socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Annette Riedel: Palliative Sedierung im stationären Hospiz

Cover Annette Riedel: Palliative Sedierung im stationären Hospiz. Konstruktion einer Ethik-Leitlinie mittels partizipativer Forschung. V&R unipress (Göttingen) 2020. 429 Seiten. ISBN 978-3-8471-1043-9. D: 70,00 EUR, A: 72,00 EUR.

Reihe: Pflegewissenschaft und Pflegebildung - Band 016.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Palliative Sedierung stellt eine Behandlungsmöglichkeit bei ansonsten unlinderbaren Symptomen dar, bei der medikamentös die Bewusstseinslage am Lebensende vermindert oder gänzlich aufgehoben wird. Das Vorgehen findet sich in Kliniken und in Hospizen und orientiert sich an internationalen medizinischen Richtlinien die jedoch in ihren Aussagen differieren. Die Arbeit hat zum Ziel eine Ethik-Leitlinie „Palliative Sedierung im stationären Hospiz“ zu entwickeln, das als Instrument bei wiederkehrenden Fragestellungen eingesetzt werden kann.

Autorin

Prof. Dr. Annette Riedel Altenpflegerin, Gerontologin, Master of Palliative Care, Professorin an der Hochschule Esslingen seit 2008. Mitglied im Deutschen Ethikrat seit 2020.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist die aktualisierte und überarbeitete Version der 2019 abgeschlossenen Habilitation der Autorin an der Universität Osnabrück im Fachbereich Gesundheitswissenschaften.

Aufbau

Nach einer Einleitung zur Relevanz ethischer Auseinandersetzung und Klärung der Frage palliativer Sedierung in stationären Hospizen erfolgt das umfängliche Kapitel zur theoriebasierten Relevanz einer Ethik-Leitlinie. Dies geschieht durch eine Auseinandersetzung mit den Facetten und Indikationen einer palliativen Sedierung, dem Phänomen des Leidens und seiner Linderung im Kontext dieser Handlungsoption, dem Handlungsort stationäres Hospiz und dem Instrument einer Ethik-Leitlinie. Im nächsten Teil werden die empirischen Methoden der partizipativen Forschung dargelegt, ihre Rahmung durch Fokusgruppen und Delphibefragung vorgestellt und diskutiert. Das Ziel der Arbeit, die zu entwickelnde Ethikleitlinie schloss sich als nächster Teil an. Mit einem abschließenden Reflexionskapitel nahm die Autorin nochmals Bezug zu der forschungsleitenden Fragestellung.

Inhalt

In der Einleitung sind die erkenntnisleitenden Fragestellungen formuliert, die sich um den Entscheidungsprozess der Behandlung in Form einer palliativen Sedierung drehen. Annette Riedel fragt nach den Wertvorstellungen, die die Akteure leiten, um sich dann der Gestaltung der Ethikleitlinie als Instrument zu widmen, das sie zuvor theoretisch begründete.

Im nächsten Kapitel werden kenntnisreich und bezugnehmend auf Leitlinien und Positionen der relevanten medizinischen Fachgesellschaften deren Definitionen von palliativer Sedierung diskutiert. Dem Leiden und dessen Linderung als individuelles Phänomen, das zentral den Entscheidungsprozess anstößt, wird im Weiteren umfänglich der Blick zugewandt. Dem Spezifikum des stationären Hospizes geschuldet, werden die dort vertretenen Grundmaximen dargelegt. Darauf aufbauend werden Begründungen für die Ethikleitlinienentwicklung formuliert.

Das dritte und umfangsreichste Kapitel stellt die Methoden und die Empirie vor, begründet die methodischen Schritte und nimmt so die Lesenden in den Forschungsprozess mit. Als Methoden sind es sechs qualitativ angelegte Fokusgruppen mit insgesamt 60 Mitarbeitenden aus Hospizen mit einer jeweiligen Dauer von 2 Stunden. Die Auswertung des dadurch gewonnenen Materials erfolgte anhand der strukturierenden Inhaltsanalyse. Neben dieser Methode wurde die der Delphibefragung genutzt und hier 27 Hospize zur Mitarbeit gewonnen.

Das Ergebnis der Forschung, die Ethikleitlinie selber wird im darauffolgenden Teil präsentiert. Sie bietet eine systematisch nachvollziehbare Entscheidungshilfe, nimmt aber dieselbe nicht ab, sondern hilft über die dort formulierten Fragen und den beschriebenen Prozess bis hin zu einem zusammenfassenden Flussdiagramm, die Entscheidung an dem Sterbenden selbst auszurichten.

Das Abschlusskapitel steht unter der Frage „palliative Sedierung- Flucht oder Segen?“ und nimmt die diskutierten Aspekte nochmals auf um deutlich zu formulieren, „es geht um Segen, als ethisch gut begründete Alternative zur Flucht!“

Diskussion

Mit dieser Forschungsarbeit liegt nun eine theoretisch fundierte partizipativ entwickelte Ethik-Leitlinie vor, die den Mitarbeitenden im stationären Hospiz eine Orientierungs- und Entscheidungshilfe bietet. Gleichwohl wird hier, so wird an verschiedenen Stellen in der Studie betont, kein Standard zur Hand gegeben, der eine Entscheidung abnimmt. Vielmehr bedarf es stets der individuellen Auseinandersetzung und das Einlassen auf die Situationen das Leid des sterbenden Menschen mit seinen Vorstellungen vom Lebensende. Es ist anzunehmen, dass die Anwendung dieser Ethikleitlinie die Qualität der Versorgung in stationären Hospizen verbessern und die wegen solcher Entscheidung oft als moralischen Stress bei Mitarbeitenden empfundene Belastung reduzieren kann. Um dies zu verifizieren wäre eine weitere Folgestudie anzustreben.

Fazit

Diese fundierte und überaus kenntnisreiche Arbeit konzentriert sich auf drei Fragestellungen: eine theoriebasierte umfängliche Diskussion der Relevanz einer Ethikleitlinie, der methodischen Begründung und Darstellung des partizipativen Forschungsprozesses und der Leitlinie selbst. Daher liegt die Stärke dieser Studie nicht allein in der Auseinandersetzung mit dem Thema der palliativen Sedierung, sondern in der Diskussion und feingliedrig dargelegten theoretisch begründeten Methode empirischer pflegewissenschaftlicher Forschung und gehört in jede einschlägige Bibliothek.


Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
Homepage www.silberzahn-forschung.de
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Gudrun Silberzahn-Jandt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 03.07.2020 zu: Annette Riedel: Palliative Sedierung im stationären Hospiz. Konstruktion einer Ethik-Leitlinie mittels partizipativer Forschung. V&R unipress (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-8471-1043-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26752.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung