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Michael Fischer, Donatus Beisenkötter (Hrsg.): Kita als Lebensort des Glaubens

Cover Michael Fischer, Donatus Beisenkötter (Hrsg.): Kita als Lebensort des Glaubens. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. 384 Seiten. ISBN 978-3-7841-3068-2. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch steht in der Reihe „Identität und Auftrag“. Band 1 beschäftigte sich mit „Entscheidungen im Management christlicher Organisationen“, Band 2 trug den Titel „Altenhilfe braucht Spiritualität“. Der vorliegende dritte Band stellt das Münsteraner Kita-Pastoral-Projekt vor, welches 2014 auf Initiative von Bischof Dr. Felix Genn als Pilotprojekt entstand, und seit 2019 in einem dauerhaften institutionellen Rahmen weitergeführt wird.

Aufbau

Das Werk gliedert sich in vier Teile:

  1. Teil A stellt das Münsteraner Kita-Pastoral-Projekt vor
  2. Teil B schildert die Erkenntnisse aus der Begleitforschung
  3. Teil C lässt Fachleute die vorliegenden Ergebnisse diskutieren und
  4. Teil D widmet sich dem Ausblick und der Weiterentwicklung des Projekts.

Inhalt

Im Bistum Münster besuchen gegen 50‘000 Kinder über 700 katholische Kindertagesstätten. Damit stellt die katholische Kirche einen bedeutenden Träger von Kindertageseinrichtungen dar. Die Einleitung des Buches beginnt mit dem Satz: „Kindertageseinrichtungen sind pastorale Orte der Gegenwart und Zukunft.“ (Fischer und Beisenkötter, 9) und zeigt damit sowohl die innerkirchliche Wichtigkeit von Kitas wie auch den Anspruch des katholischen Glaubens auf diese.

Teil A: Das Münsteraner Kita-Pastoral-Projekt

Dieser erste Teil des Buches erläutert die Veränderungen, die sowohl in der Organisation der Kirchenstrukturen wie auch gesamtgesellschaftlich während der letzten Jahrzehnte stattgefunden haben.

So erweiterte beispielsweise das Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1991 den Auftrag der Erziehung und Betreuung von Vorschulkindern um das Element der Bildung. Zusätzlich erhielt in Deutschland 2013 jedes Vorschulkind ab dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Kita- oder Tageselternplatz.

Die Altersstruktur der betreuten Kinder verschob sich immer mehr zu Kindern unter drei Jahren, während pädagogische Ansprüche und Anforderungen von Seiten der Eltern, Behörden und Kindern kontinuierlich stiegen.

Das Hauptkriterium zur Auswahl einer Kinderbetreuung stellt für die meisten heutigen Eltern nicht mehr die konfessionelle Gebundenheit dar, damit ist die Zusammensetzung der Kinder vielfältiger geworden, das Einbinden von Religion in die Erziehung ist weniger selbstverständlich als noch vor ein paar Jahrzehnten. Die ehemals volkskirchlichen Kindergärten für katholische Kinder der jeweiligen Pfarrgemeinde mutierten zu öffentlich finanzierten, allen Familien offenstehenden Kindertageseinrichtungen.

Einige Pfarrgemeinden haben in jüngster Zeit fusioniert, bei anderen stehen Fusionen unmittelbar bevor. Diese Tatsache erfordert Klärung von Rollen und Zuständigkeiten, sowie Kennenlern- und Teambildungsprozesse.

Die Träger-, Unterstützungs- und Begleitsysteme der katholischen Kitas im Bistum Münster sind historisch gewachsen und sehr komplex, die Kitas sind strukturell fest in das pastorale Umfeld der Diözese eingebunden. Der Diözesepastoralplan von 2013 trug einer großen Vielfalt Rechnung, indem er wenig konkrete Vorgaben machte, sondern als Ziel „die Bildung einer lebendigen, missionarischen Kirche vor Ort in den Sozial- und Lebensräumen der Menschen“ formulierte (Pastoralplan für das Bistum Münster, 31; zitiert nach Beisenkötter, in: Fischer und Beisenkötter, 45).

Die zunehmende finanzielle Belastung für die katholische Kirche durch die Kitas führte zur Grundsatzfrage, wie weit das Engagement in der frühkindlichen Sozialisation gerechtfertigt sei und wie genau es auszusehen habe, damit es dem Anspruch einer katholischen Kita gerecht werde. Parallel dazu entdeckten die Bischöfe die katholischen Kitas als Knotenpunkte für das Erreichen ganzer Familienstrukturen und Sozialsysteme.

All diese Gegebenheiten führten zum Bedürfnis nach Klärung von Inhalten, Strukturen und Zusammenarbeit rund um die katholischen Kindertagesstätten.

Mit dem Münsteraner Kita-Pastoral-Projekt soll nun ein umfassender Orientierungsrahmen der Diözese geschaffen werden. Ziel ist es, die Kitas zu „Lebensorten des Glaubens für Kinder und ihre Familien zu machen.“ (Beisenkötter, in: Fischer und Beisenkötter, 79).

Für das Pilotprojekt wurden die Pfarreien aufgerufen, sich mit Ideen zu bewerben. Aus den Bewerbungen von 32 Pfarreien mit über 100 Kitas wurden 8 Standorte ausgewählt. An diesen Standorten wurden Projektgruppen gebildet und erste Workshops mit den Kita-Teams durchgeführt, welche Team- und Organisationsentwicklungsprozesse in Gang setzten. Einbezogen werden sollte so weit wie möglich das ganze System von Eltern, Kindern, pädagogischen Kräften, Trägerinteressen, öffentlichem Auftrag und die jeweiligen sozialräumlichen und pastoralen Besonderheiten.

Gleichzeitig wurde ein religionspädagogisches Fortbildungsangebot für Erzieher und Erzieherinnen mit den folgenden Modulen geschaffen:

  1. „Jetzt auch noch fromm…“ Als Erzieherin in einer katholischen Kita arbeiten
  2. Religionspädagogik in der Kita: Ansätze und Zugänge
  3. Kitas als pastorale Orte in der Pfarrei
  4. Biblische Geschichten entdecken
  5. Das Kirchenjahr kennenlernen und gestalten
  6. Kindgerechte Liturgie, Beten, Kirchenraumpädagogik
  7. Werte vermitteln – interreligiöse Bildung
  8. Religionspädagogik für Kinder unter drei Jahren

Das Buch stellt beispielhaft drei der acht ausgewählten Projekte mit ihren Team- und Entwicklungsprozessen ausführlicher vor:

  • St. Gudula Rhede: „Sich selbst und Gott auf die Spur kommen“
  • St. Antonius Rheine: „Bunte Vielfalt, bunte Heimat“
  • St. Dionysius Duisburg-Walsum: „Uferbogen -pastorale Ideen am Rande“

Teil B: Erkenntnisse aus der Begleitforschung

Die fünfjährige Projektphase wurde wissenschaftlich durch den Mitherausgeber Michael Fischer begleitet, welcher einerseits qualitative Interviews führte und die Bewerbungsschreiben der Pfarreien inhaltsanalytisch auswertete, andererseits mit quantitativen Fragebogen die Stimmung der beteiligten Pfarreien und ihrer Kindertagesstätten einfing.

In der Auswertung wurde explizit vermieden, einen Vergleich unter den acht Projekten vorzunehmen, damit keine unnötige Konkurrenz zwischen den Standorten erzeugt wird. Hingegen wurden die Aussagen der Kita-Mitarbeitenden und jene der pastoralen Mitarbeitenden einander gegenübergestellt.

Insgesamt zeigte sich eine sehr grosse Zufriedenheit mit dem Verlauf des Projekts. Als Erwartungen wurden insbesondere die Entwicklung eines tragfähigen Gesamtkonzeptes erwähnt, sowie von Seiten der Erzieherinnen auch eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem eigenen persönlichen Glauben.

An Befürchtungen wurde von Seiten der Erzieherinnen genannt, dass in der religiösen Erziehung kein Zwang, weder auf Kinder noch auf Erzieherinnen ausgeübt werden dürfe. Und beide Berufsgruppen machten sich Gedanken über die Zeitressourcen für dieses gewaltige Projekt.

Am Ende der Projektphase bekundeten nahezu alle Beteiligten eine grosse Zufriedenheit mit der Entwicklung. Einerseits haben sie persönlich einen wertvollen Lernzuwachs erlebt, andererseits sind neue Kooperationsprozesse in Gang gekommen. Die Kita-Erzieherinnen schätzten vor allem die Auseinandersetzung mit dem persönlichen Glauben, den Austausch dazu im Team und mit anderen Beteiligten. Als besonders wertvoll für die Umsetzung in die Praxis erachteten sie es daher, wenn die Fortbildungen nicht nur zur individuellen Erweiterung des Horizontes genutzt, sondern vom ganzen Team besucht wurden. Das pastorale Personal erlebte den grössten Lernzuwachs in der Auseinandersetzung mit der Lebensrealität von Kleinkindern.

Eine deutliche Veränderung ergab sich durch das Projekt bei der Frage nach verbindlichen Standards, welche am Ende mehr Zustimmung erhielten als zu Beginn der Projektphase. Beide Berufsgruppen wünschen sich klare Regelungen im Bereich Fortbildung und befürworten weitere religionspädagogische Qualifizierungen. Als dringlicher Handlungsbedarf wird vor allem von den pastroralen Mitarbeitenden das Item „klare Regelungen für die Kita“ genannt, während die Zustimmung der Erzieherinnen hier deutlich kleiner ist.

Weiterhin besteht ein Klärungsbedarf in der Zusammenarbeit der pastoralen Mitarbeitenden und den Erzieherinnen bei der konkreten Ausgestaltung religiöser Elemente in den Kitas und ganz besonders bei der „religiösen Elternarbeit“.

Mehrfach wird der Diskussionspunkt angeschnitten, dass die religionspädagogische Qualifizierung an den Berufsfachschulen für Sozialpädagogik unterschiedlich ausfällt, je nachdem ob es sich um kirchliche oder staatliche Ausbildungsstätten handelt. Dadurch bringen die Erzieherinnen unterschiedliche religiöse Bezüge und Wissen auf verschiedenen Niveaus mit in die Arbeit, und es fragt sich, wie das religiös-spirituelle Defizit der staatlichen Ausbildungen am besten aufgefangen werden kann. Den Erzieherinnen ist es sehr wichtig, sich kollektiv im Team mit religiösen und spirituellen Fragen auseinanderzusetzen, während die pastoral Tätigen sich eine spezifische Qualifizierung einzelner Kita-Mitarbeiterinnen vorstellen können.

All dies zeigt, dass am Ende der Projektphase der Umstrukturierungs- und Klärungsprozess noch keineswegs abgeschlossen ist, sondern vielmehr erst so richtig begonnen hat.

Teil C: Kommentare und Perspektiven zum Projekt „Kita – Lebensort des Glaubens“

In der Beschäftigung mit den bisher vorliegenden Daten bringen Fachpersonen weitere Ideen und Erkenntnisse aus der Projektevaluation ein.

So stellt etwa Matthias Sellmann fest, dass es bei der ganzen Projektauswertung in der Gegenüberstellung der Aussagen der pastoralen Mitarbeitenden und den Erzieherinnen auch einen Gender-Gap mitzuberücksichtigen gelte, sind doch die Kita-Mitarbeiterinnen fast allesamt weiblich und die pastoralen Mitarbeiter weitgehend Männer. Zudem macht der Theologe sich Gedanken über den Singular im Titel ‚Kita als Lebensort des Glaubens’ und erachtet schliesslich nach einem „ausgiebigen theologischen Bogen“ (Sellmann, in: Fischer und Beisenkötter, 217) den Titel als schlüssig, wenn es darum geht, dass in den Kitas nicht spezifisch katholische Glaubensinhalte vermittelt werden sollen, sondern vielmehr das Fundament für die Fähigkeit des Glaubens, nämlich Ur-Vertrauen gelegt werden soll. „Kitas sind Lebensorte, weil durch Anerkennungsprozesse das ‚Ja‘ zum Leben, zur Welt, zu sich und, wachsend, zur Gemeinschaft der Glaubenden und zu ihrem Gott, wahrscheinlicher gemacht werden.“ (ebd., 217).

Elisa Prkačin und Andreas Fritsch machen in ihrem Beitrag auf die Rolle der Eltern aufmerksam: Bei allem Enthusiasmus über sich verändernde Kirchenstrukturen und inhaltlichem Umbau von Kitas darf nicht vergessen werden, dass in allererster Linie die Kinder selbst, die Eltern und die Familien die primären Entscheidungsträger sind, wenn es um religiöse Fragen der Kinder geht. Einer Entmündigung der Eltern durch die Kitas ist ebenso entschieden entgegenzuwirken, wie einer Entmündigung der Erzieherinnen durch das pastorale Personal, welches sich in Glaubensfragen durchschnittlich als besser qualifiziert erachtet als die Erzieherinnen. Es ist zentral wichtig, ressourcen- und nicht defizitorientiert aufeinander zuzugehen – auch dies lässt sich theologisch begründen.

Clauss Peter Sajak stellt fest, dass bei den Kita-Erzieherinnen der Zuwachs an Kompetenzen vor allem in jenen Bereichen stattgefunden hat, bei denen bereits zu Beginn eine hohe Kompetenz vorhanden war (z.B. persönliche Glaubensbiografie), aber wo die Kompetenz zu Beginn als gering eingeschätzt wurde, konnte sie durch das Projekt wenig gefördert werden (z.B. interreligiöse und interkulturelle Kompetenzen). Auch er betont die Wichtigkeit des Einbezugs der Eltern in die religiöse Erziehung der Kinder, und macht darüber hinaus darauf aufmerksam, dass nur von katholischen Fachhochschulen, nicht aber von staatlichen erwartet werden kann, dass Erzieherinnen in religiöser Hinsicht ausgebildet werden.

Angelica Hilsebein wirft die Frage auf, wie katholische Einrichtungen der zunehmenden Pluralität und auch religiösen Heterogenität an Kindern gerecht werden können. Ihre eigene Forschungsstudie zeigt, dass zunehmend auch muslimische Kinder katholische Kindertagesstätten besuchen, dass aber den religiösen Bedürfnissen dieser Eltern nur rudimentär Rechnung getragen wird (z.B. dadurch dass muslimische Kinder eine Alternative zu Schweinefleisch bekommen oder dass die christlichen Kinder die Hände zum Gebet falten, die muslimischen sie öffnen). Es empfiehlt sich, sowohl muslimische Eltern stärker in die Gemeindearbeit miteinzubeziehen als auch muslimische Erzieherinnen in Kitas einzustellen.

Matthias Hugoth merkt an, dass trotz des Titels ‘Kita als Lebensort des Glaubens’ im Fokus des Projekts die Zusammenarbeit zwischen den beiden Berufsgruppen Kita-Pädagoginnen und TheologInnen steht und weniger die konkrete Ausgestaltung religiöser Bildung in den Kitas. Da Authentizität bei der Glaubensvermittlung elementar wichtig ist, ist die Weiterentwicklung des persönlichen Glaubens durch das Projekt ein zentraler Punkt. Hugoth bedauert, dass die Begleitforschung hier zu wenig auf konkrete Umsetzungen innerhalb der Kita geachtet hat, sondern zu sehr in traditionellen Vorstellungen verhaftet blieb. Kitas sind als Lernort und als Auseinandersetzungsort für Glaubensfragen zu betrachten, sie leben durch den spirituellen Geist, der das jeweilige Haus auszeichnet.

Mit dem missionarischen Titel ‘metanoia!’, den er verstanden haben will als «neue Mentalitäten in der ‘pastoralen Grosshirnrinde’» (Stelzer, in: Fischer und Beisenkötter, 279) beleuchtet Marius Stelzer anhand von sechs Thesen die jüngsten strukturdemografischen Entwicklungen katholischer Gemeinden und die daraus resultierenden inhaltlichen Veränderungen. Die kirchlich getragenen Kitas können für diese notwendigen Veränderungsprozesse als Beispiel stehen. Die Kitas benötigen pädagogisches Personal, das die religiös-spirituelle Entwicklung der Kinder begleiten kann. Aufgabe der Seelsorgenden innerhalb der Kitas ist es «Die Fragen und Anliegen der Akteure als existenzielle Fragen zu dechiffrieren und aus Glauben und Theologie heraus zu deuten und zu bearbeiten.» (ebd., 281). Stelzer geht davon aus, dass sich die Aufgaben und Kompetenzen von Kita-Seelsorgenden und Kita-Erzieherinnen mit der Zeit angleichen werden.

Teil D Rückblick und Ausblick

Im letzten Teil des Buches liefern Donatus Beisenkötter und Kathrin Wiggering nochmals eine Zusammenfassung des Münsteranerprojekts, sowie einen Ausblick über dessen Weiterführung. Während sich die vorangegangene Auswertung auf die erste Generation des Kita-Pastoral-Projekts Münster bezieht, wurde 2017 eine zweite Generation mit 15 anderen Standorten und 85 Kitas neu gestartet. Damit waren ungefähr 15 % der katholischen Kitas im Bistum Münster in die Weiterentwicklung der Kita-Pastoral einbezogen. Mittlerweile hat sogar eine dritte Projektgeneration ihren Anfang genommen.

Die bisherige Projekterfahrung zeigt viele positive Resultate. Zahlreiche Pfarreien mit ihren Kitas, denen die religiöse Bildung und Erziehung der Kinder ein grosses Anliegen ist, bewerben sich, um in das Projekt aufgenommen zu werden. Sowohl die Erzieherinnen wie auch die pastoralen Mitarbeiter zeigen ein hohes Engagement und grosse Bereitschaft, Verantwortung für die religiöse Bildung und Erziehung rund um das Kita-Geschehen zu übernehmen. Während des Projekts zeigte sich ein wachsender Bedarf an spirituellen Angeboten, die die Quellen des eigenen Glaubens, die religiöse Selbstvergewisserung und die biographische Standortbestimmung förderten. Da Glaube den kleinen Kindern in erster Linie über ihn authentisch lebende Menschen vermittelt wird, sind diese Auseinandersetzungen mit dem eigenen Glauben enorm wichtig.

Aufgrund der Projekterfahrungen wurde ab 2019 eine definitive Organisationsstruktur mit einem kooperativ arbeitenden Aktionsprogramm „Kita – Lebensort des Glaubens“ eingerichtet, die durch eine neu geschaffene Fachstelle Kita-Pastoral ergänzt wird.

Durch all die viele Arbeit und durch personelle Veränderungen ist die Arbeit am durch das Projekt angestrebten umfassenden Orientierungsrahmen für die ganze Diözese ins Hintertreffen geraten.

Noch einmal weisen Beisenkötter und Wiggering (in: Fischer und Beisenkötter, 324) auf die enorme Bedeutung der Kitas für die katholische Kirche hin: «Die Kitas in katholischer Trägerschaft sind (potenziell) wirkungsvolle Orte und Gelegenheiten der Evangelisierung. Nicht erst durch ihren Auftrag zur religiösen Bildung und Erziehung von Kindern zwischen 0 und 6 Jahren, sondern als Gesamtsystem Kita sind sie herausgefordert, glaubwürdige Realisierung des Sendungsauftrags der Kirche zu sein und der wechselseitigen Erschliessung von Evangelium und Leben der Kinder und Familien in der Welt von heute und damit der Humanisierung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse zu dienen. Sie haben das Potenzial, in allen Vollzügen ein Ort lebensnaher und lebensbegleitender «kontextueller» Seelsorge zu sein beziehungsweise zu werden.»

Diskussion

Als Erstes fällt beim Lesen die riesengrosse Begeisterung auf, mit der die Beteiligten am Werk sind, um das Projekt „Kita – Lebensort des Glaubens“ umzusetzen. So wird über das Teilprojekt Uferbogen gesagt: „Ein Großteil der Aktivitäten fand und findet außerhalb der regulären Arbeitszeit statt.“ (Leinhäupl in: Fischer und Beisenkötter, 98). Viel ist die Rede vom gemeinsamen Aufbruch, vom Zusammen-Unterwegs-Sein, und die Beteiligten schätzen es sehr, sich mit persönlichen und kollektiven Glaubensfragen auseinandersetzen zu können. Es scheint hier der Weg das Ziel zu sein.

Für Außenstehende dagegen ist der Nutzen schwerer zu erfassen, denn das Buch gebärdet sich stellenweise etwas sperrig. Einerseits finden sich über das ganze Werk verstreut immer wieder in unterschiedlichem Kontext Detailinformationen, z.B. über vorangegangene Strukturveränderungen innerhalb der betroffenen Pfarrgemeinden oder über den Aufbau der Diözese Münster. Diese dezentralisierten Informationen muss sich die interessierte, nicht mit den örtlichen Verhältnissen vertraute Leserin zusammenklauben, um ein einigermaßen stimmiges Bild der Veränderungsprozesse zu erhalten. Um sich effizient orientieren zu können, wäre eine bessere Struktur der Basisinformationen hilfreich. Dafür könnte andererseits auf einige Redundanzen verzichtet werden, die sich daraus ergeben, dass verschiedene Fachpersonen aus ihrer Sicht die Resultate des Projekts kommentieren und daher mehrfach dieselben Erkenntnisse repetieren.

Zudem wird an vielen Stellen sehr wortreich wenig konkret Fassbares verkündet, hierzu ein Beispiel: „Das sich entwickelnde Verständnis der Kitas als eigenständigen pastoralen Orten in der Pfarrei, die als bedeutsame Knotenpunkte in ein kinder- und familienpastorales Netzwerk (in der Pfarrei) eingebunden sind, führt zu einer genaueren Erkenntnis der möglichen Verknüpfung wie auch der spezifischen Unterscheidung zwischen dem Handlungsfeld 'Kita-Pastoral' und der 'Kinder- und Familienpastoral' der Pfarrei (wie zum Beispiel kinderkatechetische Angebote, Familienmessen etc.) mit den mit dieser Unterscheidung verbundenen unterschiedlichen Bedingungen und Verantwortlichkeiten.“ (Leinhäupl, in: Fischer und Beisenkötter, 95).

Wenn es dann aber um konkrete Fragen geht, wie sie z.B. Angelica Hilsebein zu den muslimischen Kindern in katholischen Tageseinrichtungen stellt, scheint trotz der vielen Erfolgserlebnisse, Verbesserungen der Zusammenarbeit, Klärung von Strukturen und Zuständigkeiten noch weiter klärungsbedürftig, was genau in einer Kita drin ist und drin sein soll, wenn ‚katholisch‘ darauf steht.

Zu einem selbstkritischen Fazit nebst viel Begeisterung kommt auch Donatus Beisenkötter (in: Fischer und Beisenkötter, 78): „Nach fünf Jahren im Projektstatus lässt sich resümieren, dass noch längst nicht alle erkannten Baustellen in zufriedenstellender Weise angepackt und noch längst nicht alle möglichen Kooperationspartner auf der örtlichen wie auf diözesanen Ebene langfristig erfolgreich aktiviert werden konnten.“

Fazit

Das Buch beleuchtet ein sehr umfassendes, sehr anspruchsvolles, enorm komplexes, zeit- und ressourcenintensives Projekt, dessen Ziele erstaunlich vage formuliert sind: Die katholischen Kitas zu Lebensorten des Glaubens zu machen. Indessen scheint der gemeinsame Prozess enorme Ressourcen freizulegen und begeisterungsfähige, gläubige Menschen zu einer Neujustierung katholischer Kitas, eingebettet in ihre kirchlichen Trägerschaften, zu bewegen.

Weitere Informationen finden sich auch unter: https://www.kita-lebensort-des-glaubens.de


Rezension von
Ursula Christen
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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 14.08.2020 zu: Michael Fischer, Donatus Beisenkötter (Hrsg.): Kita als Lebensort des Glaubens. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. ISBN 978-3-7841-3068-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26661.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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