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Richard Krisch, Wolfgang Schröer (Hrsg.): Entgrenzte Jugend - Offene Jugendarbeit

Cover Richard Krisch, Wolfgang Schröer (Hrsg.): Entgrenzte Jugend - Offene Jugendarbeit. ´Jugend ermöglichen´ im 21. Jahrhundert. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-6263-2. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,12 sFr.
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Thema

Die Aufsätze in diesem Sammelband untersuchen die verschiedenen Herausforderungen, die an heutige Jugenden gestellt werden und die mit dem Begriff der „Entgrenzung“ von Jugend beschrieben werden können. Dabei geht es um so vielfältige Bereiche wie die Ermöglichung von Partizipation, die prekarisierten Übergange in Berufe, den Umgang mit Radikalisierungstendenzen sowie um Jugendliche mit Migrations- und Fluchterfahrungen. Gleichermaßen wird untersucht, inwiefern und auf welche Weise die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) den neu aufkommenden Bedarfen ihrer Klientel begegnen kann. Dabei stellt sich immer wieder der Rekurs auf die eigenen Prinzipien der Offenheit, Freiwilligkeit sowie der Partizipation, Lebenswelt- und Sozialraumorientierung und des Empowerments als wichtiges Moment der Angebotsplanung und Kooperation mit anderen Institutionen heraus. Insgesamt wird für ein „sozial öffnendes Mandat“ plädiert (231), mit dem die OKJA gemeinsam mit den Jugendlichen bestehende Sozialräume öffnet und neue Sozialräume schafft, die sich die Jugendlichen dann aneignen können.

Herausgeber und Autor/inn/en

Richard Krisch ist wissenschaftlicher Referent im Verein Wiener Jugendzentren und forscht zu pädagogischer Grundlagenarbeit, sozialräumlicher Jugendarbeit sowie politischer Bildung. Von ihm ist u.a. 2008 erschienen: „Sozialräumliche Methodik der Jugendarbeit: Aktivierende Zugänge und praxisleitende Verfahren“.

Wolfgang Schröer ist Hochschullehrer am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim und forscht zu Kinder- und Jugendhilfe, Jugendpolitik und Sozialpolitik. Von ihm ist kürzlich u.a. in 2. Auflage erschienen das „Handbuch Kinder- und Jugendhilfe“ (2016).

Die Autor/inn/en der einzelnen Kapitel sind Fachkräfte aus der Praxis und sozialwissenschaftlichen Forschung an Universitäten und Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort wird der Entstehungshintergrund von Ilkim Erdost, Geschäftsführerin des Vereins Wiener Jugendzentren, dadurch umrissen, dass sie die Unübersichtlichkeiten, Widersprüchlichkeiten, sowie die sozialen Ungleichheiten hervorhebt, mit denen heutige Jugenden konfrontiert sind – und auf die die OKJA Antworten liefern könne. Sie begründet dies mit den strukturellen Vorteilen der OKJA, da sie parteilich mit den Jugendlichen arbeitet, Beziehungsarbeit leistet, ohne im engeren Sinne operationalisierbare Ergebnisse generieren zu müssen und indem sie primär an der „Stärkung der politischen Handlungsmächtigkeit von Jugendlichen“ (8) interessiert ist. Durch diese Offenheit und Variabilität in den eigenen Handlungsmöglichkeiten könne die OKJA den modernen Entgrenzungen von Jugenden begegnen, die die Herausgeber, Krisch und Schröer, in der Einleitung an drei Punkten festmachen: erstens der Veränderung der altersbezogenen Grenzen des Jugendalters, zweitens der Verschiebung von Grenzen und Übergängen verschiedener Lebensbereiche (z.B. Bildung und Arbeit) sowie drittens den teils erzwungenen, teils freiwilligen Mobilitäten und Migrationen, die heutige Jugenden prägen. Die Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten der Jugendlichen und der OKJA zu untersuchen, ist Ausgangspunkt dieses Sammelbands.

Aufbau und Inhalt

Dem Vorwort und der Einleitung des Werkes folgen insgesamt 14 Aufsätze zu verschiedenen Themenbereichen der Entgrenzung von Jugenden und den Möglichkeiten der OKJA, diesen zu begegnen. Im Sinne der Übersichtlichkeit sollen alle Aufsätze mindestens kurz vorgestellt werden, wobei einzelnen Aufsätzen etwas mehr Raum eingeräumt wird und manche Aufsätze aufgrund ähnlicher Themenbereiche zusammen vorgestellt werden.

In den ersten beiden Aufsätzen untersuchen Larissa von Schwanenflügel sowie Teresa Bauer die Ermöglichung von Partizipation in der OKJA jeweils anhand von Beteiligungsprojekten der Jugendlichen in den Einrichtungen und dem spezifischen Sozialraum. Von Schwanenflügel stellt dabei ein Forschungsprojekt zu den Partizipationsbiografien von Jugendlichen in Einrichtungen der OKJA vor. Sie zeigt dabei auf, „dass Partizipation als zivilgesellschaftliches Handlungsmuster dort zu einem subjektiv sinnvollen wird, wo es in die eigene biografische Narration eingebunden werden kann bzw. wo sich umgekehrt öffentliche Orte als anschlussfähig an und nutzbar für diese Narrationen erweisen.“ (19) In dem Sinne sei es eine der Aufgaben der OKJA, die Jugendlichen als Auftraggeber der Arbeit zu verstehen und ihnen biografisch sinnvolle Partizipationsmöglichkeiten zu erschließen. Bauer hingegen widmet sich spezifischer den Beteiligungsprojekten von Jugendlichen im sozialräumlichen Kontext mit dem Ziel, diese Jugendlichen im öffentlichen Raum zu politischen Akteur/inn/en zu befähigen. Dies wird beispielhaft anhand der „Word-up! Schüler_innenparlamante“ des Vereins Wiener Jugendzentren besprochen, in denen die Jugendlichen in ihrem Sozialraum Gestaltungsmöglichkeiten erhielten und demokratische Entscheidungsprozesse erproben konnten.

Der Aufsatz von Tanja Rusack thematisiert Fragen von sexualisierten Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen in deren Alltagen sowie die dementsprechende Notwendigkeit, auch und gerade in pädagogischen Einrichtungen Schutzkonzepte zu entwickeln. Im Anschluss an ein Forschungsprojekt zu „sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten“, das von einigen deutschen Hochschulen an Einrichtungen der OKJA durchgeführt wurde, stellt sie zunächst heraus, dass sexualisierte Gewalt für viele Jugendliche tatsächlich zum Alltag gehöre. Gleichermaßen wird der Umgang der Jugendlichen mit diesen Erfahrungen beleuchtet, wobei genauer ein Bezug darauf hergestellt wird, wie die OKJA die Jugendlichen dabei unterstützen könne. Dabei betont die Autorin die Relevanz, in den Einrichtungen eine Gesprächskultur zu etablieren, die es erlaubt, über Themen sexualisierter Gewalt zu sprechen und auch ein partizipatives Herangehen an Angebotsplanungen zu beherzigen, sodass die spezifischen Bedarfe der Jugendlichen Beachtung finden. Auch und gerade einzelne Vertrauenspersonen in den Einrichtungen scheinen wichtig dafür, dass die Jugendlichen sexualisierte Gewalterfahrungen thematisieren können.

In dem vierten und fünften Aufsatz setzen sich Angela Tillmann sowie Anu Pöyskö mit den Entgrenzungen durch digitale Welten und Medien auseinander sowie mit den Möglichkeiten einer digitalen Jugendarbeit. Tillmann untermauert dabei einen theoretischen Zugang an digitale Medien, durch den deutlich wird, dass digitale Welten sowohl neue Räume der Vernetzung und Selbstermächtigung für Jugendliche schaffen als auch neue Ausgrenzungen und Diskriminierungen produzieren. Dabei werden digitale Medien selbst als mit Handlungsmacht versehen konzeptualisiert, die zum Teil in Konkurrenz mit dem Alltag in den Einrichtungen der OKJA treten. Hier schließt sich der Aufsatz von Pöyskö an, die für die Notwendigkeit der Entwicklung digitaler Strukturen in der OKJA plädiert. Dies sei etwa dafür wichtig, um nah an den jugendlichen Lebenswelten zu bleiben, um an der Medienbildung aktiv mitzuwirken und dadurch auch die „digital Abgehängten“ in den medialen Welten zu unterstützen. Dabei müssten aber, so arbeitet die Autorin heraus, die Grundsätze der OKJA gleichermaßen gewahrt bleiben, was etwa ein dialogisches Erarbeiten digitaler Jugendarbeit bedeuten würde.

Peter Kaiser untersucht in seinem Aufsatz die Möglichkeiten, die durch Musik und spezifisch den Gangsta-Rap in Einrichtungen der OKJA geboten werden. Dabei stellt er heraus, dass mit dem Gangsta-Rap auch Möglichkeiten, etwa der sozialräumlichen Aneignung durch die Jugendlichen, aufkommen – gerade durch dortige Aufwertungen des eigenen Sozialraums. Außerdem kämen in dieser oft bloß mit Vorbehalten betrachteten Musikrichtung gerade migrantische Sprechpositionen zu Wort, sodass Gangsta-Rap in Workshops der OKJA dazu genutzt werden könne, marginalisierten Jugendlichen Raum und Möglichkeiten eigener Sprechpositionen zu bieten.

Die Aufsätze von Stephan Sting bzw. Andreas Oehme untersuchen Entgrenzungen in Bildung sowie Übergängen in das Berufsleben und die damit zusammenhängende Rolle, die spezifisch der OKJA zukommt. Dazu widmet sich Sting erst einmal dem Bildungsbegriff selbst und dessen inhaltlicher Anreicherung in Kontexten der OKJA. Dabei stellt er einerseits heraus, dass die OKJA nicht bloß gegenüber der Schule kompensatorisch formelle Bildung vermitteln solle, sondern dass es um Persönlichkeitsbildung gehe. Andererseits dürfe dies nicht bloß als Selbstbildung verstanden werden, sondern als eine genuin soziale Bildung. Demnach solle im Sinne einer „Bildungsassistenz“ mit den vor Ort gegebenen Bildungsanlässen dialogisch gearbeitet werden. Oehme hingegen untersucht stärker die Bedarfe vieler Jugendlicher an Unterstützung und Begleitung bei Übergängen in den Beruf. Auch er betont, dass die OKJA hier ihren Grundsätzen treu und an den spezifischen Bedarfen der Jugendlichen orientiert bleiben müsse, um deren lebensweltliche Situation nicht auf Probleme der formellen Bildung zu reduzieren. Dazu gehörten konkret etwa die akzeptierende Unterstützung bei eigenem Engagement, das Anknüpfen an den gegebenen Sozialraum und die kreative Aneignung desselben sowie die Diskussion von politischen Fragestellungen und damit der strukturellen Hindernisse, denen die Jugendlichen unter Umständen täglich begegnen.

Daran anschließend widmen sich Pamela Heil und Katharina Maria Sterlinger der Schulsozialarbeitspraxis und thematisieren hier die Sozialraumorientierung, die sie auch am Lebensort Schule anzuwenden versuchen. Um die Jugendlichen dort nicht auf ihre Rolle als Schüler/innen zu reduzieren, müsse sich die OKJA, wie die Autorinnen am Beispiel des Wiener Programms jetzt illustrieren, auf ihre Grundsätze der sozialen Integration und Persönlichkeitsentwicklung besinnen und stets einen ressourcenorientierten und individuumsspezifischen Blick einnehmen. Die Selbstbildungsprozesse der Jugendlichen in der Schule mit einem offenen Angebotscharakter zu befördern, bleibe die alltägliche Aufgabe und Herausforderung der OKJA im Kontext der Schulsozialarbeit.

Mit den anschließenden Aufsätzen von Christian Holzhacker und Magdalene Mangl sowie von Werner Prinzjakowitsch werden je spezifische Fragen nach der OKJA und Leitlinien der Diversität gestellt. Während erstere sich mit der genderkompetenten OKJA auseinandersetzen, thematisiert letzterer die sozialräumliche Jugendarbeit „in Zeiten politischer Polarisierung und des Radikalisierungsdiskurses“. Holzhacker und Mangl reflektieren bestimmte Leitlinien der genderkompetenten Jugendarbeit, die sich an den Bausteinen Wollen (Bereitschaft & Selbstreflektion), Dürfen (Rahmenbedingungen & Strukturen), Können (Methoden & Settings) und Wissen (Definitionen & theoretische Grundlagen) orientiert und die wiederum in organisationale, politische und gesellschaftliche Kontexte eingebettet ist. Prinzjakowitsch erarbeitet anhand des Konzepts des „sozialräumlichen Klimas“ (175), wie Diversität in Einrichtungen der OKJA hergestellt werden kann und problematisiert dies im Kontext möglicher Radikalisierungen von Jugendlichen. Dazu präsentiert er eine quantitative und qualitative Erhebung in Wiener Einrichtungen der OKJA zu Vulnerabilitäten für Extremismus und den Umgang der OKJA mit dieser Thematik. Er leitet spezifische Strategien der OKJA ab, die präventiv den Vulnerabilitäten für Gewaltbereitschaft begegnen – dazu gehören etwa eine möglichst große Pluralität in der Einrichtung, die Etablierung offener und konstruktiver Diskussionskulturen, die Artikulation klarer Haltungen, die sich an den Menschenrechten orientieren sowie klare Grenzziehungen bei gleichzeitiger Anerkennung der anderen Person, die Förderung von Partizipation und die Kontinuität der Arbeit.

In den folgenden beiden Aufsätzen wird die OKJA im Kontext von Jugendlichen mit Fluchterfahrungen besprochen. Ulrich Deinet und Lisa Scholten betonen dabei, „dass die offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) eine der gesellschaftlichen und sozialpolitischen Bereiche ist, die auf Grund ihrer Rahmenbedingungen und Strukturprinzipien in der Lage ist entgrenzte Zielgruppen wie Kinder und Jugendliche mit Fluchtgeschichte zu erreichen, sie wird dabei allerdings auch an ihre Grenzen geführt, etwa in der Arbeit mit älteren männlichen Jugendlichen, denen eine berufliche Perspektive fehlt, die so in der OKJA nicht hergestellt werden kann.“ (194) Die Autor/inn/en berichten eigens durchgeführte quantitative und qualitative Befragungen in Einrichtungen der OKJA. Dabei habe sich gezeigt, dass die meisten der befragten Einrichtungen spezifische Angebote für geflüchtete Jugendliche eingerichtet haben, vor allem in den Bereichen Sport, Kochen und Ferienangebote. Als problematisch hätten die meisten die schwierige Erreichbarkeit von Mädchen und jungen Frauen empfunden. Deinet und Scholten leiten abschließend einige Leitgedanken für die OKJA ab und betonen etwa die große sozialräumliche Flexibilität der OKJA, mittels derer dem Bedarf der geflüchteten Jugendlichen entgegengekommen werden könne. Gleichermaßen sollten offene freizeitpädagogische Angebote wie auch präventive und bedarfsorientierte Lernhilfen und Beratungsangebote eingerichtet werden, wobei darauf zu achten sei, mit transparenten Strukturen des Zusammenlebens das Stammpersonal nicht zu verdrängen. Christian Reutlinger, Heidi Furrer, Bettina Brüschweiler und Madeleine Vetterli setzen sich mit den Möglichkeiten der OKJA auseinander, migrierte und geflüchtete Jugendliche in dem Prozess des „Ankommens“ in den neuen Sozialräumen zu unterstützen. Dazu seien „sozialräumliche Andockstellen“ zu kreieren, um den jungen Menschen so Stabilität, Halt und Strukturen vor Ort zu ermöglichen, auf Basis derer ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden kann. Dazu gehörten sowohl die Erschließung geografischer Orte und materieller Ressourcen (z.B. mit Jugendtreffs und Dorf-Cafés) als auch die Einflussnahme auf gesellschaftspolitische Strukturen, die vor Ort für Ausschlüsse sorgen. Die Autor/inn/en resümieren: „[…] Jugend ermöglichen bedeutet für diese jungen Menschen zunächst ein sozialräumliches Andocken zu gewährleisten. Dabei nimmt die OKJA eine zentrale Funktion ein, indem sie Beziehungsräume zwischen dem ´Selbst´ und dem ´Anderen´ schafft, was in der relationalen Perspektive eine Haltung von ´care of the other´ und ´care of the self´ bedeutet.“ (225)

Krisch und Schröer konkludieren im abschließenden Kapitel, dass die OKJA sich intensiv mit der Öffnung sozialer Räume befassen müsse, um den an Jugenden im 21. Jahrhundert gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Der OKJA komme dabei ein doppelter Auftrag zu: Sie müsse einerseits lokal- und jugendpolitisch der Jugendarbeit selbst Rückhalt geben, andererseits in den Alltagen vor Ort soziale Öffnungen in den sozialräumlichen Bezügen der Jugendlichen durchsetzen. Ihr komme somit ein „sozial öffnendes Mandat“ (231) zu, d.h. sie habe die Aufgabe, die jungen Menschen persönlich und strukturell dazu zu befähigen, ihre sozialen Beziehungen selbst zu gestalten und selbstbestimmte Zugänge zu ihren Sozialräumen zu finden.

Diskussion

Der vorliegende Sammelband wird seinem durchaus sehr motivierten Anliegen, die Entgrenzungs-Problematiken heutiger Jugenden zu beleuchten und gleichermaßen die Möglichkeiten der OKJA herauszuarbeiten, sich gemeinsam mit den Jugendlichen diesen neuen Vulnerabilitäten und Herausforderungen zu stellen, voll und ganz gerecht. Dabei wird schon die Wahl des Mediums selbst – nämlich die Herausgabe eines Sammelbandes – zum großen Vorteil dieser Publikation, macht sie es doch überhaupt erst möglich, eine große Bandbreite von Themenfeldern und Handlungsmöglichkeiten aus verschiedenen Perspektiven und mit je verschiedenen spezifischen Zugängen in der Praxis einzufangen und somit den modernen Herausforderungen der Jugenden weitgehend gerecht zu werden. Und obwohl die Aufsätze sich thematisch und auch in ihren Handlungszugängen weitgehend unterscheiden, wird doch immer wieder deutlich, dass sich viele der Schlüssel zum adäquaten Zugriff auf die zeitgenössischen Herausforderungen der Jugendlichen genau in den der OKJA eigenen Prinzipien verbergen: Durch ihre Flexibilität, ihre Offenheit, die Möglichkeiten relativ freier Angebotsgestaltungen und der hohen Sozialraumorientierung ihrer Einrichtungen scheint sie die Bedarfe vieler Jugendlicher gerade einfangen zu können. Mit dem der OKJA zuerkannten „sozial öffnenden Mandat“ wird dabei die Stoßrichtung der OKJA formuliert: Es gilt, so kann man die Ergebnisse vielleicht annähernd zusammenfassen, gemeinsam mit den Jugendlichen und in Aushandlung mit den vor Ort gegebenen Ressourcen, Institutionen und Partizipationsmöglichkeiten, den Jugendlichen, die mit ganz verschiedenen, biografiespezifischen Bedarfen in die Einrichtungen der OKJA kommen, Möglichkeiten zu bieten, sich ihren Sozialraum anzueignen, an ihm auch gesellschaftlich und politisch zu partizipieren und ihre je eigenen Gestaltungsmöglichkeiten zu finden. Damit wird der OKJA zwar scheinbar viel zugemutet – eine Allzuständigkeit wird jedoch dadurch verhindert, dass an den richtigen Stellen die Kooperation mit wichtigen anderen Institutionen besonders betont wird und dass auch die Herausforderungen der OKJA nicht unterschlagen werden. Insgesamt versammelt das vorliegende Werk entscheidende theoretische und praktische Zugänge zu den Bedarfen der Jugendlichen und wichtigen Herangehensweisen für die Praxis. Es scheint daher gleichermaßen für Leser/​innen aus Praxis und Wissenschaft geeignet. Letztendlich muss sich das Werk vielleicht nur der Kritik stellen, dass es bei all seinen Zugängen und Perspektiven die genuinen Zugriffe der Jugendlichen auf die OKJA nicht adäquat einzufangen vermochte. Die Frage, welche Ansprüche Jugendliche selbst an die OKJA stellen, welche Bedarfe sie konkret äußern und wie sie sich ihre Einrichtungen in der Zukunft wünschen würden, wird nicht aus einer jugendspezifischen Perspektive beleuchtet.

Fazit

Das Werk „Entgrenzte Jugend – Offene Jugendarbeit: ‚Jugend ermöglichen im 21. Jahrhundert“, herausgegeben von Richard Krisch und Wolfgang Schröer,versammelt insgesamt 14 Aufsätze, die sich mit den modernen Herausforderungen und Vulnerabilitäten von Jugendlichen, den „Entgrenzungen“ von Jugenden auseinandersetzt. Dabei werden Handlungsmöglichkeiten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) erarbeitet und illustriert, wie sie diesen Entgrenzungen zu begegnen vermag. Insgesamt macht das Werk deutlich, dass sich die Entgrenzungen von Jugenden in so verschiedenen Bereichen wie Gender und Diversität, Flucht und Mobilität, Diskriminierung und Radikalisierung sowie Schule und Beruf zeigen und dass die OKJA diesen Entgrenzungen adäquat begegnen kann. Dabei werden gerade ihre Prinzipien der Sozialraumorientierung, der Offenheit ihres Angebotscharakters, sowie die Partizipationsmöglichkeiten, die sich sowohl aus der Flexibilität in den Einrichtungen als auch aus der sozialräumlichen Öffnung ergeben, als entscheidend dafür herausgestellt, den Jugendlichen genau bei ihren täglichen Herausforderungen zu begegnen und sie bei ihrer Lebensbewältigung zu unterstützen. Insgesamt wird der OKJA ein „sozial öffnendes Mandat“ zuerkannt, was das Credo aller Aufsätze mehr oder weniger zusammenfassen könnte: Die OKJA kann den alltäglichen Hürden und den strukturellen Barrieren von Jugendlichen dadurch begegnen, dass sie mit ihnen gemeinsam im jeweiligen Sozialraum neue Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten erschließt und die Jugendlichen somit individuell wie auch strukturell dazu befähigt, sich ihren Sozialraum anzueignen und aktiv daran teilzuhaben. Die Aufsätze des Sammelbandes liefern auch verschiedene Praxisbeispiele und Handlungsleitlinien, wie dies vor Ort umgesetzt werden kann. Gerade diese Praxisbezüge und -beispiele verbürgen auch für die gute Lesbarkeit der einzelnen, oft sehr dicht verpackten Studien. Insgesamt wird eine große Bandbreite an Themen abgedeckt, sodass der Anspruch, die modernen Herausforderungen als Entgrenzungen der Jugendlichen zu beleuchten sowie herauszustellen, wie die OKJA diesen angemessen begegnen kann, weitgehend erfüllt wird.


Rezension von
Marvin Luh
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Zitiervorschlag
Marvin Luh. Rezension vom 22.04.2020 zu: Richard Krisch, Wolfgang Schröer (Hrsg.): Entgrenzte Jugend - Offene Jugendarbeit. ´Jugend ermöglichen´ im 21. Jahrhundert. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6263-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26741.php, Datum des Zugriffs 01.06.2020.


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