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Thiemo Breyer, Stefan Niklas (Hrsg.): Ernst Cassirer in systematischen Beziehungen

Rezensiert von Dr. Alexander N. Wendt, 29.11.2022

Cover Thiemo Breyer, Stefan Niklas (Hrsg.): Ernst Cassirer in systematischen Beziehungen ISBN 978-3-11-054892-1

Thiemo Breyer, Stefan Niklas (Hrsg.): Ernst Cassirer in systematischen Beziehungen. Zur kritisch-kommunikativen Bedeutung seiner Kulturphilosophie. Walter de Gruyter (Berlin) 2019. 310 Seiten. ISBN 978-3-11-054892-1. D: 109,95 EUR, A: 109,95 EUR.
Reihe: Deutsche Zeitschrift für Philosophie / Sonderband - 40.

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Thema

Der Philosoph Ernst Cassirer (1874-1945) wird in diesem Sammelband in Beziehung zu vielfältigen weiteren, vornehmlich philosophischen Beiträgen oder Strömungen gesetzt. Das thematische Bindeglied ist die Kulturphilosophie Cassirers, also insbesondere die Erklärung des Zusammenhangs der verschiedenen Grundformen des kulturellen Lebens, wie Mythos, Sprache und Wissenschaft, durch seine Theorie des Symbolischen. Die Bezugspunkte, die in den jeweiligen Beiträgen entwickelt werden, folgen keinem übergeordneten Muster. Vielmehr wird, wie die beiden Herausgeber betonen, Cassirers Werk „im Sinne eines Theoriemediums“ (S. 1) verstanden, „das eine Terminologie und Methode anbietet, wie auch als Mediator im Sinne der Integration unterschiedlicher, teils widerstrebender Positionen als Problemzusammenhänge“ (ebd.). Bei den Aufsätzen des Bandes handelt sich, in anderen Worten, um oft in unabhängige Richtungen voranschreitende oder allenfalls durch das thematische Band der Kulturphilosophie verbundene Vergleiche zwischen Cassirer und weiteren Standpunkten.

Herausgeber

Thiemo Breyer ist Professor für Phänomenologie und Anthropologie an der Universität zu Köln sowie Leiter des Husserlarchivs ebenda. Seine akademische Ausbildung in Sozialanthropologie, kognitiven Wissenschaften und Philosophie hat er in Freiburg im Breisgau sowie Cambridge genossen, wo er 2010 promoviert wurde und sich 2014 habilitiert hat. Breyers wissenschaftliches Werk ist von großer Produktivität und weist seit Erscheinen des Bandes über Cassirer acht bereits veröffentlichte oder noch in Veröffentlichung befindliche Sammelbände vor. Zu seinen philosophischen Monografien gehören die Arbeiten „Attentionalität und Intentionalität“ (Fink, 2011) und „Verkörperte Intersubjektivität und Empathie“ (Klostermann, 2015). Im breiten Forschungsbereich Breyers nehmen die Themen Phänomenologie und kognitive Wissenschaften eine wichtige Rolle ein.

Stefan Niklas ist Postdoc an der Universität Amsterdam, der 2013 in Köln mit einer kulturphilosophischen Arbeit promoviert worden ist. Zuvor hatte er in Leipzig Philosophie und Kulturwissenschaften studiert. Neben dem vorliegenden Sammelband hat Niklas eine Reihe von Zeitschriften- oder Sammelbandartikeln veröffentlicht. Der Schwerpunkt seiner gegenwärtigen Forschung liegt in der kritischen Kulturtheorie.

Entstehungshintergrund

De Gruyter ist ein Traditionsverlag, in dem seit mehr als einem Jahrhundert bedeutungsvolle Texte der Wissenschaft und insbesondere der Philosophie erschienen sind. Seit 2001 veröffentlicht De Gruyter die Sonderbände der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, die 1953 ins Leben gerufen worden ist. Der vorliegende Band ist der 40. der Reihe und gliedert sich zwischen „Ereigniskritik. Zu einer Grundfigur der Moderne bei Kant“ (2017) von David Espinet und „Jenseits des Leidens. Adornos Beitrag zu einer ‚Denkpsychologie‘“ (2019) von Ming-Chen Lo und Axel Honneth ein.

Aufbau

Der Band versammelt 14 Artikel, die mit einer Ausnahme von jeweils einer einzigen Autorin oder einem einzigen Autor verfasst worden sind. Ihnen geht eine kurze Einleitung voraus:

  1. Thiemo Breyer & Stefan Niklas: Einleitung der Herausgeber. Zur kritisch-kommunikativen Haltung der Philosophie Ernst Cassirers
  2. Elio Antonucci: An den Grenzen der Symbolisierung. Eine vergleichende Studie zu den triadischen Phänomenologien von Charles S. Peirce und Ernst Cassirer
  3. Tobias Endres: Was sind die Objekte der Wahrnehmung? Ernst Cassirers Antwort auf die analytische Wahrnehmungstheorie
  4. Sascha Freyberg & Stefan Niklas: Rekonstruktive Synthesis. Zur Methodik der Kulturphilosophie bei Ernst Cassirer und John Dewey
  5. Oliver Honer: Basisphänomen und Leibapriori. Überlegungen zu einem kulturphilosophischen Begriff dialektischer Praxis
  6. Guido Kreis: Cassirers analytische Philosophie
  7. Marion Lauschke: Der leibliche Grund der Symbolfunktion. Über Spannungsbögen und „dynamische Bewegungseinheiten“ als Vermittlungsformen von Geist und Leben
  8. Sebastian Luft: Mind als Geist in der Welt der Kultur. Kulturphilosophie, „Naturalistische“ Transzendentalphilosophie und die Frage nach dem Raum der Kultur
  9. Nikolai Mähl: Inkarnierter Sinn. Zur Symbolik des Leibes bei Cassirer und Merleau-Ponty
  10. Oliver Müller: „Werkzeug-Denken“. Ernst Cassirers Theorie der ‚Entechnisierung‘ des Selbst- und Weltverhältnisses
  11. Ralf Müller: Formwerdung und Formlosigkeit der Form. Die Beiträge von Ernst Cassirer und Nishida Kitarō zur Lebensphilosophie
  12. Viola Nordsieck: Transformation oder Deformation des Subjekts? Ernst Cassirer und die Kritische Theorie
  13. Martina Sauer: Ästhetik versus Kunstgeschichte? Ernst Cassirer als Vermittler in einer bis heute offenen Kontroverse zur Relevanz der Kunst für das Leben
  14. Felix Schwarz: Cassirer und die Verhaltensbiologie
  15. Muriel van Vliet: Michel Foucault als Leser Ernst Cassirers

Der Band wird durch ein Siglenverzeichnis und ein Personenregister komplettiert. Autorenprofile oder ein Sachregister liegen nicht vor. Den 14 Artikeln des Bandes geht ein englischsprachiges Abstract mit (nicht in jedem Fall) übersetztem Titel sowie Schlüsselbegriffen voran. Eine deutsche Version des Abstracts ist nicht enthalten.

Von einer inhaltlichen Gliederung des Bandes haben die beiden Herausgeber Abstand genommen, diesen Umstand allerdings in ihrer Einleitung halb-humoristisch kommentiert: „Stattdessen lassen wir die Reihenfolge der Beiträge von der formal strengen, aber sachlich ungebunden Ordnung des Alphabets diktieren“ (S. 4). Die Beiträge des Bandes sind zweifelsohne durch ihren Bezug auf Cassirer verbunden. Was sie darüber hinaus verbindet, ist der Anlass der Kompilation, nämlich eine dem Philosophen gewidmete Tagung in Köln. Ob es einen weiteren gemeinsamen Nenner des Bandes gibt, ist eine kritische Frage, die im Folgenden diskutiert werden soll.

Inhalt und Diskussion

Cassirers philosophisches Werk hat eine komplexe Rezeptionsgeschichte. In einer englischsprachigen Überblicksarbeit haben Eggers und Mayer (1988) festgestellt, dass „die deutsche Aufmerksamkeit [für Cassirer; der Verfasser] nach der Veröffentlichung der mehrbändigen Philosophie der symbolischen Formen in den späten 1920er Jahren ihren Zenit erreichte und somit kurz vor seinem Exil – und ihn daraufhin nie wieder erreichen sollte“ (Eggers & Mayer, 19878, xvi; Übersetzung durch den Verfasser). Indes, Conley fasst die Lage Anfang der 1990er Jahre folgendermaßen zusammen: „Seit Ende der 80er Jahre gewinnt das Werk Cassirers auch im deutschen Sprachraum an Aufmerksamkeit“ (Conley, 1993, 5).

Auf das Jahr von Conleys Kommentar datiert ebenfalls die Gründung der „Internationalen Ernst-Cassirer-Gesellschaft“, also einige Jahre vor der Einrichtung der „Ernst Cassirer Arbeisstelle“ am Warburg-Haus in Hamburg als der Hansestadt, die Cassirers hauptsächliche Wirkungsstätte vor seinem Exil in den Vereinigten Staaten gewesen ist. Seine Beziehung zum eminenten Kunsthistoriker Aby Warburg ist dabei kein Zufall, da sie durch wechselseitige persönliche und professionelle Wertschätzung verbunden waren. Im Laufe des Jahrzehnts, in dem die Arbeitsstelle von der Warburg-Stiftung unterstützt worden ist, hatte Birgit Recki, die auch noch heute als Seniorprofessorin in Hamburg den Lehrstuhl für Praktische Philosophie bekleidet, die Gelegenheit, die Gesamtausgabe der Werke Cassirers zu edieren. Reckis Forschungsgruppe ist zwar im vorliegenden Sammelband zwar nicht personell vertreten, doch wird sie durch zahlreiche Recki-Zitate gewürdigt. Das Resultat der Editionsarbeit von Recki und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die 26-bändige „Hamburger Ausgabe“ inklusive Registerband, die im Meiner-Verlag erschienen ist.

Vor diesem Hintergrund kann den Herausgebern des vorliegenden Bandes, Breyer und Niklas, darin Recht gegeben werden, wenn sie behaupten, „dass Cassirer längst vom Vergessenen über den Geheimtipp zum Klassiker aufgestiegen ist“ (S. 1), denn spätestens die Verfügbarkeit der Gesamtausgabe hat zur Belebung der Cassirer-Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten geführt. Sie hat, wie auf der Website der Cassirer-Gesellschaft dokumentiert ist (vgl. https://ernst-cassirer.org/bibliographie/; Abruf 19. November 2022), seit Abschluss der Gesamtausgabe 2007 mindestens 40 Sammelbände und Monografien hervorgebracht. Darunter finden sich etwa die Arbeiten „Cassirer und die Formen des Geistes“ (2009) von Kreis und „The Space of Culture“ (2015) von Luft, die dem vorliegenden Band jeweils einen Aufsatz beigesteuert haben. Daher lässt sich davon sprechen, dass es Breyer und Niklas gelungen ist, die etablierte Cassirer-Forschung in ihre Publikation einzubinden.

Zugleich finden sich allerdings auch vielfältige Stimmen der Nachwuchswissenschaft durch den Band versammelt. Seit seinem Erscheinen hat beispielsweise Endres, der 2018 an der TU Berlin mit einer Arbeit zu Cassirer promoviert worden ist, seine Forschung zum klassischen Hamburger Philosophen vertieft und an verschiedenen anderen Stellen über Cassirer publiziert. Andere Autorinnen oder Autoren des Bandes haben unterdessen seitdem andere Pfade beschritten und keine weiteren Beiträge zur Cassirer-Rezeption geleistet.

Der Anspruch des Bandes ist es, „Aspekte von Cassirers Philosophie in ihrer Beziehung zu anderen philosophischen und wissenschaftlichen Projekten [zu zeigen], um auf diese Weise nicht nur zu belegen, dass das besagte kritisch-kommunikative Potenzial besteht, sondern dieses auch sogleich nutzbar zu machen“ (S. 3). Damit ist eine Cassirer eigene „Offenheit“, bzw. ein „konsequente[r] Pluralismus der Wissens-, Anschauungs- und Lebensformen“ (S. 2) gemeint, den die Herausgeber pointiert als „Haltung der Konzilianz“ (ebd.) zu umschreiben versuchen.

An diesem Anspruch gemessen, gelingt es dem Band tatsächlich, zu zeigen, dass Cassirers Philosophie vielfach parallel zu anderen Projekten der Geistesgeschichte steht. Ausnahmslos gilt für alle Beiträge, dass sie eine spezifische weitere Denkart mit Cassirer in Kontakt zu bringen versuchen. Kritisch hervorzuheben ist dabei, dass diese Forschung, sozusagen philosophische Komparatistik, in mehreren Fällen allzu optimistisch betrieben worden ist. In den Beiträgen des Bandes wird vielfach exegetisch für Gemeinsamkeiten zwischen philosophischen Strömungen argumentiert, ohne die Gegenperspektive einzunehmen. Es lässt sich von einer verifikationistischen Tendenz oder einem confirmation bias sprechen.

Positive Gegenbeispiele sind die Aufsätze von Luft und Mähl. Bevor jener Cassirer mit der Pittsburgher Schule der Philosophie des Geistes abgleicht, fragt er vorsichtig: „Kann man hier evtl. einen Vermittlungsversuch wagen?“ (S. 131) Dieser bemerkt selbstkritisch, dass ein Argument „als eine, wenn auch nicht unproblematische Rechtfertigung für mein eigenes Unterfangen dienen soll, die Cassirer-Rezeption Merleau-Pontys zu rekonstruieren“ (S. 156). Dieserart Kommentare sind für die exegetische Rechtschaffenheit der Untersuchungen indikativ, die gerade bei entfernten geistesgeschichtlichen Parallelen ratsam ist. Wenn Ralf Müller dagegen feststellt, dass sich „[i]n Nishidas veröffentlichtem Werk […] kein einziges Zitat und nur sehr wenige namentliche Erwähnungen von Cassirer“ (S. 198) fände, so ist zwar angesichts des geschichtlichen Wandels der Zitationskultur weiterhin Spielraum für interpretative Versuche, doch müssen den Bemühungen um exegetische Brückenschläge auch biografische Grenzen gesetzt werden.

Ungeachtet des rezeptionsgeschichtlichen Hintergrunds verwickeln sich nur wenige Beiträge (bspw. van Vliet) in detaillierte Werkbesprechungen. Vielmehr werden die geistesgeschichtlichen Parallelen oftmals zu Cassirers Grundaussagen und nicht im Detail gesucht. Das spricht dafür, dass die vorgeschlagenen Vergleiche des Bandes tatsächlich allgemein kulturphilosophisch relevant sind, zeugt aber auch davon, dass sich in durchschnittlich ca. 20 Seiten langen Texten vor allem Thesen grosso modo entfalten ließen.

Ein – wenn auch nicht in allen Texten – wiederkehrendes Motiv des Bandes ist die Infragestellung der geistesgeschichtlichen Schranke zwischen sog. analytischer und kontinentaler Philosophie. So widersetzt sich Kreis einer „Cassirer-Interpretation“, die „ihren Gegenstand weitgehend anstelle von, und als dezidierte Alternative zu, analytischer Philosophie [betreibt]“ (S. 90). Eine entsprechende Bemühung um die Versöhnung der philosophischen Differenz, die beide Lager scheidet, findet sich auch in den Aufsätzen von Antonucci, Endres, Freyberg und Niklas sowie Luft. Ein Bindeglied ähnlicher Stärke ist die Frage nach Cassirers Verhältnis zur Leibphilosophie, das insbesondere Honer, Lauschke und Mähl beschäftigt, wobei ihn die beiden letztgenannten mit Merleau-Ponty in Beziehung zu setzen versuchen. Ineinander verwoben sind die Texte ferner durch gemeinsame Quellen. Wiederkehrende Standardreferenzen sind neben Recki die am Band beteiligten Kreis und Luft, aber auch John Michael Krois.

Zum eigentlichen Integral des Bandes wird die Philosophie des Ausdrucks. Lediglich in den Texten von Luft, Ralf Müller und van Vliet findet sich keine, zumindest ausführlichere Darstellung der entsprechenden Gedanken. Dass dem Begriff des Ausdrucks diese Bedeutung zukommt, ist allerdings nur vordergründig verwunderlich, denn von Cassirers Hauptwerk lässt sich sagen, dass „die Philosophie der symbolischen Formen insgesamt auch eine ‚allgemeine Theorie der geistigen Ausdrucksformen‘ [ist]“ (S. 181). Dennoch ist es bemerkenswert, dass das Konzept des Ausdrucks im gesamten Band präsenter ist als dasjenige der Kultur, dem er gewidmet ist.

Cassirers Kulturphilosophie wird teilweise randständig, teilweise hintergründig relevant, aber in der Regel nur in ihren theoretischen Grundlagen, während Cassirers eigene Arbeiten von vielfältigen Verweisen auf kulturgeschichtliche und interkulturelle Sachverhalte gekennzeichnet ist. Eine Ausnahme bildet der Text von Luft, der für den Sammelband einen gelungenen Einführungstext bietet, insofern er in seiner ersten Hälfte die Problematik, die den meisten anderen Texten zugrunde liegt, in Klarheit darzustellen vermag: „Cassirer konzipiert ab ovo seine Kulturphilosophie als eine Form von transzendentalem Idealismus, also als eine transzendental-philosophische Rekonstruktion der Kultur im Gefolge der Marburger Schule und der von Cohen ausgearbeiteten ‚transzendentalen Methode‘“ (S. 132). Angesichts dieser Aussage sollte es nicht verwundern, dass der Großteil der Untersuchungen inhaltlich die Philosophie nicht verlässt oder allenfalls die Grundlage für Interdisziplinarität schafft – wobei Schwarz‘ der Verhaltensbiologie gewidmeter Text eine Ausnahme bildet.

Neben dem Bezug zur analytischen Philosophie und der Philosophie des Geistes als einer Gruppe von Texten sowie Bezugnahmen auf die phänomenologische Bewegung treten mit dem Text von Schwarz, aber auch von Oliver Müller, Nordsieck, Sauer und von Vliet Beiträge, die weniger Gemeinsamkeiten mit den anderen Perspektiven des Bandes vorweisen. So lässt sich nachvollziehen, weswegen sich die Herausgeber gegen die Gruppierung der Texte entschieden haben. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass insgesamt eine gute Kohärenz der publizierten Schriften vorliegt, ohne dass es zu einem Übermaß an inhaltlicher Redundanz kommt.

Unter den einzelnen Aufsätzen finden sich stärkere und schwächere Beiträge. Eine gute Einführung in das Thema des Ausdrucks bietet Mähl, auch wenn die Darstellung der Leibphänomenologie Merleau-Pontys kursorisch bleibt und die abschließende Synthese ausführlich hätte entwickelt werden können. Auch Honer gelingt eine gute Darstellung Cassirers, wobei anstelle des Exkurses in die Mikrophysik auf Grundlage von Karl-Otto Apel eine ausführlichere Darstellung von dessen für den gewählten Vergleich relevanten philosophischen Grundpositionen hilfreicher gewesen wäre. Ferner wird das für die Kernthese Honers zentrale sog. Monas-Phänomen nicht klar genug bestimmt.

Die Darstellungen zu Cassirer fallen im Text von Endres unterdessen zu kurz aus, sodass Strawson und Crane in den Vordergrund rücken. Hier zeigt sich, dass Endres mit Cassirers Werk dank seiner ausführlichen Vorarbeiten so weit vertraut ist, dass eine Einführung zur Nebensache wird. So entsteht allerdings eine beinahe hermetische Fragestellung, die ohne Expertise in der Cassirer-Exegese nicht relevant werden kann. Bei Freyberg und Niklas wirkt der Vergleich zum Pragmatisten Dewey teilweise gezwungen und die möglichen Divergenzen werden nicht überprüft oder gar unterschätzt. Ferner führt der selbstgewählte Anspruch, die Praxis der Kulturforschung mit Cassirer zu reflektieren, nicht aus der Philosophie heraus. Hier ist die Gelegenheit, in den interdisziplinären Diskurs zu treten, nicht wahrgenommen worden.

Auf sachlicher Ebene bleibt bis zuletzt die offene Frage, weswegen eben diese Dialogpartner für Cassirer gewählt worden sind und nicht auch andere. So wird an vielen Stellen die Tradition des Neukantianismus zum Thema, die ohne Frage einer der wichtigsten Bezugspunkte für den Hamburger gewesen ist. Darüber hinaus wiederholt sich der Name Max Scheler, was die Forschungsfrage aufwirft, welcher Art die systematische Beziehung Cassirers zur Phänomenologie gewesen ist. Beide Perspektiven sind allerdings schon in der vorhandenen Literatur zur Sprache gekommen. Nichtsdestoweniger erzwingt die von den Herausgebern vorgeschlagene Öffnung des Panoramas der Cassirer-Forschung sogleich die strenge Rechtfertigung der Einzelvergleiche. Sie erfolgt in manchen, aber nicht in allen der vorliegenden Aufsätze.

Fazit

Insgesamt handelt es sich bei dem Band von Breyer und Niklas um eine innerphilosophische Bemühung um Dialog, die nur an wenigen Stellen den Kontakt zu anderen Wissenschaften sucht. Kernanliegen ist vielmehr, aufzuzeigen, dass Ernst Cassirers Philosophie in fruchtbare Interaktion mit weiteren Denkformen treten kann. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass es in den 14 Analysen tatsächlich gelingt, dieses Potenzial nachzuweisen. Allerdings ist es ausführlicheren Untersuchungen überantwortet, die Detailarbeit zu leisten. Durch die Heterogenität der Beiträge legen die meisten Aufsätze nur Grundlagen. Außerdem ist kritisch anzumerken, dass die exegetischen Hypothesen mehrfach eher verteidigt als überprüft werden. Der Band ist denjenigen Philosophinnen und Philosophen zu empfehlen, die sich fragen, mit welchen weiteren Philosophien Cassirers Werk in Beziehung gebracht werden kann – oder wie sich in Beziehung zu Cassirer treten lässt.

Literatur

Conley, P. (1993). Das mythische Denken bei Ernst Cassirer nach der „Philosophie der symbolischen Formen“. Frankfurt am Main: Magisterarbeit.

Eggers, W. & Mayer, S. (1988). Ernst Cassirer. An Annotated Bibliography. New York/London: Garland.

Rezension von
Dr. Alexander N. Wendt
Dr./M.Sc. (Psychologie), M.A. (Philosophie)
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Es gibt 30 Rezensionen von Alexander N. Wendt.

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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 29.11.2022 zu: Thiemo Breyer, Stefan Niklas (Hrsg.): Ernst Cassirer in systematischen Beziehungen. Zur kritisch-kommunikativen Bedeutung seiner Kulturphilosophie. Walter de Gruyter (Berlin) 2019. ISBN 978-3-11-054892-1. Reihe: Deutsche Zeitschrift für Philosophie / Sonderband - 40. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26615.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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