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Renate Kock: Freinets pädagogische Theorie des Lernens und des Lehrens

Cover Renate Kock: Freinets pädagogische Theorie des Lernens und des Lehrens. Naturalistische Lebensphilosophie, experimentelle Psychopädagogik und kooperative Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2019. 184 Seiten. ISBN 978-3-8340-1894-6. 19,00 EUR.
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Thema

Die Publikation beschäftigt sich mit der naturalistischen Lebensphilosophie, der experimentellen Pädagogik und der kooperativen Praxis des französischen Lehrers und Schulreformers Célestin Freinet.

Autorin

Renate Kock ist Lehrerin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie wurde mit einer historisch-didaktischen Arbeit zur Reform der laizistischen Schule bei Célestin Freinet promoviert und lehrt als Studienrätin im Hochschuldienst der Universität zu Köln. Sie ist seit vielen Jahren als Expertin für Freinet-Pädagogik bekannt.

Entstehungshintergrund

Der Band führt eine Auseinandersetzung mit der konstruktivistischen Didaktik Freinets, die die Autorin seit den 1990er Jahren und insbesondere mit einer Veröffentlichung für Studierende, Referendare, Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen im Jahr 2001 führte, fort. Ihr Ziel war und ist es, das Schulmodell Freinets als eine Schule selbstständigen Handelns und des aktiven und selbstorganisierten Lernens und Lehrens aufzuzeigen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch betrachtet die Pädagogik Célestin Freinets (1896-1966) im Spiegel der Lehr-/Lern- und Entwicklungstheorie seiner Zeit, nämlich vom Beginn der 1920er Jahre bis zu seinem Tod. Insbesondere seine Theorie des Tatonnement expérimental, des „experimentellen Tastens“ – in anderen Publikationen mit „tastende Versuche“ übersetzt – steht im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit. Nach einer längeren Einleitung, die den modernen schuldidaktischen Diskurs und die mögliche Verknüpfbarkeit mit der Pädagogik Freinets umreißt, widmet sich das Buch folgenden Kapiteln:

  • Tatonnement expérimental als Grundbegriff der Theorie Freinets
  • Die experimentelle Pädagogik Freinets
  • Die konstruktivistische Sichtweise als neue Perspektive: Kognition oder tatonnement expérimental?
  • Lehren und Lernen im Medium der Sprache
  • Kinder lehren Kinder
  • Ausblick

Die Autorin nimmt sich vor, Freinets zentralen Begriff des experimentellen Tastens gründlich aufzuarbeiten, zumal dies bisher noch nicht so recht erfolgt sei. Für Freinet war es demnach ein basaler, universeller und lebenslanger Prozess der Weltaneignung. Lernen in seinem Verständnis ist weder passiv oder mechanisch, noch rein kognitiv, sondern ein ganzheitlicher Vorgang, in den Körper und Geist, emotionalen und sozialen Anteile eingehen. Er baute bei der Entwicklung dieses Begriffs einerseits auf seine umfangreichen praktischen Beobachtungen als Lehrer und Vater auf und setzte sich andererseits mit einigen prominenten Wissenschaftlern auseinander, an deren Erkenntnissen er sich teils orientierte, von denen er sich aber auch teils abgrenzte. Eine dieser Bezugsgrößen ist Pawlow, dessen Lehre er insofern übereinstimmt, dass für alles Lernen die gleichen Gesetzmäßigkeiten gelten. Freinet geht aber über die klassische Reflexlehre hinaus, indem er die Durchlässigkeit von Erfahrungen und intelligentes Tasten hervorhebt. Auch von Piaget grenzt er sich ab, indem er dessen Theorie der kognitiven Entwicklungsphasen drei Phasen gegenüberstellt, die seines Erachtens die Selbsttätigkeit des Kindes bei der Aneignung und des Sich-Einrichtens in der Welt besser beschreiben:

  • tastendes Ausschauhalten: Das Kind macht sich mit seiner Umgebung vertraut (im ersten Lebensjahr);
  • sich einrichten: Das Kind beginnt, sein Leben zu organisieren und die Dinge nach seinen Bedürfnissen zu nutzen (etwa bis zum vierten Lebensjahr);
  • Arbeit: Das Kind versucht, seine Umgebung zu beherrschen und seine Kraft zu vergrößern (ab dem fünften Lebensjahr).

Das experimentelle Tasten ist für Freinet ganzheitlich und lebensnah. Die tastenden Versuche des Kindes – körperlich und kognitiv, sprachlich und sozial – sind aktives Erkunden der Welt fixieren sich infolge von Erfahrungen, Misserfolgen und Erfolgen zunächst in „Lebensregeln“ und münden schließlich in die „Lebenstechnik oder die Spur, die die unzählbaren Tastversuche über Generationen hindurch dem Individuum eingegraben und das Überleben der Art ermöglicht haben.“ (S. 26) Diesen Erkenntnissen folgend, ergibt sich für Freinet die „natürliche Methode“ des Lernens, die die klassische Schulpädagogik überwinden soll. Die Erfahrungen der Kinder sind nicht nur Anlass für abzuleitende Lehr-Lern-Gelegenheiten, sondern deren unmittelbarer Inhalt. Der ganzheitliche und offene Ansatz Freinets stellt dann auch rein kognitive und konstruktivistische Ansätze wie den Maturanas infrage, dessen Theorie und Bedeutung in Bezug auf den Freinetschen Ansatz die Autorin breiten Raum gibt. Eine kritische Auseinandersetzung findet auch mit Skinner und Wygotski statt.

Eine besondere Stellung im Erfahrungslernen nimmt bei Freinet die Sprache und Sprachentwicklung ein, die für ihn „das wunderbarste aller Werkzeuge“ ist und jedem ermöglicht, „mit maximaler Würde und Kraft, seine eigene Persönlichkeit zu errichten.“ (zit. S. 113) Er formuliert für den Spracherwerb eine eigene Stufenlehre. Folgerichtig nimmt Sprache in Freinets Unterrichtspraxis eine zentrale Stellung ein, erkennbar in seinen Techniken der freien Texte, der Schuldruckerei, der Klassenzeitung, der Korrespondenz u.a. Dies wiederum weist auf die besondere Bedeutung des Lehrens und Lernens in Gemeinschaft hin, wie im Kapitel „Kinder lehren Kinder“ ausgeführt wird. Seine Psychopädagogik hat Freinet selbst in 25 Axiomen zusammengefasst, welche im Anhang des Buches vorgestellt werden und bezeugen, wie sehr es ihm daran gelegen war, seine langjährige pädagogische Praxis mit einer eigenen Theorie zu begründen und auf die (Neu-)Gestaltung von didaktischen Prozessen im Unterricht hinzuwirken. Am Ende hebt das Buch auch die besondere Bedeutung der Curriculumentwicklung und Lehrerfortbildung hervor, die Freinet zeitlebens in seinem Sinne mit großem Engagement verfolgte. 

Diskussion

Das Buch konzentriert sich auf den für die Lehre Freinets zentralen Begriff des experimentellen Tastens und setzt ihn zu pädagogischen und psychologischen Theorien seiner Zeit in Beziehung. Dies tut es sehr gründlich und zeigt es auf, wie sehr sich Freinet um eine Überprüfung zeitgenössischer Theorie und dabei um eine Überwindung aus seiner Sicht lebensfremder Anteile bemühte. Das Verdienst dieser Bemühungen besteht unzweifelhaft in der Integration seiner umfangreichen und akribisch dokumentierten Erfahrungen der Schulpraxis und wissenschaftlich-theoretischer Reflexion. Das Verdienst der Autorin ist es, das Paradigma von Leben und Lebensnähe als – auch wenn die Begriffe unscharf sind – als didaktisches Prinzip herausgearbeitet zu haben. Bei dieser Fokussierung können andere zentrale Begriffe der Freinetschen Pädagogik nicht dieselbe Würdigung erfahren, etwa die Arbeit, Partizipation oder das entwicklungsförderliche Milieu. Das Buch bietet daher keine vollständige Vorstellung dieser Pädagogik. Die Lektüre setzt vielmehr ein gewisses Maß an didaktischen Vorkenntnissen und solchen zu Leben und Werk Freinets sowie der diskutierten Theorien voraus, außerdem die Bereitschaft, sich auf einen theoretischen Diskurs und streckenweise akademische Sprache einzulassen. Wertvoll sind angesichts der leider immer noch begrenzt auf Deutsch vorliegenden Schriften Freinets die zahlreichen von der Autorin übersetzten Originalzitate.

Fazit

Wer nach einer Einordnung der Freinet-Pädagogik in die pädagogische und psychologische Theoriebildung sucht und nach der entsprechenden Begründung einer Didaktik, die die subjektive Gegenwart Schülerinnen und Schüler anerkennt und Unterricht dialogisch gestalten will, wird aus dieser Publikation Gewinn ziehen. Die heutige Bewegung der Freinet-Pädagoginnen und -Pädagogen in Schulen und Kindertageseinrichtungen, die es auch und gerade in Deutschland gibt, erhält eine wichtige Ergänzung ihrer theoretischen Bezugsquellen.


Rezension von
Herbert Vogt
Diplom-Pädagoge, freiberuflicher Fortbildner, Berater und Moderator. Veröffentlichung: Henneberg, R./Klein, L./Vogt, H. (2008): Freinetpädagogik in der Kita. Klett/Kallmeyer, Seelze
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Zitiervorschlag
Herbert Vogt. Rezension vom 15.06.2020 zu: Renate Kock: Freinets pädagogische Theorie des Lernens und des Lehrens. Naturalistische Lebensphilosophie, experimentelle Psychopädagogik und kooperative Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2019. ISBN 978-3-8340-1894-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26747.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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