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Esther Abplanalp, Salvatore Cruceli u.a.: Beraten in der Sozialen Arbeit

Cover Esther Abplanalp, Salvatore Cruceli, Stephanie Disler, Caroline Pulver, Michael Zwilling: Beraten in der Sozialen Arbeit. Eine Verortung zentraler Beratungsanforderungen. UTB (Stuttgart) 2020. 192 Seiten. ISBN 978-3-8252-5347-9. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Der Titel fasst den Inhalt des Buches in Kurzform zusammen: Es geht um das Beraten in der Sozialen Arbeit. Ohne Beratung ist die Soziale Arbeit nicht denk- und gestaltbar. Insofern ist es wenig überraschend, dass bereits zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema vorliegen. Deshalb sind folgende Fragen wichtig: Warum ein weiteres Buch zur Beratung in der Sozialen Arbeit? Was ist der Mehrwert dieses Buches? Die Autoren und die Autorinnen haben sich zum Ziel gesetzt, eine Systematisierung vorzunehmen, was denn Beratung in der Soziale Arbeit kennzeichnet (S. 10). Ob dies gelingt, wird in vorliegender Besprechung Gegenstand der Diskussion und des Fazits sein.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen Esther Abplanalp, Stephanie Disler und Caroline Pulver sowie die Autoren Salvatore Cruceli und Michael Zwilling sind alle an der Berner Fachhochschule, Departement Soziale Arbeit, angestellt. Sie setzen sich seit Jahren mit Fragen zur Beratung in der Sozialen Arbeit auf den Ebenen des Bachelor-Studiums, der Weiterbildung und der Forschung auseinander. Im Rahmen der Supervision sind einige von ihnen in der Beratung von Einzelpersonen, Teams und Organisationen der Sozialen Arbeit tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert:

  • In Teil 1 (Kapitel 1 bis 4) wird ein Schwerpunkt auf empirische und theoretische Grundlagen von Beratung in der Sozialen Arbeit gelegt. Dabei wird eine Auswahl von bestehenden Modellen aufgearbeitet und teilweise für die Soziale Arbeit adaptiert. Auf diesen Grundlagen aufbauend werden sechs Arbeitsprinzipien und ein eigenes Phasenmodell erarbeitet, um Beratungsprozesse besser zu verstehen und zu strukturieren. 
  • In Teil 2 (Kapitel 5 bis 8) wird die erarbeitete Systematik genutzt, um die Beratungspraxis (Praxeologie) in den Fokus zu nehmen. In diesem Teil geht es um das tatsächliche und das konkrete Beratungsgeschehen. Dabei stehen vier thematische Schwerpunkte im Zentrum: der Beginn eines Beratungsprozesses, die Gestaltung einer professionellen Beziehung sowie Widerstand und Krisen in Veränderungsprozessen.

Zu den einzelnen Kapiteln in Teil 1:

  • Charakteristika von Beratung in der Sozialen Arbeit. Ausgewählte theoretische und empirische Wissensbestände der Beratungspraxis werden dargestellt, um die zentralen Anforderungen an das beraterische Handeln zu verdeutlichen. Dabei wird das eigene Verständnis von Beratung in der Sozialen Arbeit geklärt. Ergänzend zu dieser inhaltlichen Präzisierung wird Beratung als Interaktionsmedium definiert und von der Gesprächsführung und der Psychotherapie abgegrenzt.
  • Methodisches Handeln und Beratung. Die in Kapitel 1 erfolgte definitorische Annäherung an die Beratung in der Sozialen Arbeit wird weiter ausdifferenziert und ergänzt. Zentrale Begriffe wie Konzept, Methode, Technik und Arbeitsprinzipien werden voneinander unterschieden und in Beziehung zueinander gesetzt.
  • Arbeitsprinzipien der Beratung. Anknüpfend an die Ausführungen in Kapitel 2 erfolgen in diesem Teil des Buches eine axiologisch-theoretische und eine empirisch-theoretische Herleitung von je drei Arbeitsprinzipien. Die axiologisch-theoretischen Arbeitsprinzipien werden aus den Anforderungen an Disziplin und Profession Sozialer Arbeit begründet: Es sind dies Ethisches Handeln, Kontextualisierung, Mehrperspektivität. Diese betreffen gemäss den Autorinnen und Autoren den Kernbereich des beruflichen Handelns. Die drei weiteren Arbeitsprinzipien – Beziehungshandeln, Ressourcenorientierung, Befähigungshandeln – werden aus der Beratungs- und Psychotherapieforschung für die Soziale Arbeit adaptiert. Empirische Evidenzen werden genutzt, um diese mit theoretischen Wissensbeständen der Sozialen Arbeit zu Arbeitsprinzipien weiterzuentwickeln.
  • Beratungsprozesse strukturieren. Die erarbeiteten Grundlagen werden genutzt, um ein eigenes Prozessmodell zu beschreiben. Dieses dient der Orientierung im Beratungsprozess und ermöglicht den Fachpersonen der Sozialen Arbeit, ihre Beratungspraxis zu strukturieren. Das Prozessmodell berücksichtigt die Rahmenbedingungen sowie den Beratungsauftrag und kann sowohl handlungsfeldunspezifisch wie auch handlungsspezifisch eingesetzt werden.

Zu den einzelnen Kapiteln in Teil 2:

  • Der Beginn eines Beratungsprozesses. In diesem Kapitel wird der Beratungsbeginn diskutiert, und dessen Phasen Joining, Auftragsklärung, Kontrakt und Bündnis werden in einen systematischen Zusammenhang gestellt. Darauf aufbauend wird ein eigenes Modell entwickelt, das den übergeordneten Prozess abbildet, welcher die Anfangsphase einer Beratung charakterisiert. Die Wichtigkeit der Beziehung zwischen ratsuchender und ratgebender Person wird betont; diese wird im darauf folgenden Kapitel näher ausgeführt.
  • Die professionelle Beziehung gestalten. Die Beratungsbeziehung wird entlang des Zusammenspiels der personalen Symmetrie und der funktionalen Asymmetrie diskutiert. Daraus ergeben sich Anforderungen an Beratungspersonen, die in diesem Teil beschrieben werden: das Wissen in Bezug auf den Umgang mit Nähe und Distanz sowie die Bedeutung der Reflexion des Beratungsgeschehens. Diese Anforderungen werden entlang der prozessual-systemischen Denkfigur nach Staub-Bernasconi analysiert. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die methodische Gestaltung der Beratungsbeziehung. Es geht in erster Linie um die Frage, wie als Fachperson Distanz und Nähe herstellt werden kann. Konkrete methodische Möglichkeiten werden beschrieben, gleichzeitig wird betont, dass die analytische Trennung zwischen Nähe und Distanz nur theoretisch sinnvoll ist und sich in der Praxis prozesshaft hin und her bewegt.
  • Widerstand in Veränderungsprozessen. In diesem Kapitel rückt das Anliegen der Beratung und somit der Kern der Beratung in den Vordergrund: Es geht um die angestrebte Veränderung, welche die Beratung bewirken kann. Diese Veränderung erfolgt oft nicht ohne Widerstand, wie in diesem Teil ausgeführt wird. Dieses Phänomen des Widerstands gegen Veränderungsprozesse wird beschrieben und für das Thema der Beratung nutzbar gemacht. Dabei wird klar, dass diese Prozesse nicht linear verlaufen und sich oft krisenhaft gestalten.
  • Krisen in Veränderungsprozessen. Im letzten Schwerpunkt werden die soeben genannten Krisen genauer betrachtet. Es werden das notwendige Fachwissen zu Krisen und das Wissen zu Transition sowie zu kritischen Lebensereignissen zusammengefasst. Abschliessend stehen unterschiedliche Formen von Krisen, Kriseninterventionen und das Krisengespräch im Fokus.

Diskussion

Das Buch liefert eine fundierte Darstellung dessen, was denn Beratung in der Sozialen Arbeit ausmacht. Dabei systematisiert das Buch empirisches und theoretisches Wissen zur Beratung. Aus diesen Ausführungen werden sodann sechs Arbeitsprinzipien hergeleitet: Ethisches Handeln, Kontextualisierung, Mehrperspektivität, Beziehungshandeln, Ressourcenorientierung und Befähigungshandeln. Diese Grundlage wird dann im zweiten Teil des Buches genutzt, um die Beratungspraxis (Praxeologie) der Sozialen Arbeit zu beschreiben und hinsichtlich ausgewählter und zentraler Themen in der Beratung zu diskutieren. Dabei wählen die Autorinnen und Autoren ein eklektisch-integratives Vorgehen (S. 13), was ein Wagnis darstellt, aber im vorliegenden Fall gut gelingt und zur Qualität des Buches beiträgt.

Die sorgfältig begründeten und verorteten Arbeitsprinzipien bilden ein Kernstück des Buches. Dabei müssen die Arbeitsprinzipien laut den Autorinnen und Autoren folgenden Ansprüchen genügen: Sie müssen allgemeingültig sein, und zwar unabhängig von der Klientel, vom Arbeitsfeld, von der Beratungsorganisation oder dem methodischen Vorgehen (S. 53). Mit diesem Anspruch wird zugleich ein Angebot an Studierende, Dozierende und Fachpersonen der Sozialen Arbeit formuliert: Die Arbeitsprinzipien sollen als Basis dienen, um die eigene berufliche Beratungsidentität zu verorten, zu entwickeln und zu erweitern. Dieses Angebot ist bemerkenswert und für die Beratungspraxis bedeutsam. Es stellt sich beim Lesen die Frage, welchen Beitrag die Unterscheidung zwischen axiologisch-theoretischen und empirisch-theoretischen Arbeitsprinzipien – und somit das Hervorheben der damit verbundenen Differenzen – leistet. Diese Unterscheidung dient einer inhaltlichen Akzentuierung (S. 50) und hilft bei der präzisen Herleitung der Arbeitsprinzipien. Klar ist dabei: Alle Arbeitsprinzipien sind immer auch axiologisch zurückgebunden oder haben eine empirische Relevanz.

Beachtenswert sind auch die Ausführungen in Kapitel 2 (teilweise auch in Kapitel 4), die neue Erkenntnisse ermöglichen: Die Verbindung der Diskurse zur Beratung und zu den Handlungsmethoden gelingt, die Begriffsschärfung und die Abgrenzung zwischen methodischem Handeln und Beratung sind weit mehr als eine intellektuelle Leistung, vielmehr entwickeln sie für das Verständnis, was denn die Beratung in der Sozialen Arbeit kennzeichnet, eine klärende Kraft.

Die im zweiten Teil gewählten Themen sind gehaltvoll und interessant zu lesen, sie bieten einen guten Überblick und Einstieg in Fokusthemen der Beratungspraxis. Dabei gibt es auch Überraschendes, wenn z.B. der Frage nachgegangen wird, wie Nähe und Distanz in der Beratung hergestellt wird, und dies dann entlang der prozessual-systemischen Denkfigur von Staub-Bernasconi (S. 116 ff.) diskutiert wird. Hilfreich sind auch die Beispiele aus der Beratungspraxis, damit werden komplexe Sachverhalte verständlich gemacht und praxisnah eingebettet. Interessant und in dieser Kohärenz auch bemerkenswert ist das Modell des „Joining zum Arbeitsbündnis“ (Kapitel 5.3). Die Beschreibung erfolgt begrifflich und gedanklich konsistent.

Kritisch muss für den zweiten Teil angemerkt werden, dass dieser nicht immer an die Arbeitsprinzipien zurückgebunden wird. Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass diese Kapitel parallel zu der Erarbeitung der Arbeitsprinzipien entstanden sind. Die Verweise auf die Arbeitsprinzipien erfolgen teilweise etwas konstruiert. Dies ist insofern schade, weil damit ein zentrales Anliegen der Autoren und Autorinnen nicht umfassend eingelöst wird: Die „Praxeologie der Arbeitsprinzipien“ in Bezug auf die „Praxeologie der Beratung“. Dennoch wird deutlich, welche Bedeutung die Arbeitsprinzipien als Gestaltungs- und Identifikationsprinzipien für die Beratungspraxis haben und was Beraten in der Sozialen Arbeit praxeologisch kennzeichnet.

Fazit

Das Buch zeigt in exemplarischer Weise, wie ein gelungenes Resultat erzielt werden kann, wenn mehrere Mitarbeitende einer Fachhochschule mit unterschiedlichen Berufsbiographien sich eines gemeinsamen Themas annehmen: in unserem Falle des Beratens in der Sozialen Arbeit.

Dieser Band kann sowohl angehenden wie auch etablierten Fachkräften der Sozialen Arbeit empfohlen werden. Er bietet eine Systematik, aber auch Neues und Überraschendes. Insofern darf man auch auf den zweiten Band gespannt sein, der dann – so lässt sich vermuten – die Didaktik rund um das Beraten in der Sozialen Arbeit in den Fokus nimmt.


Rezension von
Pascal Engler
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Zitiervorschlag
Pascal Engler. Rezension vom 28.04.2020 zu: Esther Abplanalp, Salvatore Cruceli, Stephanie Disler, Caroline Pulver, Michael Zwilling: Beraten in der Sozialen Arbeit. Eine Verortung zentraler Beratungsanforderungen. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5347-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26735.php, Datum des Zugriffs 25.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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