socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anton Sterbling: Einführung in die Grundlagen der Soziologie

Cover Anton Sterbling: Einführung in die Grundlagen der Soziologie. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. 594 Seiten. ISBN 978-3-8382-1423-8. D: 49,90 EUR, A: 51,20 EUR, CH: 58,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Traditionelle Einführung in die Soziologie

Im Jahr 2017 kam es mit der Ausgründung der Akademie für Soziologie aus der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu einem folgenschweren Schisma der Fachvertretung der Gesellschaftswissenschaften, das bis heute anhält. In einer – notwendig unterkomplexen – Ursachenanalyse kann darin der Versuch gesehen werden, ein rein positivistisch-analytisches Fachverständnis von Soziologie gegenüber einer diskursiv-konstruktivistischen und gesellschaftspolitisch aktiven Soziologie abzugrenzen.

Hiermit institutionalisierte sich ein schon seit der universitären Etablierung der Soziologie durch Max Weber 1909 in Deutschland schwelender Konflikt (mit den so genannten „Kathedersozialisten“, der seinerzeit unter dem Begriff des Werturteils- bzw. seit den 1960ern als Positivismusstreit verhandelt wird. Im Kern ging und geht es dabei um die Frage, welches Selbstverständnis die Wissenschaft Soziologie im Hinblick auf ein aktives politisches Engagement in der von ihr analysierten Gesellschaft haben darf, kann und sollte. Die zu besprechende ‚Einführung in die Grundlagen der Soziologie‘ ist dabei eher auf Seiten der auf wertneutrale Analyse von Gesellschaft insistierenden ‚Akademie für Soziologie‘ zu verorten; nicht nur weil ihr Autor seine wissenschaftliche Sozialisation an der Universität Mannheim erfuhr, die heute auch Sitz der Akademie ist, sondern weil sich entsprechende Positionierungen im Kapitel zum Werturteilsstreit auch im Buch finden lassen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Prof. Dr. Anton Sterbling (geb. 1953 in Rumänien) studierte, nach regimekritischer Tätigkeit in seinem Geburtsland und folgender Aussiedlung nach Deutschland 1975, an der Universität Mannheim Soziologie, Volkswirtschaft. und Wissenschaftslehre. Er wurde 1987 mit einer Arbeit über die Rolle von Eliten im Modernisierungsprozess promoviert. Nach seiner Habilitation 1993 vertrat er die Soziologie an den Universitäten Heidelberg, Bonn, Lüneburg und lang Zeit an der Universität der Bundeswehr Hamburg sowie an der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) in Rothenburg/​Oberlausitz, wo er im April 2019 emeritiert wurde. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die Rolle von Eliten in den Gesellschaften (Süd-)Osteuropas im Transformationsprozess nach 1990 sowie polizeisoziologisch relevante Themen. Diese Schwerpunkte scheinen insbesondere im Rahmen von Exkursen innerhalb des hier besprochenen Bandes immer wieder auf.

Entstehungshintergrund

Der Einführungsband basiert auf den Vorlesungen zur Soziologie, die der Autor an Polizei- und Bundeswehrhochschulen gehalten hat und die zum Teil als interne Veröffentlichungen der Sächsischen Polizeihochschule in Rothenburg bereits publiziert worden sind. Obgleich Sterbling betont, dass die Texte um polizeispezifische Themen gekürzt wurden, ist dem Text dieser Entstehungshintergrund doch an vielen Stellen anzumerken. Das ist keineswegs zu kritisieren, da eine Soziologie aus ordnungspolitischen Perspektiven überaus interessant sein kann – beispielsweise wenn Sozial Arbeitende in kooperativen Arbeitszusammenhängen mit Polizist*innen sich über gemeinsame sozialwissenschaftliche Annahmen zur Sozialisation junger Straftäter*innen verständigen müssen.

Aufbau

Der fast sechshundertseitige Text gliedert sich in sechs Teile, in denen die Themenfelder: Wissenschaftstheorie und Erkenntnisprogramm der Soziologie, Mikrosoziologie, Makrosoziologie, Soziale Ungleichheit, Organisationssoziologie, Modernisierungstheorie und Kultur/​Interkulturalität eingeführt wird. Jeder Teil wird seinerseits in zwei bis vier Kapitel untergliedert die ihrerseits wiederum durch insgesamt zehn Exkurse ergänzt werden. Der Aufbau selbst wird aufgrund des unvorteilhaften Layouts des Inhaltsverzeichnisses durch den Verlag leider nicht ganz deutlich, erschließt sich in der Lektüre jedoch schnell. Neben den sachkundigen und soliden Ausführungen zu den in den Einzelkapiteln verhandelten soziologischen „Basics“ sind besonders die Exkurse interessant, weil der Autor darin häufig spezifische, von seinen Forschungsinteressen und Arbeitszusammenhängen her geprägte Fokussierungen vornimmt, die dem Werk seine Handschrift verleihen.

Inhalt

In der Darstellung der zentralen Inhalte soll der im Aufbau skizzierten Struktur gefolgt werden. Im auf die Einführung folgenden ersten Teil wird das „Erkenntnisprogramm“ der Soziologie vorgestellt, das recht strikt aus dem handlungstheoretischen Zugang Max Webers abgeleitet wird. Deutendes subjektives Sinnverstehen (S. 73) ist dabei Ausgangspunkt und die rationale Selbstreflexion von Gesellschaft – etwa im Hinblick gesellschaftlicher Folgen nicht intendierter Kollektivhandlungen (S. 78 ff.) – das Ziel soziologischer Erkenntnisprozesse. Gegenüber trans- und interdisziplinären Einbettungen zeitgenössischer der Soziologie nimmt der Autor eine dezidiert wohlwollend-kritische Haltung ein und insistiert auf das Konzept der Bewahrung von Fachidentität. Klar positioniert sich der Text im Sinne der von Max Weber postulierten Werturteilsfreiheit in der soziologischen Gesellschaftsanalyse und grenzt sich damit gegen weltanschauliche Vereinseitigungs- und Vereinnahmungstendenzen der Disziplin klar ab.

Im zweiten Teil zur Mikrosoziologie wird anhand klassischer Autoren (Weber, Habermas) sehr systematisch über Theorien sozialen Handelns in die grundlegenden Gegenstandsbereiche und Analysekonzepte (Sozialisation, soziale Gruppen, soziale Rollen) eingeführt. Besonders interessant ist hierbei der Exkurs zu Eliten und Elitenkonfigurationen, der interessanterweise ohne Vilfredo Pareto und Robert Michels auskommt, aber dafür anhand neuerer Autoren profund in dieses Thema einführt das in vergleichbaren Werken deutlich seltener problematisiert wird.

Im dritten Teil zur Makrosoziologie werden die zugehörigen Grundkonzepte (soziale Werte und Normen, soziale Kontrolle, Soziale Ungleichheit, soziale Konflikte und Integration sowie Macht, Autorität und Herrschaft) anhand klassischer Autoren dargestellt. Neben Max Weber werden hierbei Pierre Bourdieu und Heinrich Popitz als Referenzen geführt. Insbesondere die anthropologisch in der Anerkennungsbedürftigkeit des Menschen fundierte Macht- und Autoritätstheorie von Popitz wird als Bezugsrahmen auch bei anderen Kapitel immer wieder deutlich.

Der vierte Teil zur Organisationssoziologie liefert eine knappe Überblicksdarstellung zu Institutionen, Organisations-Umweltbeziehungen und Führungshandeln in Organisationen. Dieser Teil der Schrift beinhaltet keine Exkurse.

Der umfangreichere fünfte Teil diskutiert Modernisierungstheorien, Europäisierung und Globalisierung mit einem Schwerpunkt auf osteuropäische Transformationsprozesse, die im zugehörigen Exkurs expliziert werden. Hierbei wird überwiegend auf Theorien in Gefolge der Arbeiten Ulrich Becks zurückgegriffen.

Identitäts- Zugehörigkeits- und Anerkennungsfragen werden im abschließenden sechsten Teil vor dem Hintergrund von Einwanderungsgesellschaft und globalen Migrationsprozessen diskutiert. Ein Exkurs zu den Gelingensbedingungen und Risiken der Integration von Zuwanderern schließt dieses Kapitel und somit das Buch ab. Dabei endet Sterbling im Ausblick mit einer deutlichen Warnung vor den Risiken eines Scheiterns sozialer und kultureller Integrationsbemühungen von Zugewanderten, die – bei Fehlen eines gesamtgesellschaftlichen Wertekonsenses – auf lange Sicht zu anomischen Situationen (Parallelgesellschaften) führen und so zum Niedergang und Zerfall von Gesellschaft beitrügen. (vgl S. 591 f.).

Die Literaturbasis aller Teile bilden grundlegende Texte der soziologischen Tradition mit Schwerpunkten auf Weber, Habermas, Bourdieu, Parsons, Popitz, Lepsius, Gid­öldens, Elias und Publikationen des Autors.

Diskussion

Anton Sterbling legt mit seiner „Einführung in die Grundlagen der Soziologie“ einen am klassischen Kanon des Fachs orientierten Einführungstext vor, der seinem Anliegen in hohem Maße gerecht wird. Alle wesentlichen Konzepte der traditionellen Soziologie der Moderne werden aufgerufen und anhand wesentlicher Autoren und Theoriebildungen vorgestellt. Dabei ist die Selbstverpflichtung Sterblings auf Werturteilsfreiheit auch in der Darstellung theoretischer Positionen und empirischer Befunde unverkennbar. Allerdings führt dies bisweilen zu stilistischer Zurückhaltung, wo sich der Leser vom Autor durchaus eine pointierte Darstellung gewünscht hätte. Auch reißt der Autor sehr viele Themen an, von denen der Leser sich dann doch etwas mehr fachliche Stellungnahme gewünscht hätte, als den notorischen Verweis auf den nicht zu sprengenden Rahmen der Publikation. Auffällig ist weiterhin der Horizont rezipierter Literatur, der überwiegend bei ca. 2007 endet – abgesehen von zitierten Veröffentlichungen des Autors, die neueren Datums sind.

Interessant – wenngleich aus der klassisch-handlungstheoretischen Selbstverortung des Bandes erwartbar – ist das Fehlen bzw. die Unterbelichtung poststrukturalistischer, sozialkonstruktionistischer, feministischer, postkolonialistischer und z.T. auch systemtheoretischer Perspektiven auf die verhandelten Gegenstandsbereiche. Dies kann dazu führen, dass der Band von einigen Rezipient*innen möglicherweise als unzeitgemäß, eurozentrisch, konservativ oder technokratisch beurteilt werden könnte.

Auf der anderen Seite bildet gerade die Erinnerung an den ursprünglichen Ansatz der Durkheimianisch-Weberschen Soziologie als handlungstheoretischen Gesellschaftsreflexion eine Chance, wieder einen klareren Blick auf jene Sachverhalte zu gewinnen, die eine fragile Gesellschaft letztendlich integrieren und stabilisieren. Insbesondere die mit „Postmoderne“ bezeichnete Phase der beschleunigten Gesellschaftsformation brachte und bringt soziologische Theorieentwürfe hervor, die in ihrem Selbstverständnis einer aktiven Forcierung gesellschaftlicher Umbrüche (etwa durch sozialwissenschaftliche Legitimation identitätspolitischer Ansprüche von Gruppen usw.) an Ästen sägt, auf denen ihre Vertreter*innen möglicherweise selber sitzen, indem sie latent zu Destabilisierung von Gesellschaft beitragen (vgl. kritisch dazu den Sammelband von Sandra Kostner 2019, im selben Verlag).

Werke wie die „Grundlagen“ von Sterbling erinnern daran, dass es Grundstrukturen und Mechanismen innerhalb von Gesellschaften gibt, die anthropologisch (etwa im Anerkennungsbedürfnis der Menschen) begründet liegen und nicht folgenlos ideologiegebunden Reform- bzw. Revolutionsanstrengungen zu opfern sind. Neben dieser grundsätzlichen Funktion eines Hinweises darauf, wie Gesellschaft schon einmal verstanden wurde, liefern insbesondere die Exkurse zu Themen wie Werturteilsstreit, Eliten und Interkulturalität diskussionswürdige Perspektiven für jedes Einführungsseminar zur Soziologie.

Fazit

Mit der „Einführung in die Grundlagen der Soziologie“ von Anton Sterbling liegt ein sehr solider, handlungstheoretisch fundierter Überblick zu den relevanten Gegenstandsbereichen und Theorieansätzen der klassischen Soziologie vor. Er fokussiert dabei die Elemente und Voraussetzungen stabiler (National-)Gesellschaften ebenso wie deren Herausforderungen durch Transformationsprozesse vor dem Hintergrund der Globalisierung. Der wissenschaftstheoretische Zugang dürfte möglicherweise besonders bei Leser*innen aus dem Umfeld der Mannheimer ‚Akademie für Soziologie‘ auf Zustimmung treffen. Sterblings Buch eignet sich sehr gut zur Einführung in die klassischen Theorien und Grundprobleme der Soziologie, sollte aber um systemtheoretische und/oder poststrukturalistische Grundlagentexte ergänzt werden, um der Breite gegenwärtiger soziologischer Diskurse angemessen Rechnung zu tragen und zur Diskussion heterogener Positionen anzuregen.


Rezension von
Prof. Dr. René Gründer
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, Fakultät Sozialwesen
Homepage www.heidenheim.dhbw.de/ansprechpersonen/prof-dr-ren ...
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von René Gründer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
René Gründer. Rezension vom 22.04.2020 zu: Anton Sterbling: Einführung in die Grundlagen der Soziologie. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8382-1423-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26699.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung