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Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 05.04.2005

Cover Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948 ISBN 978-3-8319-0173-9

Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948. Ellert & Richter Verlag (Hamburg) 2004. 279 Seiten. ISBN 978-3-8319-0173-9. 24,95 EUR. CH: 43,80 sFr.
Mit einer Einleitung von Arno Surminski.

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Hintergrund

Die öffentliche Diskussion im Deutschland des beginnenden dritten Jahrtausends wird zunehmend durch Folgen von Zuwanderungsbewegungen bestimmt. Unter Stichworten wie Migration, Interkulturalität, Integration, Russlanddeutsche, Flüchtlinge debattieren Fachleute und Laien über sinnvolle Reaktionsweisen auf scheinbar neue Herausforderungen. Man hört manchmal, sie seien erstmalig und völlig überraschend auf Deutschland zugekommen: In manchen Kreisen scheint es kaum ein 'einschlägiges' Gedächtnis zu geben. Das ist nach Jalta und Potsdam verwunderlich. Die alliierten Siegermächte hatten in der Folge des Zweiten Weltkrieges die Geschichte Mitteleuropas durch eine oktroyierte Neuordnungspolitik unter dem Primat ethnisch homogener Territorialstaaten diktiert. Implikationen und Folgen für die Menschen in Mitteleuropa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen waren den Alliierten nachrangig. Die politische Neuordnung war ein Kompromiss, der eindeutig den Interessen der Weltmächte diente und als Rechtfertigungsgrund herhielt das Leiden von Millionen Menschen zu legitimieren.

Bis 1944 hatte die aggressive deutsche Expansionspolitik im Zusammenhang mit dem faschistischen Überlegenheitswahn Millionen Opfer in Deutschland und Ostmitteleuropa und Osteuropa - auch unter der Zivilbevölkerung - gefordert; nach 1944 sorgten zunächst das Vordringen der Alliierten und danach die Realisierung der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens von 1945 für Fluchtwellen und Vertreibungsstrategien von Deutschen aus dem osteuropäischen und ostmitteleuropäischen Raum mit ebenfalls Millionen von Opfern - auch unter der Zivilbevölkerung. So ist der Forschungskonsens der historischen und politischen Wissenschaften. Erstaunlicherweise entspricht das nicht unbedingt dem öffentlichen politischen und alltagsrelevanten Bewusstsein. Während auf der einen Seite die Diskussionen um deutsche Täterschaft und die deutsche Verantwortung unsere Erziehungs- und Sozialisationsprozesse seit Ende des Zweiten Weltkrieges zumindest im Westteil unseres Staates richtigerweise permanent zumindest untergründig begleitet haben, sind auf der anderen Seite die Tatsachen deutscher Flucht und deutscher Opfer, deutscher Leiden und himmelschreiender Ungerechtigkeiten gegenüber dem deutschen Volk - im außerwissenschaftlichen Kontext - lange Zeit nahezu ausschließlich den Landsmannschaften der Vertriebenen thematisch überlassen worden und von diesen in der Regel in solchen geschlossenen Räumen diskutiert worden, denen das öffentliche Bewusstsein immer eine Nähe zum Revanchismus attestiert hat. Eine Kluft zwischen dem Bewusstsein deutscher Täterschaft und dem Unbewusstsein deutscher Opferschaft tut sich auf.

Intention und Entstehungshintergrund der Veröffentlichung

Das zur Rezension anstehende Buch will nach eigenem Anspruch hier Lücken schließen. Der Titel verspricht eine Gesamtdarstellung ('Europa zwischen 1939 und 1948').

Der herausgebende Verlag (Ellert und Richter) ist nicht unbedingt auf historische Themen spezialisiert. Der vorliegende Band ist in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift GEO entstanden. In GEO (11/2004) war in Ausschnitten Einiges, einschließlich Bildern 'vorabgedruckt' worden.

Die Verlagsankündigung spricht von 'Beiträgen von Zeitzeugen und Nachgeborenen, von Historikern und Schriftstellern zu einem umfassenden Überblick über aktuelle Debatten und Erkenntnisse aus vielfältiger Perspektive'. Die Ankündigung im parallel zu dem Werk erschienenden GEO-Heft (11/2004) 'Flucht und Vertreibung. 60 Jahre danach: Ein neuer Blick auf das Drama im Osten' spricht von 'namhaften Wissenschaftlern, Zeitzeugen und Schriftstellern' und von 'zwölf Beiträgen'. Das zur Rezension anstehende Buch erläutert diese Divergenzen nicht.

Bevor die Einzelbeiträge knapp skizziert werden, muss an dieser Stelle zum Zweck einer angemessenen Rezension deutlich gemacht werden: Es gibt keine erklärte Herausgeberschaft, es gibt kein Vorwort, es gibt keine Einleitung, es gibt nicht zwölf Beiträge (sondern 14, dazu u.a. Glossar und Karten) und es gibt auch nicht 'die' Schriftsteller, sondern nur einen, nämlich Arno Surminski. Während Günter Grass, der immerhin - ebenso wie Surminski - Zeitzeuge und Schriftsteller ist, im GEO-Heft noch befragt wurde und deutlichst antwortete, fehlt er hier.

Aufbau und Überblick

Die vierzehn Beiträge beschreiben im Wesentlichen die Ursachen und Begleitumstände von Flucht und Vertreibung von Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges aus der Perspektive von sechs deutschen und einem österreichischen Historiker, eines Literaten und zweier Psychotherapeutinnen. Ein polnisches Historikerpaar widmet sich in zwei Beiträgen der besonderen Situation Polens und weitet die Sichtweise auf die Situation der polnischen Bevölkerung aus. Der Literat (Arno Surminski) liefert zwei Beiträge, von denen der eine ('Schweigen ist keine Antwort') auf dem Titel und in den Verlagsankündigungen als 'Einleitung' angekündigt wird, im Inhaltsverzeichnis aber nicht mehr als solche geführt wird und der andere ('Karaganda') eine Erzählung ist.

Die Einzelbeiträge

  1. Arno Surminski: 'Schweigen ist keine Antwort'. Die Verlagsankündigung spricht von diesem Text als 'Einleitung'; im GEO-Heft war er mit nahezu identischem Wortlaut abgedruckt und als 'Verdrängung. Das Trauma einer Generation' betitelt. Surminski ist Ostpreuße und Jahrgang 1934. Er spricht als Literat und Zeitzeuge. Der Beitrag ist keine Einleitung in ein Thema, das nicht gestellt worden ist, sondern ein Manifest zum 'Einreißen der Mauer des Schweigens' um die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Die Existenz dieser Mauer erklärt Surminski mit einer 'schuldbewussten Unterwürfigkeit' der Deutschen. Das ist eine sehr enge monokausale Erläuterung im Sinne von: eine Ursache (Schuld) - eine Wirkung (Verdrängung). Damit kommt man einem komplexen zeitgeschichtlichen Phänomen nur bedingt auf die Spur. Im gesamten Nachkriegsdeutschland sei verdrängt worden, auch von Literaten - von der Literatur insgesamt. Gleichzeitig warnt Surminski vor einem scheinbaren Nachholbedarf des Zeitgeistes, den Blick nach jahrzehntelangen Versäumnissen auf die 'Opfer der Deutschen' zu richten. Er will den europäischen Kalvarienberg, also die Schädelstätte der Toten ( = aller Toten), gemeinsam als europäisches Projekt abtragen lassen. Damit legt er eine Messlatte für die Folgebeiträge an. Für den Rezensenten stellt sich jetzt die Frage: Sind sie Beiträge zu diesem europäischen Projekt oder könnten sie auch als Tribut an einen revanchistischen Zeitgeist (miss-) verstanden werden? Dabei ist auf jeden Einzelbeitrag gesondert einzugehen, weil bereits nach erster Durchsicht die durchaus unterschiedliche Qualität der einzelnen Beiträge deutlich wird.
  2. Mathias Beer: Die Vertreibung der Deutschen. Ursachen, Ablauf, Folgen. Der Autor ist als Historiker spezialisiert u. a. auf die Darstellung und Analyse von Migrationsbewegungen und 'nationalen Säuberungen'. Der Beitrag ist im für Beer typischen Stil sachlich-informativer Komplettantwort geschrieben und liefert eine knappe und dabei detaillierte und ausgewogene Darstellung der 'Vertreibung der Deutschen' insgesamt. Die Ausgewogenheit setzt sich bei der Auswahl der informativen Bilder und ihrer Unterschriften fort. Die Bilder illustrieren und veranschaulichen den Text; die Bildunterschriften erläutern die Bilder und ergänzen den Text. Das scheint selbstverständlich, ist aber nicht der Standard des Sammelbandes.
  3. Manfred Zeidler: Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen, Westpreußen. Danzig, dem Warthegau und Hinterpommern. Ein detailreicher Beitrag mit problematischem Erklärungswert und mitunter ebenso problematischer Sprache ("Unter dem vielen, was unwiderbringlich verloren gegangen ist..."). Diese Sprache erreicht auch das reichliche Bildmaterial: Während in GEO ein Bild mit fliehenden Deutschen untertitelt ist mit: 'Viele Deutsche vertrauten der Endsiegpropaganda', lautet die Unterschrift hier: 'Nur weg bevor die Russe kommen...! Das ist reißerisch, unsachlich und keine Erläuterung dessen, was man sieht.
  4. Heinz Schön: Flucht über die Ostsee. Die größte Rettungsaktion der Seegeschichte. Schön ist Zeitzeuge; seine Erinnerungen sind wichtige Beiträge einer subjektiv orientierten Geschichtsschreibung: Dabei ist bedenklich, dass er in seinem Beitrag den Zweiten Weltkrieg doch wieder als 'von Hitler angezettelt' beschreibt. Mein Geschichtsbuch hatte vor mehr als drei Jahrzehnten den Satz: 'Leichtfertig zettelte Hitler den Zweiten Weltkrieg an.' Ich denke, darüber sind wir hinaus. Schöns Umgang mit Bildmaterial halte ich gelegentlich für fragwürdig. Die Doppelseite 114/115 zeigt zwei Schiffe mit erkennbaren Flakgeschützen. Das eine scheint ein zum Kriegsschiff (Flakturm) umgebauter Frachter zu sein, das andere (H27) ist offensichtlich ein Kriegsschiff. Der Text zu diesem Bild lautet: 'Auch Frachtschiffe wurden in die große Flotte der Flüchtlingsschiffe eingereiht.' Ich bin kein Fachmann für Wehrkunde: Was bedeutet es, wenn ein Frachtschiff 'aufgerüstet' ist?
  5. Arno Herzig: Flucht und Vertreibung aus Schlesien. Der Autor ist Fachmann für schlesische Geschichte und liefert einen detailreichen Überblick über die Folgen der Vertreibungsprozesse in Schlesien bis hin zur Westintegration von Schlesiern in den fünfziger Jahren. Dem Autor wird gelegentlich vorgeworfen, eher an äußerlichen Beschreibungen zu arbeiten als an Analysen; in diesem Kontext wirkt seine zurückhaltende Argumentation durchaus versachlichend und angemessen.
  6. Detlef Brandes: "Das deutsche Volk erscheint uns nur noch als ein einziges großes menschliches Ungeheuer". Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Brandes ist international anerkannter Experte für Osteuropäische Geschichte; seine historischen Analysen beruhen vor allem auf der Neuinterpretation alter und dem Aufspüren neuer Quellen. Der hier vorliegende Beitrag ist vor dem EU-Beitrag Tschechiens entstanden und bleibt deswegen spekulativ, was dessen Folgen für den Aussöhnungsprozess betrifft. Er bestätigt den wissenschaftlichen Konsens der Analyse der Vertreibungsprozesse. Die Bildunterschriften der großformatigen Fotodokumente sind spekulativ.
  7. Mathias Beer: Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Südosteuropa am Ende des Zweiten Weltkriegs. Beer (Jahrgang 1957) arbeitet an donauschwäbischer Geschichte und an europäischen Migrationsbewegungen. Das Thema lässt wegen teilweise unterschiedlicher Gestalt der Flucht und Vertreibung von Deutschen nur einen groben Überblick zu. Dabei ist die Hinzuziehung von Zeitzeugnissen zur Illustration positiv hervorzuheben.
  8. Krzysztof Ruchniewicz: Die Westverschiebung Polens. Ruchniewicz ist Fachmann für deutsch-polnische Beziehungen und weist in seinem informativen Beitrag die Westverschiebung als Vorteil für Polen aus. Das Ganze passiert in sachlicher und überlegter Form; das Faktische wird im Klartext analysiert. Die nüchterne Sprache ist hervorzuheben, weil sie die Distanz zum Leiden der polnischen Zivilbevölkerung deutlich macht.
  9. Malgorzata Ruchniewicz: Zwangsumsiedlungen in Ostpolen. Die Assistentin am Historischen Institut der Universität Breslau beschreibt in Ergänzung der vorhergehenden Beitrag die Prozesse um den Verlust der polnischen Ostgebiete und erinnert noch einmal daran, dass auf der Konferenz von Jalta die Alliierten nicht nur die Vertreibung von Deutschen kalkulierten, sondern auch von Polen.
  10. Stefan Karner: Die vergessenen Zwangsarbeiter. Karner ist Österreicher. Er erinnert in seinem Beitrag an in die Sowjetunion verschleppte Zivilisten, die unter schwersten Bedingungen einen erheblichen Beitrag zum Aufbau des Staates geleistet haben. Er wirft der Sowjetunion vor, dass sie diese Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft unter Umgehung des Völkerrechts vollzogen habe. Sie habe die Tatsache von Zwangsarbeit unterschlagen. In Deutschland habe man diese Menschen vergessen. Karner arbeitet am Detail, er belegt und beschreibt, ohne die Analyse zu vergessen. Ihm gelingt der Nachweis, dass für das Kriegsfolgenproblem der 'vergessenen Zwangsarbeiter' weiterer Forschungs- und Erklärungsbedarf besteht.
  11. Arno Surminski: Karaganda. Der einzige literarische Beitrag des Bandes. In einfacher Sprache, orientiert an einer einfach strukturierten Situation liefert Surminski gleichsam ein Bild der Vertreibung - ohne Ressentiment und im Sprachduktus seiner Arbeiten der letzten Jahrzehnte. Ich kann mir diesen Text durchaus in einem Schulbuch vorstellen.
  12. Bernd Faulenbach: Flucht und Vertreibung in der individuellen und kollektiven Erinnerung und als Gegenstand der Erinnerungspolitik. Der Autor ist Historiker. Seine Argumentation bezogen auf die (literarischen) Verarbeitungsstrukturen der Vertreibung steht Surminskis Eingangsartikel sehr distanziert gegenüber. Faulenbach ist davon überzeugt, dass keinesfalls verdrängt worden sei, sondern dass die Vertreibung der Deutschen große Beachtung in der Öffentlichkeit, besonders in Publizistik und Literatur gefunden hat. Er beschreibt unterschiedliche und zeitlich aufeinander folgende Erinnerungsprozesse im Deutschland nach 1945 und formuliert als neuen, abschließenden Schritt eine Manifestierung des Gesamtzusammenhangs in einer kollektiven Erinnerungskultur, z.B. in Schulbüchern und - einer Vertreibungsgedenkstätte? (Damit liefert er einer GEO-Online-Umfrage aus 2004 theoretische Unterfütterung. Die Leserinnen und Leser der Zeitschrift hatten sich mit überwältigender Mehrheit für die Errichtung einer solchen Gedenkstätte ausgesprochen.) Fotos sind sparsam und illustrierend eingesetzt; die Bildunterschriften sind sachlich und erläutern das Gezeigte.
  13. Helga Spranger: Die Überlebenden und ihre Erinnerungen. Verarbeitung der Traumata des Zweiten Weltkriegs. Die Autorin (Jahrgang 1943) ist Psychiaterin: Sie beginnt ihren Beitrag mit der Todesanzeige einer Flüchtlingsfrau, springt unvermittelt zur Exilierung von Sigmund Freud 1938 und formuliert wiederum unvermittelt eine reißerische so genannte Problematisierungsfrage: 'Wie hätte Freud die Grauen der Massentraumatisierung... beschrieben'? Sie begründet nicht, sondern liefert psychoanalytische Gemeinplätze (Nie wieder konnten sich diese Kinder auf die ursprünglich angeborene Unbefangenheit beziehen.) und arbeitet mit Pauschalisierungen (... alle wurden gezwungen ...)
  14. Astrid von Friesen: Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die Zweite Generation deutscher Vertriebener. Das genaue Gegenteil zum voraus stehenden Beitrag: Sachlich, ausgewogen mit einer knappen Fotoillustration versehen, wissenschaftlich argumentierend und mit einer durchaus vorsichtigen Fragehaltung, die eigenen professionellen Erfahrungsstrukturen entspringt (Anleitung von Erzählwerkstätten).

Für wen im Sozialen Feld?

  • Für alle, die mit Migranten arbeiten;
  • als Hintergrundinformation, dass auch Deutsche traumatisierende Migrationserfahrungen gemacht haben;
  • für Fachkräfte in der Flüchtlingsarbeit und in der Arbeit mir Russlanddeutschen;
  • für uns alle als Nachhilfestunde in Zeitgeschichte.

Fazit

Der Sammelband versammelt unterschiedlich informative Einzelbeiträge und weist dabei einige ärgerliche Lässlichkeiten, die mehr sind als nur redaktionelle Stockfehler.

Ein Buch diesen Inhaltes unter diesem Titel erweckt zunächst einmal den Eindruck, dass nur Deutsche (und in beschränktem Umfang womöglich auch Polen) Opfer dieser politischen Neuordnung Europas im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg geworden sind. Danach erweckt es auch den Eindruck, dass sie nur Opfer gewesen sind. Dieser Eindruck hätte durch eine Reihe von einfachen flankierenden Maßnahmen vermieden werden können: Durch einen präzisen Titel, durch eine erkennbar verantwortlichen Herausgeber, der mit einer kommentierenden Einleitung nicht nur sein Erkenntnisinteresse formuliert, sondern auch den Sinn und den Stellenwert der Beiträge und der übrigen Forschungsleistungen der Autoren deutlich macht: Warum schreibt genau der über genau das? Vor allem vermisst man eine umfassende Diskussion der Problematik von Leid einer ganzen Generation von Deutschen, das aus einer politischen Situation entspringt, die die Mehrheit von ihnen vorher vorbehaltlos gutgeheißen hat. Während im parallel dazu erschienenden GEO-Heft (11/2004) 'Flucht und Vertreibung. 60 Jahre danach: Ein neuer Blick auf das Drama im Osten' gleiche Fotos mit anderen -weniger reißerischen- Titeln versehen sind und dadurch für Sachlichkeit sorgen und 'die andere Seite' (die polnische) durch einen sehr deutlichen Beitrag von Günther Grass herausarbeiten lassen, erscheint hier im Widerspruch zwischen Titel (Anspruch) und Beiträgen (Wirklichkeit) eine Verzerrung zu passieren, die - im Focus einer Neuen Rechten - zu Bausteinen eines euen Revanchismus umgedeutet werden kann. Das wäre dann der Zeitgeist, vor dem Surminski in seinem Eingangsartikel gewarnt hatte.

Die Foto- und Textdokumente sind wichtige Zeitzeugnisse, die so vorher noch nicht veröffentlicht worden waren. Mit einer einheitlichen Bildunterschriftredaktion hätte man ihren Verwendungssinn - die Botschaft - stärker herausarbeiten müssen.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 05.04.2005 zu: Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948. Ellert & Richter Verlag (Hamburg) 2004. ISBN 978-3-8319-0173-9. Mit einer Einleitung von Arno Surminski. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2661.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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