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Ingrid Holler, Vera Heim: [...] Konflikte erfolgreich lösen mit der gewaltfreien Kommunikation

Cover Ingrid Holler, Vera Heim: KonfliktKiste. Konflikte erfolgreich lösen mit der gewaltfreien Kommunikation. PraxisTraining "Gewaltfreie Kommunikation". Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2004. 286 Seiten. ISBN 978-3-87387-597-5. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 67,50 sFr.

Trainingskarten, Handbuch, Lesezeichen & Übungsheft.
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Einführung in das Thema, Hintergrund und Autorinnen

"Die Sprache, die wir gelernt haben, macht es uns nicht leicht, anderen mit Verständnis zu begegnen", heißt es in einem Spaltentext des Handbuches. Dementsprechend geht es in der Konfliktkiste in weiten Teilen um eine "Sprachkorrektur": "Wie sag ich's besser?" - nämlich so, dass mein Gegenüber mich mit meinen Bedürfnissen und Gefühlen wahrnehmen kann. Und: wie kann ich so hören, dass ich mein Gegenüber mit seinen/ihren Bedürfnissen und Gefühlen wahrnehmen kann. Damit ist das Programm der "Gewaltfreien Kommunikation" umrissen: Menschen können da konfliktfrei kommunizieren, wo sie füreinander wahrnehmbar werden mit den sie bestimmenden Emotionen, wo sie empathisch sind für sich selbst und andere und einander mit einer öffnenden Sprache begegnen. Der Psychotherapeut Marshall Rosenberg habe die Gewaltfreie Kommunikation in den 1960er Jahren entwickelt, informiert das Handbuch. Seine Quellen werden leider nicht benannt, sie sind aber nicht zu übersehen: sein Modell wird gespeist aus der Gestalttherapie, der TZI und der klientenzentrierten Beratung.

Die Autorinnen stellen sich selbst vor, ebenfalls im Handbuch. Beide haben 1997 die "GFK" kennen gelernt und sind mittlerweile zertifizierte Trainerinnen - Ingrid Holler in München, Vera Heim in Küsnacht, Schweiz. Ingrid Holler hat vor ihrer Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation als Sprach- und Kommunikationstrainerin gearbeitet, Vera Heim als Erwachsenenbildnerin.

Aufbau und Inhalt

Das Werk wurde, wie der Titel schon andeutet, als "Kiste" produziert: eine Pappbox enthält zunächst das 44-seitige Handbuch, die "Werkzeugkarten" mit grundsätzlichen Informationen zu den Themen, Übungskarten mit vorgegebenen Themen, mit denen die praktische Anwendung der Methode geübt werden kann, ein Übungsheft, das zum Üben eigener Themen nur die methodischen Schritte angibt, eine Übersichtskarte sowie Lesezeichen. Auch ein Notizblock fehlt nicht, ebenso wie der instruktive Hinweis, ihn aus der Box zu nehmen, damit man die Karten besser durchblättern kann (was auch dann nicht wirklich gut geht, weil die Box einfach sehr voll ist).

Die ersten vier Karten beschreiben die methodischen Schritte: Beobachtung (Botschaft: Beobachten ohne zu werten!), Gefühle (Bleib im Kontakt mit deinen Gefühlen!), Bedürfnisse (Die Ursache der Gefühle), Bitte/Handlung ("Gib anderen eine Chance - sag, was du willst!"). Die nötigen Sprachkorrekturen werden beispielhaft auf der Rückseite vorgeführt: "die Praxis...".

Es folgen 17 Karten zu verschiedenen Themenfeldern der "GFK": Konflikte angehen, Wertschätzung ausdrücken, Bitten, Empathie (nach innen und außen), Ärger, Kritik und Vorwürfe, Nein-Sagen, Schweigen, Feindbilder und Vorurteile, Bedauern und "Die innere Haltung". Die Karten beginnen mit einem kurzgehaltenen Einführungsteil (10 - 15 Zeilen), dann folgt der Abschnitt "Wie sieht das genauer aus?" und schließlich mit dem Hinweis auf die Rückseite (Tabellenstil) der Teil: "Und so sieht es in der Praxis aus". Dann gibt es zu allen genannten Themen Übungskarten. Bei den ersten werden jeweils Aussagen wie "Sie sind unzuverlässig!", "Deine Musik ist viel zu laut!" etc. auf der Rückseite GFK-adäquat umformuliert. Bei den weiteren Karten fehlen die Lösungsvorschläge, sie sollen vom Leser/von der Leserin selbst erarbeitet werden - ingesamt ein dicker Stapel von 95 Karten. Themenübersichten, Notizheft und Lesezeichen runden das Programm ab.

Zielgruppen

Die Zielgruppe nennen die Autorinnen selbst: "Für wen ist die KonfliktKiste geeignet? Für alle Menschen, die mit Konflikten so umgehen möchten, dass sich ihre Beziehungen verbessern und Lösungen gefunden werden, mit denen alle Beteiligten von Herzen einverstanden sind. Ob Sie von Grund auf lernen möchten, die GFK in Ihrem Alltag einzusetzen, ob sie die GFK weiter vertiefen oder ob Sie sie in Ihrem Beruf nutzen möchten, z.B. als Trainerin, Coach oder Mediator..." (S. 11) Ich persönlich kann mir nicht gut vorstellen, dass jemand sich die Box kauft, weil er oder sie gern das eigene Kommunikationsverhalten verändern möchte. Möglicherweise gäbe sie aber ein gutes Material ab für Menschen, die Kurse in Konfliktbewältigung o.ä. besucht haben und Essentials für sich selbst sichern möchten. Für Trainerinnen, Coaches und Supervisorinnen könnte sie sich ebenso als Kursmaterial eignen.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Die vorsichtigen Konjunktive deuten an, was ich von der KonfliktKiste halte. Ich musste an den guten Satz von Georg Simmel denken, der schrieb: "Die einfachsten Resultate des Denkens sind eben nicht die Resultate des einfachsten Denkens." Also im Klartext: das Ganze ist mir eine Spur zu schlicht - und ich meine wirklich "schlicht", nicht "falsch"! Es ist alles richtig, was gesagt wird, und dennoch blieb schon beim ersten Kontakt mit der Box ein fader Geschmack zurück, der sich auch bei intensiverer Beschäftigung nicht verlor. Mein Haupteinwand: es ist vermutlich kein Zufall, dass das Thema "Die innere Haltung" als letztes angesprochen wird - und auch hier wieder mit einem merkwürdigen aus der großen Psychokiste zusammengestellten Mix: da schimmern die Lebenspositionen der TA durch ("Ich bin ok, du bist ok"), werden aber nicht komplett benannt: man hat die Wahl zwischen "Mit der anderen Person stimmt was nicht" und "Mit mir selbst stimmt was nicht", und man hat die Wahl (!) zwischen: "Wie fühlst du dich und was brauchst du" und "Wie fühle ich mich und was brauche ich?"

Ich bin allerdings der Meinung, dass die wirkliche und entscheidende Veränderung in der Haltung erfolgen muss. Die wird sich dann gewiss sprachlich ausdrücken und braucht dafür auch Hilfestellung, aber: erst die Haltung und dann die Sprache! Sonst verpacke ich nämlich nur meine unveränderte Haltung in ein nettes Geschenkpapier - der Inhalt bleibt aber mühsam! Eine veränderte Haltung kann aber kein noch so gut gemachtes Lernprogramm bringen, hier braucht es ein "Live"-Training in einer Gruppe oder mit einem Trainer! (Vermutlich werden die Autorinnen dem zustimmen.) Also noch einmal: die Dinge sind nicht so simpel wie sie hier erscheinen, als Gedächtnisstütze und Merkkarten für Seminarabsolventen mag es brauchbar sein. An der Lesbarkeit gibt es nichts auszusetzen, sprachlich und inhaltlich und auch von der Präsentation sind die Texte gut verständlich.

Fazit

Wenn meine Frau heimkäme und GFK-konform sagen würde: "Peter, ich sehe in der Küche das Geschirr und die angefangene Spaghetti-Packung liegen, da bin ich unzufrieden, weil es mir wichtig ist, dass alle ihren Beitrag im Haushalt leisten. Deshalb möchte ich dich bitten, heute Abend noch die Küche aufzuräumen, ok?" (Thema 1, ÜK 2), dann würde ich die Box nehmen und ...


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 10.05.2005 zu: Ingrid Holler, Vera Heim: KonfliktKiste. Konflikte erfolgreich lösen mit der gewaltfreien Kommunikation. PraxisTraining "Gewaltfreie Kommunikation". Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2004. ISBN 978-3-87387-597-5. Trainingskarten, Handbuch, Lesezeichen & Übungsheft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2675.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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