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Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens

Cover Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. Hanser Verlag (München) 2020. 224 Seiten. ISBN 978-3-446-26590-5. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Ethik des Dialogs

In den Zeiten von Unsicherheiten, Kakofonien und Werteverfall ist guter Rat gefragt. Und es ist notwendig, sich der Gewissheiten zu versichern, die in einer humanen Ethik grundlegend für Menschenwürde und -achtung sind. Mit Rezeptologie und Ideologie freilich ist das nicht zu machen. Es sind die psychologischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnisse, die ein Gebirge von Möglichkeiten und Stoppschildern aufbauen, wie auch Wegweiser bereithalten. Die hirnphysiologischen und -biologischen Forschungen bringen ein Ergebnis zutage, das Menschen, die guten Willens sind, beunruhigen und verzweifeln lassen muss: Die vielfältigen Bemühungen, das Gute, Wahre und Humane im Menschen als Maßstab des eigenen wie des Menschheitslebens grundzulegen und zu hoffen, dass es gelingen möge, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen (vgl. dazu z.B.: Jos Schnurer, in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363 ff.), stoßen auf undurchdringliche Mauern bei Menschen, die Ideologien anhängen. Menschen, die Böses denken und tun, so die Ergebnisse, sind mit Argumenten und im Dialog nicht zu erreichen (vgl.: Heinz Bude 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​18499.php). Wer freilich so denkt, hat schon verloren und ist in seiner Ohnmacht gefangen. Wer aber einen echten, gleichberechtigten, an der Wahrheitssuche orientierten Dialog anstrebt, braucht die Hoffnung, dass jeder Mensch in der Lage und willens ist, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen (siehe dazu z.B.: Heribert Prantl, Die Kraft der Hoffnung. Denkanstöße in schwierigen Zeiten, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24119.php). Trotz des Bewusstseins, dass es schwierig sei, nicht rassistisch zu sein (Annita Kalpaka/Nora Räthzel), und dass es unmöglich sei, ein richtiges im falschen Leben führen zu wollen (Theodor W. Adorno).

Die Autoren

Der Medienwissenschaftler Bernard Pörksen von der Universität Tübingen und der Psychologe Friedemann Schulz von Thun von der Universität Hamburg gehören zu den Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass es möglich sei, eine bessere, friedliche, gerechte, humane Eine Welt zu gestalten. Das ist freilich nicht mit Laissez-faire, Egalismus und Momentanismus, schon gar nicht mit Fatalismus zu erreichen. In der Schale der schmackhaften, reifen Früchte den faulen Apfel herauszuklauben – das wäre eine Methode, um das Schlechte los zu werden und das Gute zu erhalten; aber danach zu suchen, woher die Fäulnis kommt und diese zu verhindern, die weitaus effektivere und wirkungsvollere.

Aufbau und Inhalt

Mit diesem Vergleich beginnt Bernhard Pörksen in seinem Vorwort „Gesellschaft der Gleichzeitigkeiten“ seine Bestandsaufnahme vom Zustand der lokalen und globalen Welt. Es ist die „schöne digitale Welt“, die Gutes und Böses schafft (Bernhard Pörksen/​Andreas Narr, www.socialnet.de/rezensionen/​26586.php). Es ist die Vernetztheit, die Freiheit und Gefängnis sein kann, je nach dem Aufklärungs- und Verantwortungsbewusstsein der An- und Eingeschlossenen. Es sind die Umgangsformen und Tugenden, die entweder als Wertschätzung und Respekt, oder als Kommunikationsverweigerung und Aufklärungsunwilligkeit wirken. Die beiden Autoren verstehen ihr Essay als „Wechselspiel aus Zuwendung und Selbstbehauptung, aus empathischem Verständnis und klärender Konfrontation…, die das Miteinander-Reden in eine Schule der Demokratie und des Miteinander-Lebens verwandelt“. Das Buch wird in vier Kapitel gegliedert: Im ersten geht es um die „Dynamik der Polarisierung“, in der im Dialog gelingende und misslingende Kommunikationsformen verdeutlicht werden; Instrumente, Methoden und Techniken zur Sprache kommen; Gesetzlichkeiten und Modalitäten ausgetauscht werden; und Sprache und Haltung als Auf- oder Ausschließungsmittel wirksam werden können: „Nur wenn … der andere in meiner Welt mit seiner ganz eigenen Perspektive und seiner Andersartigkeit auch wirklich vorkommen darf, dann kann so etwas wie gemeinsame Realität oder Wahrheit überhaupt entstehen“.

Im zweiten Kapitel „Möglichkeiten und Grenzen des Dialogs“ muss das „Primat der Stimmigkeit“ eine Chance haben, was bedeutet, dass nicht Fake News und Unsinnigkeiten im Spiel sind, sondern der gemeinsame Wille zum klärenden Gespräch vorhanden ist. Es ist die „Dialektik von Abgrenzung und Annäherung“, von „Nähe und Distanz“ (Margret Dörr 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26070.php), von Berührung und Berührtheit (Rebecca Böhme 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25261.php).

Das dritte Kapitel wird mit „Transparenz und Skandal“ getitelt. Ein Dialog, ob persönlich oder virtuell, macht die Menschen sichtbar und erkennbar. Dadurch werden Eigenschaften, Mentalitäten und Identitäten offen gelegt, und es besteht die Gefahr der Überhöhung wie der Erniedrigung, der Kompetenzdarstellung wie der Lächerlich-machung. Das „Kommunikationsquadrat“ mit den Parametern „Sachinhalt“ – „Selbstkundgabe“ – „Appell“ – „Beziehung“ bietet die Chance für Verstehen und Verständnis.

Im vierten, letzten Kapitel geht es um „Desinformation und Manipulation“. Weil populistische und egozentristische Meinungen einem Intelligenztext nicht standhalten und absurdes, abstruses, falsches und Nonsens-Reden ist, wäre es (eigentlich) leicht, sie zu widerlegen. Doch wenn die Lüge Programm im individuellen und machtpolitischen Denken und Tun wird, ist es schwierig, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Hier nämlich kommen Konstruktivismus und Skeptizismus ins Spiel, wie dies Heinz von Foerster mit der Metapher ausdrückte, dass die Wahrheit die Erfindung eines Lügners sei (Heinz von Foerster/​Bernhard Pörksen, 1998).

Fazit

Der Gesellschaftsanalytiker Harald Welzer stellt in seiner „Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ fest, dass ein Perspektivenwechsel notwendig sei und man sich vorstellen solle, dass Alles auch anders sein könnte (www.socialnet.de/rezensionen/​25575.php). Er schließt damit an den Appell der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) an, der dazu aufruft: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweiterte Ausgabe, Bonn 1997, S. 18). Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun stellen zum Schluss ihres Dialogs über die Kunst des Miteinander-Redens fest, dass das Buch, wie es vorliegt, von einen allein nicht hätte geschrieben werden können. Denn das ist das Wesen eines guten Dialogs auf Augenhöhe, dass nicht nur die Diskutanten davon profitieren, sondern dass, wenn es gelingt, „nach guten Debatten eine integrale Lösung zu finden, die intelligenter und weiser ist, als was jeder Einzelne im Kopf hat, dann hätte Demokratie sich auf schönste Weise verwirklicht“. So lässt sich zusammenfassen: Der Dialog der beiden Diskutanten bietet Leserinnen und Lesern, idealerweise im dialogischen Verhältnis, eine ganze Reihe von Denkanstößen und Lebenslehren an!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.03.2020 zu: Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. Hanser Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-446-26590-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26707.php, Datum des Zugriffs 15.08.2020.


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