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Eric Leibing, Wolfgang Hiller u.a. (Hrsg.): Verhaltenstherapie

Cover Eric Leibing, Wolfgang Hiller, Serge K. D. Sulz (Hrsg.): Verhaltenstherapie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 2., überarbeitete und erweiterte Neu Auflage. 532 Seiten. ISBN 978-3-86294-071-4. D: 79,90 EUR, A: 82,20 EUR.

Reihe: Lehrbuch der Psychotherapie für die Ausbildung zur/zum Psychologischen PsychotherapeutIn und für die ärztliche Weiterbildung - Band 3.
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Thema

Bei dem Lehrbuch handelt es sich um eine praxisorientierte Darstellung der Verhaltenstherapie. Es wird „ein umfassender Gesamtüberblick über den aktuellen Stand und die praktische Anwendung der Verhaltenstherapie gegeben“ (S. XVII).

Herausgeber

Eric Leibing ist psychologischer Psychotherapeut. Er ist leitender Psychologe an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen.

Wolfgang Hiller ist psychologischer Psychotherapeut und Leiter der Abteilung Klinische Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Mainz.

Serge K. D. Sulz lehrt als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er ist psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Aufbau

  1. Theorie und Praxis der Diagnostik
  2. Rahmenbedingungen der Psychotherapie, Setting, Patient-Therapeut Interaktion
  3. Behandlungskonzepte und Techniken
  4. Anwendungen – Störungsspezifische Intervention
  5. Therapie in besonderen Settings und mit besonderen Patientengruppen

Inhalt

Für die verhaltenstherapeutische Diagnostik stellt Max Leibetseder im ersten Kapitel heraus das die funktionelle Verhaltensanalyse in der Identifikation der bedeutsamen, kontrollierbaren und verursachenden Bedingungen besteht. Zunächst findet bei der Problemanalyse sowohl für den Klienten als auch für den Therapeuten eine grundsätzliche Orientierung statt. Folgende Fragen sind dabei zu klären:

  • An welchen Inhalten und innerhalb welcher Rahmenbedingungen soll gearbeitet?
  • Welche Motive bewegen den Klienten zur Inanspruchnahme einer Therapie?
  • Welche Erwartungen hat der Klient an den Therapieverlauf?
  • Welches Ziel will der Klient erreichen?
  • Welche Rolle hat der Klient in der Therapie?

Nach der Beschreibung des problematischen Verhaltens erfolgt die horizontale Verhaltenserklärung, die vorgenannter Autor in zwei Schritten darstellt:

  1. ist eine Verhaltensgleichung zu erstellen, die ihren Blick auf die vorausgehende und die nachfolgende Situation lenkt;
  2. ist das symptomatische Verhalten durch allgemeine Lerngesetze zu erklären.

Bei der Erstellung des Therapieplans sind zu berücksichtigen:

  • der Ansatzpunkt und die Richtung der Veränderung;
  • das Veränderungsprinzip
  • die Konkretisierung der Veränderung

Serge K. D. Sulz stellt am Ende des Kapitels den vollständigen Prozess der therapievorbereitenden Schritte vor. „Das Kapitel besteht aus zwei Teilen, der Fallkonzeption des Individuums und der Fallkonzeption der Familie jeweils mit Theorie und Praxis“ (S. 25).

Im zweiten Kapitel diskutieren Dieter und Katarina Schmelzer die Rahmenbedingungen, das Behandlungssetting, Einleitung und Beendigung der Behandlung. Die Rahmenbedingungen der Makro-Ebene von Psychotherapie entziehen sich den Therapeuten, als da beispielsweise wäre die Frage nach der sozialen, ökonomischen und politischen Lage einer Gesellschaft. Spezielle Aspekte sind u.a. das Psychotherapeutengesetz, die Psychotherapie-Richtlinie, die Psychotherapie-Vereinbarung, die gesetzliche Krankenversicherung, die private Krankenversicherung, die ethisch-berufsständischen Richtlinien und Berufsordnungen. Den Autoren folgend werden unter einem Behandlungssetting alle Faktoren verstanden, welche den externen situativen – also Ort, Lage oder Größe der Therapierräume – und physikalischen Therapierahmen bestimmen. Die Verfasser unterscheiden verschiedene Arbeitsformen bei der Therapiedurchführung, z.B. Einzeltherapie, in-vivo-Therapie, Gruppentherapie oder stationäre Therapie. Im Therapieprozess werden die Einleitung und die Beendigung der Behandlung, die ein siebenphasiges Prozessmodel umspannen, näher ausgeführt.

Mit der Gesprächsführung in der Verhaltenstherapie setzen sich Jürgen Hoyer, Frank Jacobi und Eric Leibing im dritten Kapitel auseinander. Eine Kernkompetenz, die hier besprochen wird, ist die Therapeut-Patient-Beziehung. Es werden Grundprinzipien und Gesprächsführungstechniken dargestellt, die in der Einzeltherapie Anwendung finden, als da wären:

  • Transparenz: Hierbei geht es um die Erläuterung von Vorgehen, Übungen, Hausaufgaben etc.;
  • Struktur: Eine Strukturierung des Therapieablaufs in Teilschritte kommt den wichtigsten Patientenerwartungen entgegen;
  • Konkretisieren, Präzisieren und Spezifizieren: Hier wird der Patient dazu aufgefordert, „möglichst konkret und präzise seine Situation, die Beschwerden, die entsprechenden Auslöser, die damit verbundenen Gedanken, Gefühle und den bisherigen Umgang damit zu beschreiben“ (S. 90);
  • Geleitetes Entdecken: Durch gezieltes Fragen oder durch das Präsentieren von Beispielen wird der Patient dazu angeregt, „wichtige zielführende, neue oder auch für ihn zunächst widersprüchliche oder gar unangenehme Informationen selbst zu generieren“ (S. 91). Bei diesem Prinzip handelt es sich um Hilfe zur Selbsthilfe, bei welcher der Patient Experte in eigener Sache ist;
  • Soziale Verstärkung und Lob: Mit diesem Grundprinzip kann ein Lob die Beziehung zum positiven Pol hin fördern, therapeutische Fortschritte werden gefördert und das Prinzip der Selbstverstärkung kann leichter etabliert werden. In einem Merksatz formulieren die Autoren das Lob immer dann wichtig ist, „wenn der Patient in Denken oder Handeln etwas versucht, das er bisher nicht oder nicht so gut konnte“ (S. 92);
  • Zusammenfassen und Rückmelden: Zusammenfassungen fördern auf Therapeutenseite das Verständnis, denn die Patienten erleben die Therapie immer ganz anders als der Therapierende. Zusammenfassungen können Missverständnissen entgegenwirken;
  • Stringenz und Konsequenz: Letztgenanntes ist notwendig, um therapeutisches Verhalten vorhersagbar zu machen. Negativ wirkt sich aus, „wenn das therapeutische Gesprächsverhalten nicht wirklich vorhersagbar ist, wenn also der Patient nicht schon vorher ‚weiß‘, dass der Therapeut ihn (beispielsweise – CR) für ein bestimmtes Verhalten loben wird“ (S. 93).

Bei den störungsspezifischen Interventionen widmen sich im vierten Abschnitt verschiedene Autoren unterschiedlichen Erkrankungen. Beispiele:

Regina Steil befasst sich mit den posttraumatischen und akuten Belastungsstörungen, die charakterisiert sind durch ein belastendes Wiedererleben, dem Vermeiden traumarelevanter Reize und Zeichen autonomer Übererregung nach einem traumatischen Ereignis.

Manfred M. Fichter diskutiert Essstörungen: Essstörungen basieren auf dem Vor- oder Nichtvorliegen von Gewichtsabweichungen, Heißhungerattacken und einer Gewichtszunahme entgegensteuernden Verhaltensweise.

Kerstin Paetow und Bernd Leplow nehmen die Verhaltenstherapie bei Vorliegen einer neurologischen Erkrankung in den Blick, wie dem Schädel-Hirn-Trauma, der Multiplen Sklerose oder dem Schlaganfall. Bei neurologischen Erkrankungen treten psychische Auffälligkeiten entweder als primäre oder sekundäre Syndrome auf. Häufige Folgen nach einem hirntraumatischen Ereignis sind:

  • motorische Störungen;
  • epileptische Anfälle;
  • eine gestörte vegetative Steuerung;
  • Aufmerksamkeitsdefizite;
  • Lern- und Gedächtnisstörungen;
  • Wahrnehmungsstörungen;
  • Störungen exekutiver Funktionen;
  • Sprach- und Sprechstörungen;
  • Störungen des Lesens und Schreibens
  • Störungen der Bewegungsfolgen;
  • Affektveränderungen;
  • Störungen der Krankheitseinsicht;
  • emotionale Störungen;
  • Wesensveränderungen;
  • Anpassungsstörungen

„Die Behandlungsziele umfassen bei neurologischen Patienten sowohl die Akzeptanz unvermeidlicher Einschränkungen als auch die Umsetzung konkreter ‚problemfokussierter‘ Aufgaben“ (S. 391).

Zur Therapie in besonderen Settings und mit besonderen Patientengruppen befassen sich im letzten Abschnitt z.B. Rolf Leibbrand und Wolfgang Hiller mit der Krisenintervention, welche ein sofortiges, aber kein übereiltes Handeln erfordert. Es sind hier wichtige Informationen über die Genese der Krise, das Gefährdungspotenzial, Handlungsoptionen und Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Leibbrand/​Hiller lenken ihren Blick auf die Themen Suizidalität, agitiertes und emotional dekompensiertes Verhalten, Bewusstseinsstörungen sowie Impulsivität und Selbstverletzung.

Fazit

Das besprochene Lehrbuch der Psychotherapie ist eine wertvolle Unterstützung für die Ausbildung in der Verhaltenstherapie.

Positiv zu bewerten ist die Praxisorientierung, die durch die Präsentation von Beispielen immer gegeben ist und die theoretischen Aspekte verdeutlichen und dann auch verstehbar machen. Für die schnelle Rückbesinnung beim Lernen sehr sinnvoll sind die Merksätze, wie die wissenschaftliche Definition von Psychotherapie, die Schmelzer/​Schmelzer auf Seite 57 liefern: „Psychotherapie ist ein bewusst geplanter, systematischer, an psychischen oder psychosomatischen Problemen ansetzender, mit psychologischen Mitteln durchgeführter, zielgerichteter Veränderungsprozess. Grundlage sind aktuelle, wissenschaftlich begründete Erkenntnisse in Theorie und Praxis, aus denen bestimmte Methoden abgeleitet wurden, deren prinzipielle Wirksamkeit für bestimmte Zwecke nachgewiesen ist. Die therapeutische Beziehung hat dabei immer eine große Bedeutung.“

Diese Umstände machen das Lehrbuch zu einem wertvollen Hilfsmittel für die Aus- und Weiterbildung,


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 16.04.2020 zu: Eric Leibing, Wolfgang Hiller, Serge K. D. Sulz (Hrsg.): Verhaltenstherapie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 2., überarbeitete und erweiterte Neu Auflage. ISBN 978-3-86294-071-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26729.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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