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Günter Frankenberg: Autoritarismus

Cover Günter Frankenberg: Autoritarismus. Verfassungstheoretische Perspektiven. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. 373 Seiten. ISBN 978-3-518-29886-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft - 2286.
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Thema und Hintergrund

Zwischen dem 28. Juni und dem 12. Juli 2020 teilte der Rezensenten jenen vorsichtigen Optimismus, den er aus den letzten Seiten des vorliegenden Buches von Günter Frankenberg herauszulesen meinte: „Autoritarismus hat kein Verfallsdatum, allerdings auch keine Haltbarkeitsgarantie. Also besteht kein Grund, autoritäre Regime wie Schicksalsschläge hinzunehmen und sich mit der Langlebigkeit ihrer Konstitution abzufinden“ (S. 343). Am 28. Juli 2020 fand in Polen die Präsidentschaftswahl statt und der Amtsinhaber Andrzei Duda erreichte 43,5 Prozent. Eine Stichwahl, am 12, Juni, wurde nötig. Duda musste sich dem Herausforderer Rafał Trzaskowski stellen. Trzaskowski, seit 2018 Stadtpräsident von Warschau, gilt als liberaler und europaorientierter Politiker, dem es gelingen könnte, den nationalkonservativen Duda als Präsident der Polen abzulösen und damit der autoritären Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ und deren illiberale Politik eine empfindliche Niederlage beizubringen. Wie man weiß, wurde daraus nichts. Duda wurde mit, zwar knappen, 51 Prozent wiedergewählt. Eine „radikal-nationalistische Empörungsbewegung“ (S. 33) hatte gesiegt und der Ausbau autoritärer Staatsstrukturen wird sich in Polen wohl in den nächsten fünf Jahren fortsetzen.

Auch in anderen Ländern, so in Ungarn, der Türkei, den USA, in Brasilien, Venezuela, Indien, China usw. findet eine „Renaissance des politischen Autoritarismus“ (S. 11) statt. Im Schatten der Corona-Krise nahm diese Renaissance noch einmal besondere Fahrt auf.

Günter Frankenberg analysiert in seinem Buch diesen politischen Autoritarismus aus verfassungstheoretischer und verfassungsrechtlicher Perspektive. Insofern handelt es sich um eine ganz wichtige Ergänzung und Erweiterung zu jenen Untersuchungen, die sich in den letzten zwei, drei Jahren aus soziologischer und sozialpsychologischer Untersuchung dem Autoritarismus gewidmet haben (Decker & Brähler, 2018; Decker & Türcke, 2019; Heitmeyer, 2018; Wirth, 2020 u.v.a.). 

Der Rezensent ist kein Verfassungstheoretiker und auch kein Verfassungsrechtler. Mit seiner Rezension hebt er vor allem jene Aspekte des Buches hervor, die für ihn, den fachfremden Rezensenten, anschlussfähig sind. Es steckt aber noch viel mehr in diesem lesenswerten Buch.

Autor

Günter Frankenberg (Jahrgang 1945) ist Professor für Öffentliches Recht, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Mitherausgeber der Zeitschrift „Kritische Justiz“, Autor von zahlreichen Fachbüchern und wissenschaftlichen Artikeln. Empfehlenswert ist auch sein aktueller Verfassungsblog (https://verfassungsblog.de/author/​guenter-frankenberg/).

Inhalt

In acht Kapiteln nebst einer ausführlichen Einleitung zeigt Frankenberg, dass Verfassungen autoritärer Regime nicht einfach nur Fassade für staatlich sanktionierte Gewaltherrschaft sind, sondern dass man diese Verfassungen ernsthaft analysieren muss. „Partizipation als Komplizenschaft, Macht als Privateigentum und der Kult der Unmittelbarkeit leisten als wesentliche Merkmale des autoritären Konstitutionalismus der imaginären Gemeinschaft von Herrschern und Beherrschten Vorschub und prägen die unterschiedlichen Varianten autoritärer Verfassungspraxis“ (Verlagstext).

Zur Einleitung

Große weltgeschichtliche Ereignisse wiederholen sich eben nicht notwendigerweise zweimal, einmal als Tragödie und anschließend als Farce, wie weiland Karl Marx in seinem „Achtzehnten achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon“ (Marx, 1960, Original: 1852, S. 115) und in Ergänzung zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel gelegentlich vermerkte. Auch die gegenwärtige Renaissance des politischen Autoritarismus ist – wie Frankenberg in der Einleitung und im Widerspruch zu besagten Klassikern hervorhebt (S. 9 f.) – keine komödienhafte Wiederholung schon einmal stattgefundener faschistischer, stalinistischer oder islamistischer Tragödien. Autoritäre Regime, wie das in Ungarn unter Viktor Orbán oder jenes unter Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei, erscheinen nur wie „Gespenster einer Vergangenheit“ (S. 12), verweisen aber faktisch „auf neue Phänomene des autoritären Konstitutionalismus und der Missachtung von Demokratie und Menschenrechten“ (ebd.). Insofern sind die Fragen, die Günter Frankenberg in der Einleitung aufwirft, nicht nur für Verfassungstheoretiker, sondern auch für all jene relevant, die aus wissenschaftlichem und/oder aus alltagsbewusstem Interesse das „Gespenst“ des Autoritarismus verstehen wollen:

„Was soll eine Verfassung in einem autoritären Regime, wo doch Repression, Massenmorde, Schauprozesse, Folter, Deportation, Inhaftierung, Praktiken der Diskriminierung und Einschüchterung […] ohne weiteres möglich sind und vielerorts stattfinden? Hat »Verfassung« etwas zu sagen, oder gilt sie nur als ob? Und wenn sie etwas zu sagen hat: an wen wendet sich eine Verfassung im autoritären Umfeld? Leitet sie die Regierungspraxis an und findet sie statt, oder beliefert sie nur die Propaganda mit Rhetorik und schönen Schein?“ (S. 14, Hervorh. im Original).

Kapitel I. Verfassungen

Exemplarisch analysiert Frankenberg in diesem Kapitel u.a. verschiedene Verfassungsprojekte mehr oder weniger autoritär ausgerichteter Regime (z.B. der Syrischen Arabischen Republik, von Haiti, Myanmar, Ungarn unter der Orbán-Regierung). Dabei arbeitet er auch vier dominante Muster heraus, denen sich Verfassungen generell zuordnen lassen – als Vertrag (z.B. das Vertragsnetzwerk der Europäischen Union), als Manifest (z.B. die französische „Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen“ – die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789), als Programm (z.B. die Fünf-Jahres-Pläne in den früheren sozialistischen Staaten) und als Gesetz z.B. das bundesdeutsche Grundgesetz). Besonders lesenswert fand der Rezensent den Abschnitt „Autoritärer Konstitutionalismus zwischen Magie und Täuschung“ (S. 48 ff.): „Seit über zweihundert Jahren“, so Günter Frankenberg, „oszillieren Verfassungsprojekte zwischen der Zuschreibung besonderer Kräfte, die ich Zauberkräfte oder Magie nenne, und der Vorspiegelung falscher Tatsachen, wie etwa der ungenauen Abbildung von Macht“ (S. 48). Dem Rezensenten fiel bei der Lektüre des Abschnitts ein alter DDR-Witz ein, mit dem sich das Volk über einen Satz in der frühen DDR-Verfassung (von 1949) lustig machte: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“. „Stimmt, aber so schnell kommt sie auch nicht wieder zurück“. Übrigens: Siehe auch Artikel 20 des Grundgesetzes der Bundesrepublik.

Kapitel II: Autoritarismus

„Autoritarismus und Macht haben miteinander zu tun“ (S. 55). Aber wie und warum? Darum geht es in diesem zweiten Kapitel, in dem die Ergebnisse einer umfangreichen Begriffsarbeit präsentiert werden. Einige Stichworte: Grundformen von Autorität, Erziehungsstile und Einstellungsmuster, autoritäre Herrschaftsformen, autoritäre Machtpraxis, totalitäre Herrschaft, Autoritarismus als Pathologie, Abschied vom Populismus etc. Frankenberg bezieht sich, um nur einige einschlägige sozialwissenschaftliche Quellen zu nennen, natürlich auf Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford (1950) und Hannah Arendt (1951), auf die Forschungen von Oliver Decker und Kolleg/​innen, auf jene von Wilhelm Heitmeyer, Ralf Dahrendorf, Norbert Frei u.v.a.

Wichtig an dieser Stelle ist ein Hinweis für die sozialwissenschaftlich und psychologisch orientierten Leserinnen und Leser: Günter Frankenberg beabsichtigt in diesem Kapitel, keine neuen Autoritarismus-theoretischen Ansätze zu den Einstellungen und Überzeugungen von Individuen und sozialen Gruppierungen vorzulegen. Dann hätte er auch entsprechend aktuelle Befunde aus dieser Forschungsdomäne präsentieren können und müssen (z.B. Arzheimer, 2019; Conway & McFarland, 2019; Womick et al., 2019).

Sein, Frankenbergs Augenmerk, richtet sich ausschließlich „auf die Seite der Machthaber, deren Staatspraxis und Umgang mit der Verfassung“ (S. 64). Die dazu vorgelegte Literaturanalyse mag für Sozialwissenschaftler/​innen neu sein, erhellend ist sie allemal.

Kapitel III: Liberaler Konstitutionalismus – autoritäre Momente

Wichtig ist der Ausgangspunkt dieses Kapitels: Aus der Sicht des Liberalismus und des liberalen Konstitutionalismus (und wohl auch aus der Sicht liberaler Sozialwissenschaftler/​innen) werden autoritär verfasste Staaten und Regierungen meist aus einer „westlichen“ Perspektive beurteilt und an einer naiven Vorstellung von westlichem Recht und westlichem Konstitutionalismus gemessen. Diesen cognitive bias will Günter Frankenberg vermeiden, denn: „Innerhalb und außerhalb der Mauern des Liberalismus wird (auch) gesündigt“ (S. 93). Also wendet er sich zunächst kritisch der anglo-europäischen Kolonisierung der Verfassungswelt zu. Dabei fällt – aus der mehr oder weniger fachfremden Sicht des Rezensenten – u.a. auf:

  • Die liberale Orthodoxie „orientiert sich an der idealisierten anglo-eurozentristischen Verfassungsgeschichte“ (S. 98), wohl auch, um von den Schwächen der eigenen Verfassungstheorie und -praxis abzulenken, vor allem aber, um den Verfassungen autoritärer Regime den Verfassungscharakter abzusprechen. Mit dieser Abwehrsemantik wird auch die konstitutionelle Phantasie (in den eigenen Ländern) gelähmt (S. 103).
  • Dabei sollte es doch keinen Grund geben, „das liberale Paradigma (der Verfassungskonstruktion, WF) als abgeschlossenes und verwirklichtes Programm zu verstehen, viel weniger noch: es gegen Kritik zu immunisieren“ (S. 107).
  • Die Konstruktion und der Beschluss von Verfassungen liegen auch in „westlichen“, demokratischen Ländern nicht in Volkes Hand, sondern in den von Eliten (S. 109). Günter Frankenberg verweist als Beispiele u.a. auf den berühmten Philadelphia Style, dem Verfassungskonvent der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1787, oder auf den, von den politischen Eliten veranlassten Ausfall einer Verfassungsdebatte nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Der Rezensent merkt an: Die Alternative, die von den Bürgerbewegten in der DDR präferiert wurde, war die Ausarbeitung einer neuen gemeinsamen deutschen Verfassung. Darin sollten ein Recht auf Arbeit, auf Wohnung und Bildung, ein Recht der Frauen auf selbstbestimmte Schwangerschaft, ein Grundrecht für Kinder, ein generelles Diskriminierungsverbot und der Schutz der Umwelt verankert werden. Im April 1990 lehnte die Volkskammer der DDR den vom Runden Tisch erarbeiteten Entwurf für eine neue, eigenständige Verfassung der DDR ab und im August 1990 beschloss die Volkskammer den Beitritt zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des bundesdeutschen Grundgesetzes. (vgl. auch Frindte & Frindte, 2020, S. 29 f.).
  • In parlamentarischen Demokratien ist die Staatsgewalt rechtlich gebunden. Unter Umständen können diese Bindungen aber recht locker sein. Frankenberg zeigt das u.a. am sogenannten Ausnahmezustand, der – meint der Rezensent – im Grundgesetz der Bundesrepublik eigentlich gar nicht erwähnt wird. Und doch gibt es – nicht nur im demokratischen Deutschland – „Stunden der Exekutive“. „Weltweit halten die meisten Verfassungen Regelungen für Notstände vor“ (S. 125). Die bundesrepublikanischen Notstandsgesetze von 1968 sind ein Beispiel (S. 124), der Notstand, den der US-amerikanische Präsident Donald Trump 2019 für die Grenze der USA zu Mexiko erklärt, ein anderes. Die Corona-Krise in 2020 ist in vielen Ländern nicht nur ein Notstand, sondern auch Anlass, Grundrechte zu suspendieren und Sonderbefugnisse zu erlassen. Etwas „niedriger gehängt“ sind all jene Praktiken, mit denen „…Regierungschefs oder Regierungsbehörden ihre Informationen und Akten, die sie wie Privateigentum hüten, gegen jeglichen Zugriff mit der Berufung auf ein executive privilege“ verteidigen (S. 128 f.; Hervorh. im Original).
  • „Kurz: Jede der klassischen Gewalten des liberalen Paradigmas und sogar die Verfassungsgerichtsbarkeit hat ihre Rückzugsräume, in denen sie sich dem kontrollierten Zugriff der strengen law-rule bzw. Rechtsstaatlichkeit entziehen. Das lässt sich im Einzelnen […] mehr oder weniger gut als notwendig oder zweckmäßig begründen. Dennoch handelt es sich um große oder kleine Fluchten ins Schattenreich des Autoritären“ (S. 133; Hervorh. im Original).

Kapitel IV: Staatstechnik des autoritären Konstitutionalismus

Hier geht es nun zur eigentlichen Sache des Buches. Günter Frankenberg widmet sich anhand zahlreicher Beispiele (u.a. Venezuela unter Chávez und Maduro, Türkei unter Erdoğan, China unter Xi Jinping, Indien unter Modi oder Ungarn unter Orbán) den autoritären und totalitären Staatstechniken. Dass Machiavellis „Der Fürst“ aus dem Jahre 1532 für autoritäre Staatslenker eine hilfreiche Handanweisung sein kann, „…wie sich ein Staat top-down regieren, mit welchen Instrumenten und Listen sich Macht aneignen und absichern lässt“ (S. 137, Hervorh. im Original), überrascht sicher nicht. Welche Staatstechniken bieten sich an? Stichworte:

  • Ein „Konstitutioneller Opportunismus“, um zum Beispiel „…die hemdsärmelige Prinzipienlosigkeit von Herrschern in den dünnen Mantel der Legalität zu hüllen“ (S. 138).
  • Ein „Autoritärer Informalismus“, um „… unter der Hand die Bindung an Recht und Verfassung“ (S. 143) zu lockern.
  • Das „Regieren mit Sondervollmachten“, zum Beispiel mittels des „Ermächtigungsgesetzes“ aus der Weimarer Republik oder durch Verkündigung des Ausnahmezustandes, wie durch Erdoğan im Jahre 2016.
  • Die „Entmachtung der Justiz“, zum Beispiel durch die „justiziellen Umbauarbeiten des Orbán-Regimes in Ungarn, die konstitutionellen Coups der PiS-Partei in Polen und Präsident Erdoğans in der Türkei“ (S. 165). Auch die Versuche des US-amerikanischen Präsidenten, den US-Supreme Court mit Trump-treuen Richtern zu besetzen, gehören hier her.

Kapitel V: Macht als Privateigentum

Autoritäre Machthaber betrachten ihr Amt und ihre Stellung meist als ihr Privateigentum (S. 170). Beispiele dafür gibt es viele. Günter Frankenberg analysiert sie ausführlich. Der Rezensent erinnert sich in diesem Zusammenhang an den Hohn, mit dem Donald Trump die Demokraten bedachte, nachdem das Amtsenthebungsverfahren im US-amerikanischen Senat scheiterte. Trump bei einem Auftritt im Bundesstaat Michigan im März 2019: „Ich habe eine bessere Bildung als sie, ich bin klüger als sie, ich ging zu den besten Schulen, sie nicht. Viel schöneres Haus, viel schönere Wohnung, alles viel schöner. Und ich bin Präsident und sie nicht“ (Der Tagesspiegel, 2019).

Diktatoren betrachten ihre Macht als ihr Eigentum (S. 174 ff.), entwickeln einen „diktatorischen Zentralismus“ (S. 180 f.), um dieses Eigentum zu sichern. Sie eignen sich in schamloser und gieriger Weise Güter an, die der Gesellschaft zugestehen (S. 196 ff.). Und sie versuchen all dies verfassungspraktisch abzusichern (S. 210 ff.).

Kapitel VI: Partizipation als Komplizenschaft

Komplizenschaft heißt auch, dass autoritäre Regime versuchen, „…ein Band persönlicher Loyalität zwischen Führern und Geführten zu knüpfen und Vorstellungen von einer imaginären nationalen, ethnischen, patriotischen oder religiösen Gemeinschaft zu bedienen“ (S. 212). Dies geschieht, wie man weiß und in diesem Kapitel sehr ausführlich nachlesen kann, durch Unterdrückung von Abweichlern, durch Überwachung, durch ideologische Manipulation, aber auch durch propagandistische Versuche, kollektive Emotionen (Empörung, Zorn, Wut, Angst etc.) anzuheizen. Frankenberg greift in seinen Analysen auch auf massenpsychologische, oder besser: kollektiv-psychologische, Erkenntnisse zurück (etwa auf den Klassiker „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon oder Sigmund Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse“), die allerdings einen „langen Bart“ haben (z.B. Erz, 2019). Aber darum geht es gar nicht vordergründig. Viel wichtiger sind die Befunde, die Frankenberg über den Politischen Autoritarismus in totalitären Regimen aber auch in den aktuellen „Protestbewegungen am rechten Rand (und in der Mitte) der Gesellschaften des autoritären Kapitalismus“ (S. 223) ausbreitet, gemeint sind zum Beispiel die chauvinistische Lega in Italien, der autoritäre-nationalistische Front National (jetzt: Rassemblement National) in Frankreich, die Alternative für Deutschland, aber auch die Pegida-Bewegung. Sie berufen sich auf das Volk („Wir sind das Volk!“), um Komplizenschaft herzustellen und sich als die einzigen Vertreter des „Volkes“ in Szene zu setzen.

Kapitel VII: Autoritäre Verfassung – Kult der Unmittelbarkeit

„Autoritäre Führer und Regime schleifen, soweit möglich, die rechtsstaatliche Herrschaftsform der Distanz, um die agonale Dimension von Demokratie zu kontrollieren und die theatrale Dimension nach ihrem Drehbuch zu bespielen“ (S. 255). Politik wird zum Theater, das Führerpersonal versucht die öffentliche Bühne unmittelbar zu beherrschen und all jene Institutionen auszuschalten, die sich der Kontrolle des autoritären Regimes zu entziehen versuchen, Medien, Parteien, Gerichte. Offizielle und regierungsunabhängige Medien werden neutralisiert, indem sie als Fake News abgewertet und durch soziale Medien als „offizielle“ Regierungsquellen ersetzt werden. Aber auch bewusste Irreführungen, Lügen und Verdrehung historischer Fakten werden von autoritären Regimes genutzt (nicht selten auch in den demokratisch verfassten Gesellschaften), um Gemeinschaft und Unmittelbarkeit zwischen Führern und Geführten zu imaginieren.

Und: „Bei Paraden und Massenaufmärschen, bei nationalen Konsultationen und in Fernsehansprachen, bei theatralischen Auftritten und mit nächtlichen Tweets demonstriert der politische Autoritarismus […] die Allgegenwart des Regimes (oder des Führers) als kontrollierende, gütige oder auch strafende Autorität“ (S. 281). Und der Rezensent dachte wieder an Donald Trump, der Mitte Juli 2020 Bundestruppen in US-amerikanische Städte schickte, um Bundeseinrichtungen vor „Anarchisten und Agitatoren“ und auch „das Volk zu beschützen“ (siehe auch den Tweet: @realDonaldTrump vom 19. Juli 2020).

Kapitel VIII: Publikum und Zwecke autoritärer Verfassungen

Im Zentrum dieses Kapitels steht eine Vierfeldertafel, mit der Günter Frankenberg die Varianten des autoritären Konstitutionalismus und deren Ziele expliziert und zusammenfasst. In der Matrix werden a) Instrumentelle und Symbolische Zwecke sowie b) Internes und Externes Publikum unterschieden. Daraus ergeben sich dann folgende Varianten:

  1. Verfassungen als Governance-Script: Es handelt sich um Konstruktionen und Implementierungen von Ordnungen, um konkurrierende Eliten und Gegner zu disziplinieren.
  2. Verfassung als symbolische Politik: Damit sollen Sicherheit, Einheit und eine (imaginäre) Gemeinschaft mit dem Ziel propagiert werden, das interne Publikum (die Volksgemeinschaft) für gemeinsame Ziele zu mobilisieren und ihm, dem Volk, Vorteile und Nutzen zu versprechen, sofern es sich loyal verhält.
  3. Verfassung als Ausweis, damit ein externes Publikum den jeweiligen (autoritären) Staat als Staat anerkennt, dessen Souveränität in der Staatengemeinschaft befürwortet und ausländische Investitionen ins Land kommen.
  4. Verfassung als Schaufenster, das der Vertrauensbildung mit möglichen internationalen Staaten dienen, Ordnung und Staatlichkeit demonstrieren und Entgegenkommen signalisieren soll.

Diskussion

Mit seinen analytischen Anstrengungen und Interpretationen will Günter Frankenberg „… einen weiteren Zugang […] finden zu jener verhängnisvollen Faszination, die sowohl Amtsträger wie auch Bürgerschaft dazu verleitet, der autoritären Versuchung nachzugeben. Zudem sollte die Frage beantwortet werden, was Autokraten sich von Verfassungen versprechen. Die Überlegung sollten nach Möglichkeiten zum Herzen der Finsternis vordringen – zur Dunkelkammer, in der autoritäre Regime ihre Verbrechen und auch ihre Schwächen als Geheimnis hüten“ (S. 343 f.)

Mit Autoritarismus ist bekanntlich ein theoretisches Konzept angesprochen, dass eine lange Geschichte hat und in den letzten Jahren zu neuem Leben erweckt wurde. Es handelt sich um ein Konzept, von dem schon Heinrich Mann im Roman „Der Untertan“ erzählt (Mann, 1918). „Wer treten will, muss sich treten lassen“, so Diederich Heßling, der Hauptheld im Roman. Heinrich Mann beschreibt die Sozialisation und Gefährlichkeit eines Charakters, der einige Jahre später von Erich Fromm (1936), Max Horkheimer (1936), Herbert Marcuse (1936) und in „The Authoritarian Personality“ (Adorno, Frenkel-Brunswick, Levinson & Sanford, 1950) wissenschaftlich erklärt wurde und während des Nationalsozialismus schreckliche regimetragende Wirklichkeit werden sollte: der Sozialcharakter des Autoritären (auch Fromm, 1941, 1999). Ein innovativer Schritt in der (sozialwissenschaftlichen und psychologischen) Autoritarismusforschung gelang bekanntlich in den 1980er Jahren. Die Veröffentlichung von Robert Altemeyers Buch „Right-wing Authoritarianism“ (1981) gilt dabei als Zäsur und Beginn einer modernen Autoritarismusforschung.

Right-Wing-Authoritarianism ist nach Altemeyer eine individuelle Differenzvariable, nach der Menschen sich mehr oder weniger Autoritäten unterwerfen, gegen Außenseiter vorgehen und sich beständig konventionellen Normen anpassen. Mit diesem Ansatz des Autoritarismus hat Altemeyer das Bild vom Radfahrer als Metapher für den typischen Autoritären wieder ins Spiel gebracht: Hoch autoritär eingestellte Personen sind wie die legendären, traditionsbewussten deutschen „Radfahrer“, die nach oben buckeln, nach unten treten und sich in eingefahrenen Gleisen bewegen.

Aber, Autoritarismus ist mehr als eine individuelle und u.U. von Gruppen geteilte Überzeugung. Autoritarismus ist wesentliches Strukturmerkmal, wichtiger ideologische Kern und dominante politische Praxis in vielen modernen Gesellschaften.

Fazit

Es gelingt Günter Frankenberg mit analytischer Schärfe und kritischer Distanz, die Varianten des Autoritarismus in den Verfassungspraxen vergangener und heutiger Regime aufzudecken. Also lesen Sie dieses Buch. Der Rezensent weiß, wovon er schreibt.

Literatur

Adorno, Theodor W.; Frenkel-Brunswick, Else; Levinson, J. Daniel & Sanford, R. Nevitt (1950). The authoritarian personality. New York: Harper & Row.

Arendt, H. (2001; Original 1951). Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München, Zürich: Piper.

Arzheimer, K. (2019). Extremismus. In Th. Faas, O. W. Gabriel & J. Maier (Hrsg.), Politikwissenschaftliche Einstellungs-und Verhaltensforschung (pp. 296–308). Baden-Banden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Conway III, L. G. & McFarland, J. D. (2019). Do right-wing and left-wing authoritarianism predict election outcomes?: Support for Obama and Trump across two United States presidential elections. Personality and Individual Differences, 138, 84–87.

Decker, O. & Brähler, E (Hrsg.). (2018). Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Leipziger Autoritarismus-Studie. Gießen: Psychosozial-Verlag (siehe auch: https://www.socialnet.de/rezensionen/​25136.php).

Decker, O. & Türcke, Ch. (Hrsg.) (2019). Autoritarismus. Kritische Theorie und psychoanalytische Praxis. Gießen: Psychosozial-Verlag (siehe auch: https://www.socialnet.de/rezensionen/​26568.php).

Der Tagesspiegel (2019). Ich bin Präsident und sie nicht. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/​trump-verhoehnt-us-demokraten-ich-bin-praesident-und-sie-nicht/​24158622.html; aufgerufen: 22.07.2020.

Erz, H. (2019). Der lange Schatten von Gustave Le Bon. Zum sprachlichen Einfluss der Crowd Science auf die Soziologie der Gewalt. Soziologiemagazin, 12(2).

Frindte, W. & Frindte, I. (2020). Halt in haltlosen Zeiten – Eine sozialpsychologische Spurensuche. Wiesbaden: Springer.

Fromm, E. (1936). Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie: Sozialpsychologischer Teil. In Erich Fromm, Max Horkheimer & Herbert Marcuse u.a. (Hrsg.), Studien über Autorität und Familie, Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, Band V. Paris: Félix Alcan.

Fromm, E. (1999, Original: 1941). Die Furcht vor der Freiheit (Original: Escape from Freedom). In Erich-Fromm-Gesamtausgabe in 12 Bänden, Band I (S. 217 ff.), herausgegeben von Rainer Funk. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

Heitmeyer, W. (2018). Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I. Berlin: Suhrkamp (siehe auch: https://www.socialnet.de/rezensionen/​25185.php).

Horkheimer, M. (1936). Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie: Allgemeiner Teil. In Erich Fromm, Max Horkheimer & Herbert Marcuse u.a. (Hrsg.), Studien über Autorität und Familie, Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, Band V. Paris: Félix Alcan.

Mann, H. (1918). Der Untertan. Leipzig: Kurt Wolff Verlag.

Marcuse, H. (1936). Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie: Ideengeschichtlicher Teil. In Erich Fromm, Max Horkheimer & Herbert Marcuse u.a. (Hrsg.), Studien über Autorität und Familie, Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, Band V. Paris: Félix Alcan.

Marx, K. (1960; Original: 1852). Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In Karl Marx & Friedrich Engels, Werke, Band 8. Berlin: Dietz.

Weiß, V. (2017). Die autoritäre Revolte. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Wirth, H.-J. (2020). Wir sind verwundbar – und das ist auch gut so. Quelle: https://www.spiegel.de/psychologie/​corona-pandemie-wir-sind-verwundbar-und-das-ist-auch-gut-so-a-a01d35d9-01db-4603-ab8f-a804319101d8; aufgerufen: 05.05.2020.

Womick, J., Ward, S. J., Heintzelman, S. J., Woody, B. & King, L. A. (2019). The existential function of right‐wing authoritarianism. Journal of Personality, 87 (5), 1056–1073.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 06.08.2020 zu: Günter Frankenberg: Autoritarismus. Verfassungstheoretische Perspektiven. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-518-29886-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26626.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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