socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Stadler (Hrsg.): Keine Zukunft ohne soziale Arbeit

Cover Wolfgang Stadler (Hrsg.): Keine Zukunft ohne soziale Arbeit. Zur Bedeutung von sozialer Arbeit für Demokratie und sozialen Zusammenhalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 159 Seiten. ISBN 978-3-7799-6271-7. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,12 sFr.

Reihe: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit / Sonderband - 2019.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

„(…) Mit Blick auf inhaltliche Wegmarken der AWO werden die zentralen Themen der Sozialen Arbeit für ihre Gegenwart und Zukunft diskutiert. Die Autor*innen des Bandes fragen und analysieren, was notwendig ist für ein menschliches, demokratisches und soziales Miteinander in Deutschland und Europa“ – soweit der Klappentext.

Herausgeber

Wolfgang Stadler, der AWO-Bundesvorsitzende, firmiert als Herausgeber des Bandes.

Entstehungshintergrund

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) feierte im Dezember 2019 ihren 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass erschien in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (TUP) der Sonderband.

Aufbau

Der vorliegende Sonderband aus TUP umfasst 160 Seiten, welche sich auf ein Herausgebervorwort von Wolfgang Stadler (S. 3), eine Art Inhaltsübersicht von Peter Kuleßa und Ragnar Hoenig (S. 4–8), sowie drei Interview-Transkripte (S. 9–40) und 13 selbstständige Artikel verteilen.

Inhalt

Im ersten Interview des Bandes betont Hans-Jochen Vogel, der ehemalige Vorsitzende der SPD, die Notwendigkeit, das Auseinanderdriften der Gesellschaftsteile einzudämmen und die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen (S. 9–15).

Reiner Forst, Philosoph der Frankfurter Schule pocht unter der Überschrift „Gerechtigkeit als Kompass“ auf den Erhalt von gesellschaftlichen Normen auch in Zeiten der Krise (S. 16–23).

Das Interview mit dem Juristen Christoph Möllers fokussiert auf einer wehrhaften Demokratie und der Auseinandersetzung mit der AfD (S. 24–31).

Im vierten und letzten Interview des Bandes arbeitet sich der Soziologe Steffen Mau an den im Rahmen der sogenannten Wiedervereinigung entstandenen oder empfundenen Brüchen ab, welche auch 30 Jahre nach der „Übernahme durch den Westen“ (S. 38) die Menschen in Deutschland belasteten (S. 32–40).

Im ersten Aufsatz der sich an die Interviews anschließenden Reihe begründet Gerhard Bäcker, Senior-Professor am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, seine Ablehnung des bedingungslosen Grundeinkommens und spricht sich für kleinteilige Reformen der Gesetze zu Gunsten der von Arbeitslosigkeit Betroffenen aus (S. 39–54).

Es schließt sich (S. 55–61) ein Plädoyer von Lann Hornscheidt zu mehr Gendergerechtigkeit in der Sprache an. Ein bewussterer Gebrauch von Sprache stelle eine wesentliche Wegmarke zur Erreichung von mehr Gerechtigkeit in allen gesellschaftlichen Kontexten dar.

Hierauf folgt eine Ergebniszusammenfassung des EXTEND-Projektes zur Erforschung alter und neuer sozialer Ungleichheiten bei Berufsaufgabe und Rentenübergang (S. 62–72) von Gerhard Naegele und Moritz Heß, die an den Universitäten Dortmund bzw. Bremen forschen.

Claudia Mahler stellt als Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Menschenrechte unter der Überschrift „Menschenrechte haben kein Ablaufdatum – Die Offene Arbeitsgruppe bei den Vereinten Nationen zu den Rechten Älterer“ die Forderung nach einer spezifischen Menschenrechtskonvention für Ältere auf (S. 73–81).

Hieran schließt sich ein Bericht zu einem mikroperspektivischen Forschungsprojekt zu Altersarmut unter Frauen an (S. 82–89). Irene Götz, die am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der LMU lehrt, zeichnet detailliert Fälle weiblicher Armut im Alter anhand von Einzelinterviews nach und beschreibt Strategien der Betroffenen.

Im Beitrag von Gabriele Kuhn-Zuber, die an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin lehrt, geht es um die Diskrepanzen zwischen rechtlichen Rahmen und praktischem Nutzen der Vorschriften zur Prävention in stationären Pflegeeinrichtungen. Anspruch und Wirklichkeit klafften auch hier weit auseinander (S. 90–98).

Irina Volf, Bereichsleiterin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V., berichtet unter dem Titel „Wenn Kinderarmut erwachsen wird…“ (S. 99–109) von den Schlüsselergebnissen der AWO-ISS-Langzeitstudie, welche die Entwicklung (und Reproduktion) von Armut im Kindesalter über mehrere Stadien untersucht.

Eine historische Perspektive nehmen Marcus Mesch und Torsten Otting, beides langjährige AWO-Aktive, ein, wenn sie in ihrem Beitrag „Zwischen politischer Bildung und Qualitätsmanagement. Ferienfahrten von Jugendwerk und AWO im Wandel der Zeit“ beschreiben (S. 110–117).

Lena Correll, Evangelische Hochschule Berlin, analysiert die „Frühe Medienkindheit und die Rolle pädagogischer Fachkräfte“ (S. 118–125).

„Wohlfahrt, Teilhabe, Inklusion“ (S. 118–133) stehen im Fokus des Beitrages von Felix Welti, der das Fachgebiet Sozial- und Gesundheitsrecht, Recht der Rehabilitation und Behinderung an der Universität Kassel leitet.

Katharina Brizic von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg stellt „Überlegungen zu Bildungserfolg und Zusammenhalt in der Migrationsgesellschaft“ (S. 134–141) an und betont dabei die Bedeutung sehr früher Weichenstellungen in der deutschen Bildungslandschaft.

Gerd Stüwe, der an der Fachhochschule Frankfurt lehrt, stellt fest, dass „Die digitale Welt Soziale Arbeit verändert“ (S. 142–150), sodass es dabei zu neuen Chancen und neuen Herausforderungen in der Fall- und Jugendarbeit komme.

Den Abschluss des Bandes bildet ein Beitrag von Ulrich Petschow, Pauline Riousset und Helen Sharp, welcher unter dem Titel „Zwei Seiten einer Medaille: Zukunft sozial-ökologisch gestalten“ (S. 151–159) einen Blick in die Vergangenheit und Zukunft der Einflussnahme von Verbänden auf politische Prozesse und Entscheidungen wirft. Sie kommen zu dem erwartbaren Schluss, dass die AWO auch in den nächsten 100 Jahren gebraucht werde.

Diskussion

Die besprochene Sammlung von Interviews und Aufsätzen kann aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Sie stellt einen kursorischen Überblick über sehr verschiedene Tätigkeitsbereiche sozialer Arbeit dar. In jedem Beitrag wird ersichtlich, dass die AutorInnen die Bedeutung ihrer Forschung zu den Bereichen betonen. Jeder, hier aufgrund der Begrenztheit des eingeräumten Platzes lediglich angerissene, Bereich der Sozialen Arbeit ist zweifellos von ganz besonderer Wichtigkeit. Wichtig für die Handelnden der Sozialen Arbeit, wichtig für die Behandelten und wichtig für die Berichtenden. Die „professionellen Helfer“ der Sozialen Arbeit haben ein existenzielles Interesse am Vorhandensein unterprivilegierter Gruppen, denen geholfen werden kann, soll oder muss. Im besprochenen Band wird deutlich wie sich die Gruppen der Unterprivilegierten derzeit darstellen: Aus gender-kritischer Perspektive sind es Personen weiblichen Geschlechts und jene, welche sich keinem Geschlecht zuordnen möchten sowie jene, welche die Anerkennung weiterer Geschlechter wünschen. Dann ist auf Menschen mit Migrationshintergrund zu achten; und auf die alten Menschen; und auf die jungen Menschen; und auf die armen Menschen; und auf die Menschen, welche behindert werden… Diese Liste ist noch nicht vollständig – beispielsweise sind Menschen mit Suchterkrankungen nicht erwähnt worden – und sie lässt die Frage aufkommen, um wen die (institutionalisierte) soziale Arbeit sich nicht kümmert in ihrem Bestreben nach mehr gesellschaftlicher Gerechtigkeit.

Was in diesem Band unterbelichtet bleibt – und zwar trotz des irreführenden Untertitels – ist die Tatsache, dass Soziale Arbeit ein Bemühen auf der Symptom-Ebene darstellt. Sozialer Zusammenhalt entsteht nicht durch Intervention institutioneller Akteure, und Demokratie wird nicht gelebt durch Oktroy; beide basieren auf bewussten Entscheidungen von Individuen, eine kollektive Verbundenheit anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen. Demzufolge kann kein noch so ausgeklügelter menschlicher Plan zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit zu einer „gerechteren“ Gesellschaft führen. Und doch reihen sich in den Beiträgen Forderungen an Forderungen zum Erlass immer neuer und differenzierterer Normen zur vermeintlichen Sicherstellung einer fantasierten Gerechtigkeit.

Formal hält der Band Stolpersteine parat: Dass man sich mit den AutorInnen nicht auf ein einheitliches Format bspw. bezüglich der Belege und Fußnoten (in manchen Beiträgen fehlen sie vollständig) einigen konnte, sei eine Randnotiz. Die Feststellung von Lann Hornscheidt, auf die Sprache komme es an, nimmt sich vor dem Beispiel des unmittelbar folgenden Beitrages geradezu komisch aus. Denn dort werden in einem schwer zumutbaren Stil Spiegelstrichpunkte und „denglische“ Wort-Akrobatik aneinander gereiht. Das Fehlen eines Bezuges der Beiträge auf- bzw. zueinander wird durch den einleitenden Text nicht aufgehoben. So bleiben die Beiträge und Interviews weitestgehend unverbunden.

Fazit

Bei vielen Sammelbänden stellt sich die Frage nach dem Nutzen eines Konvoluts an lose bis nicht verbundenen Aufsätzen (und Interviews). Hier liegt die Antwort in der Betrachtung der einzelnen Beiträge, von denen einige trotz der wahrscheinlich vorgegebenen Kürze eine informative Fülle und analytische Schärfe enthalten. Sie sind die Lektüre zweifellos wert.


Rezension von
Dr. Harald Schmidt
M.A.
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Harald Schmidt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Harald Schmidt. Rezension vom 10.08.2020 zu: Wolfgang Stadler (Hrsg.): Keine Zukunft ohne soziale Arbeit. Zur Bedeutung von sozialer Arbeit für Demokratie und sozialen Zusammenhalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6271-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26750.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung