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Rolf Haubl, Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Grenzerfahrungen

Cover Rolf Haubl, Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Grenzerfahrungen. Migration, Flucht, Vertreibung und die deutschen Verhältnisse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 338 Seiten. ISBN 978-3-8379-2861-7. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.

Reihe: Psyche und Gesellschaft.
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Thema

Wenn Menschen ihr Heimatland verlassen, passieren sie Grenzen, stoßen sie an Grenzen ihrer Kraft, mitunter auch an Grenzen des Verständnisses und der Unterstützung. Gerade auch aus psychoanalytischer Sicht gibt es dazu Klärungsbedarf und Erkenntnisgewinn, nämlich für die Theorie und die Praxis der Flüchtlingshilfe.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die beiden Herausgeber – Rolf Haubl und Hans-Jürgen Wirth – waren bzw. sind Professoren für psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt/M.

Die Beiträge stammen von Autorinnen und Autoren, die als Hochschullehrer/innen oder wissenschaftliche Mitarbeiter/innen an Hochschulen in Mülheim, Darmstadt, Düsseldorf, Berlin, Kassel, Göttingen, ferner auch Basel tätig waren oder sind, vorwiegend im Umfeld des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts,im Bereich der Soziologie, auch Pädagogik und Literaturwissenschaft, auch selbstständig in der Psychiatrie und Psychotherapie

Aufbau

Der Band versammelt insgesamt 16 Artikel, die zu einer Hälfte auf die „deutschen Verhältnisse“ eingehen, zur anderen die „psychosoziale Arbeit mit Geflüchteten“ behandeln.

In der „Einführung“ werden alle Beiträge kurz und prägnant vorgestellt.

Zu allen Autorinnen und Autoren gibt es jeweils im Anschluss zu ihrem Artikel angemessene biografische Angaben samt Kontaktadressen.

Der vorliegende Band ist die überarbeitete und erweiterte Buchausgabe der Zeitschrift psychosozial Nr. 149 (III/2017) des selben Verlags.

Inhalt

Rolf Haubl leitet den Band ein mit dem Hinweis auf die Menschenrechte, denen jede Demokratie verpflichtet sein muss. Dazu bedarf es eines „gesellschaftlichen Möglichkeitsraumes“, in dem Menschen ihre unterschiedlichen Lebensformen in friedlicher Koexistenz ausleben können. Allerdings haben sie auch mit dem Bedürfnis zu rechnen, Feinde zu haben und Feindbilder zu zeichnen, da eben Hass und Gewaltbereitschaft tief verwurzelt sind. Hier sind nicht allein und nicht zuvörderst das staatliche Gewaltmonopol gefragt, sondern das Engagement und die Partizipation der Bürger und Bürgerinnen, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Ambiguitätstoleranz.

Heinz Bude setzt die seinerzeitige Popularität von Pegida in Beziehung zum „Dienstleistungsproletariat“, schlecht bezahlt und ohne Aufstiegschancen, ebenso zur unteren Mittelschicht, die Angst hat vor dem Abstieg. „Wir sind das Volk“ meine – in Ostdeutschland noch mehr als in Westdeutschland – soviel wie: Wir sind verbittert, dass unsere Fähigkeiten, Leistungen, Initiativen, nicht gefragt und abgerufen wurden. Gegen dieses Gefühl, diese Stimmung hilft Solidarität.

Albert Scherr stellt den offiziellen Lobeshymnen für das Engagement im Ehrenamt, für die Leistungen der Zivilgesellschaft und der starken menschenrechtlichen Fundierung der gesellschaftlichen Werte die erklärte Flüchtlingspolitik gegenüber, die darauf abhebt, Flüchtlinge von Europa und Deutschland fernzuhalten, insbesondere in ihre Herkunftsländer abzuschieben. Da spielt die hochgelobte Zivilgesellschaft plötzlich keine Rolle mehr, wenn sie nicht erfahren darf, dass und wann ausreisepflichtige Flüchtlinge außer Landes gebracht werden.

Rolf-Peter Warsitz nähert sich der „Flüchtlingskrise“ strikt psychoanalytisch: Sie habe eine Krise der kulturellen Identität aufgedeckt. Die Deutschen kommen nicht umhin, sich bedroht zu fühlen, da sie vulnerabel geblieben sind. Der Fremdenhass und der islamistische Terror treffen sich. Im Anschluss an Kristeva resümiert er: Fremde sind wir uns selbst geblieben.

Hans-Jürgen Wirth entwickelt die These, die stark ausgeprägte Willkommenskultur in Deutschland sei letztlich ein Ergebnis der NS-Vergangenheit (Krieg, Shoah) und ihren Folgen (Vertreibung): Die Deutschen haben diese zunächst tabuisiert, verdrängt, dann aber sich produktiv und konflikthaft mit ihr auseinandergesetzt, Sensibilität für globale Probleme (s. Tschernobyl, Fukushima) und die Fähigkeit zur Besorgnis erworben, also Fürsorge, Empathie und das Bemühen, Gefahren abzuwenden und sich um Wohlergehen zu kümmern.

Heinrich Detering analysiert Reden der AfD-Größen, z.B. den Auftritt eines Höcke, der verspricht, „unser Deutschland zurückzuholen“, also wohl dorthin zurückzuführen, wo es noch nicht „amerikanisiert“, „umerzogen“, vom „System“ beherrscht war.

Dorothee Dienstbühl gibt eine Übersicht über die (rechts-, linksextremen oder islamistischen) „Produtzer“, die im Internet aktiv sind, um neue Interessenten zu finden und zu binden.

Auch mit Bezug zu ihrer Familiengeschichte berichtet Anna Leszcynska-Koenen über die Vorliebe des jüdischen Bürgertums Ende des 19. Jahrhunderts in Österreich, die Sommerfrische in den Bergen zu genießen und alpenländische Tracht zu tragen. Das Gefühl der Zugehörigkeit und Beheimatung bewahrte indes die Juden nicht vor Diskriminierung und Ausgrenzung, trotz, ja wegen ihres fulminanten gesellschaftlichen Aufstiegs. Nur ein Beispiel: der Ausschluss aus allen Sektionen des Alpenvereins bis 1921. In Bezug auf die Migration der Gegenwart warnt die Autorin davor, „Kultur“ zu verdinglichen, statt kulturelle Vielfalt und Dynamik entfalten zu lassen.

Manfred Gerspach erinnert daran, dass sich Spätfolgen erlittener Traumatisierung oft zeitversetzt zeigen, wenn Sicherheit und Ruhe eingekehrt sind. So integrativ auch der Sprachunterricht sein mag, für viele minderjährige Geflüchtete ist vordringlich, dass sie verlässliche Dialogpartner finden, die sie auch gefühlsmäßig erreichen.

In sechs Thesen befasst sich Joachim Küchenhoff mit der Konstruktion des Eigenen und des Fremden. Es geht um den Aushandlungsprozess, in dem das Subjekt das Fremde braucht zur Abgrenzung und zur Selbstkonstruktion. Dabei zeigt sich auch, dass eine Person nicht immer mit sich einig ist, zumal mit Wünschen und Affekten. „Fremde sind wir uns selbst“ zitiert auch er Julia Kristeva.

Zeljko Cunovic reflektiert die Konstellation, die sich bei der Behandlung von jungen Menschen mit Fluchterfahrung ergibt: Der Verlust vertrauter Menschen, der bekannten Umgebung, der sicheren Zukunft ist Anlass zur Trauer, die leicht in depressive Affekte oder Erstarrung münden kann. Der Therapeut bietet sich hier als Übertragungsobjekt, als gutes Objekt, als neues Objekt an und schafft so einen Übergangsraum, in dem der Patient das Erlebte verarbeiten und sich das Neue aneignen kann.

Der Artikel von Hartmut Häußermann diskutiert die weit verbreitete Ansicht, ethnische Minderheiten würden sich „abschotten“, also räumlich segregieren, und so die gesellschaftliche Integration behindern.Tatsächlich geht die Rechnung so nicht auf, da es in Deutschland keine Stadt gibt, wo eine Ethnie mehr als 30 % oder alle Migranten insgesamt mehr als 50 % der Bevölkerung ausmachen. Generell, von eine ersten Orientierungsphase vielleicht abgesehen, ziehen sich Migranten nicht auf die eigene Ethnie zurück, sondern sind auch über den Stadtteil hinaus mobil und vernetzt. Symptomatisch ist auch, dass Türken mit höherem beruflichen Status und höherem Einkommen in Bezirke ziehen, in denen weniger Minderheiten leben. Es besteht kein Zweifel, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt sind. Generell muss weder die kulturelle und soziale Herkunft direkt noch die räumliche Nähe automatisch in das individuelle Denken und Handel übergreifen.

Marga Günther und Anke Kerschgens stellen fest, dass das Konzept der frühen Hilfen – also um die Geburt eines Kindes herum – bislang nicht für Familien mit Fluchterfahrung nutzbar gemacht wurden. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn die Familie in Sicherheit und verlässlichen Beziehungen leben kann – was auch für Mitarbeiterinnen in den Erstaufnahmeeinrichtungen gelten muss. Unterstützung sollte sich nicht an der hiesigen Kleinfamilie orientieren, sondern Netzwerke ähnlich denen aufbauen, die Frauen in Großfamilien praktizieren.

Marian Kratz berichtet von einem ehrenamtlich engagierten Lehramtsstudenten und einem afghanischen Jugendlichen mit Fluchterfahrung, die ihre Beziehung unterschiedlich einordnen; hier (nur) die Begleitung im Asylverfahren, dort die Themen und Aktivitäten, die einen jungen Mann nun mal interessieren (Auto, Mädchen). Auch David Zimmermann geht von einem Fallbeispiel aus, der Begleitung eines jesidischen Jungen aus dem Irak durch eine Pädagogikstudentin. Er plädiert dafür, psychoanalytische und Traumapädagogik zu verbinden, etwa durch Fokussierung auf die Subjektlogik von hoch belasteten Mädchen und Jungen, eben auch solcher mit Fluchterfahrungen.
Marianne Leuzinger-Bohleber schließlich berichtet über das hessische STEP-by-STEP-Projekt, an dem über 140 Ehrenamtliche mitwirkten, um in einer Erstaufnahmeeinrichtung Strukturen so aufzubauen, dass die Flüchtlinge aktiv werden, d.h. nehmen und geben konnten, Selbstwertgefühl entwickelten und Wertschätzung empfingen.

Diskussion

Es ist klug, der Theorie und Praxis psychosozialer Arbeit Überlegungen voranzustellen, in welchen Verhältnissen diese stattfindet: „zwischen Rechtspopulismus und Willkommenskultur“ nämlich, wie der erste Teil untertitelt ist. Dabei haben es die Herausgeber auf interdisziplinäre Breite abgesehen, was wohl auch dazu führte, einen Aufsatz abzudrucken, den der 2011 verstorbene Stadtsoziologe Häußermann 2007 verfasst hatte. Wie die Herausgeber auch klar anmelden, geht fast der gesamte Band auf eine Ausgabe der Zeitschrift psychosozial von 2017 zurück, offensichtlich nur zum Teil überarbeitet und aktualisiert. Mehrere Autorinnen und Autoren bedienen sich der psychoanalytischen Fachsprache – doch reichlich Jargon, der die Lektüre nicht befördert. Ein Beitrag handelt allen Ernstes von „geflüchteten Patienten“.

Fazit

Wer sich vor psychoanalytischen Formeln nicht scheut, findet hier etliche Aufsätze, die für die Soziale Arbeit mit Flüchtlingen fruchtbar sind.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 08.05.2020 zu: Rolf Haubl, Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Grenzerfahrungen. Migration, Flucht, Vertreibung und die deutschen Verhältnisse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2861-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26749.php, Datum des Zugriffs 12.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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