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Lutz Wesel: Wie sag ich‘s meinem Doc?

Cover Lutz Wesel: Wie sag ich‘s meinem Doc? Machen Sie das Beste aus Ihrem Arztbesuch! Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. 158 Seiten. ISBN 978-3-8497-0040-9. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Lebenslust.
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Thema

Was können Patienten in der Kommunikation von ihrem „Doc“ erwarten? Eine Frage, die sich mündige Patienten stellen sollten.

Autor

Der Autor ist Mediziner und hatte in Sinsheim eine Praxis für Allgemeinmedizin. Schwerpunkte seiner Tätigkeit waren Psychotherapie, Präventionsmedizin, Hypnotherapie, achtsamkeitsbasierte Methoden und Arzt-Patient-Kommunikation. Seine Erfahrungen als „Doc“ werden hier beschrieben und reflektiert.

Aufbau

Das kleine Handbuch ist neben Vor- und Nachworten in acht Kapitel aufgeteilt: In jedem Kapitel wird erst vorgestellt, was behandelt wird, dann in einem Schlusswort zusammengefasst.

  1. Warum und wie man zum Arzt wird
  2. Wie man den richtigen Arzt findet
  3. Wie man am besten mit seinem Arzt kommuniziert
  4. Über Kassenabrechnung; Privatliquidation und individuelle Gesundheitsleistungen
  5. Placebos und Nocebos
  6. Von guten und von schlechten Trancen
  7. Google weiß alles
  8. Kontroversen meistern

Inhalt und Diskussion

Im Vorwort wird das Ziel des Buches erläutert: Auch Patienten entwickeln ein Gefühl dafür, wie wichtig die Kommunikation in der Medizin ist. Sie werden ermuntert und gestärkt, dem Arzt auf Augenhöhe zu begegnen: „Nehmen Sie die Sache selbst in die Hand!“

1. Warum und wie man zum Arzt wird

Es sind folgende Beweggründe:

  • Interesse am Menschen: Idealismus, Humanismus, Freude am helfen,
  • Interesse an der Wissenschaft und
  • Interesse an gutem Einkommen und Prestige.

Im Studium lernt der junge Arzt erst den gesunden, dann den kranken Körper theoretisch kennen, in der klinischen Weiterbildung dann wird er zum Arzt. Manchen bleiben durch gute Vorbilder „Dinge wie Humanismus, Ethik, Menschlichkeit Mitgefühl und Takt“ erhalten, „doch das ist heute nicht mehr unbedingt die Regel“ – Die einzelnen Disziplinen haben sich so weit aufgesplittert, dass den Spezialisten der Überblick verloren gegangen ist. Aber es geht nicht nur um Chefs:

„Die wahren Bosse“ im Krankenhaus sind die Verwaltungschefs. „Sie geben den Ärzten vor, wie die Behandlung des Falls unter wirtschaftlichen Aspekten auszusehen hat und wie lange ein Patient im Krankenhaus bleiben darf, damit er sich rechnet.“ Und so geht es weiter, wenn der Arzt sich niederlässt und dem entspricht, was sich aus den Verträgen der Kassenärztlichen Vereinigung mit den Gesetzlichen Krankenkassen ergibt. Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen sich Ihre Kommunikation mit Ihrem Arzt entwickeln kann.

2. Wie man den richtigen Arzt findet

Hier werden Hinweise gegeben, wie man einen passenden Hausarzt findet, was bei Spezialisten und Klinik zählt und wie „Sie schwarze Schafe auf dem Gesundheitsmarkt identifizieren können.“

Wesel, der als Hausarzt arbeitete, schreibt sein Plädoyer für Hausärzte: mit Anfang vierzig sollte man ihn sich spätestens suchen, damit man, wenn mit fünfzig die Gesundheit nachlässt, „seinen“ gefunden hat. Beim Hausarzt ist die menschliche Qualität besonders wichtig, beim Facharzt die fachliche.

Neben anderen Kriterien, nach denen der Hausarzt der Wahl zu finden sei, ist, ob er Sie untersucht und ob er seine Grenzen kennt. Sie müssen auch sehen, ob er die gleiche Auffassung hat wie Sie, der Patient, in Fragen nach naturheilkundlichen, psychosomatischen oder anderen komplementären Heilkunden u. v.a. sowie jede denkbare Mischform.

Beim Facharzt haben die Kriterien eine andere Reihenfolge: fachliche Kompetenz, technische Ausstattung und Menschlichkeit. „Wenn Sie einen Spezialisten benötigen, dann suchen Sie sich den besten, nicht den nächstgelegenen. Der Beste muss nicht unbedingt der Netteste sein.“

Noch wichtiger sind Ausstattung und Kompetenz bei der Wahl von Krankenhäusern.

3. Wie man am besten mit seinem Arzt kommuniziert

Hier geht es um „Grundzüge der Arzt-Patienten-Beziehung“, häufige Probleme bei der Entwicklung und wie man sich auf den Arztbesuch vorbereiten kann, damit diese Beziehung gelingt.

Die erste Voraussetzung ist, sich einen längeren Termin geben zu lassen, wenn man ein Gespräch sucht. Es gibt dann eine Fülle von Beispielen weniger gelungener Kommunikationen. Auch gibt es Beispiele, was Sie sagen kommen, wenn Sie nicht untersucht werden: „Herr Doktor, ich wäre doch sehr beruhigt, wenn sie eben noch mal nachschauen würden.“ Und machen Sie sich Notizen, vor und beim Besuch!

Besonders gefiel mir etwas zum Fachchinesisch: „Der alte Arzt spricht Lateinisch, der junge Englisch und der gute Arzt spricht die Sprache seines Patienten.“

4. Über Kassenabrechnung; Privatliquidation und individuelle Gesundheitsleistungen

Dieses und die beiden folgenden Kapitel sind m.E. die wichtigsten des Buches: Es wird erläutert, wie sich das Honorar einen Arztes zusammensetzt und welche Veränderungen sich durch die Deckelungen in der Behandlung eines Kassenpatienten ergeben. Während früher der Arzt Leistungen anordnen und erbringen konnte, so wie er es heute bei Privatpatienten noch kann, werden Pauschale vorgegeben. Im 2. Quartal 2012 erhielt ein Hausarzt im Quartal € 41, ein Frauenarzt nur €16,50, egal, ob der Patient nur ein Rezept braucht oder mehrmals behandelt werden muss. Darüber hinaus gibt es festgelegte Beträge für andere Leistungen.

Die Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) werden ausführlich, auch mit Beispielen, behandelt. Der Autor sieht sie als heilungsfördernd als, betont, dass sie nicht alternativ, sondern komplementär sind. Alternativen zur Schulmedizin gibt es nämlich nicht!

Konfliktpotenzial entsteht durch nicht korrektes Verhalten der Ärzte und nicht korrektes Verhalten der Krankenkassen (in dieser Reihenfolge). Ärzte bedrängen Patienten, während die Ärztekammern auf ihren Internetseiten darauf hinweisen, dass der Wunsch nach den von den Kassen nicht bezahlten Leistungen vom Patienten auszugehen hat. Die Krankenkassen hingegen verurteilen einerseits Manches (Osteopathie, anthroposophische Medizin oder Homöopathie), während sie diese auch als werbewirksame Leistungen selbst anbieten.

Der igel.monitor.de der Krankenkassen wird von einem Team erstellt, das ausschließlich aus Vertretern der evidenzbasierten Medizin besteht. Hier hätten auch Vertreter der Komplementärmedizin mitreden sollen: „Denn abseits von wissenschaftlichem Denken sehen wir durch Lebenserfahrung und gesunden Menschenverstand, dass das Leben und das Schicksal sowie die Bedürfnissen von Patienten eben nicht evidenzbasiert sind. Pausenlos widerfahren uns Dinge, die weder logisch sind noch wissenschaftlichen Gesetzen gehorchen.“

Das Kapitel schließt mit Tipps zur Verhandlungsführung mit dem Arzt und dem Hinweis, IGel-Angebote wären von der Steuer absetzbar.

5. Placebos und Nocebos

In diesem Kapitel werden wir auf das folgende vorbereitet: was zählt ist die Überzeugung des Patienten, ob ein Medikament, eine Maßnahme helfen (gefallen) wird oder nicht (schaden). Wohl dem, der einen Hausarzt hat, dem er vertraut: mancher kann dann getrost die Beipackzettel weglassen! Außerdem empfiehlt er, eher bewährten Medikamenten zu vertrauen, als den neuen. Wenn er für sich selbst von der Notwendigkeit einer Medikamenteneinnahme überzeugt ist, liest er vorsichtshalber die Beipackzettel nicht.

6. Von guten und von schlechten Trancen

Der Unterschied zwischen einer Hypnose, wie wir sie aus Shows kennen, und der Arzt-Patient-situation besteht darin, dass der auf der Bühne Hypnotisierte etwas tut, was er eigentlich nicht möchte, während der Arzt etwas „herausholt“, was der Patient selbst erreichen möchte. Beim Arzt werden Patienten häufig in Trancezustände versetzt. Oft genug in negative, gegen die Sie den „gesunden Menschenverstand einsetzen sollen. „Ärzte versetzen Patienten regelmäßig in Trancezustände, ohne dass sie es wissen, merken oder wollen!“ Für Wesel folgt daraus für Ärzte die Aufgabe zu ermuntern, „Wenn der Ausgang einer Angelegenheit ungewiss ist, ist es nie verkehrt, Hoffnung zu machen!“

7. Google weiß alles

Vielen fehlen Wissen und Erfahrung, um die Informationen zu sichten und zu gewichten. Wie sagte der Physiker und Philosoph Niels Bohr: „In einer einfachen Form des Denkens ist das Gegenteil der Wahrheit–die Unwahrheit. In einer höheren Form des Denkens ist das Gegenteil der Wahrheit–eine andere Wahrheit.“ Er rät ausdrücklich dazu, die „zweite Meinung“ einzuholen, also mit jemanden zu sprechen, der einem die vielen Informationen, die es bei Google gibt, auf die individuelle Situation anzupassen.

8. Kontroversen meistern

Hier wird die „gewaltfreie Kommunikation“ vorgestellt, wie man seine Meinung vertreten kann, ohne das Gegenüber zu verletzen. Das Kapitel schließt mit dem Vorschlag für eine Antwort, wenn man nicht verstanden hat, was der Arzt meint: „Herr Doktor, was Sie da eben gesagt haben, hat mich ganz verwirrt. Ich würde aber gerne verstehen, was Sie mir gesagt haben, können Sie mir das bitte noch mal etwas genauer erklären.“ Wenn das nicht gelingt, rät er zum Arztwechsel.

Im Nachwort wird die Gemengelage des deutschen Gesundheitswesens noch einmal vorgeführt, mit der Bitte, nicht vor allem die Ärzte als Schuldige vorzuführen. Bei den Empfehlungen für die Zukunft wird die Bedeutung der sprechenden Medizin herausgestellt und für deren bessere Vergütung geworben.

Fazit

Ein lesenswertes Buch, getragen von Erfahrung; gut geschrieben und ein herzerwärmendes Plädoyer für eine menschliche Medizin! Empfehlenswert für Menschen, die selbst, oder auch als Nahestehende längere Patientenkarrieren durchzustehen haben,


Rezension von
Prof. Dr. Eva Luber
MSc
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Zitiervorschlag
Eva Luber. Rezension vom 11.05.2020 zu: Lutz Wesel: Wie sag ich‘s meinem Doc? Machen Sie das Beste aus Ihrem Arztbesuch! Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. ISBN 978-3-8497-0040-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26668.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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