte zum Verstehen konzipiert. Fickler-Stang untersucht, welchen Gebrauch Aichhorn, Bernfeld und Redl davon machten.

Aichhorn war in seinen Konzepten an Freuds Triebpsychologie angelehnt, gab aber auch dem sozialen Einfluss ein großes Gewicht. Er versuchte einen Ort zu schaffen, an dem korrigierende Erfahrungen möglich waren. In Affekten und Aggressionen sah er Entwicklungsmöglichkeiten im Rahmen einer haltenden Beziehung.

Eine Ich-psychologische Perspektive beschrieb er bei einem devianten Ich-Ideal durch eine Identifizierung mit den Eltern. Mittels einer Realitätsprüfung und liebevoller Akzeptanz sei eine Nachreifung des Über-Ich möglich sodass auf Abwehrmechanismen wie Spaltung und Projektion verzichtet werden könne.

Die Beziehung war für ihn das entscheidende Moment gelingender pädagogischer Arbeit. Weniger explizit sind seine Überlegungen zur Selbstpsychologie, obgleich Probleme des Selbstwerts und der Selbstwertregulation in seinen Schriften auftauchen. Es finden sich bei ihm, wie bei Kohut, bereits Ansätze einer spiegelnden anerkennenden Beziehung.

Auch Bernfeld bezog sich auf die Triebpsychologie von Freud, jedoch mit einem eigenen integrativen Ansatz, indem er milieuspezifisch das soziale Umfeld einbezog. Die ‚Gerichtverhandlungen‘ im Heim Baumgarten sollten eine kathartische Wirkung für den Einzelnen und die Gemeinschaft haben. Ich-stärkende und Ich-strukturierende Kompetenzen sollten der Triebkontrolle dienen und gleichzeitig soziale Bindungen erzeugen durch ein gruppenbezogenes Ich-Ideal. In den ‚Kameradschaften‘ der Selbstorganisierung und Disziplinierung der Gemeinschaft sollte sich eine Ich-Stärkung und Auseinandersetzung mit den Anforderungen der Außenwelt gefördert werden. Über die Interaktion gewannen die Erzieher Einfluss auf die psychische Entwicklung der Kinder im Sinne einer ‚Triangulierung von Ich, Realität und Über-Ich‘.

Auch Elemente der Selbstpsychologie finden sich bei Bernfeld verknüpft mit einem kontrollierten Umgang mit Triebansprüchen. Eine Verschmelzung des Größenselbst und einer idealisierten Eltern-Imago zu einem maßvollen Selbstgefühl entsteht durch eine ausreichend gute Spiegelung von Seiten der Eltern. Aufgrund ihrer negativen Erfahrungen schwankten die Kinder zwischen Entwertung und einem Größenselbst mit narzisstischen Tendenzen und der Folge von Wut und Destruktivität.

Redl war von Anfang an intensiv mit dem Verhältnis Psychoanalyse und Pädagogik beschäftigt: Für die Pädagogik ist das Ziel der Triebverzicht und die Anpassung an die Realität, während die Psychoanalyse nicht auf Triebverzicht sondern auf bewusste Wahrnehmung der Triebe zielte und es dem Patienten überließ, welchen Gebrauch er davon machte. Als Mittel zum Verstehen von Hass und unkontrollierten aggressiven Triebdurchbrüche war die Psychoanalyse nützlich, da diese im Pionieer House oft zu Abbrüchen der Beziehung führten und damit Erfahrungen wiederholt wurden, die die Kinder mit sich und anderen gemacht hatten.

Redl versuchte ein therapeutisches Milieu herzustellen, das Triebstauungen und übermäßige Stimulierung vermied, da ÜberIch-Struturen nur rudimentär ausgebildet waren aufgrund fehlender elterlicher Vorbilder. Das Ich als Vermittler zwischen Es und Über-Ich und der äußeren Realität stellte für Kinder mit Verhaltensstörungen eine Herausforderung dar, der sie nicht gewachsen waren. Neben einer Pädagogik des Gewährens war eine Grenzen setzende und damit steuernde notwendig, um ein Entwicklungsziel zu erreichen.

Das Festhalten an einem kindlichen ‚delinquenten Loyalitätskonzept‘ (bis hin zum paranoiden Verfolgungswahn) gegen die erwachsenen Anforderungen erschwerte eine positive Identifikation. Die Ablehnung von Erwachsenen führte zur Identifizierung mit Gleichaltrigen. Deshalb war es wichtig, die Gruppe und ihre Dynamik kennenzulernen und Raum für neue Erfahrungen mit Erwachsenen zu schaffen.

Neben der Ich-Psychologie finden sich bei Redl auch Überlegungen zur Entwicklung des Selbst. Das Ziel ist, die Selbstkontrolle der Kinder zu stärken und zu libidinösen Besetzungen beizutragen durch Ermutigung und realistischer Selbstwahrnehmung.

Es folgt eine kurze Zusammenfassung: Aichhorn und Bernfeld haben sich als erste pädagogisch und therapeutisch mit verwahrlosten Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Sie waren akademisch ausgebildet und gingen davon aus, dass für die Kinder ein lebensweltliche Bezug – ‚sozialer Ort‘ (Bernfeld) und ‚therapeutisches Milieu‘ (Redl) – wichtig waren, setzten aber unterschiedliche Schwerpunkte: Aichhorn betonte die Diagnostik und den Beziehungsaufbau für die Entwicklung des Über-Ich; Bernfeld vor allem die Rolle des Erziehers (selbstkritisch ‚das Kind im Pädagogen‘), den ’sozialen Ort‘ und die Gruppendynamik. Redl griff diese Anregungen auf, und versuchte stärker strukturierend das komplexe Zusammenwirken der psychischen Instanzen zu verstehen unter Berücksichtigung der familiären und ökonomischen Herkunft und Sozialisation. Auch hielt er die professionelle Haltung und Reflexion der eigenen Biographie der Erzieher für wichtig, um eine erzieherische Kompetenz im Umgang mit emotional schwer beeinträchtigten Kindern zu entwickeln.

Allen drei fehlte noch ein Blick für die Bedeutung professioneller Beziehungsabbrüche, eine Erfahrung die gerade diese Kinder lebensgeschichtlich oft gemacht hatten. Die Weiterentwicklung von psychoanalytischen Theorien und deren Transfer in pädagogisches Handeln unter Berücksichtigung politischer und sozioökonomischer Aspekte war ihnen wichtig. Ihre zahlreichen Veröffentlichungen konnten nur auszugsweise berücksichtig werden. Ein Abgleich mit der Systematik von Pines zeigt, dass sie viele Aspekte der späteren Theoriebildung vorweggenommen haben, vor allem einen Pluralismus, der ihre Konzepte auch heute noch für den Umgang mit dissozialen Jugendlichen brauchbar macht. Gemeinsam war ihnen die wichtig die Bedeutung der sozialen Herkunft und die Herstellung einer tragfähigen Beziehung.

Diskussion

Es gibt inzwischen zahlreiche Veröffentlichungen über aggressive Kinder und gewalttätige Jugendliche, die Schulen und Jugendämter beschäftigen. Aichhorn, Bernfeld und Redl haben die Sozialisationsbedingungen ernstgenommen und über Bindungsangebote versucht, individuelle Veränderungen zu ermöglichen. Nach Dornes (2010) haben inzwischen andere Erziehungsansprüche und -praktiken auch zu veränderten individuellen psychischen Strukturen geführt. Rauchfleisch versuchte 1981 eine fundierte Theorie der Dissozialität zu entwerfen und bezog dabei neben der Psychoanalyse noch andere Wissenschaften ein, um den komplexen Störungen gerecht zu werden. Trescher (1985) fasste unter dem Merkmal ‚psychische Labilität‘ vor allem Bindungs- und Objektbeziehungsstörungen zusammen, dazu geringe Frustrationstoleranz, Haltlosigkeit und Impulsivität. Die Vielschichtigkeit der Symptome spiegelt sich auch in der Literatur zum Thema. Bittner (1994) schließt sich theoretisch an Rauchfleisch an mit einem Schwerpunkt auf narzisstische und depressive Strukturen. Bohleber bezog 2012 auch die Mentalisierungstheorie von Fonagy und Target (1995, 2001) ein. Innere Dynamiken und äußere Realität sollten durch eine spiegelnde Containerfunktion gemildert werden. Psychiatrische Klassifikationen sind kaum eine Hilfe für Pädagogen, da sie nur Orientierungen aber keine Handlungsanweisungen bieten.

Konsequenzen und Anknüpfungspunkte für die aktuelle Pädagogik ergeben sich aus neuen psychoanalytischen Erkenntnissen: Immer noch wachsen Kinder in verantwortungslosen Erziehungsverhältnissen auf und sind traumatisierenden Gewalt- und Missbrauchserfahrungen ausgesetzt. Die zunehmend entwickelten Traumatheorien – Zusammenhang zwischen dissozialem Verhalten und traumatischen Erfahrungen – sind für die psychoanalytische Pädagogik wichtig, auch wenn das Problem bleibt, wie das theoretische Wissen pädagogisch in konkretes Handeln übersetzt werden kann. Freiheitsentziehende Maßnahmen haben sich weithin als wirkungslos erwiesen, wenn der Blick nicht auch auf das innere Erleben gelenkt wird.

Diskusssion

Die Autorin stellt die Klassiker der psychoanalytischen Pädagogik vor, deren theoretische Ansätze sie systematisch mit Weiterentwicklungen in der psychoanalytischen Theorie nach Pines in Beziehung setzt und zum Schluss noch einmal zusammenfassend beurteilt. Dadurch sind Wiederholungen unvermeidlich. Das Buch nicht leicht lesbar. Wegen der vielen Verweise auf Literatur (s. Literaturverzeichnis) aber sehr gut brauchbar in einem wissenschaftlichen Seminar. Praktiker werden eher nach Handlungsanweisungen suchen, die auch deshalb dem Buch schwer zu entnehmen sind, da sich nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse geändert haben (wer kannte damals schon ‚Wohlstandsverwahrlosung‘), sondern auch die Erziehungspraktiken. Was gleich geblieben ist, aber im Buch theoretisch nur marginal aufgenommen wird, sind die Traumatisierungen und eine inzwischen breit gefächerte Literatur über die Folgen von Traumatisierungen, über die in den Anfängen der psychoanalyischen Pädagogik zwar nachgedacht wurde, ohne jedoch zu einer theoretischen Konzeption (z.B. Inszenierungen, Lorenzer 2005) zu kommen. In dieser Hinsicht ist aus den Erfahrungen der letzten Generationen eine reiche Literatur entstanden, die in diesem Arbeitsfeld nicht nur nützlichen Einsichten, sondern auch zu Handlungsanweisungen vermittelt. Die Typisierungen von Bernfeld sind immer noch brauchbar, um die Bandbreite der Symptome von ‚psychisch krank bis zu krank machenden Aktionen‘ aufzuzeigen, wobei gerade letztere Gruppe ihre vergangenen Konflikte in Beziehungen ausagiert, um in ihren aktuellen Beziehungen verstanden und akzeptiert zu werden. Die Problem der Anstaltserziehung sind oft Probleme der Bindung, da Erzieher häufig wechseln oder überfordert sein können mit den Problemen ihrer Klienten oder auch – und das ist ein wichtiger Gesichtspunkt von Bernfeld – mit dem ‚Kind in ihnen selbst‘; da könnten Balintgruppen hilfreich sein.

Das Buch ist gut geeignet, die Tradition der psychoanalytischen Pädagogik kennenzulernen, aber weniger geeignet für Praktiker. Die sollten lieber zu den leichter lesbaren Originalen greifen.

Fazit

Nicht leicht zu lesen, vor allem für theoretisch Interessierte zu empfehlen. Praktikern würde ich eher die Originale empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 30.04.2020 zu: Ulrike Fickler-Stang: Dissoziale Kinder und Jugendliche - unverstanden und unverstehbar? Frühe Beiträge der Psychoanalytischen Pädagogik und ihre aktuelle Bedeutung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2894-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26608.php, Datum des Zugriffs 23.11.2020.


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