socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Éric Fassin: Revolte oder Ressentiment

Cover Éric Fassin: Revolte oder Ressentiment. über den Populismus. August Verlag (Berlin) 2019. 126 Seiten. ISBN 978-3-941360-68-6. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

Reihe: Kleine Edition - 31.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In seinem Essay zeigt der Soziologe Éric Fassin, dass der Populismus für die Linke keine Option sein sollte. Hierfür setzt er sich mit den populistischen Strömungen in Europa und den USA detailliert auseinander und analysiert den Populismus, das Anwachsen des Neoliberalismus und die Folgen für die politische Linke.

Autor

Eric Fassin ist Professor für Soziologie an der Universität Paris VIII Saint-Denis-Vincennes.

Inhalt

Der Soziologe Eric Fassin befasst sich in seinem Essay mit der Frage, in welchem Verhältnis linker und rechter Populismus zueinanderstehen. In einem ausführlichen Vorwort vermittelt er dabei den Weg, wie er zum Thema Populismus gekommen ist. Fassin, der vor allem zu den Themen Rassismus und Sexismus geforscht hat, benennt dabei die Überschneidungen des Populismus zu diesen beiden Themen als einen der Hauptgründe.

In den ersten beiden Kapiteln nähert er sich zunächst einer Definition des Populismus an. Dieser sei schwer zu erfassen, da es nicht einen Populismus gebe, sondern dieser in den jeweiligen politischen, ideengeschichtlichen und kulturellen Kontext der jeweiligen Nation einzubetten ist und so verschiedene Formen aufweist. Im Kern ist der Populismus aber als Idee zu beschreiben, die ein „Wir“ gegen ein „die Anderen“ imaginiert und sich zudem häufig gegen die politischen Eliten richtet.

In der Folge widmet sich Fassin der „populistischen Explosion“, dem Ausgreifen und Erstarken des Populismus in den letzten Jahren. Zentriert ist seine Analyse dabei auf Europa und die Vereinigten Staaten, es gelingt aber auch an einigen Stellen den Horizont weiter zu zeichnen und so den Populismus als globales Phänomen zu begreifen. Wesentliche Voraussetzung für das Ausgreifen des Populismus ist für Fassin die Durchsetzung des Neoliberalismus in den 1990er Jahren. Der Neoliberalismus habe eine Entpolitisierung der Moderne bewirkt, mit der eine Entdemokratisierung einhergegangen sei. In einem stillen Staatsstreich sei es in einigen Staaten im Namen des Neoliberalismus dazu gekommen, dass der „Unterschied zwischen zwei Arten von Regimen, demokratischen und nichtdemokratischen“ verwischt worden sei und „der Neoliberalismus zunehmend von Autoritarismus begleitet“ (S. 45 f.) war. Dabei war die „Rettung des europäischen Neoliberalismus durch Infusion einer guten Dosis nationaler Identität“ (S. 47) gelungen.

In der Folge geht Fassin auf den wohl bisher größten Erfolg einer populistischen Bewegung ein: der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA. Anhand demoskopischer und quantitativer Studien und sich anschließenden Ausführungen zeigt sich hier noch einmal „der neue Präsident der USA ist nicht trotz, sondern wegen seiner Xenophobie und seines Rassismus gewählt worden.“ (S. 69). Ein „Kulturkampf“ (S. 69) in den USA habe hier Früchte getragen.

In den abschließenden Kapiteln befasst sich der Autor schließlich mit der Frage, ob das Erfolgsrezept des rechten Populismus auch für die Linke Früchte tragen könnte. Die Antwort ist hier knapp wie eindeutig: „Für die Linke kann es keinen guten Populismus geben.“ (S. 85) Dabei setzt er sich vor allem mit den Ideen von Chantal Mouffe, Enzo Traverso aber auch Jacques Rancière und schließlich Carl Schmitt auseinander, die ihm stellenweise als Antipoden dienen.

Diskussion

Die Liste der Länder, in denen der Populismus in den letzten Jahren an Unterstützung gewinnen konnte, ist mittlerweile erdrückend. Kaum eine europäische Nation konnte sich dem Phänomen entziehen. Sei es die AfD in Deutschland, UKIP in Großbritannien, der Front National in Frankreich oder die Autokratisierung in der Türkei unter Erdogan. Alle Strömungen konnten mit populistischen Themen und Strategien Erfolge bei Wahlen für sich verbuchen.

Fassin bietet in seinem Essay keine Lösungsansätze, um diesen Phänomenen mit einer Erfolgsgarantie zugunsten demokratischer Verfahren begegnen zu können. Dies wäre angesichts der Vielfältigkeit des Phänomens wohl auch kaum möglich. Was Fassin aber gelingt, ist plausibel aufzuzeigen, warum es keinen linken Populismus geben kann. „Es ist die Linke, die der Populismus in Verwirrung gestürzt hat.“(S. 71). Fassin warnt daher eindrücklich davor die vermutlichen Erfolgsrezepte des rechten Populismus auf einen – wie auch immer gearteten – linken Populismus zu übertragen. Denn die Schaffung eines Konstrukts des „Wir“ gegen „die Anderen“ geht zwangsläufig mit Ausgrenzung, Abwertung und damit Entdemokratisierung einher. Wo nicht mehr die Suche nach dem Kompromiss, sondern ein unauflöslicher Antagonismus das eigene Politikverständnis dominiere, ist die Gefahr der Autokratie nicht mehr weit. Genau dieser geht mit dem Populismus Hand in Hand.

Fassin wendet sich daher auch nicht an die Anhänger des Populismus. Diese seien für die Demokratie nur schwer zurückzugewinnen. Er fokussiert auf eine weitere Wählergruppe, die in den letzten Jahren immer weiter angewachsen ist: die Nichtwähler. Diese seien „der Verlockung des Faschismus nicht erlegen“ (S. 85) und müssten daher stärker angesprochen und gehört werden, um ein demokratisches Bollwerk gegen die Verheißungen des Populismus zu errichten. Dies kann – und hier liegt die Stärke der Argumentation Fassins – nur gelingen, wenn der rechte Populismus nicht durch eine Mimikry auf linker Seite kopiert wird, sondern ein „substanzielles Programm für eine substantivische Linke“ (S. 91) entworfen wird.

Fazit

Fassins Essay ist ein Denkanstoß, um sich mit der Lage der politischen Linken im europäischen wie globalen Kontext zu befassen. Darüber hinaus liegt damit aber auch die Aufforderung vor, dem rechten Populismus nicht etwa durch seine erfolgversprechenden Methoden, sondern mit einem mehr an Demokratie zu begegnen. Denn die Wege des rechten Populismus können für die politische Linke nur Irrwege sein.


Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Ronny Noak anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 21.10.2020 zu: Éric Fassin: Revolte oder Ressentiment. über den Populismus. August Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-941360-68-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26740.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung