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Christina Rummel, Raphael Gaßmann (Hrsg.): Sucht: bio-psycho-sozial

Cover Christina Rummel, Raphael Gaßmann (Hrsg.): Sucht: bio-psycho-sozial: Die ganzheitliche Sicht auf Suchtfragen - Perspektiven aus Sozialer Arbeit, Psychologie und Medizin. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 155 Seiten. ISBN 978-3-17-036372-4. 29,00 EUR.
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Herausgeber*innen und Entstehungshintergrund

Es gibt es also doch noch, das Sucht-Geschäft: Organisationen und professionelle Helfer, die ‚ihre‘ Sucht-Gefährdeten und Süchtigen betreuen, um nicht zuletzt auch davon zu leben. Der kleine, von den beiden Geschäftsführern der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) herausgegebene Sammelband kämpft mit seinen 13 Beiträgen im Rahmen der Zauberformel eines ‚bio-psycho-sozialen Modells‘ (BPSM) für die Gleichberechtigung der Sozialen Arbeit in ihrem Verhältnis zur Suchtmedizin und zu den psychologischen Suchttherapeuten.

Aufbau und Inhalt

In den drei ersten einleitenden Kapiteln plädiert zunächst Felix Tretter gegenüber dem ‚vorherrschenden neurologischen Reduktionismus‘ (13) für ein integriertes BPSM: „Eine neue therapie- bzw. praxisrelevante Perspektive, die am BPSM anknüpft, kann in der Integration der neuen Phänomenologie mit der zu revitalisierenden ökologischenund systemischen Perspektive gesehen werden.“ (23, kursiv im Original). Wow!

Über die Entstehungsgeschichte der Ottawa-Charta der WHO, deren Gesundheits-Konzept auch die positive Gesundheitsförderung verlangt, berichtet Uwe Prümel-Philippsen, um zu Recht deren späte Umsetzung in einem Präventions-Gesetz (2015) – dessen Umsetzung zudem an die gesetzlichen Krankenkassen delegiert wurde – zu beklagen: „Gesundheitsförderung und Prävention im nunmehr vierten Jahrzehnt nach Ottawa in Deutschland sind sicherlich noch lange nicht auf dem besten, aber auf einem etwas besseren Weg als bisher.“ (33). Eine BPS-Aufgabe, die, von den Kassen verlangt, vor allem bei ‚suchtbezogenen Störungen‘ auf das – in Anlehnung an die psychiatrische ICD der WHO entwickelte – diagnostische Instrument der ‚Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit‘ (ICF) zurückgreifen soll, auf dessen ‚Umsetzungsbarrieren‘ Angela Buchholz näher eingeht.

In den folgenden drei Beiträgen stellen die drei beteiligten Professionen jeweils ‚ihren‘ Beitrag zum BPSM vor. Der Chefarzt einer Klinik für Suchtmedizin, Ulrich Kemper, meint, „dass der durch neurobiologische Forschungen begründete Einsatz ärztlicher Interventionen daher unabdingbar und sowohl fachlich wie menschlich geboten ist“ (54), und beklagt die „fehlende Sucht- und Sozialberatung in der medizinischen Basisversorgung“, wie dies „zum Beispiel durch Sprechstundenangebote in Hausarztpraxen“ erfolgen könne. (56).

Der Psychotherapeut Clemens Veltrup schildert die fast uferlose Vielzahl suchttherapeutischer Manuale: „Grundlegende Zielsetzungen aller psychotherapeutischen Interventionen sind die Förderung von Änderungsbereitschaft sowie die Förderung von Änderungskompetenz.“ (63); während Kathrin Liel, Professorin für Soziale Arbeit und Gesundheit, auf den ‚lebensweltorientierten Ansatz (Thiersch)‘ setzt, um damit „einen groβen Beitrag zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Suchtproblemen zu leisten.“ (71). Insofern „hat die Sozialarbeit die wissenschaftliche und praktische Expertise zur Behandlung des sozialen Aspekts von Gesundheit.“ (73). Doch gebe es leider noch immer „deutliche Unterschiede Unterschiede in der finanziellen Anerkennung von Leistungen der Suchthilfe in den einzelnen Sektoren – bei einer deutlichen Benachteiligung der Finanzierung von Leistungen der Sozialen Arbeit.“ (75).

Diese soziale Dimension zeige sich deutlich in den „Sozialen Unterschieden als Schlüssel zur Reduktion von Krankheit.“ (Ulrich John et al.). Hier sei der „Public-Health-Impact vorgehaltener Maβnahmen eindeutig unbefriedigend“ (83), weshalb man im Interesse einer Prävention „über Ressourcen hinaus“ setzen solle auf „die politische Willensbildung und Schaffung von Gesetzen, die evidenzbasiert und im Sinne von Public Health sind.“ (86).

Ein soziales Gefälle, in dem – nach näher dargestellten Umfragen – der Alkoholkonsum vor allem Jugendlicher in letzter Zeit rückläufig sei, wobei einerseits Schüler aus den unteren Schulstufen deutlicher gefährdet seien, während andererseits der ‚riskante Alkoholkonsum bei Frauen mit hohem Sozialstatus bzw. höherer Bildung deutlich stärker verbreitet sei als bei sozial schlechter gestellten Frauen.‘ (Thomas Lampert et al., 101). Dabei bereitet insbesondere das Rauschtrinken Jugendlicher, das verstärkt wegen Alkoholvergiftung ins Krankenhaus führe, besondere Sorge, während ‚viele andere Länder dieses Problem doch erfolgreich meisterten.‘ (Heidi Kuttler, 113).

Im 10. Kapitel untersuchen Benjamin Löhner und Robert Lehmann ‚Möglichkeiten und Grenzen einer Evaluation‘ der Verbesserung der Lebensqualität, wie man sie etwa durch das Instrument ‚Qualimeter‘ oder besser noch durch das neuartige ‚Wirkungsradar‘ ansteuern könnte: „Ohne den hohen Wert der qualitativen Forschung und Evaluationsverfahren und der damit produzierten Erkenntnisse in Frage zu stellen, ist es dennoch sinnvoll zusätzlich eine Ausrichtung der Sozialen Arbeit an empirischen Wirkungsstudien zu prüfen.“ (118).

Abschlieβend analysiert Peter Sommerfeld, Schweizer Professor für Soziale Arbeit, die ‚Metapher BPSM‘ als „Drei-Ebenen-Modell, dessen Ebenen über zirkulär kausale Prozesse miteinander kausal verknüpft sind“, wobei er „die vierte Ebene der gesellschaftlichen Struktur und Kultur bzw. die Einbindung eines Individuums in die gesellschaftliche Positions- und Interaktionsstruktur als Rahmenbedingungen mitlaufen“ lassen will. (133f). Ein Modell, das er anschlieβend mit einem gelungenem Fallbeispiel belegt: „Im Hinblick auf die interprofessionelle Kooperation kann der funktionale Betrag der Sozialen Arbeit mit dem Schaffen und Gestalten von sozialen Erfahrungsräumen sowie mit der (beratenden) Begleitung der Prozesse der Lebensführung, insbesondere der Nachsorge bezeichnet werden.“ (138, im Original kursiv). Eine Aufgabe, so meint Simone Bell-D’Avis vom Caritas-Verband, bei der wir die ‚Respiritualisierung‘ der sozialen Berufe – wie etwa die ‚Höhere Macht‘ bei den AA oder in der Hospiz-Bewegung – nicht auβer Acht lassen sollten: „Interessant ist hierbei, ob die spirituelle Dimension hier in der Sphäre von Heilung – also therapeutisch angewendet integriert wird oder in der Sphäre von Heil – also auch dort ihren Platz hat, wo nichts mehr hilft.“ (146).

Im abschlieβenden ‚Ausblick‘ betont Christina Rummel noch einmal den besonderen Stellenwert der Sozialen Arbeit im Rahmen des BPS-Modells, doch müsse „sie in ihrem Ansehen steigen und auf Augenhöhe mit Medizin und der Psychologie agieren. Soziale Arbeit wirkt. Das Soziale ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern eine essentielle Säule in der Suchtberatung und -behandlung. Dies gilt es auch künftig zu verdeutlichen.“ (152).

Diskussion

Die Problematik solcher BPS-Modelle ist wohl dreifach verankert: Zunächst methodisch im breiartigen Mischmasch immer komplexer gestalteter Modell(-Skizzen) mit dem Bemühen, alle nur denkbaren Kausal-Bezüge einzufangen, anstatt die für die jeweilige Praxis relevanten Wechsel-Bezüge herauszuarbeiten und dabei die von Sommerfeld betonten, dafür relevanten Rückkoppelungs-Prozesse im Auge zu behalten. Sodann hindert die jeweilig einäugig eingeschliffene professionelle Perspektive, die um so stärker ausfällt, je länger und höher die bisherige Berufs-Karriere ausfiel, mitsamt dem dabei auftretenden akademischen Gefälle. Ein Gefälle, das man bei uns zu Lasten der von Sommerfeld eingebrachten Praxis theoretisierend und methodisierend zu kompensieren versucht, obwohl doch alle drei – an sich praktisch orientierten – Professionen schon immer damit ihre Mühe hatten. Und schlieβlich verstört eine – wohl praktisch notwendige, aber eben nicht hinreichende – Kausal-Perspektive, die, auf den Süchtigen fokussiert, mit einem Brennspiegel hantiert, dessen beide Seiten die Sicht verstellen: Indem sie einerseits das ‚Soziale‘, die ‚Kultur‘, die ungleichen Bildungschancen, die Moden der Jugendlichen oder die der ‚besser gebildeten‘ Frauen, also die sozio-ökonomischen Grundbedingungen, vielleicht sehen und empirisch ‚erfassen‘, aber kaum in die eigene Soziale Arbeit einflieβen lassen kann. Während auf der anderen Seite derjenige, der den Spiegel hält, sich als nicht-süchtiges Subjekt versteht, den anderen – eben ganz ‚objekt’iv – als zu Behandelnden begreift, anstatt sich mit ihm in eine Interaktion ‚auf Augenhöhe‘ einzulassen.

Fazit

Als an die ‚Politik‘ gerichtete ‚Denkschrift‘ zur ‚Lage der Sozialen Arbeit‘ bedingt brauchbar – doch fehlten dafür die notwendigen Daten und Zahlen. Als inter-professionelle Aufforderung zum Einsatz und zur Entwicklung des BPS-Modells ohne hinreichenden Anreiz. Für die konkrete Praxis weithin unbrauchbar.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 03.04.2020 zu: Christina Rummel, Raphael Gaßmann (Hrsg.): Sucht: bio-psycho-sozial: Die ganzheitliche Sicht auf Suchtfragen - Perspektiven aus Sozialer Arbeit, Psychologie und Medizin. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-036372-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26629.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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