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Tanja Frank, Eva-Maria Mörike: Der Tübinger Notfallplan im Pflegeheim

Cover Tanja Frank, Eva-Maria Mörike: Der Tübinger Notfallplan im Pflegeheim – 10 Jahre Erfahrungen. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2020. ISBN 978-3-94652-729-9. 34,90 EUR.
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Thema

Der Tübinger Notfallplan wird als „Instrument zur Stärkung der palliativen Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen“ bezeichnet und dient sowohl als Gesprächsgrundlage wie auch zur Dokumentation des aktiv ausgedrückten oder mutmaßlichen Willens von palliativ begleiteten Bewohner/​innen stationärer Pflegeeinrichtungen in gesundheitlichen Krisen, und will insbesondere den Notärzten eine schnelle Orientierung zu einzelnen Behandlungsoptionen in der Akutversorgung (z.B. hinsichtlich Reanimation, Beatmung, Verlegung ins Krankenhaus) geben. Das vorliegende Buch dokumentiert Entstehungsgeschichte, Hintergrund und Anwendung des Tübinger Notfallplans.

Autorinnen

Tanja Frank ist u.a. Krankenschwester, Palliative-Care-Fachfrau und Beraterin für Ethik im Gesundheitswesen, und ist Mitarbeiterin im Palliativgeriatrischen Beratungsdienst der Tübinger Hospizdienste.

Eva-Maria Mörike ist promovierte Fachärztin für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin, arbeitet als niedergelassene Hausärztin in Tübingen, und ist Vorsitzende der Tübinger Hospizdienste sowie Leiterin des Palliativgeriatrischen Beratungsdienstes.

Entstehungshintergrund

Der Tübinger Notfallplan entstand aus eine Initiative der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen, einer Klinik mit geriatrischer und palliativmedizinischer Spezialisierung, und wurde als Projekt von 2009 bis 2011 in Kooperation mit Pflegeheimen, Haus- und Notärzten und dem Hospizdienst in Tübingen durchgeführt. Das hier beschriebene Dokument und die entsprechende Anleitung für die Vorgehensweise bei der Erstellung des jeweiligen individuellen Notfallplans wie für die erforderliche Ausstattung der Pflegeheime wurden in diesem Zusammenhang entwickelt.

Aufbau und Inhalt

Vorwort

Prof. Dr. Andreas Heller, Lehrstuhl für Palliative Care und Organisationsethik an der Universität Graz, ordnet im Vorwort den Tübinger Notfallplan in die Diskussion um die palliative Begleitung in Pflegeheimen allgemein und im Kontext des Instrument des Advanced Care Planning im Besonderen ein.

Die Idee zum Tübinger Notfallplan

„Und was meint der Patient?“ – auch beim wiederholten Lesen bleibt dies der eindringlichste Satz der Einleitung, die insgesamt sehr eindrücklich die Alltagsrealität in Pflegeheimen beschreibt, wenn eine akute Krise bei einem multimorbiden, fragilen Bewohner auftritt, und der Notarzt gerufen wird – der Ausgangspunkt für die Arbeit der beiden Autor​innen. 

Das Notfallplan-Dokument

Ein kurzer Überblick über die drei Blätter des Notfallplans, wobei auch der Aufbau bzw. einzelne Fragestellungen erläutert bzw. begründet werden, wie die Fragen nach Reanimation oder z.B. der letzte Punkt von Blatt 1, der lautet: „Der Patient darf bei der nächsten lebensbedrohlichen Verschlechterung versterben.“ – und die Bedeutung der Beratung durch den Hausarzt in diesen Fragen. Auch die Veränderungen in einem Notfallplan über einen längeren Krankheitsverlauf werden dargestellt.

Die Implementierung

Die Implementierung des Notfallplans in Stadt und Landkreis Tübingen geschah in folgenden Schritten, die jeweils erläutert werden:

  • Klärung des Bewohnerwillens
  • Dokumentation und Sicherstellung der Verfügbarkeit
  • Regionale Implementierung
  • Entwicklung einer Hospiz- und Palliativkultur im Pflegeheim
  • Verfügbarkeit von Medikamenten im Pflegeheim
  • Einbeziehung der Heimaufsichtsbehörden

10 Jahre Erfahrungen mit dem Tübinger Notfallplan

Das umfangreichste Kapitel des Buches beschreibt unter anderem

  • Handhabung und Akzeptanz bei den Hausärzten
  • Veränderungen im Pflegealltag
  • Zeitpunkt des ersten Gespräches (meist mit den Angehörigen)
  • Kollegiale Beratung
  • Fortbildungen
  • Befürchtungen (der Pflegefachkräfte)

Ausführlicher schildern zudem eine Hausärztin und mehrere Pflegeleitungs- und Pflegefachkräfte ihre Erfahrungen mit dem Notfallplan, geben Einschätzung über Potenziale und erzielte Verbesserungen in der Versorgung der Bewohner/​innen in der palliativen Phase sowie zeigen Schwachstellen auf (das scheinen jedoch wenige zu sein).

Die Sicht der Angehörigen

Ein kurzes Kapitel skizziert die Herausforderungen einiger Angehörigen – und stellt noch einmal die Rolle des Hausarztes bei der Beratung der Angehörigen, insbesondere auch als Entlastung bei den Entscheidungen zu Reanimation und Intubation und ganz besonders hinsichtlich der Frage „Der Patient darf bei der nächsten lebensbedrohlichen Verschlechterung versterben.“ Zwei Interviews mit Angehörigen schließen das Kapitel ab.

Das Hospiz- und Palliativgesetz von 2015

Im abschließenden Kapitel wird der Notfallplan noch einmal im Kontext des aktuellen Hospiz- und Palliativgesetzes diskutiert, mit Bezügen zum internationalen Konzept des Advanced Care Planning.

Anhang

Im Anhang finden sich neben Literatur und Links eine Übersicht über die einzelnen Blätter des Notfallplans und ein Hinweis zum Download.

Diskussion

Dieses vom Umfang wie Format nicht besonders große Buch (111 Seiten) besticht zugleich durch seine Praxisrelevanz, die übersichtliche Darstellung der notwendigen Schritte für eine Implementierung wie die Vorteile des Verfahrens für Patienten/​Bewohner/​innen, ihre Angehörigen, die Pflegepersonen wie auch insbesondere für die beteiligten Notärzte, ohne dabei die Herausforderungen – die insbesondere in der Kommunikation mit und in der Gestaltung der Verantwortlichkeiten der Hausärzte zu liegen scheinen – zu verschweigen.

Mir scheint es ein wichtiger und durch die nun bereits langjährige Erfahrung in der Anwendung nachweislich praxistauglicher und an der Lebensrealität aller Beteiligten orientierter Beitrag zu einer Verbesserung der palliativen Begleitung und Versorgungsplanung, wie es in der Vereinbarung nach § 132g Abs. 1 SGB V über die „Gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase“ gefordert wird.

Durch die per Download zur Verfügung gestellten Originaldokumente, die gute Lesbarkeit des Buches und den überschaubaren Zeitumfang, den die Lektüre des Buches erfordert, scheint es mir eine Pflichtlektüre für alle, die in der palliativen Versorgung von Menschen in der Langzeitpflege involviert sind – als Anleitung oder zumindest als Orientierungsrahmen für die Entwicklung eines eigenen Palliativkonzepts wie Vorsorgedokuments.

Fazit

Ein Beitrag zur palliativen Versorgung und insbesondere zur Handhabung der Vorsorgedokumente, der die Beachtung aller verantwortlichen Palliativfach- und Leitungspersonen in der Langzeitpflege verdient, ebenso wie von Menschen, die konzeptionell in der Umsetzung des Hospiz- und Palliativgesetzes involviert sind. Durch die gute Lesbarkeit und den überschaubaren Umfang sollte es auch bei sehr begrenztem Zeitbudget für persönliche Weiterbildung schnell erfassbar sein; durch die gut aufbereiteten Materialien zum Download wird die Übertragbarkeit auf das eigene Arbeitsfeld sinnvoll unterstützt.


Rezension von
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 22.03.2021 zu: Tanja Frank, Eva-Maria Mörike: Der Tübinger Notfallplan im Pflegeheim – 10 Jahre Erfahrungen. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2020. ISBN 978-3-94652-729-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26767.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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