Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Elena Welper: Chamado da Selva

Rezensiert von Prof. Dr. Hannes Stubbe, 25.02.2020

Elena Welper: Chamado da Selva. Correspondência entre Curt Nimuendajú e Herbert Baldus. Camera Books (Rio de Janeiro) 2019. 229 Seiten. ISBN 978-85-99937-05-1.

Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension

Thema

Der Ethnosoziologe und Begründer des Funktionalismus in der deutschsprachigen Ethnologie Richard Thurnwald (1869-1954) (vgl. Melk-Koch, 1989; Haller, 2005, S. 61; Rössler, 2007, S. 18f), der auch die historische Dimension und (Völker-)Psychologie bei seinen Forschungen miteinbezog, hat einige bedeutende Ethnologen als Schüler hervorgebracht, nämlich Herbert Baldus (1899-1970) und Emilio Willems (1905-1997). Beide spielen in der Soziologie und Ethnologie Brasiliens eine wichtige Rolle. Der bei Richard Thurnwald im Jahre 1931 promovierte und später im „Dritten Reich“ verfemte Herbert Baldus (vgl. Willems, 1971; Becher, 1972; Mühlmann, 1984; Riese, 1995, S. 211; Sampaio Silva, 2000; Passador, 2002) gilt als ein Hauptvertreter der Institutionalisierung der Ethnologie in Brasilien. In São Paulo an der „Escola de Sociologia e Politica“ besetzte er den Lehrstuhl für Ethnologie seit 1939. Auch in Deutschland bekannt sind seine grundlegende dreibändige „Bibliografia Crítica da Etnologia Brasileira“ (1954ff; Nimuendajús Werke in Bd.1 auf S. 484–1119), seine Monografie über die „Tapirapé“ (1970), sowie seine „Ensaios de Etnologia Brasileira“ (1937, 2. Aufl. 1979), die er dem „grande conhecedor dos índios no Brasil Curt Nimuendajú“ gewidmet hat. Mit dem in Brasilien und den USA bekannten Sozialwissenschaftler Dr. Emilio Willems (1905-1997), einem anderen deutschen Auswanderer, hat Baldus ein wenig bekanntes, nützliches Lexikon „Dicionario de Etnologia e Sociologia“ (São Paulo: Companhia Editora Nacional, 1939; es enthält auf S. 4 eine Fotografie R. Thurnwalds mit Widmung an Baldus) herausgegeben (vgl. Corrêa, 1987, S. 118–127).

Es ist ein sehr großes Verdienst, dass Frau Dr. Elena Welper, eine der führenden Wissenschaftlerinnen der bras. Ethnologie, in mühseliger Archivarbeit nach dem verheerenden Brand des Museu Nacional (RJ) am 8. September 2018, der die gesamten wertvollen ethnologischen Sammlungen Brasiliens, sowie den Nachlass Curt Nimuendajús (1883-1945), ebenfalls eines deutschen Auswanderers und optischen Facharbeiters aus Jena, vernichtet hat, jetzt den Briefwechsel zwischen ihm und Herbert Baldus (unter dem Jack Londonschen Titel „Ruf der Wildnis“, 1903) herausgegeben hat. Die Korrespondenz erlaubt erkenntnisreiche Einblicke in die Situation der Ethnologie und der Indigenen in Brasilien der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Wer war Nimuendajú? „Nimuendajú war ein Gigant in der Peripherie des (damaligen) Weltsystems“ (Fausto, S. 20). Der Sozialanthropologe Roberto DaMatta (*1936) (S. 13), der bei den Apinayé ein „sobrinho de Curt“ genannt wird, betont dessen Liebe zu den Indigenen Brasiliens, das allmählich erst seine Verantwortung für diese „Anderen“ zu entdecken beginnt. Nimuendajús innovativer Beitrag für die Ethnosoziologie, Ethnohistorie (vgl. Mapa Etnohistórico de Curt Nimuendajú. IBGE, 1981, mit ca. 1400 Ethnien und 973 Titeln in der Bibliografie!), Archäologie und Ethnolinguistik Brasiliens kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nimuendajú lebte fast 40 Jahre von 1905 bis1945 unermüdlich unter schwierigsten tropischen Bedingungen bei verschiedenen im Briefwechsel erwähnten indigenen Gruppen z.B. Guarani, Kaingáng, Ofayé, Orti, Terena, Kaiguá, Tembé, Timbira, urubu, Juruna, Xipaya, Arara, Kayapó, Parintintin, Mura, Pirahã, Tora, Matanawi, Palikur, Munduruku, Baníwa, Wanâna, Tariâna, Tuka, Maku, Apinayé, Canela, Krikati, Krepúnkateye, Pokópüe, Guajaj, Xerent, Kraho, Fulniô, Xucuru, Gamela, Patachó, Kamacã, Machacari, Botocudos, Gorotire, Tucuna (vgl. Welper, 2002; Stubbe, 2007; Schröder, 2019).

Aufbau

Das mit alten Fotografien bebilderte Werk ist folgendermaßen gegliedert:

  • Vorwort von Cristina Oldemburg und Roberto DaMattta
  • Einführung: Ein Ethnograf in der Peripherie des Weltsystems
  • Es folgt die nach Jahren gegliederte Korrespondenz (beginnend im Jahre 1934 und endend im Jahre 1945)
  • Anmerkungen
  • Bibliografie

Inhalt

Wie kann man diese Korrespondenz charakterisieren? Es handelt sich um eine asymmetrische Kommunikation zwischen einem „Wissenden“ in der bras. Peripherie (Belém) und einem „lernenden“ Akademiker im bras. Zentrum (São Paulo). Wiedergegeben werden insgesamt 89 in Nimuendajús Archiv erhaltene Briefe (die teilweise als Kopien der Originale in den Text eingefügt wurden). Der Briefwechsel beginnt am 20. März 1934 und endet am 13. August 1945, vier Monate vor Nimuendajús Tod. Die Korrespondenz wurde zuerst auf Deutsch geführt und ab März 1942 auf Portugiesisch, da Brasilien am 21. August 1942 Deutschland und Italien den Krieg erklärte und der Gebrauch der deutschen Sprache wegen Spionageverdacht verboten wurde (vgl. König, 2014). Der welthistorische Hintergrund dieses Briefwechsels ist der Aufstieg des Nationalsozialismus und der II. Weltkrieg (1939-1945). Die Themen des Briefwechsels sind vor allem ethnologische Fragen (etnologia indígena, Ethnolinguistik) und Forschungsergebnisse, sowie Feldforschungs-Pläne und Persönliches. Welper betont methodisch ihre „Rettungsethnologie“ (S. 32) und Nimuendajús Feldforschungsmethode des „going native“. Baldus, der Nimuendajú gleichsam für Brasilien entdeckt hat, wird als „amigo velho“ (ab 1939 als „Senhor Doutor“) bezeichnet.

Fazit

Es ist ein ausgezeichnetes, sehr gut kommentiertes und eingeleitetes wissenschaftshistorisches, mit einer Bibliografie und Fotografien versehenes „Schlüsselbuch“ entstanden, das für alle, die sich intensiver mit der brasilianischen Ethnologie und ihrer Geschichte beschäftigen wollen, grundlegend ist.

Rezension von
Prof. Dr. Hannes Stubbe
Mailformular

Es gibt 4 Rezensionen von Hannes Stubbe.

Kommentare

Dieser Titel ist nicht über den deutschen Buchhandel erhältlich.

Zitiervorschlag
Hannes Stubbe. Rezension vom 25.02.2020 zu: Elena Welper: Chamado da Selva. Correspondência entre Curt Nimuendajú e Herbert Baldus. Camera Books (Rio de Janeiro) 2019. ISBN 978-85-99937-05-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26682.php, Datum des Zugriffs 18.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht