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Leonhard Besl: Die Familie

Cover Leonhard Besl: Die Familie. Neuinterpretation einer traditionellen Form sozialer Organisation. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. 106 Seiten. ISBN 978-3-339-11520-1. D: 67,90 EUR, A: 69,80 EUR.

Reihe: Schriften zur Sozialisationsforschung - 8.
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Autor und Entstehungshintergrund

Leonhard Besl stellt in diesem schmalen Band Überlegungen zur Familie als sozialer Struktur an, aufbauend und kontrastierend zu seinem ersten Werk, welches sich mit Freundschaft befasst.

Inhalt

Das vorliegende Buch setzt sich essayartig mit der Familie als sozialer Organisationsform auseinander. Über die Zeit und durch gesellschaftliche Entwicklungen sich verändernde Werte und Bezüge werden thematisiert. Es wird die Frage nach der „Natürlichkeit“ von Familie gestellt und die Möglichkeiten des Individuums, sich innerhalb des genealogischen Systems zu verwirklichen, werden ausgeleuchtet.

Das vorliegende Buch stellt eine persönliche Reflexion des Autors über die Möglichkeiten und Zwänge dar, welche mit Familie einhergehen. Er schaut kritisch auf die heute verbreitete Gleichsetzung von Herkunftsfamilie und gesellschaftlichen Chancen. Er setzt sich sehr persönlich mit der Rolle des Kindsvaters, der klassischen männlichen Rolle in der Kleinfamilie auseinander. Sozialisation in der Familie und in die Gesellschaft beschäftigen ihn. Für Leonhard Besl ist der Mensch ein „animal social“; dies umfasst aber offenbar lediglich die gesellschaftliche Seite des Menschen, nicht seine Dimension als Familienwesen (S. 9). Die Familie wäre also etwas Natürliches, die Gesellschaft etwas Konstruiertes. Dem widerspricht Leonhard Besl jedoch schon auf Seite 11, wo er sagt: „Eine den Menschen seit seiner Geburt begleitende Verlaufsform persönlichen Freiraums ist das Zusammenleben in der Familie – wobei aufklärend hinzugefügt werden muss: … unserer Vorstellung von Familie. Denn eigentlich ist die Familie wie auch etwa die Kirche oder der Staat als Institution nur ein soziales Konstrukt des Menschen und dient als solche den Mächtigen dieser Welt, ihre Herrschaftsansprüche zu legitimieren.“

Leonhard Besl verweist darauf, dass die rechtliche Trennung zwischen „oikos“, die Sphäre des (privaten) Haushalts, und „polis“, die Sphäre des öffentlichen, politischen Lebens, bis ins Mittelalter beibehalten wurde und erst die Emanzipationsbestrebungen für Frauen und Bürgerrechte im 19. Jahrhundert und später eine Stärkung der Einzelrechte der Menschen brachten.

Im Kapitel „Die Familie: Strukturelement zur Organisation sozialer Verhältnisse oder Grundbaustein der Gesellschaft“ führt Leonhard Besl aus, er könne „dem Bild vom Zwangsverband Familie im Gegensatz etwa zur freien Freundschaft wenig abgewinnen. Die biologisch vorgegebene Sozialstruktur der genetischen Abstammung muss vielmehr mit empathischen Inhalten gefüllt werden und diese Möglichkeit zur Freiheit muss von jedem selbst in die Wirklichkeit überführt werden (können).“ (S. 29).

Es wird die Entwicklung von (finanziellen) Familienbeihilfen durch den Staat in verschiedenen europäischen Ländern nachgezeichnet, etwa Belgien, Frankreich und Österreich. Interessant ist dabei der Verweis auf die im katholisch-traditionsbewussten Weltbild „familienfeindliche Herangehensweise“ (S. 63), welche Familien als aus Individuen zusammengesetzten Sozialverband sieht, im Gegensatz zur Familie als Ganzes.

Unter dem Titel „Familie am Scheideweg: Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft?“ stellt Leonhard Besl die Familienrhetorik (Eltern und Kinder sind einander natürlich „verpflichtet“) der analytisch diskursiven Familienforschung gegenüber und stellt den biologisch-sozialen Doppelcharakter von Familie heraus. In Anlehnung an Hanna Ahrendts Diktum, der Mensch habe das Recht, Rechte zu haben, empfiehlt Leonhard Besl eine kulturelle Alternative, bei der die Kreation eines Rechtsraums die Definition und kulturelle Ausgestaltung eines individuellen Platzes im Leben ermöglicht.

Diskussion

Leonhard Besl ist es ein Anliegen, möglichst unbefangen, aber durch Wissen aus unterschiedlichen Gebieten „genährt“ über Familie und ihren Zwangs- und/oder Ermöglichungscharakter nachzudenken. Das Thema Individuum – Familie – Gesellschaft ist auf jeden Fall interessant und relevant. Beim Nachdenken über Familie würde meines Erachtens der sozialanthropologische Blick über den Tellerrand viel Anregung bieten – dieser fehlt jedoch fast vollständig.

Neben vielen interessanten und anregenden Gedanken scheint im Buch wiederholt ein essentialistisches Denken zu Familie durch, welches teilweise Erkenntnisse limitiert. Das finde ich bedauerlich. Ein Familienbild, dem „die Gebärende“ und „der Samenspender“ zugrunde liegen, zielt meiner Meinung nach an der Fragestellung vorbei (S. 87).

Fazit

Der schmale Band gibt einem erfahrenen, in Philosophie, Soziologie und Sozialanthropologie bewandertem Publikum Denkanstösse zum Thema der Stellung des Individuums im System Familie.


Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 05.08.2020 zu: Leonhard Besl: Die Familie. Neuinterpretation einer traditionellen Form sozialer Organisation. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-339-11520-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26716.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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