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Alexei Medvedev: Heterogene Eltern

Cover Alexei Medvedev: Heterogene Eltern. Die Kooperation von Eltern und Schule neu denken und umsetzen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 192 Seiten. ISBN 978-3-407-25812-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das Werk von Alexei Medvedev beleuchtet die Kooperation zwischen Eltern und Schule. Dabei nimmt der Autor in diesem Werk konkret die Vielfalt bzw. die Heterogenität dieser Bevölkerungsgruppe praxisorientiert in den Blick.

AutorIn oder HerausgeberIn

Alexei Medvedev, Dr. phil., ist bei der Koordinierungsstelle „Weiterbildung und Beschäftigung“ in Hamburg tätig. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die Elternkooperation im Kontext von Schulentwicklungsprozessen, Gemeinwesenarbeit sowie Bildung im Zusammenhang von Migration.

Aufbau

Die dreizehn Kapitel der Publikation thematisieren neben der Heterogenität von Eltern die Kooperation zwischen Elternhaus und Schule aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die ersten fünf Kapitel des Buches setzen sich mit den Grundlagen einer Zusammenarbeit zwischen Eltern und der Bildungsinstitution Schule auseinander. Nach einer Einleitung, in der diese Zusammenarbeit in einem fachlichen und wissenschaftlichen Diskurs verortet werden, befassen sich die ersten Kapitel mit der Wirkung von Sprache im System Schule, der Klärung der Begriffe Eltern und Familie, dem Erziehungsauftrag und der Erreichbarkeit von Eltern.

Das sechste Kapitel behandelt die Heterogenität und die daraus resultierende Herausforderung für die Schule als Bildungsinstitution. Es beschreibt die Dimensionen der Heterogenität und die daraus resultierenden Konsequenzen für das pädagogische Handeln in Schulen.

Das siebte und zugleich umfangreichste Kapitel betrachtet die Zusammenarbeit mit Eltern im Rahmen einer Schulentwicklung. Der Autor arbeitet die einzelnen Elemente heraus, in die sich diese Zusammenarbeit zerlegen lässt. Er beschreibt diese Vorgehensweise metaphorisch als Kuchenprinzip.

Darauf aufbauend thematisiert er anschließend die praktische Umsetzung anhand aufeinander aufbauender Schritte. Im zehnten Kapitel wird die Kooperations- und Netzwerkarbeit zwischen Schule und externen Partnern als Unterstützung im Rahmen der Kooperation dargestellt. Das elfte Kapitel zeigt Möglichkeiten der Gemein- und Sozialraumorientierung auf.

Die abschließenden Kapitel setzen sich mit den Chancen und Risiken von Best-Practice-Beispielen auseinander, bevor der Autor Ideen und erfolgreiche Praxisbeispiele und Formate vorstellt, die dem Leserkreis als Inspiration dienen sollen, um die Kooperation zwischen Eltern und Schule weiterzuentwickeln. Zum Abschluss gibt es Kopiervorlagen, die im Rahmen der Kooperation weiterentwickelt werden können.

Inhalt

Zum Einstieg wird die Kooperation zwischen Eltern und Schule vor dem Hintergrund divergierender Perspektiven und Diskurslinien beschrieben und verortet. Es findet eine Darstellung des aktuellen Forschungstandes sowohl in Bezug auf Eltern und Bildung (S. 9) als auch auf die Perspektive der Kinder und Jugendlichen sowie über die Eltern als relevante Zielgruppe statt. Diese Darstellungen werden mit empirischen Erkenntnissen belegt. Die Kooperation mit Eltern wird im Rahmen dieses Kapitels als Querschnittsthema identifiziert, das aufgrund der hohen Vielfalt in der Elternschaft auch von unterschiedlichen Diskurslinien geprägt ist. Zum Abschluss der Einführung wird das hohe Heterogenitätsspektrum in der Elternschaft thematisiert. Zum Ende des Kapitels wird der Diversity-Diskurs im Schulsystem dargestellt. Darin enthaltene Diskurslinien, Vielfalt im Klassenzimmer, Vielfalt im Lehrerzimmer und Vielfalt in der Elternschaft werden aufgezeigt und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpft.

Sprache, deren Wirkkraft und inhärente Bilder, die im Kontext des schulischen Systems genutzt werden, sind Thema des zweiten Kapitels. Es stellt die Frage danach, inwieweit ein schulspezifischer Sprachduktus dazu führt, dass bestimmte Denkweisen, Ideologien und Haltungen, Machverhältnisse und Diskriminierungstendenzen im Bildungssystem reproduziert werden und somit die Zusammenarbeit mit der heterogenen Gruppe der Eltern beeinflussen. 

Das dritte Kapitel betrachtet den Eltern- und Familienbegriff unter dem Fokus der zunehmenden Pluralität von Familienformen. Neben einer begrifflichen Klärung der in diesem Kapitel relevanten Termini Eltern und Familie geht Medvedev auf das Phänomen der zunehmenden Pluralisierung von Familienformen ein, das er als Familie 2.0 bezeichnet.

Das sich daran anschließende vierte Kapitel setzt sich mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag auseinander, indem diese im Rahmen eines Beziehungsdreiecks mit den Eckpunkten Kinder, Eltern und Schule beschrieben werden. Der Autor weist auf die Verbindlichkeit einer Zusammenarbeit hin. Neben diesen Grundlagen wird in dem Kapitel auch die Sicht von Kindern und Jugendlichen, Eltern und Schule auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag beschrieben. Dieser Auftrag wird immer wieder kritisch beleuchtet. So wird hinterfragt, ob das Wahlrecht der Schule vor dem Hintergrund der Vulnerabilität bestimmter Bevölkerungsgruppen und Entscheidungslogiken nicht eher als ein Privileg zu verstehen ist, da dies von Seiten der Eltern und den individuellen Ressourcen sehr unterschiedlich genutzt wird (vgl. S. 32).

Erreichbarkeit von Eltern ist das Thema des fünften Kapitels. Es beginnt zunächst mit der Begriffsklärung des Terminus Erreichbarkeit. Danach wird beschrieben, welche Eltern aus der Sicht der Schule als schwer erreichbar zu definieren sind und welche Ursachen dem zugrunde liegen können. Anhand einer tabellarischen Darstellung werden dem Leser/der Leserin unterschiedliche Barrieren und mögliche Lösungsansätze übersichtlich dargestellt. 

Das darauffolgende Kapitel setzt sich dezidiert mit dem hohen Heterogenitätsspektrum innerhalb der Elternschaft auseinander. Die Heterogenität wird durch statistische Werte belegt und es findet eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Elternheterogenität statt, die sich nach den Erfahrungen des Autorsvorrangig auf eine kulturelle Vielfalt beschränkt (vgl. S. 55). Im weiteren Verlauf des Kapitels wird deutlich, dass die Vielfalt innerhalb von Familien neben dem Einfluss von Herkunft, Kultur und Religion auch durch den sozioökonomischen Status, die Formen der Erwerbstätigkeit und die gesellschaftliche Pluralisierung von Familienbildern beeinflusst wird. Mit dem Verweis auf die Probleme einer intersektionalen Betrachtungsweise von Merkmalen, denen Ausgrenzungstendenzen inhärent sind und die somit ein Risiko beinhalten, von Diskriminierung betroffen zu sein, werden im Rahmen des Kapitels Pro- und Contra-Argumente hinsichtlich einer Binnendifferenzierung innerhalb der Elternschaft gegenübergestellt.

Das siebte Kapitel befasst sich mit der Elternkooperation im Kontext des Diskurses um eine moderne Schulentwicklung und beschreibt zunächst spezifische Herausforderungen und Lösungsansätze. Im Rahmen einer nachhaltigen Implementierung von Elternarbeit stellt Medvedevdas „Kuchenprinzip“ vor. Dieses Prinzip nutzt dabei folgende drei Elemente

  • Kultur und Haltung,
  • Struktur und Strukturen,
  • Praxis und Praktizieren im Alltag

Diese Schichten, sind bildlich gesprochen der Boden des Kuchens. Die Kooperation mit Eltern wird in diesem Zusammenhang in die einzelnen Teilbereiche Willkommenskultur, Kommunikation, Kooperation und Partizipation aufgegliedert, die als Segmente bezeichnet werden.

„Womit fange ich an?“ ist die Leitfrage des achten Kapitels. Es geht dabei um die praktische Umsetzung bzw. die schrittweise Initiierung neuer Prozesse im Kontext der Schulentwicklung. Der gesamte Prozess wird unterteilt in vier Schritte:

  1. Ist-Stand und Entwicklungsbedarfe identifizieren
  2. Ziele priorisieren
  3. Veränderungen umgesetzen
  4. Projekte evaluieren

Gegen Ende des Buches wird in Kapitel neun die Netzwerkarbeit und die Zusammenarbeit mit externen Partnern thematisiert, die der Weiterentwicklung der Elternarbeit zuträglich sein können. Eng daran anschließend geht Medvedev auf die Bedeutung der Sozialraumarbeit und deren Mehrwert für die Schulentwicklung ein. Im Vordergrund steht die Frage, wie Öffnungsprozesse durch den örtlichen Sozialraum der Schule eingebracht werden. Dies zielt auf die Identifizierung von Schnittstellen im Sozialraum, die eine Kooperation und Zusammenarbeit mit Eltern unterstützen können.

Um „Fluch und Segen der guten Praxis“ geht es im elften Kapitel. Es befasst sich dezidiert mit positiven wie auch negativen Beispielen guter Praxis für Schulentwicklungsprozesse in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Eltern.

Zum Abschluss beschreibt der Autor des Werkes Ideen für die Praxis. Im Rahmen eines separaten Kapitels zum Ende des Werkes finden die Leser*innen Kopiervorlagen, die zur Entwicklung und Konzeptualisierung einer Zusammenarbeit mit Eltern genutzt werden können.

Diskussion

Die Zusammenarbeit mit Eltern ist eine Thematik, die für die Schule, aber auch für Kindertagesstätten von hoher Relevanz ist. Betrachtet man den Diskurs um eine Zusammenarbeit mit Eltern, so ist dieser von vielen programmatischen Vorstellungen geprägt, die zum Teil implizit Anforderungen an die Lehr- oder pädagogischen Fachkräfte formulieren. In diesem Kontext werden immer wieder Termini wie „Partnerschaft auf Augenhöhe“ verwendet. Beim System Schule stellt sich die Frage, wie eine solche Partnerschaft zwischen Lehrern und Eltern zu verstehen ist, denn natürlich kommen hier inhärente Machtsymmetrien zum Tragen. Es ist also fraglich, ob ein solches gleichberechtigtes Partnerschaftsverhältnis zwischen Lehrern und Eltern überhaupt möglich und realistisch ist. 

Unabhängig von diesen grundsätzlichen Fragestellungen besitzt die Schule eine wichtige gesamtgesellschaftliche Verantwortung, um Tendenzen einer Bildungsbenachteiligung entgegenzuwirken. Ausgehend von divergenten Familienformen und Lebenslagen ergeben sich heterogene Bedarfslagen. Dem gegenüber steht die Schule als ein System mit curricularen Grundstrukturen, zu dessen wesentlichen Merkmalen sicherlich auch eine möglichst objektive Leistungsfeststellung zu zählen ist. Es ist die Herausforderung an das System Schule dieses Spannungsfeld zu gestalten. Mit dem Titel weist der Autor darauf hin, dass es eines individualisierten Blicks auf Eltern bedarf. Ein wichtiger Schritt ist eine individualisierte Kommunikation, eine gemeinsame Sprache, die Zugänge ermöglicht. Es erscheint demnach beispielsweise wenig zeitgemäß; von „den Eltern“ zu sprechen. Dieser Begriff ist sehr undifferenziert, da er das hohe Spektrum an Heterogenität ausblendet. Eine Zusammenarbeit ist demnach nur sehr schwer an verbindliche Qualitätsstandards zu knüpfen. Hier ist noch eine stärkere Differenzierung bei der Ausgestaltung von Elternarbeit erforderlich (vgl. Betz 2015, S. 11).

Die Herausforderung für das System Schule wird zukünftig sicherlich darin liegen, neue Konzepte zu entwickeln. Zum einen sind die Eltern als eine Gruppe zu verstehen, die in einer Schulentwicklung in ihrer Gesamtheit mitgedacht und beteiligt werden müssen und zugleich in ihren individualisierten Lebenslagen zu berücksichtigen sind. Gelingt es, eine individualisierte Elternarbeit nachhaltig in der Schulentwicklung zu implementieren, dann ist es sicherlich möglich, dass Schule durch eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Schüler*innen neue Perspektiven entwickelt. Auf dieser Basis könnten bereits bestehende Förder- und Unterstützungskonzepte so weiterentwickelt werden, dass sie Schüler*innen gezielt unterstützen, Bildungsbenachteiligung entgegenwirken und somit auch Eltern entlasten.

Das Buch bietet eine praxisorientierte und übersichtliche Anregung zur Ausgestaltung einer Kooperation mit Eltern. Die Aussagen werden immer wieder mit wissenschaftlich fundierten und seriösen Quellen untermauert, sodass ein guter Wissenschafts-Praxis-Transfer zu einer komplexen Thematik entsteht. Somit ist eine individualisierte Wissensreproduktion vor Ort sicherlich möglich. Sehr hilfreich sind die Kopiervorlagen, die als eine Handreichung für Praktiker*innen zu verstehen sind, um eine individualisierte auf die jeweilige Schule angepasste Elternarbeit zu entwickeln.

Fazit

Das Buch betrachtet die Kooperation zwischen Schule und den Eltern aus dem interessanten Blickwinkel der Vielfalt in der Elternschaft. Es gibt viele praktische und wissenschaftlich fundierte Anregungen, wie eine Zusammenarbeit mit Eltern orientiert an individualisierten Bedarfslagen nachhaltig im Rahmen einer Schulentwicklung umgesetzt werden kann. Das Buch regt dazu an, im Kontext einer Zusammenarbeit nicht mehr von „den Eltern“ zu sprechen, sondern den Blick auf den Einzelfall zu richten. Dennoch bietet das Buch kein Patentrezept an, wie eine Elternarbeit gelingt, und betont, dass die Ausgestaltung ebendieser Zusammenarbeit genauso heterogen ist wie die Elternschaft.


Rezension von
Daniel Roos
Daniel Roos, M.A., Sozialpädagoge, Erzieher, ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit I Rheinland-Pfalz (IBEB) tätig und war am Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Qualitätsentwicklung im Diskurs – In Vielfalt stark werden“ beteiligt.
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Zitiervorschlag
Daniel Roos. Rezension vom 31.08.2020 zu: Alexei Medvedev: Heterogene Eltern. Die Kooperation von Eltern und Schule neu denken und umsetzen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-407-25812-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26708.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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