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Robert Misik: Die falschen Freunde der einfachen Leute

Cover Robert Misik: Die falschen Freunde der einfachen Leute. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 137 Seiten. ISBN 978-3-518-12741-4. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 20,90 sFr.

Reihe: Edition Suhrkamp - 2741.
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Thema

Die „falschen Freunde“ der „einfachen Leute“ sind für den Autor zwar primär Rechtspopulisten, die sich als Advokaten eines mißachteten „Volks“ aufspielen, aber es gibt sie auch auf der Linken. Da gibt es zum einen nicht wenige Sozialdemokraten, die jahrzehntelang die neoliberale Wirtschaftspolitik propagierten und nun plötzlich ihr Herz für „arbeitende Menschen“ entdecken. „Falsche Freunde“ stellen für Misik aber auch linke Aktivisten dar, die soziale Rechte für Minderheiten fordern, aber außerhalb ihres Milieus kein Gespür für die Ängste der „einfachen Menschen“ haben. Und dann sind da nicht zuletzt auch die Medienintellektuellen, die „einfache Leute“ gerne als wildgewordene Kleinbürger vorführen. Eine demokratische Linke, meint Robert Misik in seinem Essay, müsste den Wunsch nach sozialer Stabilität und Gemeinschaft ernster nehmen, als sie es bisher getan hat. Dazu brauche sie eine andere Sprache. Er schlägt deshalb eine „Rhetorik der Empathie“ (Misik) vor, die von einem „positiven Menschenbild“ motiviert ist.

Autor

Robert Misik, geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Er schreibt als politischer Autor und renommierter Journalist für deutsche und österreichische Zeitungen, u.a. für die Berliner „tageszeitung“, für „Die Zeit“, „Der Falter“, „Neue Zürcher Zeitung“, „Der Standard“, „Profil“. In seinen Büchern, wie „Politik der Paranoia“(2009), beschäftigte er sich mit den Phänomenen eines „neuen Konservatismus“ in den USA und Europa, in dem Buch „Was Linke denken“ (2015) mit linken Theoretikern von Marx bis Michael Moore. Zuletzt erschien sein Buch „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“ (2018) mit einer Sammlung seiner zeitdiagnostischen Kommentare zu öffentlichen und privaten Gefühlszuständen im Spätkapitalismus. 2008 erhielt Robert Misik den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik, 2018 den Preis der Keynes-Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Vergleicht man Misiks frühere Kritik an der demokratischen Linken mit seinen Positionen im vorliegenden Essay, so kann man eine Akzentverschiebung feststellen. Kritisierte er in „Politik der Paranoia“ (2009) noch die progressiven Kräfte in den USA und Europa, weil sie „primär den Wert der Gerechtigkeit“ („Politik der Paranoia“, S. 193) statt der Freiheitsrechte hochhielten, so klingt es in seinem neuesten Essay eher umgekehrt: der von einer Linken jahrelang verbreitete „Kult des Individuellen“ (S. 8) habe die „einfachen Leute“ verprellt, weshalb es angezeigt sei, sich wieder stärker auf die Werte der Gerechtigkeit und einer sozialen Gemeinschaft zurückzubesinnen.

  • Die Einleitung „Kleiner Mann, was nun?“ (S. 7 ff.) beginnt mit der Feststellung, dass man den Eindruck haben könnte, dass den „einfachen Leuten“ heute mehr denn je die ungeteilte Aufmerksamkeit der Wissenschaft und der Medien zuteil wird. Aber der Eindruck täuscht. Der Begriff „kleiner Mann“ und die Rede von den „einfachen Leuten“ dienten in der öffentlichen Diskussion, so Misik, häufig nur als Projektionsflächen für unterschiedlichste Wunsch- oder Angstvorstellungen. Noch problematischer erscheint ihm unter soziologischem und politischem Blickwinkeln die Konstruktionen eines homogenen „Volkes“. Im Anschluss erläutert Misik zwei zentrale Intentionen seines Großessays: Er will erstens „Irrtümern“ über die „weiße Arbeiterklasse“ als Quelle renitenter Wutbürger (S. 15) berichtigen, insbesondere was ihre angeblichen oder wirklichen xenophobischen Neigungen angeht. Und er möchte zweitens eine differenzierte Diskussion über eine linke „Identitätspolitik“ vorantreiben.
  • Das Kapitel 1 „Eine Revolte gegen die Globalisierung“ (S. 17 ff.) befasst sich mit den ökonomischen und politischen Erklärungsansätzen zum globalen Aufstieg des Rechtspopulismus. Die Politikverdrossenheit, die„amorphe Wut“ einfacher Leute aus ökonomischen Faktoren wie Globalisierung und wachsender Ungleichheit abzuleiten, erscheinen Misik dabei genauso „unterkomplex“ wie politische Erklärungen der Demokratie- und Repräsentationstheorie, die auf die „Wut der Nicht-Repräsentierten“ abheben (vgl. S. 23 f.) Plausibler erscheinen ihm Erklärungen, die darlegen, wie ökonomische und psychopolitische Dynamiken sich gegenseitig hochschaukelten und er verweist dabei auf die Untersuchungen des deutschen Politologen Christian Welzel,der erklärt, dass die fortschreitende Liberalisierung von Wertorientierungen zwangsläufig konservative Gegenreaktionen provozieren würde (vgl. S. 31 f.).
  • In Kapitel 2 „Die arbeitenden Klassen – gibt’s die noch?“ (S. 35 ff.) stellt Robert Misik die Frage nach der Wirklichkeit der Arbeiterklassen heute. Denn mit der rasanten digitalen und ökonomischen Dynamik haben sich auch die Sozialstruktur der alten Arbeiterklasse und ihre Wertorientierungen verändert. Eine Arbeiterklasse gebe es auch heute noch, aber im Plural: als „arbeitende Klassen“, in heterogene Schichten und Milieus aufgespalten. Zu ihnen zählt er neben der ehemalige Arbeiterklasse (den „Malochern“) im produzierenden Gewerbe auch Teile der Mittelschichten, die Techniker, die Angestelltenmilieus, von den LehrerInnen und PflegerInnen bis hin zu den prekären Existenzen in der sogenannten Kreativwirtschaft – sie alle teilten auf unterschiedliche Weise das Gefühl, politisch nicht angemessen repräsentiert zu sein, und sie stimmen auch weiterhin in gewissen konservativen Wertorientierungen überein, die Misik als „Stolz“ auf die Arbeit und die Lebensleistung beschreibt, die „von ’Unehrlichkeit’, ’Faulheit’, ’Verantwortungslosigkeit’ angewidert“ ist. Dies zeige sich auch in einem „unromantischen“ Verhältnis zu „den Armen“ (vgl. S. 36 f.) und der Abgrenzung von denen, die sich vor der Arbeit drücken.
  • In Kapitel 3 „Eine rebellische traditionelle Kultur“ (S. 49 ff.) erläutert Misik den Begriff einer „rebellischen traditionellen Kultur“ (S. 54), den der britischen Historiker E.P. Thompson für die Kultur der Arbeiterbewegung geprägt hat. Die Arbeiterklasse war seit ihren Anfängen im frühen 19. Jahrhundert rebellisch,weil sie einem egalitären Freiheitsideal gefolgt ist, das auf dem Prinzip der Gleichbehandlung beruht. Zugleich war der kollektive Sinn für Gemeinschaft immer schon mit einem konservativen Traditionsverständnis verbunden, einem Ethos „harter Arbeit“, um sich sozial und kulturell „nach unten“ und „nach außen“ (gegen Zuwanderer) abzugrenzen. Im Blick auf die britische Arbeiterklasse und ihrer Ablehnung der irischen Zuwanderer analysierte schon Marx die sozialkonservativen Vorstellungen und Vorurteile der britischen Arbeiter gegenüber den zugewanderten Iren, die de facto zu einer Spaltung und Schwächung der britischen Arbeiterklasse geführt habe (vgl. S. 55). Das traditionelle Ethos harter Arbeit, das aus den Traditionen des Handwerks und der bäuerlichen Kultur stammt, ein gewisser Antiintellektualismus und ein ungebrochenen Lokalpatriotismus bzw. Nationalismus gehören ebenso zur traditionellen Arbeiterkultur wie der Sinn für Solidarität.
  • In Kapitel 4 „Wie die Arbeiterklasse von den Armen zum Volk wurde“ (S. 57 ff.) erzählt Misik noch einmal die bekannte Geschichte des mühsamen Aufstiegs der Arbeiterklasse zur „geachteten Bürgerklasse“. Er beschreibt sie als Verwandlung der „arbeitenden Klassen“ in ein „Volk“ (das „Volk“ der StaatsbürgerInnen). Der Kampf um ein Wahlrecht, um gleiche bürgerliche und demokratische und soziale Rechte sei alles andere als ein gradliniger Prozess gewesen. Ironischerweise wurde diese Durchsetzung minimaler sozialer Grundsicherungen gerade von den sympathisierenden bürgerlichen Intellektuellen der Arbeiterbewegung als „Verbürgerlichung“ der Arbeiterklasse gebrandmarkt (vgl. dazu das Zitat von Eric Hobsbawm, S. 64)
  • In Kapitel 5 („Das Gefühl, jederzeit ersetzbar zu sein“, S. 77 ff.) geht der Autor auf die Durchsetzung der neoliberalen Politik in den 1980er Jahren ein und charakterisiert sie als teilweise Rückverwandlung der Arbeiterklasse vom „geachteten Volk“ in die Klasse der „Armen“, die er als „vielgestaltige Menge, die von Deprivation bedroht oder schon heimgesucht ist“ (S. 82), beschreibt. Die Deindustrialisierung und der Aufstieg der Gig – Economy, der Uber – Fahrer, der Arbeitnehmer, die ihre Dienste als „Selbstständige“ anbieten, die fortgesetzte Lohndrückerei in Bereichen der Dienstleistungsökonomie, im Onlinehandel, bei den Kurieren, Reinigungskräften, aber auch in Pflege- und Erziehungsberufen: all das schaffe ein Klima der Verunsicherung und Entsolidarisierung, sodass vor diesem Hintergrund der Wunsch nach mehr „Stabilität und Gemeinschaft“ (S. 84) verständlich sein müsste.
  • In den beiden letzten Kapiteln 6 („Ist die Arbeiterklasse rassistisch?“, S. 85 ff.) und Kapitel 7 („Eine Rhetorik, die spaltet. Ambivalenzen der Identitätspolitik“, S. 101 ff. ) kommt Misik auf seine Kernanliegen zu sprechen: Wie sieht die zeitgenössische Wirklichkeit der „popularen, arbeitenden Klassen“ aus? Ist die Arbeiterklasse insgesamt autoritär und rassistisch? Darauf folgt eine klare Antwort: Einige Teile sind es schon, aber eben nicht ihre Mehrheit. Die Gemengelage ist komplizierter und widersprüchlicher, als viele Kritiker wahrnehmen wollten. Im anschließenden Kapitel beschäftigt sich Misik dann mit den Ambivalenzen einer postmodernen Identitätspolitik, die eine Sprache eine Sprache etabliert hat, von der sich große Teile der „weißen Arbeiterklasse“ herabgesetzt fühle.
  • Schluss: Man muss die Leute gern haben (S. 121) Am Ende des Buchs steht ganz im Geiste Victor Adlers und Bruno Kreiskys ein Appell an die vergessenen Tugenden eines ethisch motivierten Sozialismus.

Inhalt

Im Folgenden gehe ich etwas näher auf die zentralen Kapitel 6, 7 und den Schluss des Essays ein

  • Ist die Arbeiterklasse rassistisch (Kapitel 6)? Auf diese selbst gestellte Frage gibt Misik eine ebenso einfache wie bündige Antwort: Es sei nicht zu bestreiten, dass es in Teilen der arbeitenden Klassen einen „übersteigerten Nationalismus“ und auch einen „weißen Rassismus“ (S. 91) gebe, aber der sei nicht dominant. Entscheidend sei doch etwas Anderes: „ein Gefühl des Bedrängtseins“, das er sich aus der Überforderung durch die beschleunigten Veränderungen erklärt. Wenn eine Linke auf diese Gefühle der Angst und der Bedrohung nur reflexhaft mit dem Hinweis auf einen unterstellten Nationalismus oder Rassismus reagiere, dann fühlten sich „einfache Leute“ nicht ernst genommen, sondern in die „rechte Ecke“ gestellt. Wenn unter ihnen auch eine weit verbreitete Meinung vorherrscht, dass „das Ausmaß der Zuwanderung und der Veränderung zu weit“ (S. 95) gehe, so signalisiere das noch lange keinen Rechtsextremismus. Es gebe immer noch eine Mehrheit, die es satthätten, dass die Reichen immer reicher werden, während ihr eigenes Leben durch immer mehr Unsicherheit gekennzeichnet sei. An dieser Stelle verweist Misik auf eine deutsche Studie des Sozialwissenschaftlers Franz Dörre über Sympathisanten rechtsorientierter Parteien in der gewerkschaftlich organisierten deutschen Arbeiterschaft. Sie lege eine differenzierte Sicht nahe, da ein Amalgam aus positiven Wertschätzungen gegenüber „hart arbeitenden“ Einwandern und Ressentiments gegenüber den Anspruchshaltungen von Flüchtlingen deutlich würden, die man in dieser Form auch in relevanten Teilen einer grün oder sozialdemokratisch wählenden Mittelschicht finden könne. Die Haltung, auf das Vorurteil, dass MigrantInnen statt zu arbeiten und sich anzupassen erst einmal die „Hand aufhalten“ (S. 96), mit Belehrungen zu reagieren, erscheint Misik zu reflexhaft. Ein Diskurs, der den Gesprächspartner als rückständig einstuft, sei keiner und erzeuge den Zorn der „einfachen Leute“, die sich nicht richtig wahrgenommen, sondern sich eher als „Realkarikaturen ihrer selbst“ vorgeführt fühlten, so wie früher auf dem Jahrmarkt „die Verwachsenen oder Menschen mit Wasserkopf“ (S. 99).
  • Über „Ambivalenzen der Identitätspolitik“ (Kapitel 7). Zunächst greift Misik Thesen auf, die in der USA von den Politikwissenschaftler Marc Lilla, Francis Fukuyama und Walter Benn Michaels (in „The Trouble with Diversity“) vertreten wurden. Misik teilt keineswegs ihre pauschale Kritik am Linksliberalismus. Dass eine übertriebene „Identitätspolitik“ der Linken dafür verantwortlich sein soll, dass die einfachen Leute „den Rechten förmlich in die Arme“ (S. 16) gelaufen seien, ist für ihn nicht schlüssig. Es war für Misik in erster Linie eine neoliberale Wirtschaftspolitik und nicht die Feier der „Diversity“ in den universitären Subkulturen, die den Vormarsch der Rechten in den USA erklärt. Aber aus Misiks Sicht gibt es sehr wohl Gründe, eine Identitätspolitik kritisch zu überdenken, die zu lange und zu ausgiebig das „Patchwork der Minderheiten“ (Lyotard) gefeiert hat. Die US – Debatte über die Identitätspolitik ist dann von den USA nach Europa und die USA geschwappt (siehe dazu auch die Bücher von Nils Heisterhagen „Die liberale Illusion“ und den Sammelband von Hanna Ketterer und Karina Becker). Es war dann der früher SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel, der die Debatte hierzulande populär gemacht hat. Er wollte bekanntlich seiner Partei, die sich zu lange in den Komfortzonen des Feminismus und der Ökologie bewegt hätte, einen Schnupperkurs in Problemvierteln verordnen, dort, wo es (nach seinen Worten) „stinkt und kracht“. Misik hält Gabriels These, dass sich seine Partei „zu viel um Feminismus und Ökologie und zu wenig um ausgebeutete Paketzusteller, Verkäuferinnen oder Kohlegrubenarbeiter“(S. 107) gekümmert habe, vorsichtig gesagt, für „unterkomplex“. Schon der Hinweis auf die „Verkäuferinnen“ würde es bei genauerem Nachdenken verbieten, den Feminismus gegen die Arbeitnehmerinteressen auszuspielen. Einen Gran Wahrheit will er an Gabriels Kritik dennoch entdeckt haben. Dass von einer akademischen Linken die legitimen Anliegen der „einfachen Menschen“ häufig „vergessen“ wurden, erklärt sich für ihn aus einer klassenspezifischen sozialen Ignoranz, aber vor allem auch aus einem „Sprachverlust“ gegenüber den „einfachen Leuten“ (vgl. S. 107). Auch wenn manchmal die „besten Absichten dahinterstehen mögen“, es fehlt einer „akademischen Mittelstandsjugend“ (S. 109) nach Meinung des Autors ein elementares Gespür für die Erfahrungen sozialer Degradierung und die Bereitschaft, sich für die „verborgenen Verletzungen durch Klasse“ (S. 109) zu sensibilisieren. Im Anschluss daran schlägt er vier Regeln für eine „Rhetorik der Empathie“ vor. Ersten sei es für einen Dialog auf gleicher Augenhöhe notwendig, sich ohne Vorbehalte in die soziale Lage anderer „hineinzudenken“ (S. 111 f.); man dürfe dabei aber zweitens nicht das „Fühlen über kognitives Wissen stellen“ (S. 112 f.) und denken (das ist der dritte Punkt), dass eigene „Betroffenheit“ in besonderer Weise zum Sprechen qualifiziere. Auch „Nicht-Betroffene“ könnten gute Argumente beisteuern (S. 113 f.). Viertens aber, der wichtigste Punkt, eine pluralistische Gesellschaft erfordere keine Feindrhetorik, sondern Toleranz für unterschiedliche „Hintergründe, instinktive Haltungen, Lebensstile usw.“ (S. 117).
  • Schluss: Man muss die Leute gern haben“. Auch in den westlichen Gesellschaften ist die ökonomische und soziale Unsicherheit der Treibstoff für ein immer weiter wachsendes Konkurrenzgefühl und aggressive Stimmungslagen. Die wachsenden ökonomischen Unsicherheiten gepaart mit kulturellen Abwertungen seien so etwas wie eine „tickende Zeitbombe“ (S. 130). Misik plädiert deshalb für ein „positives Menschenbild“ (S. 131), das auf die „egalitären Instinkte“ der einfachen Leute vertraut. Die Linke kann ihre WählerInnen zurückholen, wenn den Rat des legendären österreichischen Sozialdemokraten Bruno Kreisky beherzigt: „Man muss die Leute gern haben.“ (S. 132).

Diskussion

  • Grenzen der Empathie. Auch wenn man Misik darin folgt, dass es in den „unteren Klassen“ ein verbreitetes Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit gibt und der liberale Wertewandel auch an den Arbeiterklassen nicht spurlos vorübergegangen ist, so bilden starke sozialkonservative Einstellungen der Arbeiterklassen nach wie vor ein entscheidendes Hindernis bei der Durchsetzung einer egalitären Politik. Es mag ja sein, dass es bei ihnen in Umfragen in den USA eine Mehrheit für eine staatlich finanzierte Gesundheitsversorgung gibt, aber das heißt noch lange nicht, dass eine Mehrheit der farbigen und der weißen Arbeiterklassen bereit wäre, eine solche Reformpolitik mit ihren Wählerstimmen zu unterstützen. Auch Wähler der Demokraten bleiben voller Misstrauen, ob solche „sozialistischen“ Wohltaten nicht von anderen ausgenutzt würden (wie das Scheitern Bernie Sanders in den USA zeigt). Solche Widerstände muss man realistischerweise in Rechnung stellen, wenn man eine Politik gegen die wachsende Armut und soziale Ungleichheit auch durchsetzen will.
  • Vermittlungsprobleme. So wichtig es ist, den richtigen Ton im Diskurs mit „einfachen Leuten“ zu finden, so sollte man doch nicht die sachlichen Schwierigkeiten unterschätzen, die eine Vermittlung komplexer wirtschaftlicher Sachverhalte mit sich bringen, wenn es z.B. darum geht, zu erklären, wie Probleme der alltäglichen Lebenswelt mit abstrakten Dingen, wie der europäischen Geld- und Migrationspolitik zusammenhängen (und das gilt beileibe nicht nur im Blick auf „einfache Leute“). Es bleibt die schwierige Aufgabe klarzumachen, dass die Probleme des Arbeitsmarkts und einer verstärkten Immigration in und nach Europa zuerst ein Problem der politischen Ökonomie und erst nachrangig eine Fragen der kulturellen Identität darstellen. Ob man damit gegen eine (nicht nur unter „kleinen Leuten“) verbreitete Neigung zum ökonomischen Nationalismus durchdringt, ist dann noch eine ganz andere Frage.
  • Die Sympathie für die „einfachen“ Leute. Selbst wenn diese Aufforderung von zwei achtenswerten sozialistischen Politikern Österreichs stammt: wir brauchen nicht unbedingt ein „positives“ Menschenbild. Wir dürfen uns einen Teil unseres Misstrauens gegenüber den großen Konzernen, aber auch gegenüber den „einfachen Menschen“ bewahren.

Fazit

Robert Misiks Essay ist eine gut lesbare und informative Einführung in die soziologische und politische Diskussion der Gegenwart über Wertorientierungen in der „Arbeiterklasse“ (auch für Studierende und interessierte SchülerInnen geeignet). Selbst wenn der Appell an die sozialdemokratische Tugendethik an manchen Stellen etwas „unterkomplex“ ausfällt (um ein Lieblingswort des Autors zu gebrauchen), so bleibt seine Einsicht doch richtig, dass es auch heute nicht ohne eine Rückbesinnung auf die Traditionen der Arbeiterbewegung, die sozialer Gerechtigkeit und Solidarität geht.


Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 19.05.2020 zu: Robert Misik: Die falschen Freunde der einfachen Leute. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-12741-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26754.php, Datum des Zugriffs 22.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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