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Tomke Sabine Gerdes: Psychische Beeinträchtigung und Erwerbsarbeit

Cover Tomke Sabine Gerdes: Psychische Beeinträchtigung und Erwerbsarbeit. Eine qualitative Studie zu Frauen und Männern mittleren Alters in der Öffentlichen Verwaltung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 265 Seiten. ISBN 978-3-7815-2350-0. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Thema

Der Titel des Bandes verweist bereits auf das Thema: Psychische Beeinträchtigungen im Rahmen von Erwerbsarbeit von Frauen und Männern mittleren Alters in Öffentlichen Verwaltungen. Dabei geht es um Einflussfaktoren auf die berufliche Teilhabe und mögliche Gestaltungsspielräume seitens betrieblicher Akteure wie Vertrauenspersonen der Menschen mit Behinderung, Personalverantwortliche, BEM-Beauftragte und Führungskräfte.

Autorin

Tomke Sabine Gerdes ist Diplom-Pädagogin und am Fachgebiet Berufspädagogik und berufliche Rehabilitation der Universität Dortmund als Akademische Rätin tätig. Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind die berufliche Wiedereingliederung und Teilhabe erwachsener Menschen am Arbeitsmarkt.

Entstehungshintergrund

Beim vorliegenden Band handelt es sich offensichtlich um die Dissertation der Autorin. Der Text scheint für die Publikation wenig modifiziert worden zu sein. Insbesondere die Tatsache, dass das ausgewertete Primärmaterial mittlerweile 10 Jahre alt ist, sollte bei der Lektüre bedacht werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist wissenschaftlichen Ansprüchen dienend gegliedert.

Die Einleitung thematisiert psychische Störungen im Kontext der Arbeitswelt. Der Fokus liegt auf förderlichen und hinderlichen Faktoren für eine erfolgreiche berufliche Teilhabe psychisch beeinträchtigter Frauen und Männer. Die Autorin legt hier dar, warum ihrer Ansicht nach eine subjektive Perspektive Betroffener zum Verständnis dieser Bedingungen unerlässlich scheint.

In Kapitel 1 wird ein theoretischer Bezugsrahmen gespannt, der ausgehend von einer umfangreichen Begriffsklärung wichtige gesundheitswissenschaftliche, psychologische und arbeitswissenschaftliche Konzepte für ein Verständnis der Wirkung von Umgebungsfaktoren auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit umfasst. Die Autorin stellt drei Ebenen dar, von denen Einflüsse auf die berufliche Teilhabe zu erwarten sind: auf der Personen-Ebene werden Faktoren wie der Gesundheitszustand berücksichtigt, auf der strukturellen Ebene sind äußere Umgebungsfaktoren im Blickpunkt, wie sie etwa durch das Belastungs-Beanspruchungskonzept dargestellt werden können und auf der sozialen Ebene treten Wirkungen des Verhaltens der Beteiligten im Arbeitszusammenhang zutage. Der übliche Rahmen für Untersuchungen solcher Zusammenhänge wird durch das Konzept der Intersektionalität erweitert. Hier liegt der Fokus auf der Wechselwirkung der in den traditionellen Konzepten singulär wirkenden Faktoren. Damit lassen sich aus der Soziologie bekannte Strukturkategorien wie Geschlecht, Alter oder Behinderung, in ihren Wechselwirkungen mit Belastungs- und Ressourcenfaktoren darstellen.

Kapitel 2 arbeitet den Forschungsstand zur beruflichen Teilhabe psychisch beeinträchtigter Frauen und Männer auf. Bereits hier zeigen sich teils deutliche Wechselwirkungen z.B. hinsichtlich des Erwerbsstaus für Geschlecht, Alter und Behinderung. Die Relevanz der oben genannten Ebenen bzw. Faktoren wird anhand umfangreicher und gut recherchierter Daten ersichtlich. Dezidiert werden Wirkungen betrieblicher Umweltfaktoren, die sich aus der Organisation von Arbeit aber auch aus der Tätigkeit und sozialen Beziehungen ergeben, dargestellt. Auch die klassischen Instrumente des betrieblichen Gesundheitsmanagements werden berücksichtigt.

In Kapitel 3 wird die eigentliche Forschungsfrage abgeleitet und die Methodik der Untersuchung dargestellt und begründet. Bei der Frage, welche Faktoren die berufliche Teilhabe psychisch Beeinträchtigter prägen, soll die Komplexität der relevanten Faktoren und deren subjektive Bedeutung aus Sicht Betroffener sowie aus Sicht betrieblicher Akteure berücksichtigt werden. Hierfür wird ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, der aufgrund seiner verstehenden Subjektorientierung nicht repräsentativ angelegt ist. Die Autorin verwendet hierfür halbstrukturierte Leitfadeninterviews mit deren Hilfe sie die Perspektive psychisch beeinträchtigter Frauen und Männer, von Vertrauenspersonen der Menschen mit Behinderung sowie Personalverantwortlicher und BEM-Beauftragter erfasst. Insgesamt führt die Autorin hierzu 35 Interviews mit 47 Gesprächspartner_innen durch.

Kapitel 4 beschreibt sehr detailreich und mit vielen Einzelzitaten die Ergebnisse. Nicht immer decken sind die Einschätzungen der Betroffenen und der betrieblichen Akteure. Aber hinsichtlich der Personenfaktoren wird z.B. offensichtlich, dass berufliche Teilhabe vor allem an die Leistungsfähigkeit gebunden ist. Frauen sind hier aufgrund häufigerer Doppelbelastung durch die Familiensituation eher im Nachteil. Hinsichtlich der sozialen Faktoren am Arbeitsplatz sticht vor allem das Verhalten der Führungskräfte, u.a. auch aufgrund ihrer Vorbildfunktion hinsichtlich der sozialen Akzeptanz von Menschen mit Behinderung, hervor. Deutlich lassen sich hier auch Interaktionswirkungen mit Rahmenbedingungen wie Personalmangel oder Arbeitsverdichtung aufzeigen, die sich insgesamt eher negativ auf die berufliche Integration psychisch Beeinträchtigter auswirken. Hinsichtlich struktureller Faktoren weisen die Befunde summarisch sehr deutlich auf eine akzeptierende und wertschätzende Organisationskultur hin, wenn es um die Frage geht, wovon gerade psychisch beeinträchtigte Frauen und Männer am Arbeitsplatz profitieren können. Diese erleichtert auch den betrieblichen Akteuren ihre Arbeit und zeigt entsprechende Auswirkungen auch bei der Gestaltung und Umsetzung betrieblicher Vereinbarungen.

Kapitel 5 fasst die wesentlichen Ergebnisse kurz zusammen, diskutiert das methodische Vorgehen und verweist auf mögliche Konsequenzen für die Erarbeitung von Handlungskonzepten in der Praxis.

Diskussion

Der Band beinhaltet grundlegende Informationen zum Thema berufliche Teilhabe insgesamt. Rechtliche, medizinische, gesundheitswissenschaftliche und arbeitswissenschaftliche Grundlagen werden sehr ausführlich und kompetent dargelegt. Die Rolle betrieblicher Akteure in der Betreuung psychisch Beeinträchtigter am Arbeitsplatz wird ebenso ersichtlich wie entscheidende Rahmenbedingungen in öffentlichen Verwaltungen. Die aus umfangreichen Forschungen gut bekannten Einflüsse auf Gesundheit und berufliche Tätigkeit werden referiert und dienen als Grundlage der Untersuchung. Der qualitative Ansatz bestätigt diese insgesamt. An mehreren Stellen kann die Autorin zudem auch Interaktionswirkungen mit Strukturkategorien wie Geschlecht, Alter und Behindertenstatus nachweisen.

Kritisch anzumerken bleibt, dass das ausgewertete Material mittlerweile 10 Jahre alt ist. In der Zwischenzeit haben sich nicht wenige Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Öffentlichem Dienst geändert. So hat z.B. der hier kaum berücksichtigte Einfluss der Gleichstellungsbeauftragten, die rechtlich eine deutlich wichtigere Stellung einnehmen als etwa die Vertrauenspersonen der Menschen mit Behinderung, deutlich zugenommen. Und auch Institutionen wie die Bundesagentur für Arbeit haben mittlerweile erkannt, dass psychisch beeinträchtigte Personen bei der beruflichen Teilhabe besser unterstütz werden können, mit der Folge, dass sie ihr Personal entsprechend schulen. Daher erscheint es umso bedeutsamer, dass nicht nur die Rahmenbedingungen ausschlaggebend für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung sind sondern vor allem soziale Faktoren, die sich u.a. in einem akzeptierenden Arbeitsklima manifestieren. Die konsequent weitergeführte Forschungsfrage müsste an dieser Stelle daher lauten: „Wie kann ein sozial akzeptierendes, wertschätzendes Organisationsklima geschaffen werden, das es auch psychisch beeinträchtigten Personen erlaubt, ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und zu erhalten?“ Dabei geht es vor allem um einen Wandel der oft unreflektierten Grundhaltungen und Einstellungen aller Beteiligten am Teilhabeprozess. Im Zentrum muss dabei die Frage stehen, was jemand kann, nicht, was jemand nicht kann!

Fazit

Der von Tomke Sabine Gerdes vorgelegte Band informiert umfassend zur Frage beruflicher Teilhabe von Menschen mit (psychischer) Behinderung. Er problematisiert anschaulich Einflussfaktoren auf die berufliche Teilhabe und mögliche Gestaltungsspielräume seitens betrieblicher Akteure. Lesenswert ist der Band auch deshalb, weil eine Weiterführung der Arbeit in Form von Forschungs- und Umsetzungsfragen lohnenswert erscheint.


Rezension von
Prof. Dr. Rolf Manz
Geschäftsführer „ECM – Education Consulting Manz“ für Beratungsprojekte rund um berufliche Bildung und Integration. Diplompsychologe, habilitierter Hochschullehrer für Psychologie und Soziologie an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung - Fachbereich Bundeswehrverwaltung, Mannheim, ehemals Referent für arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in München, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Forschungsverbund Public Health Sachsen in Dresden und wissenschaftlicher Mitarbeiter in Klinik und Epidemiologie an der Universität Heidelberg
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Zitiervorschlag
Rolf Manz. Rezension vom 18.08.2020 zu: Tomke Sabine Gerdes: Psychische Beeinträchtigung und Erwerbsarbeit. Eine qualitative Studie zu Frauen und Männern mittleren Alters in der Öffentlichen Verwaltung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2350-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26660.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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