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Max Fuchs: Das gute Leben in einer wohlgeordneten Gesellschaft

Cover Max Fuchs: Das gute Leben in einer wohlgeordneten Gesellschaft. Bildung zwischen Kultur und Politik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 179 Seiten. ISBN 978-3-7799-6045-4. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Eu zên

In der antiken, aristotelischen Philosophie wird das Streben eines jeden Menschen nach einem guten, gelingenden Leben (eu zên) gleichgesetzt mit glücklicher Fügung und dem nicht relativierbaren Anspruch, dass ein gutes Leben gutes Denken und Handeln bedingt ( siehe dazu: Ottfried Höffe, Hrsg., Aristoteles Lexikon, 2005, S. 224fn ). Das ist eine Anforderung, die intellektuell erworben werden muss; vor allem in der Bildung und Erziehung der Menschen. Es sind die ethischen und moralischen Ansprüche, die die Menschheitsfamilie bestimmen, das Gute im Menschen fördern und das Böse verhindern sollen (Michael Shermer, Der moralische Fortschritt. Wie die Wissenschaft uns zu besseren Menschen macht, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25201.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Der Homo sapiens sapiens ist ein bildungs-, aufklärungsfähiges und bedürftiges Lebewesen (Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php). Als zôon politicon ist er ein politisch denkendes und handelndes Individuum und Gemeinschaftswesen; als homo culturalis ein kreativer und schöpferischer Mensch. So sind Politik und Kultur eine Einheit. Der Erziehungs- und Kulturwissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, Max Fuchs, untertitelt seine Studie „Das gute Leben in einer wohlgeordneten Gesellschaft“ als „Bildung zwischen Kultur und Politik“. Dabei irritiert das „Zwischen“, so als ob es zwischen den beiden Werten Alternativen gäbe. Kultur aber ist politisch, wie Politik kulturell – und im Umkehrschluss Nichtpolitik auch Nichtkultur ist. Bei der Frage allerdings, was ein gutes Leben ist und welche Werte und Einstellungen ein gelingendes, menschenwürdiges Leben prägen, zeigen sich unterschiedliche Auffassungen: Individuelle, kollektive, egoistische, altruistische, utilitaristische, ideelle, materielle, ökonomische, ökologische, soziale, subjektive, objektive, reale, utopische… So ist es angebracht, nach dem Sinn eines guten Lebens zu fragen. Dieses Unterfangen verbindet sich mit der Überzeugung, dass eine „wohlgeordnete“ Gesellschaft sich darin auszeichnet, jeden Menschen die Möglichkeit und Chance zu eröffnen, ein gutes Leben zu erreichen. Im anthropologischen, politischen Diskurs ist das die „Herrschaft des Volkes“, also die Demokratie, in der gleichberechtigte politische Rechts- und Ordnungssysteme vorherrschen. Weil aber auch in der politischen Verfasstheit und Praxis undemokratische Entwicklungen existieren, bedarf es der Bildung, Aufklärung und Förderung einer kritischen Auseinandersetzung darüber, wie lokale und globale soziale Gerechtigkeit hergestellt werden kann (siehe dazu auch: David Großmann/Fabian Scheidler, Hg., Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26334.php). Die von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat in ihrem Abschlussbericht (1995) den Appell verfasst: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Viele von Max Fuchs‘ Publikationen zu Fragen nach den Zusammenhängen von Kultur und Bildung, von Kulturoptimismus und -pessimissmus werden im Interne-Rezensionsdienst socialnet vorgestellt.

Aufbau und Inhalt

Max Fuchs nähert sich dieser Herkulesaufgabe dadurch, dass er nach den pädagogischen Anforderungen und Möglichkeiten fragt, wie die Ideal- und Realvorstellungen von einem guten Leben in das Bewusstsein und Handeln der Menschen gebracht werden können, wie menschenunwürdige und -feindliche Fehlentwicklungen zu verhindern sind, und wie es gelingen kann, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen.Er gliedert seine Studie, neben der Einleitung und den Schlussbemerkungen, in drei Teile. Im ersten Teil arbeitet er heraus, was eine „wohlgeordnete Gesellschaft“ ist, indem er auf die anthropologischen, historischen und demokratischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen verweist. Im zweiten Teil werden die „Dimensionen eines guten Lebens“ vorgestellt, und im dritten Teil bringt der Autor „die Rolle von Bildung bei dem Projekt des guten Lebens“ zur Sprache.

Es bedarf bei der öffentlichen Wahrnehmung und Meinung der Korrektur des (landläufig und alltäglichen) „Politischen“. Erst wenn es gelingt, die von Menschenfeinden kolportierten Auffassungen hinwegzufegen, dass Politik etwas Verabscheuungswürdiges, Ideologisches und Manipulatives sei, kann es gelingen, politisches Denken und Handeln als verantwortungsbewusstes, partizipatorisches, demokratisches Bewusstsein in die Köpfe und Herzen der Menschen zu bringen. Der Blick auf die Geschichte des politischen Denkens zeigt nämlich die vielfältigen Formen, Theorien und Projekte, und – als pädagogischer Diskurs interessant – „dass bestimmte Funktionselemente einer modernen Demokratie und eines modernen Staates ihre je eigene historische Entwicklung haben“. Das bringt Aufmerksamkeit auf den Denk- und Handlungszusammenhang, dass Politik als Zustand und Lebenslehre vergangenheitsbewusste, gegenwartsbestimmte und zukunftsorientierte Elemente beinhaltet und wirksam werden lässt.

Die Auseinandersetzungen mit den Fragen, den Konzepten und Projekten, wie ein gutes Leben für alle Menschen ermöglicht werden kann, greifen zurück auf die Theorie und Praxis des politischen Dialogs. Sie konzentrieren sich auf Denker aus dem überwiegend abendländischen Diskurs. Es sind Schlaglichter, mit denen auf die europäischen und deutschen Staats- und Demokratieverständnisse verwiesen, deren Verteidigung angemahnt wird und mit postdemokratischen Ideen Veränderungen eingebracht werden (Yascha Mounk, Der Zerfall der Demokratie. Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24188.php; Julian Nida-Rümelin, Die gefährdete Rationalität der Demokratie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26507.php).

Weil Auseinandersetzung mit Kultur in allen ihren vielfältigen Formen und Entwicklungen auch Kultur- und Gesellschaftskritik ist, muss die Frage nach dem guten Leben immer auch verbunden sein mit einer aktuellen Gesellschaftsanalyse und -diagnose. Hier gewinnt erneut Bedeutung, was im gesellschaftskritischen Diskurs gewissermaßen als Tenor gefordert wird: der Perspektivenwechsel, und zwar beim ökonomischen, wie beim anthropologischen Denken und Tun der Menschen: Ein gutes Leben ist nur in einem guten, gerechten, demokratischen, freiheitlichen und menschenwürdigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen System möglich. 

So ist es nur logisch und konsequent, dass die Frage „Was ist ein gutes Leben?“ immer wieder mündet in die kantischen Fragen: „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“. Und damit in die Anforderungen, die ein wohlgeordnetes Leben in einer sich immer interdependenter, entgrenzter und global entwickelnden (Einen?) Welt bedingt. Es sind die Veränderungsprozesse, die einen individuellen und kollektiven Perspektivenwechsel notwendig machen. Folgerichtig bedeutet dies, dass politische und kulturelle Bildung als schulische und außerschulische Herausforderungen als Allgemeinbildungsaufgaben zu verstehen und zu praktizieren sind. Fuchs bezeichnet diese funktionale und institutionalisierte Einordnung als „Kulturschule“ (Bildung und kulturelle Entwicklung des Menschen. Zur Genese und Transformation von Welt- und Selbstverhältnissen in pädagogischer Perspektive, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22681.php).

Fazit

Die wissenschaftliche Arbeit von Max Fuchs ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Zum einen zeigt er mit einer Fülle von Quellenhinweisen und Annotationen den lebhaften, wissenschaftlichen kongruenten und kontroversen Diskurs zu Fragen des politischen und kulturellen Lebens der Menschen auf; zum anderen verweist er auf die notwendigen und fälligen Herausforderungen für Pädagogik und Erziehungswissenschaft: „Wenn Bildung eine zentrale Ressource für das Projekt des guten Lebens ist, dann hat die Pädagogik die Verantwortung, alles dafür zu tun, dass diese Ressourcen in jedem Einzelnen auch entstehen können“.

Interessant und bedeutsam im globalen Diskurs um ein gutes Leben für alle Menschen könnte ein Vergleich der abendländischen, anthropologischen, philosophischen Konzepte und Theorien mit morgenländischem Denken und Handeln sein; eine Anregung für weitere Forschungen.

Die Studie sollte in den Seminaren der Lehreraus- und -fortbildung Eingang finden!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.04.2020 zu: Max Fuchs: Das gute Leben in einer wohlgeordneten Gesellschaft. Bildung zwischen Kultur und Politik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6045-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26614.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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