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Andreas Rödder: Konservativ 21.0

Cover Andreas Rödder: Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland. Verlag C.H. Beck (München) 2019. 143 Seiten. ISBN 978-3-406-73725-1. 14,95 EUR.

Reihe: C.H. Beck Paperback - 6344.
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Thema

Das kompakte Buch entwirft angesichts des Machtverlustes der großen Volksparteien, der letztendlich das Parteiensystem insgesamt und die bestehende parlamentarische Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland gefährden könnte, für die eine noch große Volkspartei, die CDU, Umrisse für einen neuen und zeitgemäßen Konservatismus, der in Form von zehn Thesen der Leserschaft präsentiert wird.

Autor oder Herausgeber

Der Autor Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und CDU-Mitglied.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist durchaus mit tagesaktuellem Bezug vor dem Hintergrund einer möglichen Neuausrichtung der CDU in der Post-Merkel-Ära zu verstehen und betrifft demzufolge auch die Entscheidung über die zukünftige Parteiführung.

Aufbau

Der relativ schmale Band gliedert sich nach einer kurzen Einleitung in drei Teile: Zunächst wird eine Bestandsaufnahme zur „Lage der Nation“ präsentiert, der sich eine Begriffsbestimmung zum Konservatismus anschließt. Den Kern der Abhandlung bildet die „Agenda für Deutschland“ mit zehn Thesen eines Konservatismus, die aber nur als „allgemeine Richtlinien der politischen Orientierung“ verstanden werden wollen. 

Inhalt

Einleitend betont das Buch die vordergründig paradoxe Lagebeschreibung eines Deutschlands, dem es ökonomisch „so gut geht wie nie zuvor“, in dem sich aber dennoch ein „Gefühl der Krise“ ausbreite. Wie ein beschleunigter Wandel als „Anliegen eines liberalen Konservatismus“ verträglich zu gestalten sei, fungiert als Leitmotiv der Schrift. Damit ist ein Paradoxon formuliert, denn gemeinhin verstehe man den Konservatismus als eine Sache des Bewahrens, doch auch er benötige einen Wandel. Vor dem aktuell politischen Hintergrund der zukünftigen Ausrichtung der CDU nach Merkel will das Buch klären, was „eigentlich konservativ ist – und was dies konkret bedeutet“.

Das folgende erste Hauptkapitel „zur Lage der Nation“ skizziert knapp die Entwicklung der Demokratien des Westens seit 1990, deren Hoffnung auf ein „Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit“ durch den Weltenverlauf bitter enttäuscht wurde: In der Sphäre der internationalen Politik herrsche wieder das „Faustrecht“, Multilateralismus sei weniger angesagt, mehr „Europa“ finde ebenfalls nicht statt und der ökonomisch erfolgreiche Aufstieg Chinas in Gestalt eines „Kapitalismus ohne Demokratie“ bedrohe das westliche Modell fundamental. Neben dieser Außenperspektive seien die Demokratien auch von innen bedroht durch Populismus, Wendung gegen Eliten und einer Auseinanderentwicklung zwischen Verlierern und Gewinnern zu einer neuen Klassengesellschaft (Reckwitz) infolge einer vorangetriebenen Digitalisierung. Somit stehen sich vereinfacht ein linker Kulturalismus und ein rechter Populismus gegenüber, beide, wie Rödder zu Recht betont, antipluralistisch agierend. Dazwischen steht noch eine politische Mitte, die sprachlos oder auch „stille Wut“ über die Merkelsche Politik der „Alternativlosigkeit“ mit ihren ausbleibenden Debatten empfindet, was aber auch, wie der Autor zurecht erwähnt, auf die Sozialdemokratie zutreffe, die immer noch mit der an sich erfolgreichen Agenda 2010 Gerhard Schröders hadert und keine klare Zukunftsvorstellung biete. Dieser Befund beeinträchtige die Volksparteien existentiell, was keinesfalls nur auf Deutschland beschränkt sei und in der Auflösung sozialkultureller Milieus (Lepsius) seine wichtigste Erklärung findet. Für die Mitte-Rechts-Volksparteien sei infolge ihrer Entwicklung zur Mitte, ausgeprägt unter Angela Merkel, Raum für rechtspopulistische Parteien aufgetan worden. Jedenfalls seien klar unterscheidbare Profilierungen der großen Volksparteien unverzichtbar, denn ohne sie könne eine repräsentative Demokratie nicht funktionieren.

Der zweite Hauptteil umschreibt, was unter konservativ zu verstehen sei, wobei Edmund Burke eine zentrale Rolle einnimmt. Weitere Annäherungen an den Begriff des Konservativen thematisieren Unterschiede zwischen „konservativ“, „traditionalistisch“ und „reaktionär“, was der Autor letztendlich in einen Gegensatz zwischen einem liberalen und einem illiberalen Konservatismus einmünden lässt. Dazu blickt er in die Geschichte der britischen Konservativen des 19. Jahrhunderts mit ihrem „evolutionären Verfassungswandel“ und auf Etappen der Entwicklung des Konservatismus im deutschen Kaiserreich bis zur Weimarer RepublikHindenburg als Konservativer? – und einer „konservativen Revolution“ (besser reaktionären Revolution?), über das Dritte Reich und Hitler, dem die Konservativen „zur Macht verholfen hatten“ bis zur Herausbildung eines liberalen Konservatismus (Hermann Lübbe, Odo Marquard) und der Gründung der CDU/CSU nach 1945 nach dem „konservativen“ Irrweg bis 1933/1945. Jedoch war „konservativ“ nur ein Bestandteil dieser neuen Partei, denn bis in die unmittelbare Gegenwart betonen führende Vertreter der CDU/CSU das „Christliche“ als den „Markenkern“ der Union. Zugleich rückte in der Ära Merkel der konservative Flügel an den Rand. Abschließend bietet Rödder eine Umschreibung eines modernen Konservatismus, die aber „keine geschlossene politische Theorie“ darstelle: Erstens sei für Konservative „der lange Atem der Zeit“ von besonderem Wert, es könne heute etwas als unveränderbar richtig angesehen werden, hingegen in der Zukunft als völlig falsch, zweitens pflegen sie ein Menschenbild, geprägt von einer „fröhlichen Skepsis“, vereinfacht formuliert, demnach der Mensch „weder nur gut noch nur böse“ ist, drittens sei ein Baustein „Maß und Mitte“, verbunden mit einer pragmatischen Besonnenheit und viertens genieße Gesellschaft den Vorrang vor dem Staat, insbesondere vor einem alles regulierenden Staat, womit klare Grenzen gegen sozialistische Denkweisen gezogen werden und der Begriff der Subsidiarität elementar sei.

Der dritte Hauptteil der „Agenda für Deutschland“ bringt nun zehn Thesen:

These 1: Internationale Politik: Mehr Realismus und mehr Engagement: Der Autor skizziert Deutschland als eine multilateral ausgerichtete, ökonomisch starke „Zivilmacht“ plus soft power in einer aber zunehmend von hard power und militärischer Macht gekennzeichneten internationalen Politik. Die Macht der UNO und des Völkerrechts blieben begrenzt, der Hinweis auf das militärische Ausgreifen Russlands (Georgien, Krim oder aktuell Syrien) unterstreiche die Rückkehr klassischer Machtpolitik in der internationalen Sphäre. Diese neue Situation zwinge den Westen und damit auch die Bundesrepublik dazu, „die Komfortzone der multilateralen soft power-Idylle zu verlassen“. Neben Russland erwähnt Rödder zu Recht China, das insofern ein Problem für den Westen sei, da es als „das historisch einzigartige Projekt eines kommunistisch geführten Kapitalismus“ sich in einem 30-jährigen Aufschwung zu einer ökonomischen Supermacht aufgeschwungen habe. Damit werde das westliche Modell einer „gleichsam natürlichen Verbindung von Marktwirtschaft und Freiheit“ in Frage gestellt. Die USA hätten spätestens seit Trump den Weg des Unilateralismus – auch ökonomisch – betreten, was sowohl für die NATO als auch die EU – Folgen nach sich ziehe. Aus einer konservativ-liberalen Perspektive fordert der Autor einen pragmatischen und selbstbewussten Umgang mit den USA und „Deutschland muss mehr Realismus wagen“, möglichst in Kooperation mit Frankreich und Großbritannien, denn es gelte: „Klassische Militärmacht bleibt wichtig“.

These 2: Eine Strategie für Europa: Flexible Union statt ever closer union. Zwar nennt Rödder hier kurz die Probleme der EU (Schuldenkrise, Nord-Süd-Spaltung, Flüchtlingskrise, Brexit, Schwierigkeiten mit Ost- und südosteuropäischen Mitgliedstaaten), verweist aber zurecht auf die „historisch einmalige Leistungen“ der Europäischen Einigung, nämlich den friedlichen Interessenausgleich und vor allem die Abwesenheit von Krieg und ökonomisch den Binnenmarkt. Diesen einzigartigen Errungenschaften stehen aber zwei bislang nicht gelöste „Kernbereiche“ staatlicher Souveränität gegenüber: Die Währungs- und Grenzsicherung vor dem Hintergrund der Flüchtlingsfrage sowie grundlegenden Differenzen zwischen den Vormächten Frankreich und Deutschland im Hinblick auf die Schuldenfrage. Einer „moralisch-ideologischen Überhöhung der Union zu einer Werte- und Schicksalsgemeinschaft“ stehe ein konservativer Blick gegenüber, der mit einem Realismus das Erreichte schätzt. Deutschland solle eine Politik in der Union verfolgen, die deutsche Interessen mit dem europäischen Gemeinwohl verbinde, kooperativ mit Frankreich bleibe und gegebenenfalls zusätzliche finanzielle Leistungen in freiwilliger Form anbiete. Somit strebe eine konservativ-liberale Europapolitik eine „flexible“ Union an, die je nach Sachlage, mehr oder weniger Vertiefung betreibe. Felder einer Vertiefung böten die Zuwanderungs-, Außen- und Sicherheitspolitik sowie mit Blick auf China und die USA die Handelspolitik.

These 3: Bildung: Echte Chancen und neue Aufklärung als Leitziel: Ausgehend von Wilhelm von Humboldt und einem kritischen aufklärerischen Anspruch sei Wert auf Allgemeinbildung und die Grundfähigkeiten wie auch die Persönlichkeitsbildung zu legen, letztere müsse auch eine „Anstrengungs- – und Lernbereitschaft“ beinhalten. Konservativ-liberal seien auch die Orientierung am Ideal der Bildungsgerechtigkeit und eine aktive Chancenpolitik. Des Weiteren solle der Föderalismus – eine „Baustelle“ – als „Ideenwettbewerb“ fungieren, wobei keinesfalls eine weitere Zentralisierung als Heilmittel erscheine.

These 4: Digitalisierung: Be-Denken first: Hier wird unter Verweis auf den bereits in früheren Zeiten erfolgten Vormarsch neuer Technologien betont, dass bei der Digitalisierung die Geschwindigkeit der vielfältigen neuen Informationen ein neues Phänomen sei. Vor allem die Künstliche Intelligenz werfe als „Gretchenfrage“ neue Herausforderungen auf, für die entsprechende Antworten ausstehen. Daraus leitet Rödder die Notwendigkeit für „behutsame, reversible Anpassungen und die Offenheit“ des zukünftigen Umgangs mit der sog. künstlichen Intelligenz ab: „Evolution statt Revolution“. Dies impliziert zum einen den Ausbau der technischen „Hardware“, aber zugleich gelte, „die entscheidende Herausforderung der Digitalisierung ist ihre Anverwandlung zum Nutzen der Menschen, nicht deren Unterwerfung unter vermeintliche Sachzwänge“. Daraus leiten sich Folgerungen für die Bildung ab, denn es bleibe auch im Zeitalter der Digitalisierung das Ziel einer „selbstständig urteilsfähigen Persönlichkeit“ unabdingbar.

These 5: Ein neuer Ruck für das „Modell Deutschland“: Infrastruktur, Stadt und Land: Die fünfte These thematisiert die Mängel der deutschen Infrastruktur, die das bislang erfolgreiche „Modell Deutschland“ gefährden, wobei kritisch auf eine „Globalisierungsskepsis und Technologiefeindlichkeit“ abgestellt wird, die die notwendige Innovationskraft beeinträchtige. Diese Investitionen, der Autor bemüht hier die berühmte Rede des damaligen Bundespräsidenten Herzog aus dem Jahre 1997, müsse auch die ländlichen Regionen einbeziehen.

These 6: Klimawandel und Umweltpolitik: Offenheit statt Ideologie: Der Klimawandel als das zweite „Großthema“ neben der Digitalisierung steht im Mittelpunkt der sechsten These, wobei auf die „welthistorische Veränderung“ durch die Industrialisierung verwiesen wird. Eine konservative Umweltpolitik sei eine „gegen Ideologie und Ignoranz“ betriebene Politik mit einer Skepsis gegenüber „Eindeutigkeiten und selbstgewisser Unbedingtheit“ entlang dem „Prinzip von Maß und Mitte“. Insofern basiert eine konservative Politik auf einen „erfahrungsgestützten Pragmatismus“.

These 7: Soziale Marktwirtschaft: Ordoliberalismus wiederentdecken und Lebensläufe neu denken: Die siebte These, die den größten Umfang des Buches einnimmt, rückt das Modell der sozialen Marktwirtschaft in den Mittelpunkt. Die vielfach artikulierte Kritik am „Neoliberalismus“ findet wenig Anklang und die Finanzkrise 2008/09 wird auf zu wenig ordnungspolitische Steuerung zurückgeführt. Die angemessene Antwort liege im Modell der sozialen Marktwirtschaft, d.h. also wirtschaftliche Freiheit (Wettbewerb) und sozialer Ausgleich, wobei erneut der Begriff der Subsidiarität Eingang findet. Dementsprechend wird ein allzuständiger Sozialstaat abgelehnt und die in der SPD bis heute umstrittene Agenda 2010 findet Zuspruch, da sie die deutsche Wettbewerbsfähigkeit verbessert habe. Des Weiteren dürfe der Sozialstaat nicht durchgehend ausgebaut werden, sondern seine auf Arbeit basierende Substanz müsse verbessert werden. Dazu seien zukunftsorientierte Investitionen vonnöten. In diesem Kontext werden Steuerpolitik, Schuldenbremsen, Grundeinkommen, Arbeitsschaffung oder demographischer Wandel mit ihren Implikationen diskutiert.

These 8: Männer und Frauen: family mainstreaming statt Ständegesellschaft. Hier wird eine durchgehende Interpretation von Benachteiligung der Frauen im Berufsleben mit differenzierender Zurückhaltung aufgenommen und „nach Maß und Mitte zwischen feministischer Unbedingtheit und paternalistischer Ignoranz“ gesucht. Dabei erfolgt eine Zurückweisung von „Gleichstellung“ zur Erzeugung gleicher Ergebnisse als weder konservativ noch als liberal und sogar als Rückschritt in eine vormoderne Ständegesellschaft. Für die Familie fordert eine liberal-konservative Perspektive eine „echte Wahlfreiheit“ und entsprechend ihres Grundansatzes auch das Recht, Kinder selbst zu erziehen. Eine Politik solle implementiert werden, die weniger die Familie der Arbeitswelt anpassen möchte, sondern umgekehrt, die Arbeits- und Lebenswelten „familiengerecht zu gestalten“ anstrebt (family mainstreaming als Kulturwandel (!)). 

These 9: Asyl und Migration: Klare Regeln und verlässliche Umsetzung. Mit der Migration als „Zeitbombe der deutschen Politik“ beschäftigt sich die vorletzte These, wobei vor allem Afrika im Zentrum steht, das Hilfe insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht brauche. Zutreffend wird die Notwendigkeit eines Schutzes der europäischen Außengrenzen betont, was nicht von vorneherein als „Abschottung“ abzustempeln sei. Eine völlig freie Migration könne es nicht geben wie der niederländische Soziologe Paul Scheffer bemerkt: „Eine offene Gesellschaft braucht Grenzen, um offen bleiben zu können“. Grundsätzlich müsse über den Zugang nach Deutschland/​Europa entschieden werden, ob es sich um Asyl oder eher eine ökonomisch motivierte Zuwanderung handle. Zuvörderst sei hier eine europäische Politik gefordert mit einem konsequenten Asylverfahren und klaren Regeln für anderweitige Zuwanderung.

These 10: Eine bürgergesellschaftliche Leitkultur. Die letzte These umkreist in Anschluss an Friedrich Merz den umstrittenen Begriff einer deutschen „Leitkultur“ und damit die Frage, was man eigentlich – jenseits der Staatsbürgerschaft – unter „deutsch“ verstehen könne. Sprache, Kultur, Geschichte tauchen auf, aber zentral bleibe der Begriff der Leitkultur, die es gibt „ob man sie will oder nicht“. Eine Gemeinschaft benötige „kulturelle Regeln des Zusammenlebens“, die über das Grundgesetz hinausreichen und „allgemeine Standards westlicher Gesellschaften“ formulieren. Im Einzelnen nennt Rödder hier Umgangsformen, Haltungen, einen konsequenten Rechtsstaat – auch für Zugewanderte. Eine moderne liberal-konservative Politik sei pro Integration, erwarte aber auch einen entsprechenden Integrationswillen. Entscheidend sei die Frage: Wer ist Bürger in Deutschland? Dies ist grundsätzlich gegen die Vorstellung einer „ethnisch homogenen Volksgemeinschaft“ gerichtet.

Abgerundet wird die Schrift durch einen Appell zur Diskussion und Auseinandersetzung im Rahmen der Institutionen der parlamentarischen Demokratie und der Volksparteien. Ein liberaler Konservatismus strebe die Verbesserung dieser Institutionen und die notwendigen Debatten an und verteidige dadurch als „wahrer Hüter“ der Aufklärung die offene Gesellschaft, basierend auf dem Rechtsstaat des Grundgesetzes, gegen Fatalisten, Populisten, Utopisten usw. Er orientiere sich an Gerechtigkeit einschließlich einer aktiven „Chancenpolitik“, ohne eine Ergebnisgleichheit als Zielvorstellung zu verfolgen. Stichworte seien Subsidiarität, Stützung der Familie, Patriotismus und positive Hochachtung gegenüber einer Heimat, verstanden als Ort, „wo Menschen Gemeinsamkeit und Bindung erfahren“. Zusammengefasst setzen Konservative „nicht auf abstrakte Theorien und Modelle, sondern auf erfahrungsgestützten Realismus“.

Diskussion

Zunächst impliziert zweifelsohne der Untertitel der Schrift „Eine Agenda für Deutschland“ sprachlich einen gewollten Anschluss an die Agenda 2010 von Gerhard Schröder. Die Arbeit „räumt“ in einigen Punkten unmissverständlich mit noch vor wenigen Jahren als nicht weiter zu hinterfragenden konservativen Positionen auf. Damit ist durchaus eine moderne konservativ-liberale Positionsneubestimmung festzustellen, wie überhaupt der Rezensent – der sich nicht einem konservativen Lager zugehörig empfindet – einräumen muss, in einer SPD-Ortsvereinssitzung würden viele Aussagen, ohne hier näher kritisch auf sie einzugehen, auf nicht wenig Zustimmung stoßen (Damit ist die Frage der Unterscheidbarkeit der (noch) größeren Parteien vor dem Hintergrund der vieljährigen Großen Koalition bewusst oder gar nicht beabsichtigt aufgeworfen). Markanter und damit immerhin in klarerer Abgrenzung zu „roten“, „rot-grünen“ o.ä. politischen Lagern erscheinen die Thesen zum Sozialstaat, zur etwaigen weiteren Vertiefung der Europäische Einigung und zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, wobei Gleichstellung auf Ablehnung stößt. Dass Bildungsgerechtigkeit durch Chancengerechtigkeit als konservativ-liberale Zielvorstellung präsentiert wird, erscheint tatsächlich als eine Weiterentwicklung. Bemerkenswert bleibt, wie eine sich modern präsentierende liberal-konservative Politik Positionen in der Geschlechter-, Familien-, Umwelt- und Zuwanderungspolitik bezieht, die der deutsche Konservatismus mindestens bis 1945 wie auch weit in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hinein von sich gewiesen hätte. Offensichtlich kann sich ein gegenwärtiger Konservatismus, um in der Wählerarena bestehen zu können, nicht mehr quasi von Grund auf hinter die Merkel-Union zurückziehen. Die gesellschaftliche Modernisierung lässt sich wohl nicht mehr so ohne weiteres zurückbilden. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl im Hinblick auf das Jahr 2021.

Fazit

Eine lesenswerte, gar manchmal erstaunlich auf der Höhe der Zeit formulierte Schrift für eine moderne liberal-konservative Politik, wobei das „liberal“ unverzichtbar erscheint. Viele bekannte Themen in der aktuellen politischen Debatte werden aufgegriffen, wobei selbstverständlich eine eingehendere Explikation weniger im Rahmen dieser Besprechung erfolgen kann. Eine spannende Frage bleibt, ob ein derartig konzipierter Konservatismus „stramm“ konservative Positionen, die sich nach „rechts“ wenden bzw. wie zahlreich in Ostdeutschland zu besichtigen ist, bereits sich der eindeutig „rechts“ verankerten AfD zugewandt haben, wieder in den Schoß einer Union integrieren kann. Inwieweit die meisten formulierten Positionen tatsächlich eine signifikante Abkehr von der Politik Angela Merkels darstellen und die Union wieder mehr „bei sich“ verankern können, erscheint offen.


Rezension von
Dr. phil. Manfred Krapf
M.A. (Geschichte/Politikwissenschaft), Dipl. Sozialpädagoge (FH), selbstständig tätig in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sozialpolitische Veröffentlichungen
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Zitiervorschlag
Manfred Krapf. Rezension vom 17.04.2020 zu: Andreas Rödder: Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland. Verlag C.H. Beck (München) 2019. ISBN 978-3-406-73725-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26739.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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