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Birgit Jagusch, Yasmine Chehata (Hrsg.): Empowerment und Powersharing

Cover Birgit Jagusch, Yasmine Chehata (Hrsg.): Empowerment und Powersharing. Ankerpunkte – Positionierungen – Arenen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 316 Seiten. ISBN 978-3-7799-6217-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 39,38 sFr.

Reihe: Diversität in der Sozialen Arbeit - 1.
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Thema

Die Publikation thematisiert Empowerment und Powersharing in unterschiedlichen Beiträgen. „Die Vielstimmigkeit und auch teils widersprüchlichen Kontextualisierungen und Narrationen sind daher Teil des Konzepts und Anliegens dieses Bandes, diese sicht- und streitbar zu machen“ (S. 13).

Herausgeberinnen

Birgit Jagusch ist Professorin an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln. Sie arbeitet dort am Institut für interkulturelle Bildung und Entwicklung.

Yasmine Chehata forscht und lehrt am Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist der Auftakt für eine Fachbuchreihe zu Diversität in der Sozialen Arbeit.

Aufbau

  1. Diskurse und Arenen
  2. Akteur*innen und Positionierungen
  3. Ankerpunkte und Interventionen

Inhalt

Anhand einiger Beiträge wird beispielhaft der Inhalt angeführt:

Der Terminus Empowerment ist eine Form des Widerstands gegen Rassismus, Diskriminierung und Abwertung. In dieser Lesart ist Empowerment ein politischer Handlungsansatz und ein Akt der Befreiung.

Unter Powersharing ist die Notwendigkeit zu verstehen, „sich selber und die eigenen individuellen und strukturellen Positioniertheiten und Privilegien, die unsichtbaren und gleichzeitig beständig wirkmächtigen Platzanweisungen zu vergegenwärtigen und die sich daraus ergebenden Verantwortungen zu reflektieren“ (S. 12)

Tsepo Andreas Bollwinkel Keele befasst sich in seinem Beitrag mit der Bedeutung des Empowerments für Schwarze Menschen. In seiner Einleitung weist er darauf hin, dass er den Text in der Sprech- und Diskurstradition seines Mutterkontinents Afrika verfasst. Sie gibt einen Einblick in die Geschichte der Schwarzen in der Bundesrepublik Deutschland, der über das was üblicherweise im schulischen Geschichtsunterricht gelernt wird, weit hinausreicht. Auf Seite 22 empfiehlt der Autor dem Leser: „Ein paare Nächte mit Google und Co seien Dir ans Herz gelegt.“

Der Leser erfährt die ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten, die im weißen Dominanzraum den Anderen, den Fremden, zustoßen und die sich im Rassismus zeigen. Rassismus, so der Verfasser, ist immer tödlich. Für in Deutschland lebende Schwarze bedeutet Empowerment, sich der eigenen Resilienz über die Jahrhunderte hinweg bewusst zu werden. Es gelte, diese zu erforschen, zu fördern sowie die beeindruckenden historischen und gegenwärtigen Leistungen der Schwarzen zu feiern. „Empowerment für Schwarze Menschen in Deutschland bedeutet, sich selber als eigenständige Gruppe mit spezifischen Erfahrungen wahrzunehmen und anzuerkennen“ (S. 23). Alle Schwarzen Menschen eint die Erfahrung von Rassismus, Isolierung, Colorisierung, Migrantisierung und weißer Gewalt. Aus dieser Einheit erwächst Resilienz. Die Gewalterfahrungen führen zu unerahnten Kraftquellen. Der Dehumanisierung wird sich mit Resistance widersetzt. „Resistance ist ein Trotzdem, ein Aufbäumen gegen die Übermacht, ein Behaupten des Ureigenen gegen alle Gewalt“ (S. 25). Und, so schließt Bollwinkel Keele seinen Beitrag: „Nur mit dem revolutionären Ende des kolonialen und kapitalistischen Projektes haben wir als Menschheit insgesamt eine Chance, auch unser Leben auf diesem Planeten zu erhalten“ (S. 28).

Mit dem Powersharing im bewussten Umgang mit Privilegien und der Verantwortlichkeit für soziale Ungerechtigkeit befasst sich Natascha Anahita Nassir-Shahnin in ihrem Beitrag. Powersharing meint das politische Interesse daran, Macht, Zugänge, Lebens- und Beteiligungschancen gerecht zu verteilen und zu verschieben. Die Voraussetzung von Powersharing mit dem Blick auf solidarischem Handeln ist das Erkennen von Machtstrukturen und die bewusste Wahrnehmung der eigenen Position und Rolle in diesem System. So richtet Powersharing den Blick auf Privilegien. „Powersharing bedeutet aus der eigenen Privilegien-Blase auszusteigen, den gesellschaftlichen roten Teppich zu verlassen und Platz für andere Lebensrealitäten zu machen“ (S. 35).

„Empowerment und Powersharing eignen sich als machtkritische politische Konzepte, um solidarische Handlungsmöglichkeiten auf einer subjektiven und kollektiven Ebene im Kontext unterdrückerischer Strukturen zu entwickeln“ (S. 31).

Powersharing bezieht sich auf strukturelle Ungleichbehandlungen, auf Diskriminierungen. Für Diskriminierung charakteristisch sind:

  • die konstruierte Differenz, die sich in Ein- und Ausgrenzung zeigt;
  • die Hierarchisierung, als die Auf- und Abwertung;
  • die Macht, welche sich als Deutungs- und Definitionsmacht zeigt.

Bei Diskriminierungen und Barrieren handelt es sich um unverdiente Nachteile. Im Gegensatz dazu sind Privilegien unverdiente Vorteile und Privilegierte steigen schneller auf.

Gün Tank, Meral El und Julia Mi-ri Lehmann befassen sich im Abschnitt Akteur*innen und Positionierungen mit dem IN.POWERMENT. Hierbei handelt es sich um ein inklusives Netzwerk, das sich neuen deutschen Organisationen (NDO) und Migrant*innenselbstorganisationen (MSO) widmet. Diese Organisationen treten in Form des zivilgesellschaftlichen Engagements als Veto-Akteure in Erscheinung. „Stütze dieses Engagements sind Non-Governmental Organizations (NGOs)“ (S. 117).

Die NDOs gründeten sich als Antwort auf die Pegida-Debatte, deren Gründung im Jahr 2015 auf die Debatte um Thilo Sarrazin von 2010 zurückgeht. „Auch wenn seine Thesen weitgehend widerlegt wurden, gelten diese in Deutschland als freie Meinungsäußerung, während die UN sie als rassistisch eingestuft hat“ (S. 118).

Die Organisationen einen die Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung. NDOs verfolgen den Ausbau des Diskriminierungsschutzes und der Sanktionierung des Rassismus‘.

Jedoch sind die finanziellen Rahmenbedingungen der Migrant*innenselbstorganisationen und der neuen deutschen Organisationen, aufgrund der zeitlich befristen Zuwendung durch Projektgelder, prekär.

Mai-Anh Boger fragt in ihrem Beitrag danach, der unter dem Kapitel Ankerpunkte und Interventionen veröffentlicht wurde, ob und. wie sich der Empowermentbegriff von therapeutischen Konzepten unterscheidet.

Die Verfasserin plausibilisiert in ihren Ausführungen zwei Thesen:

  1. Es gibt keine safe spaces;
  2. Das ist in Ordnung.

Die Autorin nimmt immer wieder Bezug auf Fanon und fragt danach, warum Empowerment schmerzt, dieser Schmerz aber dann doch nicht gehört wird.

Fazit

Empowerment und Powersharing scheinen m.E. gerade in der gegenwärtigen Zeit, in der die ganze Welt einer Pandemie um COVID-19 ausgesetzt ist, notwendig. Wie wird hier von den Regierenden mit Macht umgegangen, z.B. bezüglich des Kontaktverbots, der Pflicht zum Tragen eines Mund-Nase-Schutzes oder der Akzeptanz von anderen wissenschaftlichen Meinungen.

Hierzu passt der Kommentar zu den dritten Ad-Hoc-Empfehlungen der Leopoldina zur Corona-Krise (die über https://blog.inklusion-direkt.de/2020/04/15/jurgen-thomas-und-die-inklusion/ [24. April 2020] abrufbar ist): „Die Empfehlungen dienen, in meiner Wahrnehmung, in beinahe karikaturhafter Weise fast ausschließlich dazu, die dieser Gruppe fast ausschließlich weißer Männer bekannte Gesellschafts-, Wirtschafts- und politische Ordnung in ebenfalls bekannter Weise wieder herzustellen. Das ist eine ausgeprägte Form von 'Able-ism', 'White-ism' und 'Male-ism' – der Blick ausschließlich durch die eigene Brille, in diesem Fall der des weißen, i.d.R. nicht behinderten Mannes.“

Empowerment bedeutet nach Norbert Herriger (2006, S. 20) – und auf ihn beziehen sich verschiedene Autorinnen und Autoren des besprochenen Buches – „Selbstbefähigung und Selbstbemächtigung, Stärkung von Eigenmacht, Autonomie und Selbstverfügung. Empowerment beschreibt mutmachende Prozesse der Selbstbemächtigung, in denen Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, in denen sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen.“

Natascha Anahita Nassir-Shahnian versteht Powersharing als „diskursive, soziale und ökonomische Praxis sowohl auf einer Reflexions- als auch auf einer Handlungsebene. Mit Powersharing werden Privilegien dafür eingesetzt, vermeintliche ‚Natürlichkeiten‘ zu verändern und Ressourcen umzuverteilen“ (S. 39).

Literatur

Herriger, Norbert: Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. 3. Aufl. Stuttgart 2006


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 11.05.2020 zu: Birgit Jagusch, Yasmine Chehata (Hrsg.): Empowerment und Powersharing. Ankerpunkte – Positionierungen – Arenen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6217-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26677.php, Datum des Zugriffs 12.08.2020.


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