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Valentin Dander, Patrick Bettinger u.a. (Hrsg.): Digitalisierung - Subjekt - Bildung

Cover Valentin Dander, Patrick Bettinger, Estella Ferraro, Christian Leineweber, Klaus Rummler (Hrsg.): Digitalisierung - Subjekt - Bildung. Kritische Betrachtungen der digitalen Transformation. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 280 Seiten. ISBN 978-3-8474-2350-8. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
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Thema

Wie der Titel besagt, geht es im vorliegenden Buch um eine kritische Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation, ihre Auswirkungen auf subjektive Konzepte und Haltungen und um ihre Abbildung und den Umgang mit digitalen Umständen, vorab im Bereich der Bildung.

Herausgeber:innen

Die Herausgeber:innen des Buches Digitalisierung – Subjekt – Bildung sind an unterschiedlichen Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland und in der Schweiz tätig, vorab im Bereich Medienpädagogik.

Entstehungshintergrund

Aus einer Arbeitsgruppe hervorgegangen, die sich unter dem Titel «Digitalisierung – Institutionen – Subjekte» auf den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) im März 2018 an der Universität Duisburg vorbereitet hatte, ist in zweijähriger Arbeit der vorliegende Band entstanden, welcher zwölf inhaltliche Beiträge versammelt.

Aufbau und Inhalt

Am Anfang des Buches steht ein ordnender und zugleich die Herangehensweise des Buches erklärender Überblick. Die Beiträge des Buches behandeln recht unterschiedliche Themen, von digitalen Bildungsformen und Entfremdung geht es über ein Maori-Konzept zur Selbstverortung zu Fake News und Medienbildung, Plattformökonomie, partizipativen Medienkulturen, coding publics und Cyberfeminismus. Die Beiträge vertreten unterschiedliche Theorieansätze, beleuchten jedoch alle Phänomene und Diskurse digitaler Transformation mit einem kritischen Blick. Ebenso hebt sich der vorliegende Band von anderen Büchern zu digitaler Transformation insofern ab, als er theoretische Auseinandersetzungen und Reflexionen unternimmt und nicht – wie viele andere, gerade pädagogische Literatur – aus konkreten Beispielen gute Praxis ableitet. Im Folgenden sollen einige Aspekte aus dem Buch näher beleuchtet werden.

Die Herausgeber:innen beschreiben in der Einleitung (S. 9 bis 18) den «schielenden Blick», der Digitalisierung und Subjekt in den Fokus nimmt. Es interessiert sie das Digitale und das Verbindende. Individuen und konkrete Praktiken zusammen mit dem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund zeigen konkrete Verflechtungen von Subjekten in der digitalen Welt (S. 11). Es erstaunt nicht, dass am Schluss mehr Fragen bleiben als Antworten gefunden wurden, auch in Bezug auf Bildung.

Wer aber braucht schon Antworten, wenn das Denken so angeregt wird wie beispielsweise durch den Text von Estella Ferraro? Ihr Artikel (S. 57 bis 96) befasst sich mit einem Thema, das auf den ersten Blick nicht weiter von Digitalisierung weg sein könnte. Sie setzt sich mit einem Konzept der Maori auseinander, welches «Ort zum Stehen» bedeutet und auch mit Fussschemel übersetzt wird, jedoch auch ein Konzept zur Selbstpositionierung ist. Ferraro befasst sich dann mit dem Umgang mit digitalen Standpunkten (S. 72). Ferraro führt aus, wie das Recht, sich nicht zu erinnern und nicht in Erinnerung zu bleiben gefährdet ist, wenn es um digitale Spuren und das digitale Erinnern geht. Zudem ist das Zusammenspiel von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren wichtig. Digitale Praxen sieht Ferraro als gleichzeitiges Bedürfnis nach Bewegung und festem Standort – etwas, was das Maori-Konzept bietet. Könnte die digitale Welt eine Befähigung der Individuen im Sinne des Maori-Konzepts ermöglichen? Estella Ferraro lässt die Frage unbeantwortet. Als Leserin überrascht und erfreut der Denkraum, der sich in der transdisziplinären Annäherung an eine Philosophie und ein Wissen öffnet, welches unberührt von «Schatten» wie dem Kapitalismus existiert oder zumindest unabhängig davon entstanden ist.

Mitherausgeber Valentin Dander formuliert sechs Thesen und unterscheidet dabei zwischen Digitalisierung und Digitalisierung, wo er eine kapitalismuskritische Dimension aufnimmt. Ihn interessiert Digitalisierung als Diskursphänomen. In den meisten Diskussionen und auch bei vielen Ängsten und Abwehrreaktionen gehe es nicht um die Digitalisierung als technischen Prozess, sondern um Digitalisierung als Indienstnahme für kapitalistische Verwertungslogiken. Für Dander jedoch steht die Suche nach dem «anderen» der Bildung, Analyse und Kritik im Vordergrund.

Diskussion

Digitalisierung – Subjekt – Bildung ist ein junges, ein sprudelndes, ein anregendes Buch. Die einzelnen Beiträge unterscheiden sich wie erwähnt betreffend Thema und Schwerpunkt, jedoch auch im Schreibstil. Auch was gendergerechte Sprache anbelangt, wurde den Autor:innen lediglich nahegelegt, das generische Maskulinum zu vermeiden, ohne präzisere Vorgaben zu machen. Man spürt den Beiträgen ihre ehrgeizigen, originellen, wenig „kanalisierten“ Autor:innen an, welche, so scheint es, leichtfüssig im akademischen Zirkus unterwegs sind, von Trapez zu Trapez schwingen, einander den Ball zuwerfen, auf einem galoppierenden Pferderücken jonglieren. Das Buch ist eine Momentaufnahme, heute stehen die Autor:innen da, morgen haben sie ihre Ideen schon weiterentwickelt. Bei allem Leichten, Gehüpften und vielleicht auch Getüpfeltem bleibt der kapitalismuskritische Unterton, der die Weltsicht grundiert. Die kritische Sicht auf die Verbindung von Digitalisierung im Sinne Valentin Danders und Kapitalismuslogik ist der zentrale Beitrag des Buches und kann nicht hoch genug geschätzt werden. Interessant, dass der Beitrag aus der Ecke der Pädagogik kommt.

Fazit

Digitalisierung – Subjekt – Bildung lädt zu reflektierendem und neugierigem Lesen ein und ermöglicht Denkreisen, In-sich-gehen und Analyse – ein großartiges, überaus aktuelles Buch!


Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 25.08.2021 zu: Valentin Dander, Patrick Bettinger, Estella Ferraro, Christian Leineweber, Klaus Rummler (Hrsg.): Digitalisierung - Subjekt - Bildung. Kritische Betrachtungen der digitalen Transformation. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2350-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26652.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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