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Manfred Folkers, Niko Paech: All you need is less

Cover Manfred Folkers, Niko Paech: All you need is less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht. oekom Verlag (München) 2020. 240 Seiten. ISBN 978-3-96238-058-8.
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Thema

Beginnt endlich Fuß zu fassen, was die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 als Herausforderung für eine humane, zukunftsorientierte Lebensauffassung formuliert hat? „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz neue Lebensformen zu finden“. Entwickeln sich das individuelle und globale Bewusstsein, dass die Menschen nicht alles machen dürfen, was sie können oder meinen zu können? Entsteht eine „Kultur der Genügsamkeit“ (siehe dazu: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​11224.php; sowie: Silke Helfrich/David Bollier, Frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25797.php) und der „Globalen Verantwortung“ (Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21228.php)? Vollzieht sich endlich der notwendige Perspektivenwechsel hin zu einem gerechten, menschenwürdigen Leben? Es sind die vielfältigen Ermunterungen und Perspektiven, wie sie als humanes, anthropologisches, ganzheitliches Denken zum Ausdruck kommen: „Leben kommt vom Leben“ – „Alles ist relativ. Du hast deinen Körper mit einer gewissen Lebenserwartung und Intelligenz, und die Ameise hat ihren Körper mit einer gewissen Lebenserwartung und Intelligenz“ (Bhagavad-gītā). In der Konsum- und Kapitalismuskritik wird als Alternative zum „business as usual“ immer wieder eine „Kultur des Genug“ propagiert (Moritz Gekeler, Konsumgut Nachhaltigkeit. Zur Inszenierung neuer Leitmotive in der Produktkommunikation, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​12966.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die Parole „All you need is less“ will auffordern zum Selbstdenken darüber, was der Mensch als integratives Lebewesen im kosmischen Dasein für ein gutes, gelingendes Leben benötigt. Sie verweist auf die ja nicht neue, nicht sensationelle, sondern im alternativen Denken und Handeln längst grundgelegte Einsicht, dass Tugenden wie Genügsamkeit, Achtsamkeit, Zufriedenheit, Sozialität und Empathie keine außergewöhnlichen, sondern selbstverständliche Eigenschaften sind, die der Mensch bei seinem Streben nach einem „Immer-mehr“ vernachlässigt und vergisst; ja sogar als ideologie-belastete Einstellung akzeptiert (Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26783.php).

Als ein Ergebnis der Diskussionen und Prognosen des UN-Erdgipfels 1992 in Rio de Janeiro, haben sich auch lokale und globale Initiativen gebildet, die mit der Erkenntnis – DIE EINE WELT BEGINNT BEI UNS! – ganz konkret Ausschau darüber gehalten haben, was das individuelle und gesellschaftliche, alltägliche Leben der Menschen, mit „globaler Ethik“ zu tun hat (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Globale Ethik, in: www.sozial.de/globale-ethik-in-der-einen-Welt.html). Aktive in der norddeutschen Stadt Oldenburg haben den Gedanken „Global denken – lokal handeln“ aufgenommen und mit verschiedenen Initiativen die Menschen dazu ermuntert, die eigene Welt in sich und um sich anzuschauen und darüber nachzudenken: „Was kann Ich tun?“. Dabei sind sie zu der (eigentlich selbstverständlichen, einsichtigen) Ansicht gekommen, dass notwendige Veränderungsprozesse und Perspektivenwechsel dann gelingen können, wenn sie suffizient, selbstbetreffend (und-verursachend) wahrgenommen werden. Mit Konzepten, wie sie im Postwachstumsdiskurs thematisiert werden, und wie sie als interkulturelles und interreligiöses Denken zum Vorschein kommen (Harald Seubert, Zwischen Religion und Vernunft. Vermessung eines Terrains, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/​15499.php; sowie: Martha Nussbaum, Kosmopolitismus. Revision eines Ideals, 2020. www-socialnet.de/rezensionen/​26694.php).

Der Wachstumskritiker und Ökonom von der Universität in Gießen, Nico Paech, und der Vorsitzende des Vereins „Achtsamkeit in Oldenburg“, Manfred Folkers, setzen sich auseinander, wie ein ökonomischer Perspektivenwechsel hin zu einem lokalen und globalen Nachhaltigkeitsbewusstsein gelingen kann. Mit der Verbindung von wissenschaftlich basiertem Faktenwissen und anthropologischem, weltanschaulichem Denken legen sie eine Reflexion vor, die Fenster und Türen öffnet hin zu einer Erkenntnis und Praktizierung einer „Kultur des Genug“.

Aufbau und Inhalt

Vorbereitet durch die Beschreibung einer Szene- und Interview-Situation und einer buddhistischen Betrachtung über die real existierende, lokale und globale „Gier-Wirtschaft“, diskutiert Manfred Folkers mit der Analyse „This is it“ das Unbehagen über die inhumanen Entwicklungen in der Welt. Dabei stellt er den Krisen und Katastrophen die buddhistische Weisheit der Wandlungsfähigkeit des Menschen entgegen. Mit der Vision vom „Logenplatz des Universums“ setzt er sich mit den positiven und negativen, menschenwürdigen und menschenverachtenden Entwicklungen auseinander. Er fordert auf, sich dabei auf die buddhistischen Tugenden „Ruhe“ und „Meditation“ zu besinnen. Mit der Aussage – „Es ist immer jetzt“ – soll nicht einem „Momentanismus“ das Wort geredet werden (siehe auch: Jos Schnurer, Gerecht ist, was gut ist, 28. 7. 2020, www.sozial.de/gerechtt-ist-was-gut-ist.html). Die philosophische Erkenntnis – panta rhei, πάντα ῥεῖ, alles fließt – verweist auf die Denkrichtung. Die Klassifizierungen, wie sie vom Holozän hin zum Anthropozän vorgenommen werden, bieten an, vom „goldenen Zeitalter“ der Aufklärung und des Wissens zu sprechen, und den Gefährdungen entgegen zu treten, diese zerstören zu wollen. Es sind die Imponderabilien, wie sie sich individuell und kollektiv im Zwiespalt von „Wohlsein und Leiden“ darstellen; wie sie in den Bedürfnissen nach „Mehrung, Gier & nie genug“ wirksam werden; wie sie als Hass, Neid und Machtmissbrauch in Erscheinung treten; als „Tricks im Nebel“ praktiziert werden. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, auch nicht genetisch fixiert, sondern nur intellektuell denkend, wollend, artikulierend und aktiv handelnd wirksam werdend. Es sind Aufforderung zum Tun und zur Bewusstseinsbildung: „All you need is less!“. Es sind die Urfragen, wie sie bereits in der Kantischen Aufforderung – Sapere aude, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – zum Ausdruck kommen: Wer bin ich? – Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen? Wir finden sie wieder im buddhistischen Dharma des Samtusta als Lebenslehre.

Niko Paech diskutiert im zweiten Teil des Essays: „Suffizienz als Antithese zur modernen Wachstumsorientierung“. Es sind die vielfältigen Verweise und Zusammenhänge, wie sie im Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ deutlich werden. Mit ökologische Effizienz soll „den materiellen Aufwand (…) minimieren, der nötig ist, um ein bestimmtes ökonomisches Ergebnis zu erzielen, also das Verhältnis zwischen Ressourceneinsatz und Güterproduktion zu verbessern“. Es sind die Konzepte, wie sie sich als „New Green Deal“ zeigen (Jeremy Rifkin, Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26434.php), und weitergehend in der konsumkritischen „Kunst der Unterlassung und Verneinung“ wirksam werden sollen. Das Dilemma wird deutlich: „Nie waren Menschen reicher, freier, gebildeter und gaben sich problembewusster als heute, während sie zugleich nie ökologisch verantwortungsloser lebten“. Der Vergleich lässt sich fortsetzen, etwa: Während sich ein kleiner Teil der Menschheit immer wohlhabender und reicher entwickelt, werden in der neoliberalen und kapitalistischen Welt die zunehmenden Habenichtse immer ärmer.

Fazit

Die interdisziplinäre Analyse der Zustandsbeschreibung von Welt ist keine Philippika, auch keine Sackgasse, sondern eine Anregung zum Selbstdenken und zum Mitmachen, sich aus den menschengemachten Dilemmata von Selbstsucht, Ego- und Ethnozentrismus, Nationalismus und Populismus zu befreien. Der Intellekt des Menschen vermag die Alternative zu erkennen: „Ballast ab( )werfen, sich dem Steigerungswahn (…) entziehen, verführerische Komfortangebote auch dann links liegen (…) lassen, wenn sie finanzierbar und legal sind, das Vorhandene als auskömmlich (…) betrachten und gegen aufdringlichen Fortschritt (…) verteidigen, gemeinsam mit anderen den Mut zum Unzeitgemäßen (…) entwickeln“. Im „Nachgespräch“ zwischen Paech, Folkert und dem Leiter der Oldenburger „Werkstatt Zukunft“, Barthel Pester, geht es darum, dem „Modernisierungswahn“ die Alternativen nicht als Verlust, sondern als Gewinn für ein gutes, gelingendes, menschenwürdiges Leben für alle Menschen ausgewiesen: Reduktion, Selbstbegrenzung und Entsagung.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.01.2021 zu: Manfred Folkers, Niko Paech: All you need is less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht. oekom Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-96238-058-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26692.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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