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Karina Kellner: Fan-Sein als alltägliche und kulturelle Aneignungspraxis

Cover Karina Kellner: Fan-Sein als alltägliche und kulturelle Aneignungspraxis. Faszination - Motivation - Rezeption. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2020. 333 Seiten. ISBN 978-3-8309-4097-5. 34,90 EUR.

Reihe: Studien zur Volkskunde in Thüringen - Band 9.
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Entstehungshintergrund und Autorin

Das Buch ist eine volkskundliche Arbeit, die 2018 von der Universität Jena als Dissertation angenommen worden ist. Für die Verfasserin ist sie eine Fortsetzung ihrer Magisterarbeit aus dem Jahre 2008. Karina Kellner ist dabei, sich als „Fankultur-Forscherin“ einen Namen zu machen. Kellner hat Biologische Anthropologie, Humangeographie und Volkskunde studiert. Sie arbeitet derzeit für die Kulturdirektion Erfurt in der Kleinen und Alten Synagoge der Stadt.

Aufbau und Grundsätzliches

Zwischen „Einleitung“ und „Schlussbetrachtung“ geben 12 Kapitel dem Buch seine Ordnung.

Sobald ein Mensch etwas gut findet und dies nach außen kommuniziert, liegt es nahe, ihn einen „Fan“ zu nennen. Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht. Das Wort Fan bezeichnet eine differenzierte Publikumsrolle. Leidenschaftliche Anhänglichkeit und aktive Idolisierung gegenüber einem verehrten und vor allem in der audiovisuellen Medienvermittlung existierenden Objekt („Star“ und „Werk“) kennzeichnen diese Rolle.

Der Fan unterscheidet sich vom oberflächlichen und passiven Zuschauer bzw. Rezipienten durch emotionale Intensität und schöpferische Aktivität. Um sich angemessen auszutauschen sucht er die Gemeinschaft von Gleichgesinnten und begründet damit eine „Fan-Kultur“, die vor allem aus Information und Kommunikation, aus Sammeln, Dokumentieren und Erfinden, aus Reisen und Erleben besteht. 150 Seiten des gut 300-seitigen Buches beschäftigen sich mit diesen Tätigkeiten. Die empirischen Erkenntnisse darüber wurden durch narrative Interviews mit einer übersichtlichen Anzahl von Probanden gewonnen.

Die Fan-Aktivitäten im Einzelnen:

  • Informieren - Informationen zu sammeln gehört zu den grundlegenden Tätigkeiten des Fans. Das Internet hat inzwischen die alten Medien wie Zeitschriften, Fernsehen und Bücher als Informationsquelle abgelöst. Das Wissen, das sich Fans auf diesen Wegen aneignen, wird das „kulturelle Kapital der Fans“ genannt; es weist sie als Experten aus, macht sie gegenüber den Ahnungslosen überlegen und stärkt ihr Selbstwertgefühl.
  • Kommunizieren - Gespräche unter Fans über ihre Fanobjekte finden organisiert in Fanclubs statt, deren Mitgliederzahlen in die Hunderttausende gehen. Man trifft sich face to face und/oder im Internet. Durch das „Netz“ hat sich die Fan-Star-Beziehung verändert. Lebte die Faszination früher hauptsächlich durch die absolute Distanz, kann man heute seinen Star dank seiner „Homepage“ so persönlich und privat wie noch nie erleben, jedenfalls wird dies suggeriert.
  • Sammeln - Fans sammeln alles Mögliche, was in Verbindung zu den verehrten Stars steht. Dank des professionellen Merchandising ist das Sammeln weitgehend zum Kaufen geworden. „Fan-Artikel“ sind eine eigene Warengattung. Nicht käuflich erworbene, sondern allein durch persönlichen Einsatz ergatterte Dinge steigen dadurch im Stellenwert, von der Bühne geworfene Drumsticks zum Beispiel. Nicht ein 200 Euro teurer Bildband über „Queen“ nennt der Queen-Fan sein wertvollstes Stück, sondern ein bei einem Konzert aufgefangenes Plektrum des Gitarristen Brian May, das wie eine Reliquie behandelt wird. Das Autogramm als Sammelobjekt tritt heute hinter das selbstgemachte Foto zusammen mit dem Star zurück. Fans hüten und pflegen ihre Sammlung; sie „zu Geld zu machen“, kommt ihnen nicht in den Sinn. Dazu gehören die Gegenstände zu sehr zu ihrer „Identitätsausrüstung“.
  • Kreativ sein - Das Bedürfnis, dem bewunderten Star oder dem bewunderten Werk nahe zu sein, setzt bei Fans schöpferische Energien frei. Der Freddie-Mercury-Fan wandelt auf dessen Spuren in England und erschließt sich auf seine Weise ein fremdes Land. Er beginnt selbst Musik zu machen, Texte zu schreiben und verbessert auf diesem Wege fortlaufend sein in der Schule kaum gelerntes Englisch. Fans der asiatischen Manga-Kunst fuchsen sich in die japanische und koreanische Sprache. Andere ahmen Jargon und Tonfall ihrer Stars nach, bringen es dabei zu einer gewissen Perfektion und werden sogar als „Doubles“ gebucht.
  • Erleben - Der Erlebnishunger von Musik-Fans wird am besten auf Life-Konzerten gestillt. Im Kontext von Konzerten werden selbst die oft beschwerlichen Anreisen, das Schlangestehen und stundenlange Warten zum aufregenden Erlebnis – immer im Vergleich zu dem „Scheißleben“, wie es ein Fan ausdrückt, in das man wieder zurück muss. Quasi-therapeutische und quasi-religiöse Wirkungen von Life-Konzerten werden geschildert. Es scheint, dass Fans geneigt sind, eine Lebenspartnerschaft mit einer Fiktion einzugehen und dafür fast jeden Preis bezahlen.
  • Wie wird man Fan? Die Fan-Werdung bei Heranwachsenden wird durch die Orientierung an Freunden und Geschwistern begünstigt. Durch sie wird man auf Personen und Produkte aufmerksam gemacht. Bei der Fan-Werdung selbst wird der spontane Akt („Erweckungserlebnis“) vom graduellen Prozess unterschieden. Bei Letzterem erarbeitet man sich seine Faszination über einen längeren Zeitraum hinweg. Nahegelegt wird, neben einer emotionalen Faszination auch eine wissende Faszination anzunehmen.
  • Wozu wird man Fan? Um dem „Lastcharakter des Alltags zu entfliehen“, heißt es an einer Stelle – eine eskapistische Funktion. Fan wird man nicht als Kleinkind, sondern erst als pubertierender Jugendlicher. Die vom Fan verehrten Stars sind, „Identitäts-Krücken“ gleich, Vorbilder auf dem Weg zu sich selbst. Stars dienen als Modell von Werten, Eigenschaften und Moden. Fantum ist Leitbildverehrung.

Diskussion

Die Fan-Star-Beziehung ist eine einseitige Beziehung, die fast ausschließlich vom Fan aufrechterhalten wird. Sie ist eine auf Distanz angelegte Beziehung; nur die Unerreichbarkeit des Stars erlaubt seine Vergötterung. Die überhöhte Bewunderung gilt seinem Aussehen, seinem Können, vor allem aber seiner großen Berühmtheit und Begehrtheit, angesichts derer der Star dennoch „er selbst“ und „bodenständig“ geblieben sei, wie der Fan gerne glaubt, ohne es nachprüfen zu können. Die pubertäre Schwärmerei kann lange anhalten, bei vielen lebenslang. Wenn sie beendet wird, dann durch Veränderungen auf beiden Seiten. Der Fan hat Beruf und Familie und damit neue Schwerpunkte; der Star geht einen Weg, der an seiner Authentizität und Bodenständigkeit zweifeln lässt. So schläft die Begeisterung ein; aus dem Fan wird wieder ein interessierter Zuschauer, der sich gerne an seine „verrückten Tage“, seine „rites de passage“ erinnert.

Ein wichtiger Ertrag der Arbeit sind zwei kategoriale Unterscheidungen. Zum einen werden drei objektbezogene Fan-Typen werden unterschieden:

  • der werkbezogene Fan – die Arbeit des Künstlers steht im Mittelpunkt der Bewunderung;
  • der personenbezogene Fan – die Persönlichkeit des Künstlers steht im Mittelpunkt; seine Arbeit ist oft nur Beiwerk;
  • der gemeinschaftsbezogene Fan – die Betriebsnudel unter den Fans, die vom Zusammenhalt in der Fangemeinschaft und den gemeinsamen Unternehmungen mindestens ebenso schwärmt wie vom angehimmelten Fanobjekt.

Weiterhin werden drei Fan-Mentalitäten unterschieden:

  • der euphorische Fan – er bleibt auch nach vielen Jahren noch so aufgeregt und exaltiert wie am ersten Tag;
  • der Gewohnheitsfan – er regt sich mit den Jahren ab, bleibt aber Star und Werk treu;
  •  der heimliche Fan – er möchte nicht auffallen und empfindet sein Fan-Sein auch als peinliche Angelegenheit.

Mit und an diesem Gerüst lässt sich gut weiterarbeiten.

Fazit

Ein fleißiges, aber recht oberflächliches Werk. Die 19 Gesprächspartner für die narrativen Interviews scheinen mehr oder weniger zufällig zusammengekommen zu sein. Pop- und Volksmusik-Fans überwiegen die wenigen Manga- und Literatur-Fans. Einziges Auswahlkriterium, dass man erfährt: Sportfans bleiben ausgeschlossen, weil diesen in der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur über Fans immer der Vorrang gebührt. Karina Kellner geht es um das Alltagsleben von Fans, ihr Selbstverständnis, ihre sinnstiftende Subkultur; es geht um eine Normalität, die übersehen wird, wenn der Inbegriff des Fans immer der gewaltbereite Fußballfan ist, den es um des gesellschaftlichen Friedens wegen zu pazifizieren gilt. Die Fans, die Kellner uns vorstellt, brauchen kein Anti-Gewalt-Training, denn sie sind friedlich wie die Lämmer und würden gar nicht groß auffallen, gäbe es nicht die Volkskunde, die sich ihrer annimmt.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 15.01.2021 zu: Karina Kellner: Fan-Sein als alltägliche und kulturelle Aneignungspraxis. Faszination - Motivation - Rezeption. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2020. ISBN 978-3-8309-4097-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26745.php, Datum des Zugriffs 07.03.2021.


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