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Wolfgang Frindte, Ina Frindte: Halt in haltlosen Zeiten

Cover Wolfgang Frindte, Ina Frindte: Halt in haltlosen Zeiten. Eine sozialpsychologische Spurensuche. Springer (Berlin) 2020. 308 Seiten. ISBN 978-3-658-27950-9. D: 22,98 EUR, A: 23,53 EUR, CH: 25,00 sFr.
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Thema

Menschen haben das Bedürfnis nach Sicherheit und Halt. In Zeiten globaler Krisen ist das Streben nach Halt besonders ausgeprägt. Nach einem Blick auf einschneidende Ereignisse nach 1989, welche die Menschen verunsichert haben, werden Haltepunkte aufgezeigt. 

Autor und Autorin

Wolfgang Frindte ist Psychologe, er leitete bis 2017 das Institut für Kommunikationswissen an der Universität in Jena. Ina Frindte ist Physikerin, sie war bis 2018 in der Medizintechnik bei der Analytik Jena AG tätig.

Inhalt

Das Buch besteht aus 26 kurzen Kapiteln, die fünf Teilen zugeordnet sind. In den ersten drei Teilen werden gesellschaftliche Umbrüche geschildert, die den Menschen zu schaffen machen. Im vierten und fünften Teil geht es dann um Schutzräume und Haltepunkte. 

Im Kapitel 1, der Einleitung, wird das Foucaultsche Pendel beschrieben, das im Buch als Metapher dient. Das Pendel schwingt hin und her, die Erde dreht sich. Die Menschen streben nach einem festen Punkt, der ihnen Halt gibt. Dort, wo das Pendel aufgehängt ist, befindet sich ein fester Punkt.

Im Teil I wird an den Verlust fester Punkte nach dem Ende der DDR erinnert, als die sozialistische Utopie zusammenbrach und die Risiken der Industriegesellschaft immer deutlicher hervortraten. Die Zeit um 1989 in der DDR wird detailliert beschrieben. Man versuchte Halt in subkulturellen Nischen wie z.B. in Kleingartenvereinen zu finden. Die 1990er Jahre zeichneten sich durch einen wechselseitigen Transfer zwischen West und Ost und zugleich durch Krisen im östlichen Südeuropa aus. Die Zeit in Ostdeutschland nach der Wende war durch einen massiven wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umbruch geprägt. Hohe Arbeitslosenquoten waren zu verzeichnen. Befürchtet wurden eine Überfremdung und Islamisierung, als, beginnend mit dem Jahr 2015, viele Flüchtlinge nach Deutschland gelangten. Der Terrorismus wurde mit Beginn der 2000er Jahre zu einer weiteren Bedrohung. Ausführlich schildern der Autor und die Autorin die Terroranschläge am 11. September 2001. Ein weiterer Angstfaktor ist die Digitalisierung der Arbeitswelt, was zur Folge haben kann, dass man seinen Arbeitsplatz verliert. Der erste Teil endet mit der Frage, wo in solchen Krisenzeiten die festen Punkte sind.

Im Teil II geht es weiter um Bedrohungen. Es beginnt mit dem Thema Fake News. Wie aus einer Befragung von Bitcom hervorgeht, sind 61 % der Befragten der Ansicht, dass Fake News ein Bedrohung darstellen. Dann werden die Begriffe „Postmoderne“ und „postfaktisch“ ins Visier genommen. „Postfaktisch“ meint, dass es heute in gesellschaftlichen Diskussionen zunehmend mehr um Emotionen und weniger um Fakten geht. Wie Yuval Noah Harari bemerkt hat, haben die Menschen schon immer in einer Zeit des Postfaktischen gelebt. Bedrohlich sind der Klimawandel, die Politik von Donald Trump, der weltweite Terrorismus, religiös motivierte Auseinandersetzungen und Finanzkrisen. Der Karikaturenstreit, der in Dänemark durch Veröffentlichung von Zeichnungen des Propheten Mohammed losbrach, wird ausführlich geschildert. Die wechselseitigen Zuschreibungen von Eigenschaften durch Muslime und Nicht-Muslime, wie sie aus Befragungen ersichtlich sind, bezeichnen Autor und Autorin als „Zusammenprall von Vorurteilen“. Sehr oft taucht das Wort „mediale Inszenierung“ auf. Vielerlei wird inszeniert und konstruiert. Inszenierungen bieten Halt in unsicheren spannungsreichen Zeiten. Über die Rolle der medialen Berichterstattung bei der Konstruktion vom „Kampf der Kulturen“ wird berichtet. Die sozialen Medien mit ihren virtuellen Gemeinschaften bieten Halt. Autor und Autorin weisen allerdings auch darauf hin, dass Selbstdarstellung und Selbstoffenbarung in den sozialen Medien eine große Rolle spielen und es dort auch sehr negatives wie Shitstorms, Hass und Mobbing gibt.

Im vergleichsweise kurzen Teil III geht es um große Erzählungen. Frindte und Frindte verstehen darunter „Welterklärungen“. Große Erzählungen analysieren Vergangenes, deuten Gegenwärtiges und prognostizieren Zukünftiges. Dadurch wird die Unvorhersagbarkeit von Welt reduziert. Große Erzählungen geben auf diese Weise Halt und Sicherheit. Beispiele sind der Nationalismus, der Antisemitismus, der Islamismus. Es sind mit fundamentalistischen Überzeugungen verknüpfte Metaerzählungen, in denen die Welt in gut und böse eingeteilt wird. Man selbst gehört zu den Guten. Bei den Ausführungen über Verschwörungstheorien wird zwischen unseriösen Verschwörungsphantasien einerseits und Hypothesen über Verschwörungen sowie Mythen andererseits unterschieden. Verschwörungstheorien sind erfolgreich; sie reduzieren Komplexität und bieten sich als Halt gebender Anker an. Andererseits können sie eine Radikalisierung befördern und Gewalt gegen andere rechtfertigen.

Im Teil IV geht es dann in medias res, nämlich um Schutzräume und Haltepunkte. Es wird ein Modell mit ineinander geschachtelten Räumen rund um den Menschen herum skizziert, in denen sich Halt gebende feste Punkte befinden. Es sind individuelle Sinnräume, Gruppen-, Gesellschafts-, Umwelt- und Zeiträume. Der Sinnraum ist das psychische Netz unserer Gefühle, Gedanken und Absichten. In diesem Zusammenhang wird das Modell der Wertorientierungen von Schwartz vorgestellt. Danach finden Menschen je nach ihren Werteorientierungen auf unterschiedliche Weise Sinn und Halt. Der Mensch versucht kognitive Dissonanz zu vermeiden, die den erstrebten Halt gefährden könnte. Gruppenräume sind Halt bietende Interaktionsräume. Problemtisch können dabei jedoch das Risky-Shift-Phänomen oder der Ingroup Bias sein. Gruppen neigen dazu, riskantere Entscheidungen zu treffen als eine einzelne Person es tun würde. Der Ingroup Bias ist die Bevorzugung der eigenen Gruppe. Ideologien sind soziale Bezugssysteme, die sich als feste Punkte eignen. Gleiches gilt für Religionen, die den Gläubigen ein Bezugssystem zur Interpretation der Welt und zur sozialen Identifikation zur Verfügung stellen. Was die festen Punkte in den Umwelt- und Zeiträumen betrifft, sprechen der Autor und die Autorin vom verlängerten Leib. Beispiele sind das Fahrrad, der Computer oder die Wohnung. Zeiträume bieten Orientierungen und damit Halt in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Im Teil V werden noch einmal die festen Punkte benannt. Sie sind in uns selbst, in sozialen Gruppen und Gemeinschaften, in der Gesellschaft, der Umwelt und den zeitlichen Perspektiven zu finden. Dennoch wäre es fatal, wenn die Menschen nicht auch einmal ihre Filterblasen verlassen würden, um neue feste Punkte zu finden. Ein solcher Weg ist die Meditation. Eine positive Zukunftsperspektive kann dem Leben Sinn und Halt geben. Am Schluss wird als Halt gebende Utopie die europäische Republik skizziert. Dann folgt noch ein fiktives Gespräch mit Umberto Eco.

Diskussion

Das Buch, das der Autor und die Autorin als Collage bezeichnen, kreist um die Frage nach möglichen Haltepunkten in einer haltlosen Welt. Der Aufhänger im metaphorischen Sinne ist das Foucaultsches Pendel. Die ersten drei Teile befassen sich mit gesellschaftlichen Umbrüchen, welche die Dringlichkeit, Halt zu finden, unterstreichen. Es wird ausführlich über die Ereignisse am Ende der DDR und die Folgen der Wende für die Ostdeutschen, für die es eine Zeit höchster Verunsicherung gewesen ist, über Terroranschläge und das Jahr 2015, in dem sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, berichtet. Solche Ereignisse bewirken, dass man sich als gefährdet erlebt. In den letzten beiden Teilen geht es um Haltepunkte in verschiedenen Bereichen. Dazu wird ein Mehrebenen- Modell vorgestellt, auf dessen Ebenen es diverse Haltepunkte gibt. Auffallend daran ist, dass die Ebene der Umwelträume nur sehr kurz abgehandelt wird, obwohl emotionale Bindungen an Orte bekanntlich ein wichtiger Halt gebender Faktor sind. Und Zeiträume, die in dem Modell die oberste Ebene bilden, könnten durchaus auch den individuellen Sinnräumen zugeordnet werden: Eine positive Zukunftsperspektive kann dem Leben Sinn und Halt geben.

Frindte und Frindte beziehen sich häufig auf Umfrageergebnisse. Die dabei ermittelten Häufigkeiten liefern indessen lediglich Beschreibungen. Wichtig wären jedoch auch Differenzierungen und daran geknüpfte Erklärungen, wie man sie von der Sozialpsychologie erwartet. Untersuchungen werden mitunter so verkürzt dargestellt, dass man sich wundert, wie einfach doch alles ist: Kinder, die im Alter von vier Jahren lieber 15 Minuten warten, um dann zwei Süßigkeiten zu bekommen statt nur eine Süßigkeit ohne Wartezeit, sind zehn Jahre später selbstsicherer, zielstrebiger und haben bessere Schulleistungen (S. 273 f.). Fehl am Platze ist in einem Sachbuch Polemik wie „Sicher wäre es gut, wenn die Trumps, Höckes, Gaulands, Orbáns und wie sie alle heißen mögen, öfter mal einen Meditationskurs besuchen würden“ (S. 271) oder das Reden von „verkorksten Weltsichten“ (S. 271). Denn es geht ja nicht um moralische Urteile, sondern um die Frage, welches Potenzial eine bestimmte Weltsicht oder Verschwörungstheorie im Hinblick auf den Gewinn von Halt und Sicherheit besitzt. Negative Konnotationen sind auch hier nicht angebracht, denn diese „Theorien“ könnten Hypothesen sein oder wie Mythen und Märchen einen wahren Kern besitzen.

Die Frage nach Haltepunkten ist wichtig, weil sie das existentielle Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit betreffen. Ein Buch, das sich mit diesem Thema befasst, ist dementsprechend zu begrüßen. Man muss aber nicht unbedingt gleich zwei Stunden täglich meditieren, wie es Yuval Noah Harari macht (vgl. Kap. 23) und wie es Autor und Autorin nahe zu legen scheinen. Es reicht aus, das Buch zu lesen und darüber nachzudenken, wo sich die eigenen Haltepunkte befinden. 

Fazit

Das Buch befasst sich mit der aktuellen Frage, wie Menschen in einer sich wandelnden Gesellschaft Halt und Sicherheit finden können. Geschildert werden als kritische Ereignisse das Ende der DDR, die Migration, der Terrorismus und die Auseinandersetzung zwischen der westlichen Welt und dem Islam. Das Buch löst ein, was der Titel verspricht: Es werden nicht nur haltlose Zeiten beschrieben, sondern es wird auch ein Modell mit mehreren Ebenen präsentiert, auf denen Haltepunkte zu finden sind. Das Buch ist für alle diejenigen zu empfehlen, die sich für gesellschaftliche Fragen und Zeitgeschichte interessieren.

Summary

The book deals with the current question of how people can find support and security in a changing society. The critical events described are the end of the GDR, migration, terrorism and the conflict between the Western world and Islam. The book delivers what the title promises: not only are unstable times described, but a model is presented with several levels on which points of support can be found. The book is recommended for all those interested in social issues and contemporary history.


Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 10.03.2021 zu: Wolfgang Frindte, Ina Frindte: Halt in haltlosen Zeiten. Eine sozialpsychologische Spurensuche. Springer (Berlin) 2020. ISBN 978-3-658-27950-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26768.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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