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Birgit Schmidtke: Bildungs- und Berufsberatung in der Migrations­gesellschaft

Cover Birgit Schmidtke: Bildungs- und Berufsberatung in der Migrationsgesellschaft. Pädagogische Perspektiven auf Beratung zur Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen. transcript (Bielefeld) 2020. 246 Seiten. ISBN 978-3-8376-4485-2. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Nach wie vor gehört Migration zu den Topthemen in Europa. In den letzten Jahren hat sich der öffentliche Einwanderungsdiskurs in Europa jedoch deutlich verändert. Aufgrund der gestiegenen Anzahl an Menschen, die auch in europäischen Ländern Schutz suchen, gewinnt der Begriff der Anerkennung an Bedeutung. In Verbindung mit der Diskussion um rechtliche Anerkennung gewinnen auch die berufliche und soziale Integration als gesellschaftliche Anerkennungsprozesse an Bedeutung. Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftspolitischen Diskussionen um Migrations- und Integrationsprozesse werden zunehmend die Qualifikationen von Migrant_innen in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung gestellt. Bildungs- und Berufsberatung ist für Menschen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, ein wichtiges Bindeglied für den Übergang in Weiterbildung und Beschäftigung.

Zuwander_innen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen können ihre Kompetenzen oftmals nicht für eine entsprechende bildungsadäquate berufliche Integration nutzen. Oft ist es für Migrant_nnen schwierig, Qualifikationen anerkennen zu lassen, zusätzlich gibt es Druck, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Die Anerkennungsberatung richtet sich an Zuwanderinnen und Zuwanderer, die im Herkunftsland die Schule besucht, einen Beruf erlernt oder ein Studium absolviert haben und ihre Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt einbringen wollen. Im Ausland erworbene Qualifikationen sind aufgrund struktureller Hindernisse oftmals nur schwer für die berufliche Integration nutzbar. Doch gerade dieser Aspekt gewinnt zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung und wird in der Anerkennungsberatung im Einzelfall verhandelt. Dieser Prozess ist aber mit nicht unerheblichen rechtlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert.

Autorin

 Birgit Schmidtke (Dr. phil.), geb. 1983, promovierte in Pädagogik und arbeitet in der angewandten bildungs- und sozialwissenschaftlichen Forschung in Wien. Sie lehrt in der Erwachsenenbildung und Sozialen Arbeit zu den Schwerpunkten Professionalisierung, Beratungstheorie und Migration. Zuvor studierte und arbeitete sie in Heidelberg, Frankfurt und Linz.

 Aufbau und Inhalt

 Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung der Anerkennungsberatung als professioneller Fachberatung von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden sechs Abschnitte:

  • Kapitel 1 „Anerkennung zwischen Widersprüchen“
  • Kapitel 2 „Forschungsfrage und Zielsetzungen“;
  • Kapitel 3 „Theoretischer Analyserahmen“;
  • Kapitel 4 „Methodologische Einordnung und methodisches Vorgehen“;
  • Kapitel 5 „Ergebnisse“;
  • Kapitel 6 „Diskussion der Ergebnisse“;

Im Kapitel 1 („Anerkennung zwischen Widersprüchen“). gibt die Autorin eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau ihrer Arbeit. In diesem Einleitungskapitel wird die Untersuchungsperspektive der Studie erläutert und in die Forschungslandschaft eingeordnet.

Im Kapitel 2 („Forschungsfrage und Zielsetzungen“) wird der Forschungsstand aufgearbeitet. Der nachfolgende Abschnitt stellt das Forschungsinteresse in Bezug auf die institutionelle Entwicklung der Anerkennungsberatung als eine eigenständige Fachberatung

und hinsichtlich des beratungstheoretischen Zugangs dar. Anschließend werden der aktuelle Forschungsstand entsprechend dem Erkenntnisinteresse zusammengefasst und relevante Forschungslücken aufgezeigt.

Die Darstellung des Forschungsstandes macht deutlich, dass das Thema der formalen Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen bisher vor allem in Bezug auf die beruf liche Integration von höher qualifizierten Migrant_innen untersucht wurde. Anerkennungsberatung selbst als professionelle Praxis wurde bisher erst ansatzweise untersucht. (S. 39)

Darauf auf bauend erfolgt die Konkretisierung der Forschungsfrage und Formulierung von Teilfragen für die empirische Forschung. Abschließend werden die thematischen Eingrenzungen erläutert, welche mit der Festlegung des Forschungsfokus einhergehen.

Die zentrale Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit lautet:

Welche professionellen Handlungsstrategien entwickeln Berater_innen in der Anerkennungsberatung, um innerhalb der Spannungsfelder von beruflichem Selbstverständnis und sozialstrukturellen Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben?

Die Forschungsfrage wird in der weiteren Arbeit in drei Teilfragen gegliedert:

  1. Welche Perspektiven auf Anerkennungsberatung und ihre Aufgabenfelder werden durch die Koordinator_innen und Berater_innen formuliert (berufliches Selbstverständnis)?
  2. Welche sozialstrukturellen Rahmenbedingungen nehmen die Akteur_innen wahr und wie beurteilen sie diese in Bezug auf ihr berufliches Selbstverständnis (Handlungsbedingungen)?
  3. Welche Zielsetzungen und Handlungsweisen werden in Auseinandersetzung mit restriktiven Rahmenbedingungen entwickelt, um innerhalb der identifizierten Spannungsfelder handlungsfähig zu bleiben (professionelle Handlungsstrategien)? (S. 40)

Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden die Perspektiven der Akteur_innen auf ihr Beratungshandeln in Expert_inneninterviews erfasst und anhand einer Kombination aus qualitativer Inhaltsanalyse und interpretativ-rekonstruktiven Verfahren ausgewertet.

Im Kapitel 3 („Theoretischer Analyserahmen“) wird der theoretische Analyserahmen dargestellt. Die Autorin merkt Folgendes an: Zur Analyse der professionellen Handlungsstrategien in der Anerkennungsberatung kann auf umfassende Erkenntnisse aus dem Bereich der Beratungsforschung, anerkennungstheoretischer Ansätze und Forschungen zur pädagogischen Professionalität zurückgegriffen werden. (S. 44)

Nachfolgend ordnet die Autorin Anerkennungsberatung zunächst als ein migrationsbezogenes Beratungsangebot in den Entwicklungskontext »interkultureller« Beratungsansätze ein. Anschließend erfolgt eine Darstellung charakteristischer Merkmale eines pädagogischen Beratungsverständnisses. Schmidtke legt den Schwerpunkt hier vor allem auf die begrifflichen Systematisierungen und die Zielsetzungen von Bildungs- und Berufsberatung. Abschließend setzt sich die Autorin vertieft mit dem Begriff der Fachberatung auseinander, der in den Beschreibungen von Anerkennungsberatung immer wieder verwendet wird.

Im Kapitel 4(„Methodologische Einordnung und methodisches Vorgehen“) wird der methodische Zugang zur Untersuchungsgruppe ausführlich dargestellt.

Der Fokus wurde auf Berater_innen und Koordinator_innen als Interviewpartner_innen aufgrund der Annahme gelegt, dass diese über umfassende Kenntnisse aller wahrgenommen Aufgaben der Beratungsstellen verfügen. (S. 96)

Im Kapitel 5 („Ergebnisse“) werden die empirischen Ergebnisse der Studie dargestellt und analysiert. Die Autorin verfolgt dabei das Ziel, aus dem empirischen Material die professionellen Handlungsstrategien zu rekonstruieren, welche die Berater_innen innerhalb der Spannungsfelder von beruflichem Selbstverständnis und sozialstrukturellen Rahmenbedingungen entwickeln.

Im Kapitel 6 („Diskussion der Ergebnisse“) interpretiert Schmidtke die Gesamtergebnisse der empirischen Befunde ihrer Studie. 

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für MitarbeiterInnen von den mit Bildungs- und Berufsberatung befassten Institutionen, sowie für Studierende und Lehrende der Studiengänge aus den Bereichen empirische Sozialforschung und Migrationsforschung.

Diskussion

Eine zentrale Bedeutung im vorliegenden Buch übernehmen die Begriffe und Konzepte von »Migration«, »Qualifizierung « und »Anerkennung« und die davon abgeleiteten Kategorien. Zentral wird in der Arbeit der Begriff der Anerkennung verwendet. Die Studie behandelt Anerkennungsberatung als eine eigenständige Fachberatung im Bereich der Bildungs- und Berufsberatung.

Birgit Schmidtke untersucht aus einer anerkennungs- und beratungstheoretischen Perspektive, welche Handlungsstrategien die Berater_innen in Auseinandersetzung mit den rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen entwickeln. Sie liefert eine systematische Beschreibung sowie pädagogische Begründung von Anerkennungsberatung als Fachberatung und zeigt auf, wie sich Bildungs- und Berufsberatung in der Migrationsgesellschaft positionieren kann.

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf dem beruflichen Selbstverständnis und den professionellen Handlungsstrategien der Berater_innen in der Anerkennungsberatung. Die Rekonstruktion und Analyse erfolgen auf der Grundlage von Expert_inneninterviews mit den Berater_innen und Koordinator_innen der Beratungsstellen in Österreich. Den Schwerpunkt bilden damit zunächst die Sichtweisen und Handlungsstrategien, die sich in der Anerkennungsberatung im Kontext dieser Anlaufstellen entwickelt haben. Darüber hinaus werden theoretische und empirische Bezüge zu einzelnen Anerkennungsberatungsstellen in Deutschland hergestellt.

Fazit

Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit wurde von der Frage geleitet, welche professionellen Handlungsstrategien in der Anerkennungsberatung im Umgang mit widersprüchlichen Anforderungen entwickelt werden, um innerhalb der Spannungsfelder handlungsfähig zu bleiben.

Ein gelungenes und sehr zu empfehlendes Buch, das Anerkennungsberatung aus der Perspektive der Berater_innen und Koordinator_innen auf Basis empirischer qualitativer Daten vor dem Hintergrund beratungs- und anerkennungstheoretischer Konzepte darstellt. Die gesammelten Erkenntnisse machen das Buch zu einer aufschlussreichen und lohnenswerten Lektüre.


Rezension von
Dr. Olga Frik
Sibirisches Institut für Business und Informationstechnologien / Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 02.11.2020 zu: Birgit Schmidtke: Bildungs- und Berufsberatung in der Migrationsgesellschaft. Pädagogische Perspektiven auf Beratung zur Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-4485-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26697.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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