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Mario Datts: Parteikommunikation im Zeitalter von Social Media

Cover Mario Datts: Parteikommunikation im Zeitalter von Social Media. Eine empirische Untersuchung der Facebooknutzung durch die Kreisverbände der deutschen Parteien. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2020. 260 Seiten. ISBN 978-3-8487-6496-9. 49,00 EUR.
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Parteienkommunikation

Ohne das Internet läuft in modernen Gesellschaften nicht mehr! Die virtuelle Kommunikation im Privaten wie im öffentlichen, ökonomischen, ökologischen und fiskalischen, gesellschaftlichen Leben ist fester Bestandteil des Daseins der Menschen. Der Diskurs darüber ist in vollem Gange. Die Vor- und Nachteile, die Wege und Fallstricke werden kontrovers diskutiert (siehe dazu z.B.: BernhardPörksen/Andreas Narr 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26586.php). Sozial- und politikwissenschaftlich kommt den Fragen, wie die „Sozialen Medien“ das Denken und Handeln der Menschen beeinflussen und bestimmen, eine besondere Aufmerksamkeit zu (Jeanette Hofmann, u.a. 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26540.php).

Autor

Der Politikwissenschaftler Mario Datts hat 2018 an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf zum Thema „Parteienkommunikation im Zeitalter von Social Media“ promoviert. Er ist derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Politische Wissenschaft an der Universität in Hildesheim tätig. Er stellt fest, dass politische Analysen und Bestandsaufnahmen über Parteien-Information und -Kommunikation von den Parteizentralen im Bund und in den Ländern vorliegen; die Praxis in den regionalen und lokalen Ebenen jedoch bisher kaum untersucht wurde. Mit der Frage – „Wie steht es um Präsenz der kommunalen Parteiverbände im Social Web?“ – will er die Lücke schließen. In der Parteiarbeit und in der Parteienforschung wird den Aktivitäten der Orts- und Kreisverbände der politischen Parteien eine bedeutsame Informations- und Aufklärungsaufgabe zugewiesen. Daraus ergibt sich die Forschungsfrage: „In welchem Umfang nutzen die Kreisverbände der relevanten deutschen Parteien Facebook und welche Faktoren beeinflussen die Nutzung?“.

Aufbau und Inhalt

Als Neue Soziale Medien werden „Soziale Netzwerke“ (z.B. Facebook), Blogs und Mikroblogs (z.B. Twitter), Content Communities (z.B. YouTube), „Kollektivprojekte“ (z.B. Wikipedia), „Soziale virtuelle Welten“ (z.B. Second Life) und „Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiele“ (z.B. World of Warecraft) bezeichnet. Die Nutzerstatistik weist hohe Verwendungszeiten auf: etwa, dass fast die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen täglich Facebook nutzen, und zwar nicht nur zur Information, sondern auch zur Verbreitung von eigenen Meinungen – im positiven wie im negativen, manipulativen Sinn. Es ist die Erfahrung, dass User und Follower eher einfache, unkomplizierte denn differenzierte Fragen und Antworten im öffentlichen, virtuellen Kommunikationsprozess bevorzugen; eine Herausforderung für Bildung und Aufklärung in der Gesellschaft.

Mario Datts gliedert seine wissenschaftliche Studie, neben der Einleitung, in der er die Fragestellung, Relevanz und Vorgehensweise seiner Arbeit erläutert, in die weiteren Kapitel: Im Teil „Theoretische Ansätze und empirische Befunde“ stellt er die verschiedenen, für sein Forschungsvorhaben relevanten theoretischen Zugänge vor, referiert über die bedeutsamen Ergebnisse in der Parteienforschung, analysiert die Innovationen, wie sie in der Internetforschung vorliegen, und diskutiert die parteien- und organisationsstrategische Bedeutung von Kreis- (Stadt-)Verbänden, wie sie das deutsche Parteiengesetz vorgibt. Mit dem nächsten Kapitel stellt er das von ihm verwendete Untersuchungsmodell vor, ergänzt durch die von ihm benutzten Daten und Methoden. Den Hauptteil der Forschungsarbeit bildet die Darstellung der ermittelten, empirischen Ergebnisse, um schließlich im Schlusskapitel seine Befunde zu präsentieren.

Mario Datts analysiert insgesamt 2.370 Parteigliederungen und ermittelt deren Strategien, Praxen, Kontinuitäten, Erfolge und Misserfolge bei der Facebook-Nutzung. Die Daten wurden im Zeitraum von 2015 – 2018 ermittelt. Die Fülle der präsentierten Befunde werden im Abbildungsverzeichnis mit insgesamt 35 Tabellen, Grafiken, Diagramme, Fragebögen, Fließtexten ausgewiesen. Bei den lokalen und regionalen Organisationsstrukturen zeigen sich sowohl allgemeinrelevante, traditionelle, als auch spezifische, medien- und akteursbestimmte Aktivitäten. Es sind die eher Face-to-Face-Kontakte und Präsentationen, die für Interessierte an der Partei(mit-)arbeit die ersten Ansprechstellen bilden. Als Beispiel wird eine Passage des „Wegweisers für Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen“ zitiert: „Für dich gibt es viele Möglichkeiten, dich für deine Überzeugungen in unserer Partei zu engagieren. Dabei entscheidest du, wie viel Zeit und Lust du hast und für welche Themen du dich interessierst. Erster Ansprechpartner ist dazu dein Kreisverband (…), der am besten weiß, wo du dich vor Ort einbringen kannst und wo er gegebenenfalls noch Unterstützung braucht“.

In die Untersuchung einbezogen werden die aktuell im Bundestag vertretenen Parteien: CSU, CDU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen, LINKE und AfD. Der Autor spricht dabei von einem „bunten Kaleidoskope an Organisationswirklichkeiten“. Dabei werden keine individuellen Wertungen und Präferenzen von bestimmten Parteien vorgenommen; jedoch aus den Beteiligungen an den Befragungs- und Auskunftsaktivitäten können Interesse, Notwendigkeit und Bedeutsamkeit für wissenschaftliche Ergebnisse zu Facebook-Aktivitäten herausgelesen werden. So zeigte sich, dass lediglich 21 Prozent der Kreisverbände der CDU und nur 13 Prozent der CSU an den Befragungsaktionen teilnahmen, während je 46 Prozent der LINKEN und von Bündnis 90/Die Grünen dabei waren, von der FDP 38, der SPD 34 und der AfD 32 Prozent. Unter Einbeziehung von Variablen, wie sie sich aus den Beteiligungsquoten ergeben, zeigt sich, dass im Durchschnitt rund 80 Prozent der Parteigliederungen Facebook nutzen. Die einzelnen, für die Parteien ausgewiesenen Ergebnisse, dürften für die in den Kreisverbänden zuständigen ÖffentlichkeitsarbeiterInnen von Interesse sein. Dass die AfD, bezogen auf den Beobachtungszeitraum von 2016, die aktivste dialogische Facebook-Nutzung ausweist, gefolgt von der LINKEN, der SPD, der FDP, von Bündnis 90/Die Grünen, der CDU und der CSU, muss die demokratischen Parteien zum Nachdenken über die mediale Kommunikation bringen. Es muss zwar bedacht werden, dass die Anzahl von Facebook-Aktivitäten allein kein kommunikatives Qualitätsmerkmal sein kann; doch die Fragen von Anreizen und Aufmerksamkeiten für politische Interessen und Engagement sind relevant und bedeutsam, damit nicht populistische und hierarchische, demokratiefeindliche Kommunikation die Oberhand gewinnt.

Fazit

Als ein Ergebnis der Untersuchung kann hervorgehoben werden, dass die kommunikativen, dialogischen Facebook-Aktivitäten von lokalen und regionalen Parteigliederungen in urbanen Räumen höher ist als in ländlichen, traditionalistischen. Eine andere, für Demokraten beunruhigende, herausfordernde Erkenntnis mündet in die gesellschaftspolitische Frage: Warum überlassen die etablierten Parteien ihrem gegenwärtig stärksten Kritiker und Konkurrenten, der AfD, einen wichtigen Informations- und Kommunikationsraum? Die Auseinandersetzung und der Perspektivenwechsel (auch) in den lokalen Parteiebenen ist gefragt, „warum es der AfD auf der Kommunalebene gelingt, sie in der Social-Media-Sphäre derart abzuhängen“. Im Zusammenhang mit qualitativen, faktischen Analysen über Facebook- und andere medialen Kommunikationsformen sind weitere Forschungen über die demokratische, unverzichtbare Bedeutung von Parteien als Vertretung des Volkes notwendig!

Die Forschungsstudie von Mario Datts zur „Parteikommunikation im Zeitalter von Social Media“ stellt ohne Zweifel einen wichtigen Baustein zur Parteien- und Gesellschaftsforschung und eine Aufforderung zu einer aktive(re)n, demokratischen Teilhabe dar!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.04.2020 zu: Mario Datts: Parteikommunikation im Zeitalter von Social Media. Eine empirische Untersuchung der Facebooknutzung durch die Kreisverbände der deutschen Parteien. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-6496-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26775.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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