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Christian Steib: Das der beruflichen Bildung ungeliebte Kind

Cover Christian Steib: Das der beruflichen Bildung ungeliebte Kind. Eine systemtheoretische Analyse der Herausbildung und Verfestigung des "(beruflichen) Übergangssystems" in der Bundesrepublik Deutschland. Eusl-Verlagsgesellschaft mbH (Detmold) 2020. ISBN 978-3-940625-94-6. D: 47,00 EUR, A: 48,40 EUR.
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Thema

Als sozial- und bildungspolitische Reaktion auf die zunehmende Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit junger Menschen seit Beginn der 1980er Jahre hat sich im Übergang von der allgemeinbildenden Schule in eine Berufsausbildung oder Erwerbsarbeit ein vielfältiges und umfangreiches Angebot unterschiedlicher Maßnahmen zur Berufsvorbereitung entwickelt. Diese sind nur teilqualifizierend und richten sich an junge Menschen, die bei ihrer Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz erfolglos geblieben sind, ihren Schulabschluss verbessern oder nachholen wollen oder ihre Berufswahl noch nicht abgeschlossen haben. 2006 wurde das sogenannte „berufliche Übergangssystem“ im ersten nationalen Bildungsbericht erstmalig definiert und systematisch neben der dualen Berufsausbildung und Schulberufsausbildung als drittes Teilsystem des Berufsbildungssystems in Deutschland benannt. Danach zielen die Maßnahmen „auf eine Verbesserung der individuellen Kompetenzen von Jugendlichen zur Aufnahme einer Ausbildung oder Beschäftigung […] und zum Teil [auf] das Nachholen eines allgemeinbildenden Schulabschlusses“.

In den inzwischen vergangenen 40 Jahren sind die kritischen Stimmen zu diesem Übergangssektor Schule-Beruf immer lauter geworden. Denn die Maßnahmen bedeuteten für viele ihrer TeilnehmerInnen, mit den Worten von Dieter Euler (2009), kaum eine „Chancenverbesserung“, sondern eher eine „Vorbereitung auf das Prekariat“. Pointiert formuliert der Autor Christian Steib: „Das ‚(berufliche) Übergangssystem‘ stellt nach der herrschenden Meinung der fachwissenschaftlichen Literatur aufgrund der fehlenden Verknüpfung mit dem Bereich Berufsbildung/​Berufserziehung ein ‚systemfremdes‘ Sammelbecken für die an dem Übergang aus dem allgemeinbildenden Schulwesen in die vollqualifizierende Berufsausbildung und/oder in die lebenssichernde Erwerbsarbeit gescheiterten jungen Menschen dar, welches einen hohen Aufwand bedingt, aber einen geringen Ertrag erbringt“ (S. 427). Vor diesem Hintergrund hat sich er sich die Frage gestellt: „Warum hat sich das ‚berufliche‘ Übergangssystem so entwickelt und stabilisiert, wie wir es gegenwärtig vorfinden, obwohl es sich seit Jahren einer harten und beständigen Kritik ausgesetzt sieht?“ (S. 13). Diese für ihn zentrale Forschungsfrage bearbeitet Christian Steib auf der Basis der Systemtheorie von Niklas Luhmann und führt zum beruflichen Übergangssystem eine funktionale Analyse durch.

Autor

Christian Steib ist Akademischer Rat im Fachgebiet Berufs- und Wirtschaftspädagogik in der Fakultät II Informatik, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist die Dissertationsschrift von Christian Steib. Seine Promotion hat er 2017 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena erfolgreich abgeschlossen.

Aufbau und Inhalt

Die insgesamt knapp 458 Seiten (zzgl. in röm. Z.: 4 Seiten Vorwort, 6 Seiten Inhaltsverzeichnis, 63 Seiten Literaturverzeichnis, 9 Seiten Rechtsquellenverzeichnis und 4 Seiten mit Abbildungs-, Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis) umfassende Monographie von Christian Steib gliedert sich in sieben Kapitel, die jeweils für sich weiter untergliedert sind, einige von ihnen haben bis zu vierstelligen Unterprunkte (z.B. 5.5.2.1).

„Einleitung

In diesem ersten Kapitel führt Christian Steib in die „Relevanz der Thematik und der Problematik“ (S. 1, 1.1) ein, skizziert den aktuellen Forschungsstand (1.2) und begründet davon ausgehend die „Zielsetzung der Dissertation“ (S. 13, 1.3). Im Weiteren gibt er einen Überblick zu seinen systemtheoretischen Grundlagen (1.4) sowie zu seinem methodischen (1.5, 1.7) und inhaltlichen (1.6) Vorgehen.

„Das Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland“

Christian Steib geht ausführlich aus historischer und aktueller Perspektive auf das Bildungswesen ein und erläutert dessen Rechtsgrundlagen (2.1), Zielsetzungen (2.2), Funktionen (2.3) und Organisation (2.4). Da Letztere auch das berufliche Bildungswesen mit seinem zentralen Ordnungsprinzip des Berufskonzepts beinhaltet, gilt das letzte Unterkapitel (2.5) der „Organisation der Arbeit der Bundesrepublik Deutschland“ (S. 60), da diese berufsförmig geregelt ist.

„Die idealtypischen Übergänge aus dem allgemeinbildenden Schulwesen in die Berufsausbildung und/oder die Erwerbsarbeit in der Bundesrepublik Deutschland“

Nachdem Christian Steib zunächst die „Integration in Gesellschaft durch Integration in [Erwerbs]Arbeit als zentrales Paradigma des Übergangs in der Bundesrepublik Deutschland“ (S. 73, 3.1) herausgearbeitet hat, erläutert er die in Deutschland als ‚idealtypisch‘ oder normalbiografisch geltenden Übergänge und problematisiert diese grundlegend im Hinblick auf ihre jeweilige idealtypische Vorstellung (3.2). Davon ausgehend richtet er den Fokus auf die diversen Schwierigkeiten, die junge Menschen im Übergang von der allgemeinbildenden Schule in eine Berufsausbildung scheitern lassen (3.3) – z.B. auch Jugendliche mit Behinderungen (Exkurs 1, S. 109) – und attestiert dem dualen Ausbildungssystem eine „nachlassende Integrationskraft“ (S. 144, 3.3.3.4). Dieses Unterkapitel 3.3 schließt mit den „Ansätze[n] zur Lösung der Schwierigkeiten der jungen Menschen am Übergang“ (S. 152, 3.3.4), die seit den 1960er Jahren in der Berufsbildungspolitik diskutiert, teilweise wieder verworfen oder umgesetzt worden sind.

„Das ‚(berufliche) Übergangssystem‘“

Obwohl der Begriff „berufliches Übergangssystem“, wie oben erwähnt, im ersten Nationalen Bildungsbericht 2006 definiert worden ist, zeigt Christian Steib systematisch auf, dass die Abgrenzungen dieses sogenannten ‚Systems‘ nicht klar bestimmt sind (4.1). Ferner geht er darauf ein, wie sich dieses Systems aus der 1980 so bezeichneten „beruflichen Benachteiligtenförderung“ entwickelt hat, und setzt sich dabei u.a. mit dem sozialen Konstrukt der Benachteiligung kritisch auseinander (4.2). Zum Abschluss dieses Kapitels stellt Christian Steib das „curricular-didaktische Defizit“ (S. 234, 4.3.1.1) und „systemtisch-institutionelle Defizit des ‚(beruflichen) Übergangssystems‘“ (S. 235, 4.3.1.2) dar und erläutert dessen notwendige Weiterentwicklungen (4.3).

„Der ‚System‘-Begriff im makrosoziologischen Verständnis“

In diesem Kapitel verlässt Christian Steib seine Ausführungen zum Bildungs-, insbesondere Berufsbildungssystem mit dem Übergangssektor in der Bundesrepublik Deutschland und taucht auf fast 150 Seiten in seine systemtheoretischen Grundlagen ein, auf deren Basis er seine Analysen im 6. Kapitel anstellen wird. Nach grundlegenden systemtheoretischen Aussagen zur sozialen Konstruktion der Wirklichkeit (5.1), geht er auf den allgemeinen Systembegriff von Arthur Hall und Robert E. Fagen ein (5.2) und erläutert kurz die Systemtheorien von Ludwig Bertalanffy (5.3) und Talcott Parson (5.4). Ausgehend von diesen systemtheoretischen Grundlagen stellt er umfassend und differenziert die Systemtheorie von Niklas Luhmann mit der daran geübten Kritik vor (5.5), auf deren Basis er die funktionale Analyse des beruflichen Übergangssystems anstellt.

„Das ‚(berufliche) Übergangssystem‘ im systemtheoretischen Verständnis Luhmanns“

Dieses Kapitel ist das ‚Herzstück‘ der Publikation, denn hier führt Christian Steib die „funktionale Analyse des ‚(beruflichen) Übergangssystems‘“ (377, 6.1) durch. Des Weiteren differenziert er in der Berufsausbildung zwischen den Ebenen des dualen Systems (6.2) sowie des Schulberufssystems (6.3) und erläutert die „Ebene des Sub-Bereichs Berufsausbildung“ (S. 389, 6.4) und die „Ebene des Bereichs Berufsbildung/​Berufserziehung“ (S. 392, 6.5). Nach einem kurzen Exkurs zu Beruf als sozialem Konstrukt kommt er zur „Ebene des Sub-Bereichs Berufsausbildungsvorbereitung“ (S. 402, 6.6) und schließt damit, dass das berufliche Übergangssystem als soziales Konstrukt (noch) kein soziales System sei (6.7): „In der vorliegenden Arbeit wurde und wird festgestellt, dass das soziale Konstrukt ‚(berufliches) Übergangssystem‘ – unter Bezugnahme auf die systemtheoretische Konzeption Luhmanns – kein ‚System‘, sondern eine Ausprägung eines ‚Bereichs‘ in dem Gefüge der modernen Gesellschaft darstellt“ (S. 412).

„Schlussbetrachtung“

In diesem die Publikation abschließenden Kapitel fasst Christian Steib seine Analyseergebnisse prägnant zusammen (7.1), zieht ein Fazit (7.2) und gibt einen Ausblick auf die aus seiner Sicht anstehenden Aufgaben in der Wirtschafts- und Berufspädagogik sowie der (Berufs)Bildungspolitik (7.3). In der Gesamtschau auf seine Ergebnisse fordert er „eine grundlegende Reform des Bereichs Berufsbildung/​Berufserziehung […], welche von der unhinterfragten Fokussierung auf das duale System der Berufsausbildung als Kernsystem und dem idealtypischen Übergang in das duale System der Berufsausbildung als Normalvorstellung absieht sowie von der unhinterfragten Abhängigkeit des Bereichs Berufsbildung/​Berufserziehung von dem Funktionssystem Wirtschaftssystem der modernen Gesellschaft abgeht“ (S. 427 f.).

Diskussion

Auch mir ist bisher – und da stimme ich mit den Ausführungen im Vorwort von Holger Reinisch, dem sognannten ‚Doktorvater‘ von Christian Steib überein (S. XVI) – keine Publikation bekannt, in der derart differenziert, systematisch, umfassend und auch aus historischer Perspektive das berufliche Übergangssystem dargestellt und analysiert wird. Gleichermaßen reich an Informationen sind für mich seine Ausführungen zum gesamten Berufsbildungssystem in Deutschland mit seinen zahlreichen schulischen und außerschulischen Angeboten der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung sowie der dualen Berufsausbildung und dem Schulberufssystem. Dabei belässt es Christian Steib nicht bei der Darstellung der Vielfalt der Maßnahmen bzw. Bildungsgänge und Berufsausbildungen, sondern er führt die LeserInnen auch durch die berufsbildungspolitischen Entscheidungen und institutionellen Bedingungen, die letztlich zum gegenwärtigen Reformstillstand im Berufsausbildungssystem beigetragen haben, an dem jedes Jahr schätzungsweise 100.000 junge Menschen scheitern und im beruflichen Übergangssystem stranden.

Fazit

Mit seinen insgesamt 63 Seiten Literatur- und neun Seiten Rechtsquellenverzeichnis bietet die Publikation von Christian Steib eine beeindruckende Fundgrube für LeserInnen, die sich mit dem Berufsbildungssystem und dem beruflichen Übergangssystem in Deutschland sowie mit systemtheoretischen Ansätzen, vor allem jenem von Niklas Luhmann, eingehender auseinandersetzen möchten.

Dennoch habe ich an manchen Stellen aktuellere Quellen vermisst. Zudem haben mich die zahlreichen, teilweise sehr ausführlichen Fußnoten mit den Quellennachweisen beim Lesen behindert und dies besonders auf den Seiten, wo der Text nur wenige Zeilen umfasst und der Rest der jeweiligen Seite aus Fußnoten besteht (z.B. S. 287). Doch nicht nur mein Hinweis auf die insgesamt 5.565 Fußnoten, sondern auch die in meiner Rezension angeführten tiefen Untergliederungen sowie die zumindest für mich häufig sehr technokratisch anmutende Architektur der Systemtheorie Niklas Luhmanns mögen interessierte LeserInnen darauf vorbereiten, dass sie eine zwar sehr informationsreiche, aber auch herausfordernde Lektüre erwartet.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 22.04.2020 zu: Christian Steib: Das der beruflichen Bildung ungeliebte Kind. Eine systemtheoretische Analyse der Herausbildung und Verfestigung des "(beruflichen) Übergangssystems" in der Bundesrepublik Deutschland. Eusl-Verlagsgesellschaft mbH (Detmold) 2020. ISBN 978-3-940625-94-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26725.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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