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Jens Beljan, Michael Winkler u.a.: Resonanzpädagogik auf dem Prüfstand

Cover Jens Beljan, Michael Winkler, Hartmut Rosa: Resonanzpädagogik auf dem Prüfstand. über Hoffnungen und Zweifel an einem neuen Ansatz. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 120 Seiten. ISBN 978-3-407-25815-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema, Hintergründe, Autoren

Der Band beinhaltet eine Fachdiskussion mit Michael Winkler und Jens Beljan über die von Hartmut Rosa entwickelte Resonanzpädagogik. Diese Pädagogik beschäftigt sich vornehmlich mit Interaktionsbeziehungen in Schule und Unterricht. Solche Beziehungen bleiben ohne Resonanz „stumm“. Und um sie zum „Sprechen“ zu bringen, bedarf es eben der Resonanz. Michael Winkler ist Professor für allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller- Universität Jena. Dr. Jens Beljan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Schulpädagogik und Schulentwicklung an derselben Universität. Jens Beljan hat bei Hartmut Rosa über das Thema der Resonanzpädagogik promoviert – mit einer beeindruckenden Dissertationsschrift wie sein Doktorvater anmerkt.

Aufbau

Gegliedert ist der Band nach neun Kapiteln:

Vorwort

  1. Weggabelungen – Grundlagen und Einflüsse.
  2. Von Dinosauriern und Riesen – Historische und disziplinäre Verortung.
  3. Resonanzpädagogik: Nichts Neues? – Pädagogischer Wissenszuwachs.
  4. Pädagogik des guten Lebens – Normativität und Neutralität.
  5. Werkzeuge und Instrumente – Methoden der Resonanzforschung.
  6. Zündende Gedanken – Schulklassen, Resonanzhäfen und Stille.
  7. Dialogische Dissonanzen – Theoretische Übergriffigkeit, politische Hysterie und Resonanzverweigerung.
  8. Resonanz für welche Gesellschaft? – Entfremdungspädagogik und die Fenster zur Welt.
  9. Wohin des Weges? – Zweifel und Hoffnungen.

Der Band schließt mit einem Nachwort von Hartmut Rosa.

Inhalt

Im Folgenden wird auf ausgewählte Kapitel eingegangen, um vertiefende Einblicke zu ermöglichen.

Im Vorwort unter dem Titel „Da musst Du tierisch aufpassen“ positionieren sich die Autoren in ihrem Vorhaben, im Rahmen eines dialogischen Streifzuges die Resonanzpädagogik zu prüfen. Michael Winkler (MW) steht für eine zwiegespaltene Haltung während Jens Beljan (JB) ein Verfechter dieser Pädagogik sowohl in der Theorie als auch in der Praxis ist.

  • 1 Weggabelungen – Zunächst erläutert (JB) die Aufgabe der Schule, effektiv die Ressource Bildung zu produzieren. Diese dominante Output-Orientierung fördert allerdings ein massives Unbehagen an dieser Institution z.B. durch die Schaffung von Konkurrenzsituationen und durch extrinsische Anreize. Bildungsungleichheit spielt ebenso eine große Rolle einhergehend mit zunehmenden Verlust an Werten wie Verantwortung, Empathie und Selbstbestimmung. Bildung muss deshalb, so JB, eine Weltbeziehung anstreben. Das aber, so MW, ist Allgemeingut in Bildungsphilosophien und damit verbindet er die Frage an JB: Was ist eigentlich Resonanzpädagogik? „Resonanz kann ganz allgemein als ein Weltverhältnis beschrieben werden, bei dem man die Welt (andere Menschen, Dinge, Räume, Materialien, Bildungsstoffe) als antwortend erfährt“ (JB, S. 13). Ein negatives Weltverhältnis wäre die Repulsion oder auch Indifferenz. MW äußert sich dahingehend, diese Phänomene seien eher trivial. Die Antwort: Schülerinnen und Schüler, die Repulsion oder Indifferenz als Dauerzustand erfahren, entwickeln das Gefühl der Entfremdung. Schule wird dann zur „Entfremdungszone“.
  • 2 Von Dinosauriern und Riesen – Erörtert wird die Eigenständigkeit der Pädagogik gegenüber nicht-pädagogischen Einflüssen seien sie z.B. soziologischer oder psychologischer Herkunft. MW vertritt hierbei eher klassische Positionen der Pädagogik wie sie u.a. im Konzept der Bildsamkeit (J. F. Herbart) zum Ausdruck kommen. Auch wird das Problem des Zusammenhangs von Freiheit und Erziehung erörtert wobei JB darauf verweist, dass die Resonanzpädagogik emanzipatorische Bezüge beinhaltet, die durchaus auf die Kritische Theorie verweisen. Eine weitere Spannung ergibt sich bei den Begriffen Beziehung und Erziehung. MW sieht in der Resonanzpädagogik den Beziehungsaspekt zu sehr im Vordergrund. Worauf sein Diskussionspartner darauf aufmerksam macht, dass die Resonanzpädagogik auch die Beziehung zu den Dingen, zum Stoff beinhaltet. Sodann gerät K. Mollenhauer in das Themenfeld, zumal dieser soziologische Konzepte in seiner kritischen Erziehungswissenschaft etabliert hat. Später aber dann durch die Veröffentlichung zu vergessenen Zusammenhängen die Verbindung zur geisteswissenschaftlichen Reflexion herstellt. Dieses Kapitel erörtert insgesamt in historischer Rückschau pädagogische Positionen wobei es zu Annäherungen zwischen dem Dinosaurier MW und dem Resonanzpädagogen JB kommt, aber nicht zu Übereinstimmungen.
  • 6 Zündende Gedanken – Die Erörterung beginnt mit der Frage nach den Resonanzschwerpunkten in der Schüler-Lehrer-Beziehung einerseits oder zu der Beziehung zur gesamten Klasse anderseits. Damit kommen die Autoren auf das pädagogische Konzept, des gemeinsamen Ortes zu sprechen. Solche Orte der Gemeinschaft (Familie, Schulfreunde) stellen Resonanzhäfen dar, sie sichern vor Resonanzverlusten und ermöglichen u.a. Selbstwirksamkeitserfahrungen. Solche Resonanzhäfen wehren auch Entfremdung ab. Auch die Schule muss Entfremdung abwehren bzw. aufheben: „Lehrende haben eine ‚Resonanzverantwortung‘ “ (JB, S. 79). Ein Beispiel: Eine Lehrerin gründet mit einer Gruppe schwieriger Schüler eine T-Shirt-Firma. Daraufhin öffnet und engagiert sich diese Gruppe im Rahmen des Projektes. Damit ist eine Resonanzachse entstanden, die das Weltverhältnis der beteiligten Schüler transformiert. Zum Ende des Kapitels zweifelt MW das Resonanzelement der Stille an. Für JB ruft Stille einen Moment der inneren Öffnung hervor, Resonanzintensität wird gestärkt.
  • 7 Dialogische Dissonanzen – In diesem Kapitel erreicht die Kontroverse zwischen MW und JB bzw. der Resonanzpädagogik ihren Höhepunkt. MW wirft Rosa Übergriffigkeit auf dem Gebiet der Pädagogik vor und ärgert sich darüber hinaus über vermeintliches Expertenwissen, das sich in das pädagogische Geschäft einmischt (z.B. die Befürworter der MINT-Fächer, Neurowissenschaftler aber auch die OECD). Demgegenüber macht JB darauf aufmerksam, dass sich die Resonanzpädagogik ganz konkreten pädagogischen Erfahrungen verdankt, die Rosa in seiner Tätigkeit in der Deutschen Schüler Akademie gemacht hat – er sieht keinen Übergriff. MW fächert sodann eine breite Schul-, Bildungs- und Gesellschaftskritik auf, die er wohl mehr oder weniger in der Resonanzpädagogik vermisst. Demgegenüber macht JB darauf aufmerksam, dass das gegenwärtige Problem in der Gesellschaft sei, dass Bürger sich nicht mehr in einem Resonanzmodus begegnen, sie sind nicht mehr tolerant für Differenzerfahrungen: „Gegenwärtig verfestigen sich diese Mauern eher, als dass sie sich verflüssigen“ ( S. 97).
  • 9 Wohin des Weges? Dieses Kapitel wird eingeleitet durch die Frage von MW, wie die Perspektive der Resonanzpädagogik aussehen könnte? Theoretisch soll, so JB, die Resonanzpädagogik stärker in der Erziehungswissenschaft und in den aktuellen bildungstheoretischen Forschungsstand eingebunden werden. Das gilt insbesondere für die empirische Forschung so z.B. für die Frage nach dem Einfluss von Resonanzwirkungen auf die Unterrichtsqualität. Eine Brücke ergibt sich zur musikpädagogischen Forschung weil auch dort an einem Lernen mit sinnlicher bzw. ästhetischer Erfahrung gearbeitet wird. Diese eher theoriebezogene Perspektive wird ergänzt durch einen Praxisbezug mit dem Ziel, gemeinsam mit Lehrer*innen resonanzpädagogische Formate für konkretes Handeln zu entwickeln.

In dem Nachwort äußert sich Hartmut Rosa dahingehend, dass er in dem produktiven Streitgespräch mit Rede und Widerrede eine dialogische Resonanz verspürt. Die im Gespräch auftretenden Dissonanzen sind dabei unverzichtbarer Bestandteil der Resonanz, auch weil interdisziplinäre Aspekte einfließen. „Aus der Lektüre dieses Buches geht man in der Tat berührt und transformiert hervor, so jedenfalls erging es mir!“ (Rosa, S. 120).

Diskussion

Das Frage- und Antwortspiel der Autoren und die sich daraus ergebenden Argumentationslinien erscheinen bisweilen etwas sprunghaft und ohne den Grundlagentext (Rosa/Endres, Resonanzpädagogik, 2. Aufl. 2016) sind die argumentativen Verbindungen nicht immer transparent. Davon abgesehen stellt sich ein herausragender pädagogischer Diskurs dar, der Kritik an der Resonanzpädagogik und Verteidigung derselben beinhaltet. Michael Winkler erscheint in diesem Disput dabei gelegentlich recht angriffslustig. Eine denkbare Kritik an der Resonanzpädagogik wird geschickt durch das neunte Kapitel aufgefangen. Denn Anschlussfähigkeit an den erziehungswissenschaftlichen Theoriediskurs wie auch die empirische Durchdringung der Resonanzmaterie sind noch ziemlich „blinde Flecken“. Eine notwendige Forschungsperspektive muss präzise erarbeitet werden und über den musikpädagogischen Forschungsansatz hinausgehen. Hier wäre z.B. auch ein ethnografisch ausgerichteter Forschungsansatz denkbar.

Eigentümlich ist, dass Schüler*innen als Resonanzakteure kaum in Erscheinung treten. Die „Hinterbühne“ der Schule mit ihrer Peerkultur, den dortigen Freundschaften, Auseinandersetzungen und Geselligkeiten, letztlich der dort eigensinnigen Lebenswelt in der Lernwelt Schule, werden nicht thematisiert. Diese Lebenswelt muss als sehr resonanzhaltig angesehen werden und stellt ebenfalls einen Resonanzraum dar, der sich eben von dem auf der „Vorderbühne“ unterscheidet.

Fazit

Der Band beinhaltet einen dialogischen Streif- und Streitzug durch die Resonanzpädagogik. Konfrontiert wird diese neue Pädagogik u.a. mit klassischen Voraussetzungen pädagogischen Denkens und Handelns aber auch mit aktueller Kritik am gegenwärtigen Bildungssystem. Selten findet sich ein derart intensiver Austausch zu den Themen Bildung, Schule, Unterricht und eben Resonanz. Die Resonanz ist die Bedingung, dass Schule keine „Entfremdungszone“ wird, sondern die Möglichkeit für Schülerinnen und Schüler eröffnet, ihr Weltverhältnis zu finden.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 16.06.2020 zu: Jens Beljan, Michael Winkler, Hartmut Rosa: Resonanzpädagogik auf dem Prüfstand. über Hoffnungen und Zweifel an einem neuen Ansatz. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-407-25815-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26617.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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