socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Delphine Horvilleur, Nicola Denis: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus

Cover Delphine Horvilleur, Nicola Denis: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (München) 2020. 160 Seiten. ISBN 978-3-446-26596-7. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Thema des vorliegenden Titels widmet sich grundlegenden Überlegungen zum Antisemitismus, Faschismus und Misogynie aus jüdischer Tradition und Sicht.

Autorin

Die Autorin Delphine Horvilleur, geb. 1974, ist Rabbinerin und gehört der Liberalen Jüdischen Bewegung Frankreichs (MJLF) an. Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift Tenou’a und publizierte zum Thema Weiblichkeit und Judentum. Dies ist ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund ist der Antisemitismus von gestern und heute. Der vorliegende Titel beschäftigt sich mit Fragen, wie

  • „Wo liegen die Ursprünge des Antisemitismus?“
  • „Was bedeutet es, jüdisch zu sein, ohne die Definition von Antisemiten?“
  • „Wie hängen Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus zusammen?“

Ausgehend von jüdischen religiösen Texten versucht Horvilleur eine neue Perspektive auf die Ursachen des Antisemitismus in der Geschichte und Gegenwart.

Aufbau

Dem Prolog folgen Kapitel mit den Titeln Antisemitismus als Familienrivalität, als Zivilisationskampf, als Krieg der Geschlechter, als Wahlkampf, und ein Schlusskapitel mit dem Titel „Die jüdische Ausnahme“.

Inhalt

Prolog

Horvilleur beginnt – nach einem Zitat von Jean Paul Sartre – mit der Frage: Warum werden Juden nicht gemocht? Weil sie nicht sind wie die Anderen, fremd und dem Volk, in dem sie leben, nicht zugehörig? Rassisten hassen andere wegen ihrer Fremdheit, ihrer Hautfarbe, anderen Kultur, Sprache, wegen etwas, das sie nicht haben oder sind. Während Juden gehasst werden wegen dessen, das sie. vermeintlich – haben (Macht, Geld, Privilegien, Ansehen), was Neid hervorruft. Sie seien – auch im Leid – nicht kleinzukriegen, quasi unsterblich, obgleich immer wieder Opfer und Diskriminierte seien. Sie würden verleumdet sowohl wegen ihres Reichtums als auch wegen ihrer Armut, als Revolutionäre und Bürgerliche und dafür, dass sie unter sich bleiben, dass sie ähnlich und gleichzeitig anders seien. Sie würden ‚zwanghaft‘ aufgespürt (auf der Suche nach dem eigenen jüdischen/​fremden Anteil? Ha.)

Kapitel 1: Antisemitismus als Familienrivalität

Haben jüdische Exegeten einen besonderen Schlüssel zum Problem des Antisemitismus? Rabbiner haben über den Ursprung des Phänomens nachgedacht, um sich zu Akteuren, und nicht zu Opfer der eigenen Geschichte zu machen. Es gibt offensichtlich eine genuin jüdische Reflexion über den Antisemitismus.

Im Alten Testament gibt es keinen Antisemitismus, weil ‚Juden‘ noch nicht erwähnt werden, stattdessen das hebräische Volk oder die Kinder Israels. Der ‚Hebräer‘ ist der ‚Überquerende‘, der seine Herkunft verlässt, wie Abraham, ein Bild für eine geografische oder geistige Abkoppelung und ein Aufgeben einer Identität. Auch der Mythos vom Auszug aus der ‚Gebärmutter‘ Ägypten – die Plagen als Gebärschmerzen – weisen auf die Suche nach einer neuen Identität.

Der Name Israel wurde Jakob nach seinem Kampf vom Engel gegeben für den Preis einer Verletzung des Hüftgelenks und lebenslanges Hinken, bzw. Schwanken.

Die Wurzel des Wortes Jude geht nach der Thora auf den Stamm Juda und dessen Territorium zurück. Dem Herrscher Ahasveros begegnet in (der ‚schönen und geheimnisvollen‘, Bedeutung ihres Namens) Ester, der Frau des Mordechai aus dem Stamm Benjamin, aber dennoch Yehudi (Jude) genannt, zum ersten Mal ‚jüdische Identität‘ als Religionsgemeinschaft. Haman, der höchste Regierungsbeamte von Ahasveros hasst Mordechai und hetzt den König gegen die Juden auf: Sie lebten abgesondert, nach eigenen Gesetzen und seien nicht integrierbar: Partikularismus wird als Bedrohung empfunden.

Woher der Hass? Mordechai ist ein Abkömmling des Königs Saul, Haman einer von Agag, dem Erzfeind von Saul: beide spielen einen historischen Krieg nach. Agag stammt von Amalek ab, der die Hebräer in der Wüste aus dem Hinterhalt überfallen hatte (mehrfache Erwähnung in der Bibel und Deckname für Antisemitismus). Haman ist also der Erbe eines uralten Hasses.

Esau, Jakobs Bruder, ist der Vater von Elifas, der mit seiner Schwester Timna Amalek inzestuös zeugte, was angeblich die Nachkommenschaft transgenerationell moralisch beschädigte und Hassgefühle hervorrief: Antisemitismus als eine Folge von Erbgeschädigten, die ihren Hass in die Juden, als Repräsentanten des Gesetzes, projizieren? Offen ist ob Timna die Schwester oder Mutter von Amalek war. Eine andere Überlieferung des Talmud schildert Timna als eine Fürstin, der der Übertritt zum hebräischen Glauben verwehrt wurde und die aus Verzweiflung eine Nebenfrau Elifas wurde und ein Kind als Frucht von Ablehnung und Enttäuschung zur Welt brachte: Antisemitismus als eine Geschichte von Neid, Eifersucht und Enttäuschung. Der Name Amalek bedeutet hebräisch ‚derjenige, der kein Volk hat‘. Geht der Hass auf dieses Gefühl von Ausgeschlossensein zurück? Und sind dafür auch die Juden verantwortlich? Antisemiten berufen sich oft obsessiv auf vergangenes Leid, sehen sich als Opfer. Gibt die Erinnerung, ob als Mythos oder real, den Juden mehr Rechte als Pflichten? Die Bibel warnt davor, der Stimme von Hass Gehör zu geben.

Eine andere Geschichte befasst sich mit Amaleks Grossvater Esau, der von seinem Zwillingsbruder Jakob um das Erstgeburtsrecht und den Segen des hintergangenen Vaters mit Hilfe der Mutter betrogen wurde. Die Rivalität, bereits im Mutterleib begonnen, wird als die zwischen dem männlichen behaarten Esau und dem eher weiblichen (kindlichen) unbehaarten Jakob beschrieben, symbolisch als ein Geschlechter- und Zivilisationskrieg. Der Antisemit taucht biblisch zeitgleich mit dem Juden auf als Ausdruck von Neid, Eifersucht, Rivalität und überliefertem Groll.

Kapitel 2: Antisemitismus als Zivilisationskampf

Hat der Judenhass kein System? Ist er irrational? Welchen Feind möchte der Antisemit um jeden Preis loswerden? Nach der Zerstörung des Tempels ging es um die Auseinandersetzung mit den römischen Machthabern. Massala ist ein Beispiel für Selbstopfer anstelle eines feigen Kompromisses, von dem sich die Rabbiner des ersten Jahrhunderts distanzierten. Stattdessen berichten Legenden von einem Judentum, das aus der Asche, religiös aufersteht: Weg von einer Opferzentrierung und geografischem Kult zu Gelehrsamkeit unter dem Schutz der Machthaber. Römer werden im 2. Jahrhundert als ‚Kinder Esaus‘ bezeichnet, dem nach biblischer Prophezeiung der sichere Untergang vorausgesagt war. Jakob und Esau repräsentieren eine unterschiedliche jüdische und römische Kultur.

Neben Judenhass gab es aber auch freundschaftliche Beziehungen. Dem römischen Kaiser Antonius wird sogar eine nahezu sexuelle Unterwerfung unter den gelehrten Rabbi nachgesagt. Auch muss ein Römer nicht schicksalhaft wie Esau handeln. Aber im Bild von Juden als ‚Geschwür‘ wird seine Existenz mit einer Krankheit assoziiert (auch Hitler sprach von ‚Rassentuberkulose‘), die die Integrität verletzt. Der Jude verhindert die Einheit der Familie und der Nation, weil er die Grenzen durchlässig macht. Die intellektuelle Überlegenheit des kaiserlichen Ratgebers Ketya, muss dieser mit dem Tod bezahlen.

Frauen und Juden als Outsider stehen für Weisheit und die Macht des Wortes und den Widerstand gegen eine fundamentalistische Versuchung durch die Anerkennung des Mangels, weiblich symbolisiert durch das ‚Loch‘ anstelle des Penis. Sigmund Freud hatte auf die Beziehung zwischen Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus hingewiesen: Die unbewusste Angst des Mannes vor der ‚Leere‘, der Kastration, was biblisch auch im Buch Ester auftaucht. Ist Antisemitismus ein Problem von Männlichkeit und der Hass auf die Juden ein Krieg der Geschlechter?

Kapitel 3: Antisemitismus als Krieg der Geschlechter

Der Jude wurde oft als ‚verweiblichter Mann‘ wahrgenommen. Oder es wurde unterstellt, dass mit jüdischen Frauen verheiratete Männer unter ‚jüdischem Einfluss‘ stehen. Diese Vorstellung zieht sich durch die Jahrhunderte (viele Beispiele) bis hin zum Rassenwahn. Hitler bezog sich auf Weininger ‚Geschlecht und Charakter‘, in der Annahme, dass das Judentum mit Weiblichkeit durchtränkt sei und einen Kontrast zum Christentum bilde: Man müsse den in Gestalt des verfolgten Juden, das ‚Weibliche‘, aus sich herausreißen.

In der ‚Kindheit eines Chefs‘ beschreibt auch Sartre die Geschlechterverwirrung eines verunsicherten Kindes. Horvilleur fragt, ob die Männer um 1900 eine Männlichkeitskrise in Gestalt einer Identitätsangst durchgemacht haben. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Männlichkeitskrise und Judenhass? Margarete Mitscherlich nannte Antisemitismus eine ‚Männerkrankheit‘. Im Talmud finden sich zwei Männlichkeitstypen: der männliche und der eher weibliche (unbehaarte wie Jakob), der männliche Kraft gegen intellektuelle eintauscht, – das Gegenbild zum Gladiator: Ein Bild vom jüdischen Mann, das möglicherweise auf die Beschneidungspraxis zurückgeht.

Bei den Propheten im Alten Testament wird das Verhältnis des jüdischen Volkes zu Gott als eine eheliche Liebesgeschichte beschrieben. Männliche Krieger sind keine Identifikationsfiguren. Ist die Beschneidung eine symbolische Einschreibung des Weiblichen in den Körper des männlichen Neugeborenen, aber keine Kastration, eher ein Übergangsritus zu einer wahren jüdischen Männlichkeit?

Das Rabbinische Denken ist posttraumatisch: Die Katastrophe musste theologisch bewältigt werden. Die Rabbinen begründeten einen Neubeginn aus dem Bewusstsein der Versehrtheit. Oder nach Freud: ‚Erst seit dem Zerfall des sichtbaren Tempels ist der unsichtbare Bau des Judentums möglich geworden.‘ Warum aber dann der Hass? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der ‚Theologie der Leere‘ (? Ha.), der Religiosität einer Abwesenheit, und der antisemitischen Obsession? Gerade die neue Glaubenskonstruktion begründet eine Unverwüstlichkeit.

Die Anklage gegen die Juden ist paradox: einerseits haben sie Macht, Geld, Glück, andererseits fehlt ihnen Männlichkeit. Der Vorwurf lautet: Haben und Nichthaben.

Kapitel 4: Antisemitismus als Wahlkampf

Was versteckt sich hinter dem ‚Auserwähltsein‘? Eine besondere Beziehung zu Gott ist nichts Außergewöhnliches, und auch der biblische Gott hatte zu anderen Völkern enge Beziehungen. Die religiöse Mission wird jüdisch als Pflicht, Aufgabe, kollektive Verantwortung begriffen. Das Bild vom ‚Auserwähltsein‘ wird oft mit Machtbewusstsein und Arroganz assoziiert. Erstgeborensein, ein Vorrecht der Geburt eröffnen den Nachgeborenen verschiedene Strategien: Das Negieren oder Vorwürfe an den Älteren. Es begründet Rivalität, vor allem interreligiös (Christentum, Islam). Humor erscheint in einer jüdischen Legende, in der Gott als ein Handelsvertreter beschrieben wird, der seinen Text unters Volk bringt und als Erstes an die Juden verkauft. Oder Gott erscheint als der Erpresser: Entweder ihr akzeptiert oder ihr seid des Todes; Begeisterung hat das bei den Juden nicht ausgelöst. Es gibt zahlreiche Hypothesen, aber eine zentrale: ‚Das Volk der Schriftauslegung‘, wobei nie abgeschlossen war, was zur ‚Schrift‘ gehörte, oder was das Volk am Sinai gehört hatte, – vielleicht sogar nichts als Schweigen. Mit Sicherheit aber geht es um die unendliche Möglichkeit der Sprache und des Sprechens, wozu auch das Schweigen gehört.

Spätere Bräuche und Riten verhinderten, dass alle Menschen konsequent mit einbezogen wurden: kein Traum von Universalität, aber auch kein Traum einer vollständigen Wahrheit. Ist der Antisemit einer, der Angst hat vor sich selbst, vor seiner Freiheit, Verantwortung, Einsamkeit? Ganzheitsangst aufgrund eines Ganzheitstraum?

Kapitel 5: Die jüdische Ausnahme

Nach einer Umfrage der Europäischen Union 2003 stellt Israel eine größere Gefahr für den Weltfrieden dar als Iran, Irak, Nordkorea. Ist Israel wirklich eine Bedrohung? „Schalom“ bedeutet wörtlich „Unversehrtheit Vollkommenheit“. Wäre das möglich ohne Israel? Die Wirkung aller Religionen ist begrenzt. Nach dem Holocaust zunächst eine unterdrückte, verletzliche Minderheit Jahrzehnte später eine kolonisatorische Militärmacht der Unterdrückung von Schwächeren? Nationalistisch und expansionistisch sind auch andere Staaten, ohne dass ihre Rechtmäßigkeit hinterfragt wird. Neben berechtigter Kritik an Israel gibt es auch Anklänge an traditionellen Antisemitismus. Gefährden Juden den Frieden durch ihre Anwesenheit in der arabischen Welt? Wird durch den Holocaust anderes Leid infrage gestellt (Rivalität des Leidens)? Das Konzept von Weiß-Sein (Whiteness) für Unterdrückung in der Geschichte schließt Juden als Komplizen ein und kann auch hasserfüllt benutzt werden gegen eine unterdrückerische Aufklärungsphilosophie des weißen Universalismus.

Gegen Juden wird gleichzeitig der Universalismus in der Diaspora als auch der Nationalismus in Israel angeprangert. Die kollektive Zugehörigkeit hat Vorrang vor der Emanzipation des Subjekts und verhindert einen universellen Diskurs über Verpflichtungen, die sich geschichtlich über Generationen hinweg aus vergangener Schuld ergeben. Gerechtigkeit und Wiedergutmachung sind eine Sache, das Rechtsprinzip, dass niemand angeklagt werden kann wegen Verfehlungen anderer, eine andere. Die individuelle und kollektive Sphäre darf nicht verwechselt werden. Der Einzelne kann nicht auf die Geschichte seiner Gruppe reduziert werden (Negierung des Individuums); das ‚Wir‘ wird leicht zur Anmaßung und nimmt andere in Geiselhaft.

Einheit durch Abgrenzung findet man im ideologischen und religiösen Fanatismus; und damit wird die Angst vor der Ansteckung zur Obsession. Frauen und Juden sind Störfaktoren. Die letzeren befinden sich zwischen zwei antagonistischen Diskursen: als bedrohliche Fremde und Bemitleidenswerte aufgrund eines privilegierten Opferstatus. Identitäten werden auf Karikaturen und Individuen reduziert.

Die ‚totalitäre Versuchung‘ (Abgrenzung) betrifft alle (!), sogar die Juden in der Diaspora. Die Frage ist, ob es einen identitären Purismus überhaupt gibt. Ist Identität nicht die Summe vielfältiger Zugehörigkeiten? Der ‚Andere in uns‘ verleugnet nicht die Existenz eins Volkes, insbesondere da diese durch die Erfahrung des Fremdartigen geprägt wurde. Authentizität bildet sich aber aus der permanenten Bewegung zwischen dem Eigenem und dem Fremden. Niemand ist frei vom Blick des anderen. Stolz ist eine psychologische Ressource der Resilienz. Authentizität bedeutet, dass es in uns etwas Eigenständiges, nicht von anderen projiziertes gibt. Auch das Jüdisch-Sein der Autorin ist nicht das, was der Antisemit daraus gemacht hat, oder immer noch macht, gleichzeitig ist es aber auch unsagbar und unmöglich zu beschreiben. Der Antisemit kann den Juden verschwinden lassen, indem er ihm einredet, genau zu wissen, worin sein Jüdisch-Sein besteht und damit seine Offenheit für Identifikationsangebote zerstört.

Diskussion

Es ist der Autorin zu danken, das sie das Problem des Antisemitismus aus jüdischen Quellen und jüdischer Perspektive beschreibt, die, insbesondere was die genealogischen historischen Ableitungen anbetrifft, manchem Leser fremd sein dürften. Sie machen aber auch deutlich, wie sehr die Tradition und Überlieferung in der jüdischen Geschichte gepflegt wurde und – wie alt die Geschichte des Antisemitismus ist. Das wirft Fragen nach den Ursachen auf, die in den jüdischen Quellen unterschiedlich beantwortet werden, teils als Neid und Rivalität auf die jüdische Gesetzlichkeit und missverstandene ‚Auserwähltheit‘, teils auf die auch von jüdischer Seite betriebene Aus- und Abgrenzung und den von keiner äußeren Macht zu besiegende ‚unnsichtbaren Bau des Judentums‘: Die spirituelle Zusammengehörigkeit in der Vielfalt.

Interessant ist das Kapitel über den weiblichen Mann und die männliche Frau, die in jedem Menschen mehr oder weniger ausgeprägte Identität mit beiden Elternteilen (nach Freud), die gelebt oder unterdrückt werden kann, und im Fall von Unterdrückung auch Hass hervorruft, wie z.B. den langen, und immer noch vorhandenen Hass auf Homosexuelle, Bisexuelle, Transsexuelle; sie stehen dem Streben nach einheitlicher Identität im Weg, was möglicherweise auch ein narzisstischer Größenwahn ist, der durch die Realität ständig infrage gestellt wird und deshalb umso unerbittlicher bekämpft werden muss. Da die.körperliche Sexualität eine natürliche Realität des Menschen ist, seine Gender-Zugehörigkeit jedoch sozial definiert und geprägt wird, sind Konflikte, wie der lange Kampf um sexuelle Befreiung und Emanzipation der Frau zeigt, zu Machtfragen eine männlichen oder weiblichen Narzissmus geworden für den Preis der Verleugnung von unterschiedlichen Identitäten, die eine phantasierte ‚Einheit‘ infrage stellen und offen ist für neue Identifikationsangebote.

Diese Linie hat die Autorin nicht weiterverfolgt, obgleich sie wahrscheinlich die entscheidende ist, weil diese Offenheit eine Bereicherung ist und ermöglicht, in unterschiedlichen Kulturen Identifikationsangebote anzunehmen ohne die eigene Identität damit als bedroht zu erleben.

 In einer sich globalisierenden Welt wird von dieser Fähigkeit abhängen, inwieweit Individualisierung, d.h. unterschiedlichen Gebrauch von den Identifikationsangeboten, auch als Bereicherung erlebt und geschätzt wir, was wiederum Zuschreibungen (auch der ‚Jude‘ ist eine Zuschreibung/​Projektion des Antisemiten) und Definitionen erschwert.

Was mich überrascht hat, ist, dass die Autorin gar nicht auf die Geschichte von Kain und Abel eingegangen ist, die tödliche Geschwisterrivalität, weil die Gaben des einen Anerkennung fanden und die des Anderen nicht (beide hatten etwas angeboten!). Denn es geht auch um die Anerkennung bei den drei großen monotheistischen Religionen (Vater, Mutter, Kind?). Im Antisemitismus finden sich immer beide Pole: Die Idealisierung (Macht, Reichtum, Einfluss, Intelligenz) und Entwertung (unmännlich, heuchlerisch, unterwürfig). Mag sein, dass die Autorin recht hat, indem sie annimmt, dass durch die Beschneidung das weiblich-mütterliche in den Jungen auch sichtbar eingepflanzt wird, gleichzeitig ist es aber auch der Stempel, den der Vater dem Sohn – im Einverständnis mit der Mutter – aufdrückt. Die religiöse Emanzipation der Mädchen/​Frauen hinkt aber dann diesem Ritus partiell hinterher, obgleich im liberalen Judentum inzwischen Rabbinerinnen zugelassen sind und mit der Säkularisierung in Israel sich auch die Beziehung zwischen den Geschlechtern verändern (im Unterschied zur Orthodoxie). Aber vielleicht wecken beide Prinzipien, die männlichen und die weiblichen, auch in einem Menschen ein besonderes kreatives Potenzial.

Fazit

Das Buch regt sehr zum Nachdenken an und eröffnet die Möglichkeit einer kritischen und die jüdische Seite einbeziehenden Reflexion über Antisemitismus, seine bewussten und vor allem auch unbewussten Wurzeln.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
E-Mail Mailformular


Alle 67 Rezensionen von Gertrud Hardtmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 24.03.2020 zu: Delphine Horvilleur, Nicola Denis: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (München) 2020. ISBN 978-3-446-26596-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26684.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung