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Christoph Wulf: Bildung als Wissen vom Menschen im Anthropozän

Cover Christoph Wulf: Bildung als Wissen vom Menschen im Anthropozän. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 252 Seiten. ISBN 978-3-7799-6182-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Soziale Arbeit greift auf das Wissen von Bezugswissenschaften zurück, zu denen auch die Erziehungswissenschaften und Bildungswissenschaften gehören. Diese diskutieren die Notwendigkeit von Bildung und Erziehung für den Menschen und schließlich auch, wie ihn diese Prozesse vervollkommnen können. Klassische Antworten aus dieser Diskussion reichen heute jedoch nur bedingt aus, um Antworten zu finden, denn Diversifizierung und Fragmentarisierung sind an der Tagesordnung. Der pädagogische Fokus richtet sich deshalb auch auf die Anthropologie. Einen entsprechenden Beitrag liefert Christoph Wulf, dessen Grundthese besagt, dass pädagogisch-anthropologische Paradigmen in dieser Diskussion über den Menschen in seiner von Globalisierung bestimmten Gegenwart notwendig sei. Mit dem vorliegenden Buch macht er das am – nach wie vor intensiv diskutierten – Begriff vom sogenannten „Anthropozän“ fest, dem „Zeitalter des Menschen“.

Autor und Entstehungshintergrund

Wer sich mit Historischer bzw. Pädagogischer Anthropologie beschäftigt, kommt an den von Christoph Wulf verfassten oder von ihm (mit-)herausgegebenen Publikationen nicht vorbei. Der Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität Berlin gehört zu den bekanntesten Erziehungswissenschaftlern in Deutschland. 1992 war er einer der Begründer der „Kommission Pädagogische Anthropologie“ in der „Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft“. Seit dieser Zeit arbeitet Wulf auch konkret an Fragen zum Wissen vom Menschen in einer globalisierten, durch kulturelle Diversität charakterisierten Welt. „Das Ziel seiner Forschungen liegt darin, mithilfe historischer und ethnographischer Methoden sowie philosophischer Reflexion einen Beitrag zum Selbstverständnis der Menschen in der heutigen Zeit zu leisten“, so die Erläuterung auf seiner Homepage (www.christophwulf.de; 2020-11-12). In diesem Zusammenhang ist auch das vorliegende Buch zu sehen.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung über „Bildung als Wissen vom Menschen“ ist das Buch in drei Teile sortiert:

  1. Vervollkommnung des Unverbesserlichen,
  2. Formen anthropologischen Wissens,
  3. Bildung in der globalisierten Welt.

Im ersten Teil steht das Werk von Comenius, Rousseau, Humboldt und Schleiermacher im Blick des Autors. Ihnen ist gemein, Bildung im pädagogisch-anthropologischen Zusammenhang zu denken. Wulf untersucht am Werk dieser Autoren Denkweisen und Diskurswechsel in der Sicht auf den Menschen sowie dessen Perfektionierbarkeit. Hatte Comenius im 17. Jahrhundert den „großen Traum“, mit Hilfe seiner „großen Didaktik“ allen Menschen via Bildung und Erziehung „alles vollständig“ zu vermitteln, so nahm Rousseau ein Jahrhundert später das Kind als Individuum in den Blick. Wulf skizziert zudem den Wechsel der pädagogischen Verhältnisse und Situationen und Narrationen in Bezug auf das Bild vom Menschen im Übergang von der universalistisch-rationalistischen Moderne hin zur Spätmoderne.

Der allseitig gebildete Mensch, der in der Lage ist, sich mit diesen Widersprüchen seiner Existenz zu versöhnen, ist Humboldts Vision. Er geht davon aus, dass der Mensch sich selbst bilden und damit vervollkommnen kann. In Humboldts Schriften sieht Wulf die bedeutsamsten Vorarbeiten für die aktuelle Pädagogische Anthropologie bzw. Kulturanthropologie. Schleiermacher knüpfte an diese Gedanken an. Er sieht pädagogisches Handeln als ein den ganzen Menschen betreffendes, mehrdimensionales sinnliches, emotionales und ethisches Handeln.

Im zweiten Teil untersucht Wulf Formen von anthropologischem Wissen. Dieses Wissen ist für ihn weitgespannt: „Es umfasst den Menschen, sein Verhalten, sein Handeln, seine Emotionen, seine Vorstellungen in seiner natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelt. Ein zentrales Problem der Anthropologie besteht darin, wie allgemeines mit historisch und kulturell spezifischem Wissen verbunden werden kann. Die Notwendigkeit dazu ergibt sich daraus, dass in der globalisierten Welt bekanntlich eine eher universelle, auf Homogenisierung zielende Tendenz und eine eher auf Diversität ausgerichtete Tendenz aufeinanderstoßen“ (12).

Folgende Wissens-Formen werden in diesem widersprüchlichen Kontext erörtert: Wiederholungen (dargestellt am Beispiel von Ritualen), Imagination, Medien und das sogenannte „schweigende Wissen“.

Mit Hilfe von Ritualen bilden, erhalten und verändern sich Gemeinschaften. Wulf erläutert Rituale als „Ergebnisse mehrdimensionaler Symbolisierungs- und Konstruktionsprozesse“, die sich unterscheiden lassen in Übergangsrituale (z.B. Adoleszenz), Rituale der Institution bzw. Amtseinführung, jahreszeitlich bedingte Rituale (z.B. Erinnerungstage), Rituale der Intensivierung (z.B. Liebe), Rituale der Rebellion (z.B. Jugendrituale) und Interaktionsrituale (z.B. Konflikte) (100).

Der imaginierende Mensch kann Abwesendes präsent werden lassen, er kann Erinnerungen vor dem inneren Auge wachrufen und Projektionen der Zukunft in der mentalen Gegenwart initiieren. Imagination zeigt sich somit als anthropologische Grundkomponente.

Medien ermöglichen die Fixierung und Materialisierung des Imaginierten. Wulf diskutiert in diesem Kapitel aktuelle „medienanthropologische“ Ansätze. Schließlich geht er auf „schweigendes Wissen“ ein. Das stecke insbesondere in Bildern. Die Welt, so der Erziehungswissenschaftler, werde immer mehr zum Bild und die Bild produzierenden Medien beginnen früh, die Vorstellungswelt junger Menschen zu prägen und so Handlungen zu initiieren. Als ein gutes Beispiel wird hier die schematische Zeichnung in einer Gebrauchsanweisung gebracht (138 f.).

Im dritten Teil gehen Wulfs Überlegungen in die globale Dimension über. Aufgezeigt und diskutiert werden die Themenfelder Bildung im Konfuzianismus (Kap. 9), indische Perspektiven von Spiritualität und Gewaltreduktion (z.B. von Gandhi; Kap. 10), Ausführungen zum Anthropozän als Zeitalter des Menschen (Kap. 11) und schließlich Frieden, kulturelle Diversität und Nachhaltigkeit als Aufgaben globaler Bildung: „Auch wenn die Zukunft dem Menschen nicht bekannt ist, trägt sie zum Horizont für Bildung bei. Kinder und Jugendliche sollen sich so bilden, dass sie zukunftsfähig werden. Selbst wenn sich nicht genau angeben lässt, was zu einer zukunftsfähigen Bildung gehört, besteht kein Zweifel darüber, dass Frieden, Umgang mit kultureller Diversität und Nachhaltigkeit zu den Bedingungen zukunftsfähiger Bildung in der globalen Moderne gehören. Alle drei Bereiche sind miteinander verwoben“ (204).

Diskussion

Das vorliegende Buch von Christoph Wulf reiht sich ein in seine anderen Ausführungen zum Thema „Pädagogische Anthropologie“ und stellt Bildung in den historischen und globalen Kontext. Er erläutert aktuelle Diskurse und schließt mit einer anregenden Diskussion zu den Aufgaben von Bildenden im globalen Zusammenhang. Für Soziale mag der zweite Teil am interessantesten sein, wo er Formen anthropologischen Wissens erläutert. Die meisten Erläuterungen im Buch dürften allerdings den mit dem Werk von Wulf Vertrauten an sich keine Neuigkeit sein.

Das Literaturverzeichnis zeigt Wulfs umfangreiches Schriftenwerk. Als Einführung in sein Denken empfiehlt sich: Der Mensch in der globalisierten Welt. Anthropologische Reflexionen zum Verständnis unserer Zeit. Christoph Wulf im Gespräch mit Gabriele Weigand, Münster (Waxmann) 2011.

Fazit

Der Inhalt des Buches erbringt, was sein Titel verspricht: Bildung als Wissen vom Menschen im Anthropozän. Dieser Begriff vom Zeitalter des Menschen ist nach wie vor diskutiert ob seiner Anwendbarkeit auf anthropologische und sozialwissenschaftliche Debatten. Wulf verdeutlicht sehr gut, wie sich dieses Etikett im Bildungs- und Erziehungsdiskurs neu verorten lässt und umgekehrt, wie dieser Begriff diesen Diskurs erfasst. In dem Zusammenhang finde ich das Buch empfehlenswert für Studierende der Sozialen Arbeit, also wenn sie sich mit grundlegenden Fragen zur Bildsamkeit und Erziehbarkeit von Menschen auseinandersetzen.


Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 07.12.2020 zu: Christoph Wulf: Bildung als Wissen vom Menschen im Anthropozän. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6182-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26743.php, Datum des Zugriffs 16.05.2021.


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