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Stephan Gebauer, Wolfgang Streeck: Die Ökonomie des Alltagslebens

Cover Stephan Gebauer, Wolfgang Streeck: Die Ökonomie des Alltagslebens. Für eine neue Infrastrukturpolitik. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 263 Seiten. ISBN 978-3-518-12732-2. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.

Reihe: Edition Suhrkamp - 2732.
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Thema

Unter Fundamentalökonomie versteht das vorliegende Buch öffentlichen Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen, Wasserwirtschaft, Bahn und öffentlicher Nahverkehr. Sie sind für die soziale Integration bzw. den Zusammenhalt der Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung. Bis vor kurzem galt es als ausgemacht, dass sich staatliche Politik an einer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Unternehmenspolitik orientieren solle („Privat vor Staat“).

Das Autorenkollektiv untersucht die verheerenden Auswirkungen dieser Liberalisierungspolitik. Sie werden vorwiegend an britischen Beispielen demonstriert. Das dort analysierte strukturelle Elend einer Verkehrs- und Infrastrukturpolitik lässt sich unschwer auch auf deutsche Verhältnisse übertragen. Das Buch plädiert dafür, dass der Staat wieder mehr Verantwortung für das Gemeinwohl übernimmt und setzt auf die Wiederbelebung einer ethischen Idee, die der Wirtschaft eine dienende Rolle gegenüber der Gesellschaft zuweist.

Autoren und Autorinnen

Hinter dem Kollektiv der HerausgeberInnen „Foundational Economy Collective“ verbirgt sich eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich für eine Belebung der gemeinwohlorienterten Ökonomie einsetzt. Der Herausgeberkreis erinnert in diesem Zusammenhang an die besonderen Verdienste eines der Gründungsmitglieder der Gruppe, den kürzlich verstorbenen britischen Sozialwissenschaftler Michael Moron, dem das Konzept der Gruppe viel zu verdanken habe (vgl. S. 42). Zusammen mit Karel Williams sei er für den Textentwurf verantwortlich, wobei beide in der Textgestaltung und im Aufbau der Argumentation von Julie Froud, Sukhdev Johal und Angelo Salento beraten wurden (S. 42).

Entstehungshintergrund

In ihrer Einleitung hebt das Autorenkollektiv den besonderen historischen Kontext hervor. In den 80er und 90er Jahren, der Regierungszeit von Thatcher und Blair, spielte Großbritannien eine unrühmliche Vorreiterrolle in der Liberalisierungspolitik: ganze Bereiche des britischen Gesundheitswesens, des Verkehrsnetzes, der Wasserwirtschaft und der Alterssicherung wurden teilweise oder ganz privatisiert. Das Konzept der Fundamentalökonomie ist die Reaktion auf die „verheerende Orientierungslosigkeit einer politischen Führungsklasse“ (S. 46), die bewusst den Ausverkauf der Fundamentalökonomie betrieben habe.

Aufbau

Zunächst ein Überblick über den Aufbau des Buchs:

  • In seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe weist Wolfgang Streeck auf die unausgeschöpften Perspektiven der „Traditionen eines kommunalen Sozialismus“ (S. 18) hin. Dann geht er auf die nicht geringen ökonomischen und politischen Widerstände ein, die einer Realisierung des Konzepts einer „fundamentalökonomischer Regionalpolitik“ (S. 27) entgegenstehen, das die genannten Traditionen weiterführen möchte.
  • Kapitel 1: „Auf die Fundamente kommt es an“ (S. 33 ff.) beschreibt die zentrale Intention der Fundamentalökonomie: „Wir haben den einzigartigen Wert des kollektiven Konsums aus den Augen verloren und vergessen, dass hohe oder steigende individuelle Einkommen ihn keineswegs garantieren können.“ (S. 34). Die Diskrepanz zwischen wachsender Ungleichheit der Einkommen und Vermögen und dem Verfall der öffentlichen Infrastruktur sei jedoch nicht mit einer Politik der Verteilungsgerechtigkeit beizukommen, die auf nationaler oder globaler Ebene ansetzt. Die etwa von Thomas Piketty in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ vorgeschlagene „globale Vermögenssteuer“ sei „utopisch“ (vgl. S. 35). Hingegen sei es möglich einen gemeinwohlorientierten Sektor der Wirtschaft aufzubauen, der drei Maximen beherzigt: „geringe Risiken, stetige langfristige Erträge und eine Kapitalrendite von etwa fünf Prozent“ (S. 38). Experimente auf lokaler Ebene bewirkten so konkrete „Lernfortschritte“ (S. 41), die „Begrenzungen nach und nach“ (S. 41) überwinden könnten.
  • Kapitel 2 „Die (Wieder-) Entdeckung der Fundamentalökonomie“ (S. 47 ff.) wirft einen Blick zurück in die europäische Entstehungsgeschichte der Fundamentalökonomie, als noch „vierzig Prozent der Erwerbstätigen in diesen >geschützten< Bereichen (.) tätig waren (.)“ (S. 36). Die „kurze Geschichte der Fundamentalökonomie seit 1850“ wird in zwei „heroische Aufbau- und Expansionsphasen“ nach 1850 und nach 1945 (vgl. S. 36) und einer Phase des „graduellen Niedergangs“ (S. 36) gegliedert, die ab den 1970er Jahren begonnen habe.
  • Kapitel 3 „Die Zertrümmerung der Fundamente“ (S. 91 ff.) analysiert die volkswirtschaftlichen Schäden, die ein „finanzialisierten Kapitalismus“ der Gegenwart mit seinen „Renditeerwartungen von zehn Prozent“, „kreativen Finanztricks“ (S. 30) und seiner auf Kostenersparnis angelegten Unternehmenspolitik anrichtete. Die Fundamentalökonomie soll dazu eine Alternative aufzeigen. Unternehmen sollten durch die lokale Regierungen moralisch und politisch zu sozialen Gegenleistungen verpflichtet werden, indem sie die Maximen einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft beachten.
  • Kapitel 4 „Die Verfassung der Fundamentalökonomie“ (S. 144 ff.) reflektiert die „Rechte und Pflichten der Bürger“ (S. 38) in einer zukünftigen demokratischen Verfassung. Das betrifft die Unternehmen, die für die Bereitstellung von Infrastrukturen und Dienstleistungen für alle Bürger verantwortlich sind, aber auch die egalitäre Idee der Freiheit, die allen Bürgern einer Stadt und einer Region den rechtlichen Status der Bürgerinnen und Bürger gewähren sollte, um so allen einen Zugang zu den Gütern und Dienstleistungen der Fundamentalökonomie zu ermöglichen.
  • Kapitel 5 „Die Erneuerung der Fundamente“ (S. 182 ff.) geht zunächst auf die „Überschneidungen“ zwischen dem fundamentalökonomischen Ansatz und der laufenden Debatte über ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ein. Dabei äußern die AutorInnen Skepsis gegenüber dem Modell eines bedingungslosen Grundeinkommens und machen den Vorschlag, statt auf zentralistische Lösungen stärker auf eine dezentrale Politik zu setzen, die die „Top-Down Logik“ durchkreuzt. Es folgen vier Perspektiven, die die Gewichte zugunsten einer regionalen Fundamentalökonomie verschieben könnten, indem sie dann „in einem nächsten Schritt auf die nationale oder supranationale Ebene ausgedehnt werden.“ (S. 41).

Inhalt

Die folgende inhaltliche Vertiefung legt den Schwerpunkt auf das Vorwort, in dem Streeck auch auf die Herausforderungen des Konzepts eingeht sowie auf die Kapitel 4 und Kapitel 5:

In seinem Vorwort erinnert Wolfgang Streeck die deutschen LeserInnen zunächst daran, wie sich die „Privatisierungswut“ nicht nur in Großbritannien, sondern auch hierzulande in der Schröder- und Merkel-Ära austoben durfte, als gewitzte Kämmerer damit begannen, die kommunale Wasserversorgung an US-amerikanische Unternehmen zu verhökern und deutsche Finanzpolitiker unter dem Leitmotiv der „Schwarzen Null“ eine Politik der Kostensenkung durchsetzten, die die „Verschlankung des Personalbestands“ zum obersten Ziel der Haushaltspolitik erklärte. Der mit der Liberalisierungspolitik verbundene „ Ausverkauf der Grundlagen eines solidarisch-bürgerlichen Wirtschaftens“ (S. 13) habe aber mittlerweile eine Gegenbewegung hervorgerufen, die sich für die „Anerkennung und den Ausbau der Fundamentalökonomie als Grundlage wirtschaftlicher Prosperität und sozialer Integration“ (S. 16) einsetzt.

Sie brauche allerdings die Unterstützung durch eine „volkswirtschaftliche Forschung“, die Institutionen nicht allein „effizienz-, sondern auch demokratietheoretisch“ (S. 16) bewertet. Eine solche Forschung müsse Konzepte für ein regionales, „vom internationalen Finanzmarkt abgekoppeltes Refinanzierungsgeschäft“ entwickeln, die zumutbaren „Renditeabschläge“ für die Kosten „bürgernaher, solidarischer Produktion“ (S. 17) ermitteln und Vorschläge für „Formen, Institutionen, Methoden, nichtmarktlicher, demokratischer Bedarfsermittlung im Medium öffentlicher Diskussionen“ (S. 17) machen. Schließlich müsse sich eine volkswirtschaftliche Grundlagenforschung auch dem zentralen Zukunftsthema (oder besser Gegenwartsthema) widmen: der „Bewältigung der Folgen (.) der Erderwärmung“ (S. 18). Bei der Schaffung und Erhaltung der „natürliche(n) wie gestalte(n) Umwelt“ gehe es „um zentrale Regulierungen und örtlich wirksame Beschäftigungsmaßnahmen.“ (S. 18).

Was das Konzept der Fundamentalökonomie in den Augen Wolfgang Streecks interessant macht, ist die „Anschlussfähigkeit an ältere Vorstellungen des kommunalen Sozialismus“ (S. 18), wie sie das„Rote Wien“ der zwanziger Jahre oder das „rote“ Bologna der siebziger Jahre mit ihrer Infrastrukturpolitik vorweisen konnten. Zwei Themen der „sozialistischen Programmatik“ müssten allerdings in einer Gesellschaft, in der die „Steuerbasis“ (Streeck) mobil geworden sei, auf den „neuesten Stand“ gebracht werden. Das erste Thema umfasst die „Besteuerung des individuellen zugunsten des kollektiven Reichtums“, das „so weit als möglich auf nichtmobiles Vermögen“ (S. 20) umgestellt werden müsse. Nur durch diese „Umstellung der Kapitalertragssteuer“ (S. 21) auf nichtmobiles Kapital könnte die langfristige Finanzierungsbasis für „die gemeinnützige Fundamentalökonomie“ (S. 22) gesichert werden. Das zweite Thema betrifft die „Eigentumsformen“ (S. 21). Die Perspektive liege nicht in einer Verstaatlichungspolitik, sondern im Aufbau einer „lokalen Fundamentalökonomie“, die die „Partnerschaften mit örtlichen Mittel-, Klein-und Kleinstunternehmen“, vor allem auch mit „Genossenschaften“ (S. 21) sucht. Streeck sieht hier die Möglichkeit, über die Vergabe „gesellschaftlicher Lizensen“ für den Zugang zum örtlichen Markt entsprechende Gegenleistungen einzufordern (vgl. S. 21). Dann kommt er auf die deutsche Situation zu sprechen: die „Krise der nationalen Infrastruktur (.) in einem reichen Land“ (S. 22). Verantwortlich dafür sei eine „Steuer-und Schuldenpolitik“ (S. 23), die sich der „Kreditwirtschaft durch ausgeglichene Haushalte und einen immer weiter fortschreitenden Schuldenabbau als zuverlässiger Kunde anzudienen“ (S. 23) versuche. Da „Steuererhöhungen, insbesondere auf Unternehmen und sehr hohe Einkommen“ und „Beitragserhöhungen für soziale Sicherungssysteme ausgeschlossen erscheinen“ (S. 24), stelle sich die Frage, wo bei steigenden „Ausgaben vor allem der Rentenversicherung“ höhere „Investitionen in die Fundamentalökonomie“ (S. 24) herkommen sollen. Das führt ihn zur Frage: „Kann eine demographisch gestresste und dem internationalen Steuerwettbewerb ausgesetzte Demokratie überhaupt langfristige fundamentalökonomische Prozesse durchziehen, ohne dass der Konsens ihrer Bürger daran zerbricht?“ (S. 23 f.) Die Antwort lautet: wenn überhaupt, dann nur durch eine „fundamentalökonomische Regionalpolitik“. Sie zielt auf eine Kooperation mit dem sesshaftem, unverkäuflichem, „patriotischem Kapital, (.) unter Einbeziehung örtlicher Klein – und Mittelunternehmen und ihrer Organisationen, in Deutschland etwa der lokalen Handwerkslammern und Innungen“ (S. 27). Und das bei „zu erweiternden Kompetenzen zu lokaler Selbstregierung.“ (S. 27 f.). Dieser Schritt müsste allerdings auf europäischer Ebene und durch eine „entsprechende nationale Politik unterstützt werden.“ (S. 28). Nur ein „gesamtstaatlicher Infrastrukturfonds“ könne „verschuldete Gemeinden wieder handlungsfähig machen“ (S. 28). Sie sollen einen „kommunitaristischer Produktivismus“ (Streeck) ermöglichen, der die Grenzen kapitalistischer Produktionsverhältnisse „zumindest austesten“ (S. 28) könnte.

Kapitel 4 - Die Verfassung der Fundamentalökonomie

In diesem Kapitel geht es um das Staatsbürgerrecht in der der kommunalen Demokratie, die nach den Worten Streecks „individuellen Statusunterschiede“ (S. 20) und „Statusneid“ (S. 20) an der Wurzel bekämpfen soll. Er entsteht, wenn „Einheimische“ das Gefühl haben, Zuwanderer würden ihnen etwas „wegnehmen“. Das Konzept hat deshalb den Anspruch allen Bürgerinnen und Bürgern ein das Recht auf den Zugang zu kollektive Güter und Dienstleistungen zu sichern. Die Staatsbürgerschaft dürfe sich deshalb nicht „auf die Gruppe von Bürgern“ beschränken, „die zu einem gegebenen Zeitpunkt auf einem bestimmten Territorium leben“ (S. 161). Angesichts der „länderübergreifenden Interdependenzen“ sei es notwendig die „Bürgerschaft zu einem Bestandteil der Essenz des Menschlichen zu achten“ und eine politische und moralische Entscheidung zu treffen, die die lokale Selbstregierung „von der historischen Verknüpfung mit dem Territorium“ (S. 160) löst. Staatsbürgerschaft habe neben dem „Identitätsaspekt“ einen „normativen Aspekt,“ (S. 161), der auch die zukünftigen BürgerInnen einschließen müsse. Konkreter werden die Ausführungen an dieser Stelle nicht. Aber klar ist, dass hier eine „Urban Citizenship“ für alle am Ort lebenden Menschen angedacht wird, die über das vorsichtigen evolutionären Narrativ T.H. Marshalls zu einer schrittweisen Ausdehnung der Staatsbürgerschaftsrechte hinausgeht (vgl. dazu S. 159 f.).

Was die Rolle der sogenannten „Unternehmensbürger“ in der Verfassung der Fundamentalökonomie angeht, so plädiert das Autorenkollektiv für verpflichtende Kooperationsverträge, die zwischen lokalen Unternehmen (seien es Unternehmen in privater oder staatlicher Regie oder öffentlich-rechtliche Institutionen), lokalen und regionalen Regierungsvertretern und den Vertretern fundamentalökonomischer Initiativen am Runden Tisch ausgehandelt werden müssten. Die dabei ausgehandelten Lizensen sollten drei Gesichtspunkte beachten (vgl. S. 178 f.):

  1. Die gesellschaftliche Betriebslizenz und der Zugang zum lokalen Markt muss als Gegenleistung die Akzeptanz sozialer Pflichten, die die „Lieferketten, die Ausbildung der Beschäftigten oder die Zahlung existenzsichernder Löhne“ (S. 178) betreffen, verlangen.
  2. Die Vereinbarungen sollen den „Umgang mit Beschäftigten und (.) Zulieferern“ sowie die Art der „Kreditfianzierung“(S. 178) regeln.
  3. Die „Lizenzvereinbarungen“ können Vorgaben für einen Produktionsbereich, aber auch spezielle Vereinbarungen mit einzelnen Unternehmen enthalten; in jedem Falle sollten sie „flexibel und offen“ (S. 179) gehandhabt werden.

In Kapitel 5 soll wie bereits erwähnt die „Top-Down Logik“ herkömmlicher wirtschaftspolitischer Prozesse durch „vier Verschiebungen“ unterlaufen werden:

  1. Die Bürger sollen in die Entscheidung über ökonomische Prioritäten eingebunden werden, indem sie „befragt“ und damit zur demokratischen „Beteiligung“ angeregt werden.
  2. Der gesellschaftliche Einfluss auf Unternehmen sollen durch eine spezifische Form der Mittelstandförderung vergrößert werden. Dabei seien „kleine und mittelständische Unternehmen und alternative Organisationsformen wie verstaatlichte Betriebe und Genossenschaften relevant“, aber auch der „vorhandene Pool von Unternehmen“ (S. 212). Die „Ankerinstitutionen“, wie „Krankenhäuser und Universitäten“ müssten gezwungen werden, „Löhne über dem Existenzminimum (zu) zahlen, die berufliche Weiterentwicklung von Geringverdienern (zu) fördern (…).“ (S. 212 ff.). Private Unternehmen müssten, wie schon erläutert, im Gegenzug zu „lokalem Handeln“verpflichtet werden. Alle unternehmerischen Angebote müssten dabei„ohne Sentimentalität“ (S. 216) betrachtet und geprüft werden. Nichts sei schädlicher, als ein „defensive(r), kleinräumige(r) Keynesianismus“, der sich für „geschützte Reservate“ stark mache, anstatt „die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu erhöhen.“ (S. 218).
  3. Eine Reform des Steuersystems muss neue Finanzierungsspielräume für die Fundamentalökonomie schaffen, damit „die gegenwärtigen Ausgaben finanziert und Mittel umsichtig in risikoarme fundamentale Projekte investiert werden können, die sich auf lange Sicht rentieren.“ (S. 230). Da hohe „nominellen Steuersätze“ für die oberen Einkommensgruppen und für die Unternehmensgewinne durch „die Dienste findiger Anwälte und Steuerberater“ (S. 221) nicht greifen würden, schlägt das Projekt eine erhöhte „Bodenwertsteuer“ (S. 222) vor, denn die wichtigste Quelle von „Vermögenszuwächsen“ sei der „Immobilienbesitz“. Eine solche Steuer hätte auch Anhänger unter den Protagonisten der freien Marktwirtschaft, wie Milton Friedman, der sie als die „am wenigsten schlechte Steuer“ (S. 224) bezeichnete.
  4. Eine demokratische Linke soll „hybride Allianzen“ mit „intermediären Instanzen“ (autonome Körperschaften des öffentlichen Rechts, lokalen Regierungen und Verwaltungen) bilden. Von ihnen sei mehr zu erwarten, als von vermeintlich „kompetenten“ Exekutiven auf nationaler und supranationaler Ebene. Die derzeitige Schwäche intermediärer Institutionen führen die AutorInnen auf historische Versäumnisse in der Nachkriegszeit zurück (vgl. S. 232), wo Labour in Großbritannien statt auf lokale und regionalen Verwaltungen zu setzen, zentralistische Regulierungen bevorzugt habe (vgl. S. 233). Deshalb schlägt das Autorenkollektiv vor, sich auf „Experimente von Koalitionen lokaler und regionaler Akteure“ (S. 234) zu konzentrieren, die aber nicht in Anlehnung an John Dewey herausfinden wollen, was „in instabilen und komplexen Umgebungen funktioniert“ (S. 235), sondern sich am „maximalistischer Ansatz“ Roberto Ungers orientieren sollten, der Problemlösungen zutraut, die „weder Staat noch Markt“ (S. 236) leisten könnten.

Diskussion

Ich will drei Punkte benennen, die das vorliegende Konzept einer demokratisch gesteuerten Infrastrukturökonomie offen lässt:

  • Für mich erschließt sich nicht, warum die Protagonisten der fundamentalökonomischen „Graswurzelbewegung“, die nach eigenen Aussagen den Vorbildern einer reformerischen Sozialdemokratie folgen, diesen Ansatz mit einer Absage an die Erneuerung einer Politik der Verteilungsgerechtigkeit verbinden. Angesichts eines mobilen Kapitals, das die ständig wachsenden Einkommens- und Vermögensunterschieden produziert, seien eine höhere Besteuerung der Vermögens- und Unternehmenssteuern illusorisch. Forderungen nach mehr Verteilungsgerechtigkeit, wie Thomas Pikettys globale Vermögenssteuer, erscheinen ihnen „utopisch“. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, wie die Projekte einer Fundamentalökonomie in Gang kommen sollen (Streeck weist selber darauf hin), wenn nicht auf europäischer und globaler Ebene der Steuersenkungswettlauf der Staaten untereinander unterbunden wird. Warum sollte bei einer Steuerreform die schrittweise die Besteuerung des mobilen Kapitals ausgeklammert werden? Glaubt man ernsthaft, dass sich mit einer Immobilien – und Erbschaftssteuer des „patriotischen“ Kapitals allein Spielräume für fundamentalökonomische Projekte finanzieren lassen? Was ist mit dem Lastenausgleich finanzschwacher, vom Strukturwandel gebeutelte Kommunen und Regionen, wenn zugleich die ständig steigenden Kosten der Erwerbsarmut und der Rentenversicherung ständig weiter nach unten auf die Kommunen verlagert werden?
  • Die zweite, in meinen Augen ungeklärte Frage betrifft die demokratietheoretische Dimension des fundamentalökonomischen Konzepts. Eine auf alle ausgedehnte Staatsbürgerschaft soll nach den Worten Streecks „individuellen Statusunterschiede“ (S. 20) bzw. „Statusneid“ (S. 20) an der Wurzel bekämpfen, um nicht erst das Gefühl der aufkommen zu lassen, dass Zuwanderer den „Einheimischen“ etwas „wegnehmen“ könnten. In den Äußerungen des Autorenkollektivs wird für mich nicht klar, wie eine „Urban Citizenship“ bzw. ein auf lokaler Ebene anerkannter Bürgerstatus aussehen soll. Gehören auch Asylsuchende und Geflüchtete mit ungeklärtem Status, die ohne offiziellen Aufenthaltsstatus in einer Stadt oder einer Region wohnen, dazu? Es bleibt weiter unklar, wie eine politische Entscheidung für eine erweiterte Staatsbürgerschaft herbeigeführt werden kann, die derzeit selbst die demokratische Linke und das liberale Lager in Europa spaltet. Und glaubt man ernsthaft, dass man unter dem Leitbild „Unternehmensbürger“ (S. 164 ff.) Parallelstrukturen zu den Institutionen einer repräsentativen Demokratie aufbauen kann, die selbstständig Verträge mit Unternehmen aushandelt? Drückt sich in solchen Zielen nicht eine politische Selbstüberschätzung sozialer Bewegungen aus?
  • Der dritte Problembereich betrifft das von den Autoren befürwortete Konzept des „New Green Deal“. Dem fundamentalökonomischen Konzept wird vom Autorenkollektiv zugetraut, mit entscheidenden Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung „voranzugehen“. Aber gerade bei diesem Thema leuchtet mir der Vorrang lokaler Initiativen nicht ein. Entscheidend wird sein, dass die Gesetzgebung auf nationaler, europäischer und globaler Ebene im Sinne der ökologische Transformation der Wirtschaft beschleunigt wird. Dass man deshalb auf lokaler Ebene oder im privaten Bereich nicht warten muss, um mit eigenen Maßnahmen seinen Beitrag zu leisten, ist ein Allgemeinplatz, über den man nicht streiten muss. Aber wie in keinem anderen Feld der Politik wird hier deutlich, dass Deutschland und die EU derzeit unfähig sind, in der Klimapolitik eine Vorreiterrolle zu spielen.

Fazit

Für Menschen, die erkannt haben, dass eine marode Infrastruktur und eine sich zuspitzende Umweltproblematik etwas mit dem Rückzug des Staates aus diesen Wirtschaftsbereichen zu tun hat, bietet das vorliegende Buch viele Anregungen zum Nachdenken. Wenn sauberes Wasser, gesunde Luft und ein bezahlbarer Wohnraum zu den Voraussetzungen eines zivilisierten Lebens gehören, dann weisen die Vorschläge der Projektgruppe in eine richtige Richtung. Der Diskurs über Formen einer erneuerten Gemeinwohlorientierung in Wirtschaft und Gesellschaft könnte dabei auch Leserinnen und Leser ansprechen, die sich nicht unbedingt dem Spektrum der demokratischen Linken zuordnen.


Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 25.02.2020 zu: Stephan Gebauer, Wolfgang Streeck: Die Ökonomie des Alltagslebens. Für eine neue Infrastrukturpolitik. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-12732-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26610.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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