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Ulrike Ackermann: Das Schweigen der Mitte

Cover Ulrike Ackermann: Das Schweigen der Mitte. Wege aus der Polarisierungsfalle. Theiss Verlag (Darmstadt) 2020. 206 Seiten. ISBN 978-3-8062-4057-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Die Autorin geht davon aus, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, die Mitte „geistig entleert“ ist, Debatten mit Polarisierungen enden, kurzum die Demokratie in der Krise ist. Sie fordert deshalb: „Neue Intellektuelle braucht das Land“.

Autorin

Prof. Dr. Ulrike Ackermann leitet das von ihr gegründete John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung, ist freie Autorin und Publizistin. Sie lehrte von 2008 bis 2014 an der SRH Hochschule Heidelberg.

Aufbau

Ackermann legt ein fast 200 Seiten umfassendes Essay vor, das nach der Einleitung in sieben Kapitel gegliedert ist und mit einem „Plädoyer für eine anti-totalitäre Selbstaufklärung“ endet. Die Kapitel sind offen, nur lose abgegrenzt, handeln von „Polarisierungen“, „Vertrauenskrisen“, „gesellschaftlichen Spaltungen“, „Heimat“. „Identitätspolitik“.

Inhalt

Das Essay ist überaus komplex angelegt, sodass hier nur einige Thesen angesprochen werden können. Ausgangspunkt ist die These, die Gesellschaft zersplittere in Gruppenegoismen, verfalle in Kollektive. Die Extremisten bestimmen die Agenda. Die Mitte hingegen, so Ackermann, „schweigt“. Ausführlich kommentiert Ackermann den „Absturz“ der Volksparteien, die mit der Auflösung ihrer Milieus an Bedeutung verloren haben.

Doch damit nicht genug: Die gesellschaftliche Spaltung greift um sich, Fundamentalisten sind im Vormarsch, ob nun islamischer oder anti-islamischer Provenienz. Die Rechte wie die Linke betreiben Interessenpolitik, immer mehr Identitätspolitik, verstärken sich wechselseitig, sind in der „Polarisierungsfalle“ gefangen.

Ackermann diskutiert nach dem Stichwort „Kopftuchdebatte“ den Vorwurf des „anti-islamischen Rassismus“, der neuerdings immer dann erhoben wird, wenn jemand Frauen dafür kritisiert, dass sie (womöglich selbstbewusst, emanzipiert, im Protest gegen den westlichen Sexismus) ein Kopftuch tragen wollen.

Die Autorin zieht ohnehin eine „gewisse Schadenfreude“ über das Ende der westlichen Weltordnung in Betracht. Dahinter könnten bei Rechten wie bei Linken der traditionelle Antiamerikanismus und die „Russlandliebe“ der Deutschen ausgemacht werden.

Willkommenskultur als Wiedergutmachung? Wenn sich Deutsche für Flüchtlinge einsetzen, dann vielleicht auch deshalb, weil sie sich vom Makel des Faschismus „freikaufen“ wollen. Jedenfalls ist auch der Kolonialismus der Vorfahren so elegant abzuarbeiten.

Es gibt in Deutschland einen „unkritischen Multikulturalismus“, der alle Orientierungen zulässt und somit eigentlich keine respektiert. Wie der Kommunitarismus auch sei der Multikulturalismus aber letztlich kollektivistisch, also mit der individuellen Freiheit nicht vereinbar. In Frankreich hingegen, so wird berichtet, tobt bereits ein Kulturkampf: Wer den Multikulturalismus kritisiere, wird am Sprechen gehindert.

Eine Menge feinsinniger, aufregender Diskussionsstoff wird hier dem Leser und der Leserin angeboten, ja auch zugemutet.

Diskussion

Ackermanns Essay ist eine intellektuelle Herausforderung. Die Autorin tippt souverän eine Vielzahl von aufklärerischen Protagonisten an, von Kant, Zola bis Dahrendorf und Habermas, über Bourdieubis Finkielkraut, Fukuyama, Kelek, Welzer, Nassehi, ohne wirklich ins Detail zu gehen, essayistisch eben. Seitenzahlen fehlen ohnehin, Belege, Beispiele kommen zu kurz. Viele Hypothesen sind fragwürdig, diskutabel. Sind zum Beispiel – historisch gesehen – die Volksparteien vielleicht nur überbewertet worden? Haben sie sich selbst zu wichtig genommen und den Staat usurpiert? Generieren Soziale Bewegungen und bürgerschaftliches Engagement nicht eben mehr Demokratie? Politische Polarisierung und nachlassender Zusammenhalt: Die Gesellschaft ist einfach nur bunter geworden. Über die neuen Klüfte führen jede Menge neuer Verbindungen, überkreuzende Loyalitäten! Identitätsarbeit zum individuellen Patchwork.

Es mag schon sein, wie Ackermann feststellt, dass sich Intellektuelle – wer immer sich dazu zählt – davor scheuen, die Gefahren des politischen Islam anzusprechen. Weil sie befürchten, als Anti-Islamisten diffamiert zu werden. Das gilt natürlich auch für „verwestlichte“ Muslima und Muslime.

Was also will Ackermann mit ihrem fulminanten Essay vermitteln?

Und wofür soll, nebenbei bemerkt, die herkömmliche Linke-Mitte-Rechts-Topografie (noch) gut sein? Sollten Intellektuelle nicht gerade diejenigen sein, die darauf verzichten, sich und andere mit -ismus oder Anti-ismus zu etikettieren?

Zweifellos, das Essay ist elegant formuliert, manövriert souverän durch alle Wendungen und Widersprüche des intellektuellen Diskurses. Und bleibt doch in dieser Sphäre stecken, erwähnt aber dann fast wie nebenbei das Schicksal der iranischen Anwältin Nasrin Sotoudeh, die grausam „bestraft“ wurde, weil sie Frauen verteidigte, welche gegen den Zwangsschleier protestierten. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich: Intellektueller Diskurs ist schön und gut, doch eigentlich geht es um die Menschenrechte, weltweit. Sind die nicht genau das Band, das die Fraktionen zusammenhält, das die schweigenden Mitte antreiben muss? Ja, die Menschenrechte sind die einzige Parteinahme, die fundamentalistisch sein darf!

Eine zweite Stelle in diesem Essay macht stutzig, eine Nebenbemerkung wieder. Es gibt, so Ulrike Ackermann, „kein Recht auf Niederlassung“. Der Zusammenhang besagt, dass Menschen Heimat brauchen, dass es Grenzen, Staaten geben muss, damit sich die Menschen orientieren und solidarisieren können. Können die Menschenrechte (auf Leben, Wohlstand, Sicherheit, Selbstbestimmung usf.) nicht auch so gedacht werden, dass sie jedem Menschen zukommen? Sind es dann gar nicht die Flüchtlinge, die sich rechtfertigen müssen, sondern deren Zielländer?

Fazit

Das Essay ist eine intellektuelle Herausforderung. Es fordert (nicht nur) die Intellektuellen heraus.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 14.10.2020 zu: Ulrike Ackermann: Das Schweigen der Mitte. Wege aus der Polarisierungsfalle. Theiss Verlag (Darmstadt) 2020. ISBN 978-3-8062-4057-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26678.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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