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Martha Nussbaum: Kosmopolitismus

Cover Martha Nussbaum: Kosmopolitismus. Revision eines Ideals. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2020. 352 Seiten. ISBN 978-3-8062-4058-0. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Welt- und Kosmos-Bürger

Universalismus, so formulierte die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) den humanen Anspruch, dass die individuellen, lokalen und globalen Lebenswerte – globale Freiheit, Frieden, Humanität, Gerechtigkeit – nur als „globale Ethik“, nämlich der allgemeingültigen, nicht relativierbaren Anerkennung der Menschenrechte zu verwirklichen ist. Es sind die Herausforderungen, das Streben der Menschen als „erdbewusstes“ (Wolfgang Welsch) und „planetarisches“ Bewusstsein (Andeselassie Hamednaka) zu begreifen. Im abendländischen, anthropologischen, philosophischen Diskurs bereits wird der Mensch als „Bürger der Welt“ verstanden. Es ist die Idee des Weltbürgertums, die seitdem in vielfältigen Zusammenhängen thematisiert und institutionalisiert wird (siehe auch: Christoph Antweiler, Mensch und Weltkultur. Für einen realistischen Kosmopolitismus im Zeitalter der Globalisierung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/​10879.php).

Autorin

Die Philosophin Martha Nussbaum ist eine Menschenkennerin und -interpretin. In ihren zahlreichen Werken setzt sie sich mit politischen (siehe dazu: www.socialnet.de/rezensionen/​17720.php), religiösen (www.socialnet.de/rezensionen/​18020.php), moralischen (www.socialnet.de/rezensionen/​23585.php) und existentiellen (www.socialnet.de/rezensionen/​25394.php) Fragen auseinander. Es sind Lebenslehren, die sich in kulturellen Identitäten bilden und dem Dilemma unterliegen, das Sollen und Wollen im individuellen und gesellschaftlichen Dasein der Menschen sich unterschiedlich ausbildet und wirkt. Martha Nussbaum hat dazu, im philosophischen Dialog mit anderen, z.B. auch mit Amartya Sen, den „Fähigkeitenansatz“(FA) entwickelt, der die unverzichtbaren, natürlichen zentralen menschlichen Fähigkeiten ausweist, wie sie auch in der „globalen Ethik“ formuliert sind:

  • In der Lage sein, ein Menschenleben normaler Länge zu führen, nicht vorzeitig sterben müssen oder nicht, bevor das Leben so eingeschränkt ist, dass es nicht mehr lebenswert ist.
  • In der Lage sein, sich guter Gesundheit zu erfreuen…
  • Sich von einem Ort zu einem anderen frei bewegen können…
  • In der Lage sein, die Sinne zu benutzen, sich Dinge vorzustellen, zu denken und zu argumentieren…
  • In der Lage sein, Beziehungen zu Dingen und Personen außerhalb unserer selbst zu haben…
  • In der Lage sein, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und die Planungen des Lebens kritisch zu hinterfragen.
  • In der Lage sein, mit anderen zu leben und in Beziehung zu ihnen zu treten…
  • Mit Sorge für und in Beziehung zu Tieren, Pflanzen und der Welt der Natur leben zu können.
  • In der Lage sein zu lachen, zu spielen oder Freizeitaktivitäten zu genießen.
  • In der Lage sein, effektiv an politischen Entscheidungen teilzunehmen…, Eigentum zu besitzen, Arbeit zu haben…

Es sind Menschenrechte und -pflichten, die sich in der Conditio Humana fokussieren.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Studie, in der sie ihre Forschungsarbeiten zusammenfasst, in sieben Kapitel:

  • Im ersten geht es um die philosophischen und anthropologischen Festlegungen, dass alle Menschen auf der Erde „Bürger einer Welt sind“;
  • im zweiten greift sie mit dem Anspruch auf „Pflichten der Gerechtigkeit, Pflichten der materiellen Hilfeleistung“ auf Ciceros problematisches Erbe zurück;
  • im dritten wird der „Wert der Menschenwürde“ herausgearbeitet;
  • im vierten nimmt sie die Freiheits- und Toleranzgedanken des niederländischen Philosophen Hugo Grotius (1583 – 1645) auf;
  • im fünften setzt sie sich mit dem Denken und Handeln des schottischen Moralphilosophen Adam Smith (1723 – 1790) auseinander;
  • im sechsten zeigt sie die Spannweite von „Tradition und der Welt von heute“ auf; und
  • im siebten Kapitel fokussiert sie die Forderungen und Perspektiven der „Tradition (mit der) Welt von heute“.

Es sind die grundlegenden Fragen (und Diskrepanzen), wie die menschenrechtlichen und -würdigen Forderungen nach euzôia, dem guten, gelingenden Leben bei den Unzulänglichkeiten des Daseins der Menschheit verwirklicht werden kann (vgl. dazu auch: Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21228.php). Kann das Aufstellen einer „Bedürfnispyramide“ (Abraham Maslow) Wege hin zu Gerechtigkeit, Verantwortlichkeit und Humanität weisen? Oder hilft Ciceros Zweiteilung aus dem Dilemma der Rechte- und Pflichtenansprüche heraus? Hier tut sich eine Falle auf (oder eine Lösung?), indem den existentiellen und moralischen Fragen nach dem gleichberechtigten und gleichwertigen Leben der Menschen nachgegangen wird. Es gilt, sich auseinanderzusetzen mit Tradition und Traditionalismus (Hermann Mückler/Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​12770.php), mit Freundschaft ( Dieter Korczak, Hrsg., Freundschaft. Von Aristoteles bis Facebook, www.socialnet.de/rezensionen/​26310.php) und Ideologie (Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26783.php).

Die Erkenntnis und die Akzeptanz, dass der Mensch ein soziales Lebewesen und angewiesen ist auf Sozietät mit den Mitmenschen und seiner Mitwelt (siehe dazu auch: Michael Tomasello, Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, https://www.socialnet.de/rezensionen/​27385.php), bedingen, die positiven und negativen Entwicklungen beim individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen zu kennen, zu deuten und zu lenken. Martha Nussbaum verweist dabei auf moralpsychologisches Wissen und Kompetenzen. Zum zweiten postuliert sie die Fähigkeit, den Anderen in seinem So- und Anderssein zu akzeptieren, wie dies in der Gedichtstrophe zum Ausdruck kommt: „Lass' mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“. Es ist drittens das allgemeingültige, nicht per Ordre du Mufti oder mit ideologischer Macht, sondern nur dialogisch und friedlich zu verwirklichende Menschen- und Völkerrecht, das eine humane Lösung ermöglicht. Viertens landen wir bei einer weiteren Problematik, nämlich der „Entwicklungshilfe“, die im deutschen Sprachgebrauch als „Entwicklungszusammenarbeit“ bezeichnet wird. Es ist die Spannweite von globaler Gerechtigkeit auf der einen, und den „effektiven altruistischen“ Ansprüchen (McAskil/Singer, 2015/2016) auf der anderen Seite, die sich nicht in einem Entweder/Oder, sondern einem Sowohl-als-Auch realisieren lassen. Fünftens schließlich stellt sich mit der Problematik „Asyl und Migration“ ein weiteres moralphilosophisches und -psychologisches Problem dar.

Fazit

Martha Nussbaums „Fähigkeitenansatz“ gründet auf der optimistischen, lebensbejahenden und menschenwürdigen Überzeugung, dass es den Menschen in ihrer Vielfalt und Humanität gelingen möge, Gerechtigkeit als individuelle und globale, ethische Herausforderung zu leben. Notwendig ist dabei, human denkend und handelnd zu leben. Wenn Herbert Schnädelbach fragt, was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann (2012, www.socialnet.de/rezensionen/​13290.php), dann geben die Werke von Martha Nussbaum ausgezeichnete, motivierende und weiterführende Antworten. Die als Anlage beigefügte Auswahlbibliographie verweist auf weitere, wissenschaftliche Literatur zur Thematik Kosmopolitismus. Mit dem Namens- und Sachregister lässt sich die Analyse auch als Handbuch zum Thema verstehen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.09.2020 zu: Martha Nussbaum: Kosmopolitismus. Revision eines Ideals. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2020. ISBN 978-3-8062-4058-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26694.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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