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Christiane Bomert: Transnationale Care-Arbeiterinnen

Cover Christiane Bomert: Transnationale Care-Arbeiterinnen in der 24-Stunden-Betreuung. Zwischen öffentlicher (Un-)Sichtbarkeit und institutioneller (De-)Adressierung. Springer VS (Wiesbaden) 2020. 314 Seiten. ISBN 978-3-658-28513-5. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 55,50 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion - 18.
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Thema

Die Studie beschäftigt sich mit kollektiven Aktivierungsmöglichkeiten prekär beschäftigter osteuropäischer Care-Arbeiterinnen in der privaten 24-Stunden-Betreuung. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Bedingungen gemeinschaftlicher Interessenvertretung einschließlich erforderlicher institutioneller Rahmungen „im Schnittfeld von Transnationalität, Agency und Unterstützung“ (S. 17). Care-Arbeit soll als Handlungsfeld Sozialer Arbeit und die Care-Krise als Analysethema im sozialen Feld stark gemacht werden. Dieses Anliegen verankert die Studie in der internationalen Care Debatte, die sich zur Aufgabe gemacht hat, geschlechtlich aufgeladene unbezahlte und bezahlte Sorgetätigkeiten von Frauen als notwendige Reproduktionstätigkeit und heimliches Herzstück des Sozialstaates sichtbar zu machen und Anerkennung zu fordern. 

Autorin und Entstehungshintergrund

Christiane Bomert ist akademische Rätin in der Abteilung Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen und die vorliegende Studie stellt ihre Promotion dar. 

Aufbau

Nach einem ausführlichen, diskursanalytisch-feministisch gerahmten Theorie- und Methodenteil folgt eine zweiteilige empirische Untersuchung zur Präsenz der Interessen migrantischer Care-Arbeiterinnen im öffentlichen medialen Diskurs (anhand der Auswertung wichtiger Tages- und Wochenzeitungen) und die Untersuchung des professionellen Diskurses bezogen auf institutionelle Unterstützung kollektiven Handelns (anhand qualitativer Interviews mit Expert_innen in Beratungs- und Vermittlungseinrichtungen). Beide Stränge werden aus einer poststrukturalistischen und machtkritischen Perspektive zirkulär miteinander verbunden und die Ergebnisse bezogen auf neue theoretische Erkenntnisse und auf Umsetzungen im sozialen Bereich diskutiert.

Inhalt

Im ersten Abschnitt führt Bomert in den Untersuchungsgegenstand ein, ausgehend von Care-Arbeit im Kontext von Gender, Migrations- und Wohlfahrtsregimen. Die – besonders in der 24-Stunden Pflege – entgrenzte, oft unsichtbare, als haushaltsnah entwertete und Frauen zugeschriebene Arbeit wird durch die Zusammenschau vielfältiger Studienergebnisse anschaulich gemacht. Den in diesen Studien jedoch wenig beachteten Aspekt handlungsfördernder Maßnahmen in transnationalen Kontexten durch Unterstützung von Netzwerkbildungen will Bomert im Folgenden herausarbeiten.

Der zweite Abschnitt dient der theoretischen und methodischen Rahmung der Studie. Zunächst stellt Bomert die Konzeptionen transnationaler Migration und kollektiver Agency (Handlungsmacht) zur Annäherung an Care-Arbeit als Feld Sozialer Arbeit vor, um sowohl die Ebene der Interaktion als auch die Ebene institutioneller Bedingungen unter Berücksichtigung der Gender Dimension zu erfassen. Dazu bedarf es nach Bomert der Analyse jeweiliger Handlungsmöglichkeiten und -grenzen beteiligter Akteur_innen auf der Basis der Machttheorien von Foucault, Butler und Arendt. Ihre zugrunde gelegten Annahmen fasst sie in vier Punkten zusammen: Erscheinungsräume im Sinne von Versammlungsmöglichkeiten haben Voraussetzungen, politisches Handeln ist auf beziehungsmäßige und institutionelle Unterstützung angewiesen, Versammlungsmöglichkeiten gibt es durch soziale Netzwerke auch in privaten Räumen, die Art der medialen Berichterstattung ist wichtig für die Wirkmächtigkeit von Bewegungen. Ausgehend von der Diskursanalyse legt Bomert ihr methodisches Vorgehen hinsichtlich zweier miteinander verknüpfter Forschungsdimensionen dar: Die Wissensordnungen im medialen Raum bezogen auf die Frage, „wie die Care-Arbeiterinnen diskursiv repräsentiert werden“ (S. 91) und die Wissensordnungen im Expert_innenwissen bezogen auf institutionelles Wissen zu Angebotsgestaltungen an Care-Arbeiterinnen als potentielle Adressat_innengruppen. Die auf der „poststrukturalistisch dekonstruktivistischen Diskursanalyse“ (S. 96) basierenden Untersuchungs- und Auswertungsschritte werden eingehend erläutert, sowohl für die Medienanalyse (von 2004 bis 2016) als auch für die 2017durchgeführten 10 Expert_inneninterviews bei freien Trägern und gewerkschaftlichen Beratungsstellen. Die machtanalytische Zusammenführung der gewonnen Daten dient dazu, Schnittpunkte, Ergänzungen und Brüche zu erkennen, um „die Möglichkeitsräume für widerständiges Handeln migrantischer Care-Arbeiterinnen im Macht-Wissen-Komplex analytisch ab(zu)stecken“ (S. 111).

Im dritten Abschnitt werden die Ergebnisse vorgestellt. Die Untersuchung der Printmedien zeigt, dass sich die Diskursverläufe an Veränderungen gesetzlicher Regelungen orientieren und sich Thematisierungen ökonomischer Faktoren sowie die dominante Rolle von Expert_innen als legitim erscheinende Sprecher_innen durchziehen. Sich wandelnde Diskurselemente beziehen sich auf die zunehmend als notwendig bewertete transnationale Care-Arbeit und die verstärkte Thematisierung der Lebens- und Arbeitssituation der Care-Arbeiterinnen, wodurch diese „in den letzten analysierten Diskursjahren partiell als individuell und kollektiv handlungsfähig beschrieben werden“ (S. 171). Zusammenfassend sieht Bomert vier Diskurslinien: Die Ausblendung der Care-Arbeiterinnen bezogen auf Professionalisierung, die Gleichsetzung bezahlter mit unbezahlter Care-Arbeit, die Problematisierung transnationaler Mutterschaft und die Verknüpfung von illegaler Arbeit und illegaler Migration. In der Fragebogenauswertung werden zunächst die Art der Angebote der untersuchten Einrichtungen (Vermittlung, Beratungen, Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration) und die zentralen Beratungsthemen und Selbstverständnisse vorgestellt. Die Beratungsthemen spiegeln die schwierige Lage vieler Care-Arbeiterinnen aufgrund stark personalisierter, wenig geregelter und wenig abgesicherter Arbeitsverhältnisse wider, indem sich Arbeits- und sozialrechtliche mit allgemein sozialen und psychosozialen Anliegen mischen. Nach Einschätzung der Berater_innen suchen die Frauen oft erst Hilfe, wenn die Situation schon sehr belastend ist, zudem werden ein hoher Bedarf an Beratung, aber auch Beratungshemmnisse vermutet. Beispiele selten vorkommender, sozial engagierter Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit werden vorgestellt und dem von der Mehrheit bejahten, politischen Selbstverständnis der Berater_innen wird nachgegangen, ebenso dem Kenntnisstand über Unterstützungsangebote im Herkunftsland und vereinzelten Kooperationen. Nur ein Teil der Interviewten versteht praktische Unterstützung von Selbstorganisation als eigene Aufgabe, einige haben versucht, verschiedene Formate von Begegnungsmöglichkeiten zu initiieren, aber mit wenig bis mäßigen Erfolgen. Als hemmende Faktoren wurden genannt die besonderen Arbeitsstrukturen und den Frauen zugeschriebene individuelle Merkmale wie prekäre Lebenssituationen, als förderlich wurde gesehen das institutionelle Anstoßen von Aktivitäten und partizipativ gestalteten Austauschorten. Mehrfach wird auf die erfolgreiche Selbstorganisation des Netzwerkes Respekt@vpod in der Schweiz verwiesen. Bomert analysiert die Subjektkonstruktion der Care-Arbeiterinnen durch die Expert_innen als stark dichotomisierend zwischen „passiv-hinnehmend und aktiv-gestaltend“ (S. 225). Handlungshindernisse werden festgemacht an Ressourcenmangel, Handlungsförderungen vor allem an individueller Verhandlungsmacht, seltener an Unterstützungsleistungen und Empowerment-Angeboten sowie günstigen Rahmenbedingungen. Ihre Schlussfolgerungen fasst Bomert in drei Thesen zusammen: Erstens verhindere die mediale und von Expert_innen ausgeübte Stellvertretungspraxis die Möglichkeit einer eigenständigen Interessenartikulation. Zweitens verenge der wenig klare Blick der Expert_innen auf Agency Förderung und institutionelle Unterstützung ebenso wie die mediale Abwertung von Care-Arbeiterinnen die „Möglichkeitsräume für eine unterstützte Selbstorganisierung“ (S. 241). Drittens sieht Bomert sich tendenziell öffnende Räume für Selbstorganisierung durch das Interesse eines Teils der Expert_innen an der Förderung von Empowerment und an Schaffung unterstützender Strukturen sowie durch eine allmähliche mediale Diskursöffnung für eine aktiv handelnde Sichtweise von Care-Arbeiterinnen.

Diskussion

Umfassend werden sowohl der angestiegene Bedarf an feminisierter bezahlter, migrantischer Care-Arbeit als auch die unzureichenden rechtlichen Rahmenbedingungen mit dem Schwerpunkt Deutschland dargelegt, die zu prekären Beschäftigungsverhältnissen in Privathaushalten führen. Etwas knapp verweist Bomert auf die weitgehende Ignorierung in der Sozialen Arbeit, trotz deren Anspruchs, sozialen Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken. Die poststrukturalistische theoretische Rahmung ist sehr ambitioniert, wirkt aber zeitweise durch die knappe Vorstellung zahlreicher Ansätze etwas atemlos. Die Vorstellung des eigenen Ansatzes im Kontext poststrukturalistisch-feministischen Denkens könnte etwas ausführlicher sein, um Möglichkeitsräume für widerständiges Handeln zu erfassen und zu untersuchen. Der methodische Rahmen wird sehr ausführlich und nachvollziehbar dargestellt, hilfreich wäre hier ein Anhang mit Fragebogen und Kategorienbildungen. Interessant ist die detaillierte, methodisch am Dekonstruktivismus und der Diskursanalyse orientierte Auswertung, um Möglichkeitsräume für individuelle und kollektive Agency-Formen osteuropäischer Care-Arbeiterinnen darzulegen. Sorgfältig und mit Belegen wird die mediale Entwicklung nachvollzogen von einer Thematisierung illegalisierter Care-Arbeit als Bedrohung für Pflegedienste und Zu-Pflegende bis hin zur wachsenden Themenvielfalt, gekennzeichnet durch Normalisierung dieser Arbeit sowie Darstellungen der schwierigen Lebens- und Arbeitssituation von Care-Arbeiterinnen. Die Expert_innen bezogene Auswertung enthält einen guten Überblick über vorhandene Unterstützungsangebote sowie Sichtweisen und Selbstverständnisse dieser Professionellen. Ergebnis der beiden Untersuchungsstränge ist, dass Care-Arbeiterinnen in den Medien kaum selbst eine Stimme haben und Expert_innen institutionell kaum Räume zur Selbstrepräsentation schaffen. Wie diese Nichtrepräsentanz eine Interessenartikulation verhindert, wäre eine eigene Untersuchung wert. Interessant wäre zudem eine Recherche zu der Art und Weise, in der die Bedingungen in anderen Ländern, z.B. der positiv erwähnten Schweiz unterstützender sind als in Deutschland. Sehr hilfreich sind die abschließenden Überlegungen von Bomert hinsichtlich handlungsbezogener Möglichkeiten Sozialer Arbeit, die geforderten Möglichkeitsräume zu erweitern.

Fazit

Diese Publikation stellt einen bereichernden Mosaikstein in der Auseinandersetzung mit der Care-Krise und ihren Auswirkungen auf transnationaler Ebene dar. Sie macht die Ergebnisse der Untersuchung von Unterstützungsmöglichkeiten für die Selbstorganisierung von Care-Arbeiterinnen durch öffentliche Diskurse und durch Expert_innenwissen in sozialen und gewerkschaftlichen Einrichtungen für die Soziale Arbeit nutzbar. Da in der Arbeit ausführlich theoretische und methodische Grundlagen auf neuestem Stand erörtert werden, kann sie gewinnbringend sowohl für an Diskursansätzen Interessierte sein als auch – aufgrund der praxisbezogenen Ergebnisse zu Aktivierungsmöglichkeiten von migrantischen Care-Arbeiterinnen – für sozial Engagierte und Professionelle.


Rezension von
Prof. (i.R.) Dr. Margrit Brückner
Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Margrit Brückner. Rezension vom 20.01.2021 zu: Christiane Bomert: Transnationale Care-Arbeiterinnen in der 24-Stunden-Betreuung. Zwischen öffentlicher (Un-)Sichtbarkeit und institutioneller (De-)Adressierung. Springer VS (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-28513-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26632.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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