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Rob Boddice: Die Geschichte der Gefühle

Cover Rob Boddice: Die Geschichte der Gefühle. Von der Antike bis heute. Theiss Verlag (Darmstadt) 2020. 272 Seiten. ISBN 978-3-8062-4011-5. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

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Thema

Der Titel des Buches könnte leicht dazu führen, hier eine höchst umfangreiche Darlegung aller möglichen menschlichen Emotionen quer durch die europäische Geschichte zu erwarten. Doch verortet sich das Buch in einer seit ca. 20 Jahren stattfindenden Debatte diverser Historikergenerationen, die die Rolle und Bedeutung von Emotionen in geschichtlichen Prozessen, Auseinandersetzungen, Kämpfen und Entscheidungen zu erforschen suchen. Boddice gehört dabei zu einer Gruppe von Historikern, die eine spezielle kritische Intention verfolgen, nämlich Emotionen nicht als eine beiläufige Erzählung oder als Epiphänomene historischer Entwicklungsprozessse, sondern als eine maßgebliche Dimension historischer Abläufe zu begreifen. Die Perspektive der Emotionsgeschichte in diesem Sinne heißt für Boddice: „Ich betrachte Emotionen als kausalen Faktor der Geschichte… Ich vertrete hier den Standpunkt, dass das Gefühlsleben von Menschen eine genauso relevante treibende Kraft ist wie andere Faktoren, und dass es nicht von politischen, ökonomischen oder rationalen Dynamiken zu trennen ist“ (S. 16 f.).

Ein solches höchst anspruchsvolles Programm erfordert eine Kritik diverser psychohistorischer Ansätze sowie aller gängigen psychologischen Emotionstheorien und des Weiteren eine tragfähige Positionierung in der Kontroverse zwischen den sozialkonstruktivistischen Theorieansätzen einerseits und den universalistisch auftretenden neurowissenschaftlichen Emotionsforschungen andererseits.

Das analytische und methodologische Instrumentarium für seine emotionshistorischen Forschungen hat Boddice in seinem vor zwei Jahren erschienenen Werk The history of emotions dargelegt. Dabei orientiert er sich besonders an dem amerikanischen Historiker und Ethnologen William Reddy (geb.1947), der den emotionsgeschichtlichen Ansatz zu einem elaborierten Konzept entwickelt und mit dem kritischen Begriff einer „emotionalen Freiheit“ der Gesellschaften hinsichtlich ihres (vermeidbaren) emotionalen Leidens unter die Lupe nimmt. Mit dieser Perspektive geht Boddice die Emotionsgeschichte von der Antike bis zur Neuzeit an.

Autor

Rob Boddice, Ph.D, FRHS, ist ein britischer Historiker mit einer besonderen Auszeichnung als Fellow der Royal-Historical-Society. In seinen wissenschaftlichen Forschungen hat er sich intensiv mit Emotionen und ihren historischen Entwicklungen und Bedeutungen u.a. bei Krankheiten, Schmerzen, Mitleid, Grausamkeit, der experimentellen Medizin sowie beim Umgang der Menschen mit Tieren auf der Grundlage eines moralisch vertretbaren biokulturellen Paradigmas befasst. Er war u.a. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut (FU-Berlin), am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin) und am Languages of Emotion Excellence Cluster der Freien Universität Berlin und ist an diversen anderen Universitäten in der Welt (Kanada, London, Harvard, Australien, Finnland) tätig.

Aufbau und Inhalt

Bevor Boddice mit der Untersuchung der einzelnen historischen Zeiträume von der Antike bis zur Gegenwart beginnt, stellt er in einem vorgängigen Kapitel „Gefühle und Geschichte“ seine wesentlichen Forschungsinstrumente vor, die er in seinem grundlegenden Werk The history of emotions (2018) herausgearbeitet hat. Zunächst begründet er, warum er den Buchtitel nicht „Geschichte der Emotionen“ (emotions), sondern „Geschichte der Gefühle“ (feelings) genannt hat. Damit will er das Missverständnis vermeiden, in die Nähe der gegenwärtigen psychologischen und neurowissenschaftlichen Emotions-Theoriebildungen und deren handfesten Irrtümern und für einen Historiker inakzeptablen Wirrungen zu geraten. So führt es nach Boddice immer dann zu falschen Erkenntnissen, wenn Forscher glauben, im Wege ihrer Empathie begreifen zu können, warum die jeweiligen historischen Akteure so und nicht anders gehandelt haben. Hierbei würde jedoch verkannt, dass Emotionen biokulturell sind und immer zu einem jeweiligen emotional regime(gebunden an Familie, Klasse, Gemeinschaft, Nation) gehören und einem Prozess des othering (Fremdmachung/​VerAnderung) unterliegen. Boddice: „Wir legen unsere Empathie ab, um herauszufinden, wie diejenigen, die heute tot sind, zu Lebzeiten gefühlt haben“ (S. 8). „Die emotional regimesin einer Kultur und Gesellschaft wurden und werden stets von den jeweiligen Eliten entwickelt. Sie bestimmen, wie die Gefühlswelt zu sein hat. Und das funktioniert nur, weil die Eliten zugleich versuchen, diese entweder ‚natürlich‘ aussehen zu lassen oder aber sie unsichtbar zu machen“ (S. 13). Menschen, so schreibt Boddice, drücken ihre Gefühle meist derart aus, wie es in einem bestimmten Kontext als angemessen gilt, und diese Parameter werden niemals von Armen, Schwachen, Entrechteten oder denen vorgegeben, die aufgrund von Geschlecht, ‚Rasse‘, Alter oder Behinderung vonotheringbetroffen sind.

Aus diesem Grund sollte die Geschichtswissenschaft in der Lage sein, herauszuarbeiten, in welchem Ausmaß Akteure der Vergangenheit sich der emotionalen Begrenzungen ihres Erlebens infolge der emotional regimes bewusst waren. Dazu muss der Forscher wissen, „dass das Natürliche tatsächlich kulturell und politisch ist und das Unsichtbare gesehen werden kann“ (S. 22).

In den folgenden sechs Kapiteln geht Boddice sodann mit Riesenschritten durch die europäische Geschichte, indem er versucht, folgende emotionsgeschichtlich stimmige Zeitabschnitte zu konstruieren:

  1. Klassisches Altertum (Kap. 1: „Archaische und klassische Leidenschaften“)
  2. Von der Antike bis ins frühe Christentum (Kap. 2: „Rhetorisch heraufbeschworene und körperliche Gefühle“)
  3. Mittelalter und frühe Neuzeit (Kap. 3: „Bewegungen und Machenschaften“)
  4. Zeitalter der Aufklärung (Kap. 4: „Das Zeitalter der Unvernunft“)
  5. Zeitalter der Industrialisierung (Kap. 5: „Unverstand und Gefühllosigkeit“)
  6. Gegenwart: Das 20. Jahrhundert (Kap. 6: „Die Herrschaft des Glücks“)

Am Ende erfolgt ein kleines Kapitel genannt: „Epilog: Der Wert des Erlebens“.

Bei jedem Zeitalter versucht Boddice, die jeweiligen emotional regimes zu erfassenund kritisch zu analysieren. Das tut er, indem er einschlägige zeitgeschichtliche Texte und Dokumente vorstellt und diese akribisch sprach- und quellenkritisch untersucht, um sie von allen möglichen und auch über Jahrhunderte hinweg falschen Lesarten und Interpretationen zu befreien.

Es würde den Rahmen einer Rezension bei weitem überschreiten, die einzelnen Kapitel „in Kürze“ vorzustellen. Stattdessen soll versucht werden, dem Leser/der Leserin anhand eines einzigen Kapitels, des 5. Kapitels, einen Eindruck von Boddice‘s kritischer emotionsgeschichtlicher Analyse und deren Bedeutung zu vermitteln.

Kapitel 5: „Unverstand und Gefühllosigkeit“ (S. 150 - 188)

Zunächst legt Boddice dar, dass das Zeitalter der Industrialisierung (18./19. Jahrhundert) gemeinhin als ein „Zeitalter der Empfindsamkeit“ bezeichnet wird. Die Veröffentlichung von Jane Austens Roman „Verstand und Gefühl“ (1811) markierte dessen Höhepunkt. Männer und Frauen fielen durch ihre Feinfühligkeit, ihren Hang zu Tränenausbrüchen und melancholischen Anwandlungen auf. Insbesondere bestand eine „Verschmelzung von Nerven, Verstand und Leidenschaften“, die sich in den Diskursen über Krankheiten, Heiratswerbungen und identitätsbildenden Gemeinschaften ausdrückte. Boddice sieht dies jedoch lediglich als „Empfindsamkeit“ einer kleinen aristokratischen Elite, während in seinen Studien sich eher gezeigt hat, dass die Gefühlswelt der Bevölkerung eher als „hartherzig, grausam, distanziert und lasterhaft“ bestimmt werden muss. Dieses Spannungsverhältnis von „Empfindsamkeit“ und „Gefühllosigkeit“ wird für Boddice nun zum Ausgangspunkt vertiefender Analysen.

Als Leitfaden dient ihm dabei die bekannte Gravurenserie „Die vier Stufen der Grausamkeit“ von William Hogarth (1697-1764), die die Entwicklung der Person Tom Neros von dessen Jugend bis zum Tod in einer Art Abwärtsspirale darstellt. Die erste Stufe der Grausamkeit zeigt die damals übliche Quälerei von Tieren, durchaus bereits von den Kindern mit Vergnügen vollzogen. Die zweite Stufe ist die Steigerung hin zur Brutalisierung, in der Tom Nero mit ungezügelter Wut und von Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit geprägt Gewalt gegen Tiere und Menschen ausübt, wodurch die Menschen zu „rohen Tieren“ werden. Die dritte Stufe zeigt Tom Neros Entwicklung zum Mörder, der seine Geliebte ersticht und damit endgültig einen Bruch mit der menschlichen Moral vollzieht. Die vierte Stufe schließlich zeigt die entwürdigende Schändung des Körpers von Tom Nero, indem dieser der Wissenschaft zur Sezierung übergeben wird und bei der „sein Herz zu nichts anderem als zu Hundefutter“ zu gebrauchen ist.

Was nun Boddice an diesem komplexen emotional regimevon „Empfindsamkeit“ und „Grausamkeit“ und den Versuchen, Gesetze gegen Grausamkeit sowie Maßnahmen der Einführung von Moralpredigten und Besserungsanstalten zu erlassen, interessiert, ist eine weitere Differenz, nämlich von „Grausamkeit“ und „Hartherzigkeit“. Denn in Hogarths Gravuren gibt es einen Unterschied von „grausamen Handlungen“, in denen noch präsent ist, dass durch diese Handlungen bei anderen Lebewesen Leid verursacht wird und die insofern ein moralisches Empfinden beinhalten, einerseits, und von „hartherzigem Handeln“ andererseits, bei dem dieses moralische Empfinden aufgrund von „Gefühllosigkeit“ völlig fehlt. Es bestand in der Gesellschaft die tiefe Sorge, dass es zu einer Entwicklung in dieser Richtung („Psychopathie“) kommen würde: „Ein hartherziger Mensch und sein Bewusstsein waren für die Gesellschaft verloren“ (S. 154). Hogarth prangert diese Gefahr interessanter Weise am Beispiel der aufkommenden chirurgischen Medizin an.

Hier kommt nach Boddice ein weiteres Spannungsmoment des emotional regimehinzu: Die Heraufkunft des Zeitalters der „Nützlichkeit“ (Jeremy Bentham). Hogarths Bild der Zusammenarbeit von Ärzten und Chirurgen kennt kein Mitleid für Tom Nero, da sie zu einem solchen Gefühl nicht fähig sind. Die damalige Ansicht besagte, dass diejenigen, die regelmäßig mit Blut zu tun haben, gegenüber dessen Wirkung – ähnlich wie bei Metzgern – unempfindlich werden und wegen dieser Hartherzigkeit nicht als Geschworene fungieren durften. „Wenn Wissen – chirurgisches, anatomisches, physiologisches – als wichtiger gewertet wird als Mitleid, Menschlichkeit oder eine einfache ‚ästhetische Wirkung‘ wie Ekel, zu welcher rohen Existenz würden die jungen Anhänger solcher Lehrer dann geführt?“ (S. 163). Gerechtfertigt wurde diese Hartherzigkeit jedoch durch den „Zweck“: Eine Schmerzen zufügende Handlung war nicht grausam, wenn sie im Sinne des Utilitarismus eine „nützliche Funktion“ erfüllte, sowohl bei Tieren (Tierversuche) als auch bei Menschen (Experimente, Chirurgie).

Das verdeutlicht Boddice am Beispiel der beginnenden experimentellen Medizin und den bis heute geltenden Schlussfolgerungen daraus. Verschiedene Mediziner hatten herausgefunden, dass Leichen (hingerichtete Straftäter wie Tom Nero), denen man Stromstöße versetzte, dieselben Grimassen und Ausdrücke von Emotionen zeigten wie lebendige Menschen. Damit schien der Beweis erbracht, dass emotionale Ausdrücke unabhängig von erlebten Schmerzen rein physiologisch existierten. Diese neuen Studien und weitere Ergebnisse physiologischer Experimente benutzte dann vor allem Charles Darwin in seiner Schrift „Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ (1872), um seine außerordentlich einflussreiche These von der „Universalität des emotionalen Ausdrucks“ zu belegen: „… dass der Ausdruck von Emotionen natürlich und vollständig durch die physische Anatomie des Gesichts begrenzt war, weshalb Gefühlsausdrücke universell seien“ (S. 170). Diese These wird zwar in den psychologischen Theorien bis heute vertreten. Sie ist jedoch falsch. Boddice weist darauf hin, dass auch Darwin selbst an den Fälschungen der damals üblichen Fotoserien von Gemütsbewegungen bei Menschen, die als Beweis gelten sollten, beteiligt war. Stattdessen ist nach Boddice von einer bioculture-These auszugehen, die für den emotionshistorischen Ansatz zentral ist und beinhaltet, dass das Gefühlsleben, -stile und -systeme im jeweiligen kulturellen Kontext rekonstruiert werden müssen.

Mit Aufkommen der Anästhesie und der Möglichkeit eines schmerzlosen Zeitalters wurden allmählich die restlichen Skrupel beim Zufügen von Schmerzen beiseitegelegt. Die komplizierte affektive Praxis von Ärzten, Chirurgen und Physiologen erforderte nach den Vorstellungen der damaligen Lehrmeister Freiheit von Mitleid, Anteilnahme und Angst bzw. ein „vernünftiges Maß an Abstumpfung“. Boddice resümiert: „In dieser Gesellschaft und in diesem bestimmten Kontext gab es kein größeres Zeichen der Humanität, als nichts zu fühlen. Gleichmut war nicht das Ende der Anteilnahme, sondern der Verlagerung auf ein besseres Ziel, einen höheren Zweck, einen nobleren telos“ (S. 188). Gefühllosigkeit, Hartherzigkeit, moralischer Verfall, Nüchternheit und Gelassenheit sowie der Übergang zur aufkeimenden Kultur der von Nützlichkeit und Experiment bestimmten Naturwissenschaft sind nach Boddice die entscheidenden affektiven Momente der emotional regimes, die zugleich die Grenzen markieren, in denen sich das Gefühlsleben abspielte.

Diskussion

Die von Boddice dargelegten und analysierten emotionshistorischen Begrifflichkeiten: Empfindsamkeit, Grausamkeit, Hartherzigkeit, Gefühllosigkeit, Nützlichkeit, Abstumpfung etc., die das charakteristische Gefühlsleben der damaligen Zeit in deren Originalsprache widerspiegeln sollen, machen deutlich, warum der Autor hier nicht von „Emotionen“, sondern von „Gefühlen“ spricht. Denn es wäre in der Tat eine klare Gegenstandsverfehlung, wenn z.B. dem Verständnis des Gefühlslebens eine gängige psychologische Emotionstheorie zugrunde gelegt würde, die von der Existenz von zeitlosen und universellen Basalemotionen (Wut, Ekel, Verachtung, Freude, Trauer, Angst, Überraschung)(Paul Ekman, geb. 1934) überzeugt ist. „Es wäre schreckliche Zeitverschwendung, zu behaupten, dass nur das Gesicht der Emotionen sich verändere, während die Emotionen selbst zeitlos seien“(S. 13).

Ähnliches gilt auch, wenn Emotionstheoretiker versuchen, das charakteristische Gefühlsleben auf neurowissenschaftlicher Grundlage mit ihren bildgebenden Verfahren zu begreifen. Hier wendet sich B. strikt gegen eine „transzendentale Biologie“ seitens der Neurobiologie, da es unmöglich ist, sich einen Menschen außerhalb von Kultur vorzustellen. Boddice spricht sich zwar für die Einbeziehung von Neuroplastizität, Mikroevolution und Epigenetik aus, aber zentral ist für ihn die Bedeutungsgebung, der Ausdruck der Emotion.

Mit Blick auf bestehende Kritiken erörtert Boddice im Schluss-Kapitel „Epilog: Der Wert des Erlebens“ auch selbst Zweifel an seinem eigenen Ansatz. Der Begriff „Gefühl“ erscheint ihm zu Recht als ein zu „vages Konzept“. Denn beim „Fühlen“ geht es nicht nur um emotionale Gehalte, sondern um alle Arten von Empfindungen und deren zugehöriges situationsgebundenes Wissen. Boddice schlägt hier die neue Kategorie „Erleben“ vor, wohl wissend, dass es eine wissenschaftliche Theorie namens „Erleben“ (noch) nicht gibt. Der Autor verspricht sich hiervon vor allem aber erweiterte politische Möglichkeiten der Forschung: „Der bedeutendste Beitrag der Emotionsgeschichte liegt meiner Meinung nach darin, zu beleuchten, wie die Mächtigen bzw. ihre Institutionen emotionale Vorschriften schaffen, durch die ‚moralische Ökonomien‘ wesentlich gestaltet und definiert werden“ (S. 218). Die dadurch ermöglichte Demaskierung des Regimes kann es den Beherrschten erleichtern, bezüglich ihres Erlebens und ihrer Kämpfe gegen Unterdrückung ‚richtig zu fühlen‘.

Fazit

Das Buch des britischen Historikers Boddice ist der höchst anspruchsvolle Versuch, Gefühle bzw. das Gefühlsleben von Menschen als einen kausalen Faktor der Geschichte zu erweisen, wobei das Gefühlsleben von Menschen „eine genauso relevante treibende Kraft ist wie andere Faktoren, und dass es nicht von politischen, ökonomischen oder rationalen Dynamiken zu trennen ist“ (S. 17). Dabei geht es nicht um einzelne Gefühlsausdrücke wie z.B. das öffentliche Weinen von Politikern, Panik an der Börse, German angst, Pandemieschock oder Depression auf Parteitagen und deren jeweiligen Bedeutungen für die historische Entwicklung der Gesellschaft, sondern um die Frage, wie und mit welchen Mitteln es den jeweiligen Eliten gelingt, emotional regimeszu etablieren, die vorschreiben, welche Gefühlswelt für die Mitglieder der Gesellschaft in verschiedenen Kontexten als richtig und angemessen gilt. Der kritische Blick richtet sich dabei auf die Frage, welche Freiheitsgrade des Gefühlslebens denjenigen Mitgliedern der Gesellschaft bleiben, die durch die Herrschaft der emotional regimeszu leiden haben. Boddice bezieht sich bei seinen Analysen vor allem auf das emotionshistorische Theoriegebäude des amerikanischen Historikers und Ethnologen William Reddy (geb. 1947). In einem atemberaubenden Parforceritt geht Boddice durch die gesamte europäische Geschichte, bei der die einzelnen Entwicklungsstadien von der Antike bis zur Gegenwart unter emotionshistorischen Blickwinkeln anhand relevanter Texte und Dokumente akribisch und sprachkritisch analysiert werden. Die hierbei erarbeiteten Erkenntnisse erweitern das Verständnis der historischen Prozesse um grundlegende Dimensionen.

Das Buch ist allen sozial- und geisteswissenschaftlich orientierten Leser*innen sehr zu empfehlen, die an den höchst unterschiedlichen und komplexen Gefühlswelten der Menschen in den einzelnen Zeitaltern und dabei besonders an einer kritischen Analyse der Veränderungspotenziale in der heutigen Gesellschaft interessiert sind. Der Zugang zu historischen Prozessen geht über die Analyse von „Interessen“ und „Rationalen Strategien und Entscheidungen“ erheblich hinaus. Das belegt Boddice mit seinem emotionstheoretischen Ansatz ausgesprochen aufschlussreich, kompetent und brilliant.

 


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Günter Zurhorst
Hochschule Mittweida Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Günter Zurhorst. Rezension vom 07.07.2020 zu: Rob Boddice: Die Geschichte der Gefühle. Von der Antike bis heute. Theiss Verlag (Darmstadt) 2020. ISBN 978-3-8062-4011-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26688.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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