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Julia Reuter, Markus Gamper u.a. (Hrsg.): Vom Arbeiterkind zur Professur

Cover Julia Reuter, Markus Gamper, Christina Möller, Frerk Blome (Hrsg.): Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft: autobiographische Notizen und soziobiographische Analysen. transcript (Bielefeld) 2020. 434 Seiten. ISBN 978-3-8376-4778-5. D: 27,99 EUR, A: 27,99 EUR, CH: 34,80 sFr.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 54.
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Thema

Noch immer werden nur wenige Arbeiterkinder Professor*innen, nicht zuletzt weil Bildungseinrichtungen soziale Ungleichheiten kaum ausgleichen, sondern eher noch reproduzieren. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es in Deutschland einen hohen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Soziale Aufstiege durch Bildung sind für Kinder aus der Arbeiterklasse, aber auch aus Angestellten- und Beamtenfamilien des einfachen bis mittleren Dienstes selten, insbesondere aber eine Professur an Hochschulen zu erreichen.

Im vorliegenden Band kommen Professor*innen unterschiedlicher Fächer in Beiträgen zu Wort, wie sie ihren beruflichen Aufstieg rückblickend wahrnehmen und einschätzen. Gerahmt werden die Selbstreporte durch Beiträge: eingangs aus dem Feld der Ungleichheitsforschung und abschließend durch vergleichende Reflexionen zu den persönlichen Schilderungen.

Herausgeber*innen

Frerk Blome ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz Institut für Wissenschaft und Gesellschaft sowie am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung.

Markus Gamper, PD Dr. phil., ist Akademischer Rat für Erziehungs- und Kultursoziologie an der Universität Köln.

Christina Möller, ist Vertretungsprofessorin für Soziologie an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund.

Julia Reuter, ist Professorin für Erziehungs- und Kultursoziologie an der Universität Köln.

Aufbau

Nach einer ausführlich gehaltenen Einstimmung durch die Herausgeber*innen in das Thema „Vom Arbeiterkind zur Professur“ durch Darstellungen zur gesellschaftlichen Relevanz, zu empirischen Befunden und biografischen Reflexionen wird in drei Beiträgen die sozialwissenschaftliche Rahmung erstellt:

  • Aladin El-Mafaalani arbeitet migrationsspezifische Ambivalenzen sozialer Mobilität,
  • Christoph Butterwegge Realität, Utopie und/oder Ideologie vom Bildungsaufstieg und
  • Julia Reuter literarische Zeugnisse von Bildungsaufsteiger*innen zwischen Autobiographie und Sozioanalyse heraus.

Im Zentrum des Bandes stehen neunzehn sehr individuell gehaltene Erinnerungsstücke von im weiten Sinne „Arbeiterkindern“, die Professor*innen in ganz unterschiedlichen Disziplinen geworden sind.

In einem abschließenden dritten Teil nehmen Michael Hartmann und Andrea Lange-Vester eine soziobiographische Kommentierung vor,

  • indem Michael Hartmann anhand der neunzehn Selbstreporte Merkmale eines erfolgreichen Aufstiegs und
  • Andrea Lange-Vester Habitusmuster herausarbeitet.

Inhalt

Starkes und immer wiederholtes Bemühen um Bildungsreformen hat in den zurückliegenden fünfzig Jahren nicht zu einem nennenswerten Abbau von sozialen Barrieren im Bildungswesen geführt. Nach wie vor müsse von einer Chancengleichheit als Illusion, so die Herausgeber*innen in ihrem einführenden Beitrag, ausgegangen werden. Dazu reflektieren sie Ursachen, entwickeln theoretische Erklärungsansätze und führen empirische Befunde an. Die Herausgeber*innen bündeln Forschungsstränge zu Ungleichheiten im Bildungswesen, indem sie mit den Theorien rationaler Bildungswahl, institutioneller Diskriminierung und kultureller Diskriminierung drei dominante Erklärungsansätze benennen. Des Weiteren wird in einem weiteren Abschnitt die Herausforderung eines sozialen Aufstiegs zur Professur für Arbeiterkinder erklärt. Herausforderungen bilden die Geschlossenheit von Fachkulturen, aber auch eine soziale Differenzierung nach Hochschultypen (Differenz zwischen Fachhochschulen und Universitäten), die soziale Exklusivität der Qualifizierungspassagen bis hin zur Professur und das Leben in zwei Welten als Professor*in. Der letzte Abschnitt der Einstimmung ins Buch widmet sich seinem Aufbau und vor allem auch der Auswahl der Biograph*innen. Sie vollzog sich durch persönliche Bekanntschaften der vier Herausgeber*innen sowie durch Empfehlungen Dritter, wobei darauf geachtet wurde, möglichst viele wissenschaftliche Fachdisziplinen abzubilden (S. 41). Die Herausgeber*innen betonen, der Band zeichne einen Gegenentwurf zu sozial bereinigten Karriereratgebern, Universitätsleitbildern oder hochgezüchteten Lebensläufen von Wissenschaftler*innen. So erhalten die Berichte einen unverwechselbar persönlichen Anstrich.

In seinem Beitrag stellt Aladin El-Mafaalani die Besonderheiten beim Bildungsaufstieg für Menschen mit türkischem Migrationshintergrund dar, indem der Autor eingangs theoretische und methodische Vorüberlegungen anstellt und anschließend aufstiegstypische Habitustransformationen als Distanzierung vom Herkunftsmilieu sowie entsprechende Ausdrucksformen vorstellt. Der Aufstieg von Personen mit Migrationshintergrund vollzieht sich als mehrdimensionale Distanzierung vom Herkunftsmilieu: als inklusive Verkehrung und als ambivalente Entfremdung. In der Sicht von El-Malaafani fehlt die inklusive Verkehrung weitgehend beim Aufstieg von Personen ohne Migrationshintergrund. Vielmehr sei hier der Umgang mit den Eltern pragmatisch ausgerichtet. Er spielt in der Sicht des Verfassers entweder eine geringe Rolle oder wird lediglich als Kontrastfolie präsentiert. Im letzten Abschnitt des Beitrags werden Modellierungen des migrationsspezifischen Erfahrungsraums sichtbar gemacht. So entsteht im Verlauf des Biographieaufstiegs oftmals aus einer Sphärendifferenz eine Sphärendiskrepanz, die sich bis zu einem biographischen Problem verdichtet, indem sich widersprechende Doppelerwartungen ausprägen.

Christoph Butterwegge geht von der Prämisse aus, dass Arme angehalten werden, ihre Bildungskarriere durch Selbstoptimierung eigenständig und eigenverantwortlich zu organisieren, statt auf kollektive Lösungen im Rahmen einer Umverteilung des vorhandenen Reichtums von Oben nach Unten zu setzen (S. 90). Dabei würden die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Machtstrukturen und Privilegien nicht angetastet, sondern nur das Verhalten der einzelnen Personen angepasst. Auf diesem Wege wird die Kluft zwischen Arm und Reich nicht geschlossen. Entsprechend gilt seit Jahrzehnten in Deutschland, dass sich mit Anstrengung und Fleiß lebenslanger Wohlstand einstellt. Mit der globalen Finanzkrise entstand die Angst in der gesellschaftlichen Mittelschicht, trotz großer Anstrengungen sozial abzusteigen.

In grundsätzlicher Hinsicht konstatiert der Autor, dass sich im Schulwesen und Hochschulbereich die Ungleichheiten der Gesellschaft reproduzierten. Hieraus resultierten jedoch keine Handlungsspielräume für bildungs- und hochschulpolitische Akteur*innen, Partei für sozial Benachteiligte zu ergreifen und nach mehr Gerechtigkeit zu streben (S. 98).

In ihrem Beitrag über literarische Selbstzeugnisse von Bildungsaufsteiger*innen analysiert Julia Reuter Herkunftserzählungen, vorzugsweise französischer Autor*innen wie Didier Eribon, Edouard Louis und Annie Ernaux. Dabei geht es um die Entlarvung eines „gesellschaftlichen Aufstiegsversprechens aus der Perspektive der Deklassierten und ihrem Insiderblick auf die Lebenswelt eines abgehängten (Arbeiter*innen) Milieus“ (S. 104). Die Autorin verdeutlicht, welchen Beitrag die Selbstzeugnisse zur Soziologie sozialer Ungleichheiten leisten. Die Milieuschilderungen der Autor*innen dokumentieren Herkunftsscham durch Bildungsaufstieg. Die literarischen Selbstzeugnisse der drei Bildungsaufsteiger*innen stehen in der Tradition von Pierre Bourdieu. Grundsätzlich versteht Julia Reuter die Aufsteiger*innenbiographien als Denk- und Mahnmal sozialer Ungleichheit. Dabei kann die Herkunftsscham wie ein lebenslanger Stachel wirken, der nach erfolgtem Aufstieg eher zum Schweigen als zum Reden Veranlassung gibt.

Die Selbstzeugnisse von Eribon, Louis und Ernaux liefern über die persönliche Schilderung ihrer Erlebnisse hinaus eine genaue Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse, die viele Erfahrungen erlebter Gewalt dokumentieren und sich damit in die Gesellschaft einmischen. Mit diesem Format präsentieren die drei Autor*innen ein anderes Verständnis von Soziologie, indem sie Themen wie Arbeitslosigkeit, Elend, Gewalt, Homophobie und Rassismus ein Gesicht geben, die sich in biographischen Erfahrungen einbetten. Gleichzeitig seien die Selbstzeugnisse, so Julia Reuter, Ermutigungen für Aufsteiger*innen in der Wissenschaft, die das Bild von Wissenschaft und der Wissenschaftler*innen emanzipieren (S. 120).

In ihrem Einführungstext betonen die vier Herausgeber*innen, dass der Begriff des „Arbeiterkindes“ von einigen Biograph*innen in ihren Selbstzeugnissen wie selbstverständlich aufgegriffen worden sei, andere grenzten sich davon ab, weil er zu undifferenziert Verwendung findet, manche sehen ihn sogar als Stigma, weil er disqualifizierend wirkt. In der Perspektive der Herausgeber*innen zwingt „Arbeiterkind“ zum Hinschauen und regt zum Nachdenken an. Gedacht sei er „als Sammelbegriff für soziale Aufsteiger*innen aus unterschiedlichen Herkunftsmilieus“ (S. 40). Der Begriff bilde den kleinsten gemeinsamen Nenner dafür, dass kein Elternteil einen Hochschulabschluss aufweise. Die Einzelgeschichten dokumentieren einen Klassenübertritt und wie dieser erlebt worden ist.

Die Herausgeber*innen heben überdies hervor, dass ein Buch über Aufsteiger*innen in den Verdacht geraten könne, dass geglückter Aufstieg eine meritokratische Illusion erzeugt gemäß der Prämisse „wer sich bemüht, der schafft es“. Vielmehr soll in dem Buch „Vom Arbeiterkind zur Professur“ sichtbar werden, neue und alte Ungleichheiten auch in Zeiten expandierender Bildungseinrichtungen und eines erhöhten Zustroms zum Hochschulsystem kritisch zu verfolgen (S. 41). So sollen die Erfolgsgeschichten der Professor*innen nicht von den herrschenden sozialen Ordnungen ablenken, vor allem sollen die Selbstzeugnisse auf strukturelle Aufstiegsbarrieren aufmerksam machen. Zu ihnen gehören z.B. soziale und kulturelle Spannungsverhältnisse bei Aufstiegsprozessen in höhere Klassen, aber auch geschlechtsspezifische und generationsbezogene Probleme.

Im abschließenden dritten Teil des Bandes stellt Michael Hartmann in seinem Beitrag, in dem es um die Ermittlung von Merkmalen eines erfolgreichen Aufstiegs geht, fest, es sei nicht einfach, aus einer derart bunten Mischung von individuellen Berichten, wie sie in diesem Buch vertreten seien, so etwas wie Gemeinsamkeiten in einem wissenschaftlichen Sinne herauszudestillieren (S. 379). Dem stimmt der Rezensent uneingeschränkt zu. So habe ich mich entschieden, nicht die Inhalte zu den neunzehn Selbstzeugnissen zusammenfassend darzustellen, sondern zu jedem Selbstreport eine mir markant erscheinende rückblickende Aussage bzw. eine die Arbeit tragende Sichtweise der Biograph*innen vorzustellen.

Hervorzuheben bleibt noch vorab, dass jede Selbstdarstellung mit einem Foto aus der Kinderzeit beginnt und der familiale Hintergrund benannt wird.

Klaus-Michael Bogdal, geb. 1948, hebt im Rückblick auf seine Aufstiegsbiographie hervor, was er als „proletarisches Selbstbewusstsein“ bezeichnet, nämlich den „Anspruch auf Gleichheit und Gleichbehandlung und eine Sensibilität für alles, was dagegen verstößt“ (S. 141). Hinzu komme eine gewisse Immunität gegen einen forcierten Elitehabitus, gegen Blender*innen und Sammler*innen von Statussymbolen.

Manfred Brill, geb. 1958, betont (S. 151), er habe in seinem Leben viel Glück gehabt. In vielen entscheidenden Phasen habe es immer Menschen gegeben, die die richtigen Fragen stellten und ihn auf Möglichkeiten hinwiesen, die ihm gar nicht bewusst waren.

Zoe Clark, geb. 1983, ist bemüht, mit den Studierenden gemeinsam ein solidarisches Studium zu gestalten und damit Restriktionen abzufedern und strukturelle Handlungsoptionen so weit möglich auszunutzen und die Erfahrungen Studierender in die Gestaltung von Studiengängen einzubauen (S. 161).

Reinhard Damm, geb. 1943, nennt für den von ihm eingeschlagenen Weg die Familie, zunächst vor allem die Mutter, vor allem ihre Toleranz und Akzeptanz, und später dann die eigene Familie als wichtigem Ort der Stabilisierung des Aufstiegs (S. 178 f.).

Martin Eisend, geb. 1968, stellt heraus, dass er glücklich und stolz sei, aktuell so offen über seine Erfahrungen aufgrund seiner sozialen Herkunft sprechen zu können. Dies erscheint ihm in frühen Phasen seiner Karriere eher wenig opportun gewesen zu sein (S. 191).

Ihr familialer Hintergrund halte immerhin ein professorales Kostüm als Möglichkeit für sie bereit (S. 205), so Christine M. Graebsch, geb. 1967. Das selbst entworfene Schnittmuster sei aber grundverschieden von einem angepassten Strebertum oder opportunistischer Unterwerfung.

„Wer jemand ist und geworden ist, wer zu wem und wozu gehört, wer wissen darf und wer folgen muss, wie es kommt, dass dem einen die Definitionen zustehen, während die anderen definiert werden, wie das Kleine und das Große zusammenhängen, das will sie wissen“ (S. 220), schreibt Sabine Hark, geb. 1962.

Elke Kleinau, geb. 1954, stellt fest, im Diskurs über soziale Bildungsaufsteiger*innen sollte stärker die Verflechtung verschiedener Differenzzuschreibungen analysiert werden, wobei die Konzentration auf die Trias race, class and gender deutlich zu kurz greift. In individuellen Lebensgeschichten lasse sich die jeweilige Gewichtung der unendlich verschiedenen Differenzattribuierungen herausarbeiten, die für den Weg vom Arbeiterkind zum*zur Professor*in von Bedeutung seien (S. 234).

Aloys Krieg, geb. 1955,konstatiert (S. 245), das Studieren in Deutschland sei ein Privileg, da es kostenfrei sei und im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich spiele ein nicht-akademisches Elternhaus keine Rolle. Ein akademisches Elternhaus sei allerdings hilfreich, wenn es darum gehe, Misserfolge einzuordnen oder Rückschläge wegzustecken.

Lang, aufregend und spannend – gelegentlich auch überfordernd – sei der Weg von der landwirtschaftlichen Hauswirtschaftsgehilfin zur Universitätsprofessorin gewesen, schreibt Doris Lemmermöhle. Harte Arbeit sei sie von früh auf vom Bauernhof her gewohnt, aber zweifellos habe sie auch viel, viel Glück gehabt.

Martin Lörsch, geb. 1951, fragt im letzten Abschnitt seines Selbstreports (S. 271), was ausschlaggebend für seinen Eintritt in eine wissenschaftliche Karriere als Praktischer Theologe gewesen sei. Er fragt, ob die erhoffte Chance eines sozialen Aufstiegs im Vordergrund gestanden habe, den er mit Ausdauer und Fleiß anstrebte oder ob es die soziale Anerkennung gewesen sei, die der Geistliche und Seelsorger damals noch in der Familie und im Umfeld genossen habe?

Rainer Müller, geboren 1941, schreibt in Bezug auf seine soziale Herkunft, sie habe als stabiler Resonanzboden eine Rolle gespielt. Von ihr habe er sich nicht bewusst, sondern eher implizit ohne Konflikte und Abbruch gelöst, aber nicht distanziert. Auf seinen nach und nach aufgebauten universitären Habitus sei im familialen Umfeld manchmal mit gewisser Zurückhaltung reagiert worden.

„Als Mitglied verschiedener Expertenkommissionen habe ich mein kulturelles Kapital leidlich zu mehren verstanden, aber wenn die Herren Professoren dann in lockerer Runde den Tag ausklingen ließen, beschlich mich regelmäßig Unwohlsein. Undeutliche Bilder steigen aus der Erinnerung hoch: Ich lausche lebhaften Gesprächen, die um Segeltörns kreisen. Tipps über empfehlenswerte Anbaugebiete von Wein in mediterranen Regionen werden ausgetauscht“ (S. 301). So wird Jürgen Prott deutlich, nicht ganz dazuzugehören.

Rosa Maria Puca, geb. 1966, stellt fest (S. 317), die Reflexion über die eigene soziale Herkunft lasse Erinnerungen aufleben, die nicht immer angenehm seien. Peinlich seien sie aber nicht, da die Verfasserin ja nicht Verursacherin ihrer Herkunft sei. Vielmehr hoffe sie, Studierenden Mut zu machen, sich nicht von ihrer sozialen Herkunft bremsen zu lassen, sondern allen Widrigkeiten zum Trotz aufs Gaspedal zu treten.

Im letzten Abschnitt ihres Selbstzeugnisses mit der Überschrift „Mein Beitrag zur Einstellungsänderung in der Gesellschaft“ resümiert Pakize Schuchert-Güler, geb. 1966, sie werde regelmäßig auf ihre Bildungsherkunft, aber auch auf ihre Herkunftskultur angesprochen. Sie entspreche nicht dem klassischen Bild einer Professorin und sei Erstakademikerin. Darauf sei nicht nur ihre Familie und ihr näheres Umfeld, sondern nicht zuletzt sie selber sehr stolz.

„Du hast das Zeug zum Professor“ (S. 335), so formuliert es während einer Ausbildung zum Anti-Aggressivitäts-Trainer gegenüber Achmet Toprak, geb. 1970, sein Ausbilder. Achmet Toprak ist darüber sehr verwundert. Im Juni 2007 sitzt er in Anwesenheit des Dekans und des Kanzlers vor dem Rektor und unterschreibt mit diesem das Berufungsprotokoll.

Jürgen Vogt, geb. 1958, formuliert im Rückblick zu sich selbst (S. 347): „Folgt man der sozialen Aufstiegslogik, so hätte ich mit dem Abitur sowie dem Lehrer*innenstudium und -beruf gewissermaßen mein Soll erfüllt“. Er habe keine exotischen Berufswünsche gehabt. Der Wechsel auf die „wissenschaftliche Schiene“ schien ihm dann aber nahezu selbstverständlich zu sein, und auch das objektiv vorhandene Risiko, eventuell keine Professur zu bekommen.

Klaus Weber, geb. 1960, schreibt (S. 356): „wer von unten, von außen, aus der fremde kommt, erkennt die dinge klarer. er kennt sich in den verhältnissen aus und hat sie überschritten. nur so ist ihm der blick darauf möglich und also enttarnt, entschleiert und verklärt er diese, des kaisers neue kleider: ein märchen zur Überschreitung des seins einer sache zum wesen, zur wirklichkeit und wahrheit. kindern, narren gelingt diese erkenntnis; wissenschaftler*innen nur, wenn sie den dingen auf den grund gehen“.

Auf die Frage „Gab es/gibt es Situationen in Ihrer Bildungslaufbahn, in denen Sie gemerkt haben/​merken, dass Ihre Herkunft eine Rolle spielt?“ (S. 370) antwortet Andreas Wrede,geb. 1967, auf seinem Weg in die Hochschule musste er keine Ressentiments aufgrund seiner Herkunft erdulden. Auch innerhalb der Hochschule seien ihm keine Vorbehalte oder Geringschätzungen, die sich auf Herkunft oder Bildungswege von Kolleg*innen beziehen, untergekommen. Er kenne auch nur von wenigen Kolleg*innen den vorakademischen Bildungshintergrund. Im täglichen Miteinander spiele er keine besondere Rolle.

Die nicht leichte Aufgabe einer soziobiographischen Kommentierung (dritter Teil des Bandes) der Selbstzeugnisse haben Michael Hartmann und Andrea Lange-Vester übernommen. Hartmann identifiziert vier Merkmale, die in seiner Sicht für die Bildungs- und Berufskarrieren der Professor*innen von ausschlaggebender Bedeutung gewesen seien (S. 379). Dies sind vom üblichen Muster abweichende familiale Besonderheiten, institutionelle Veränderungen bundesrepublikanischer Bildungsreformen, eine starke Gewichtung des Sicherheitsaspektes bei der Studienfach- und Berufswahl und schließlich eine kritische gesellschaftspolitische Einstellung inklusive praktischer Konsequenzen für die Hochschultätigkeit. Diesen vier Mustern ordnet der Autor Aussagen aus den neunzehn Selbstzeugnissen zu. Abschließend stellt Michael Hartmann fest (S. 388), die gegenwärtig immer stromlinienförmiger verlaufenden Karrieren in der Wissenschaft und die Fixierung der Berufungskommissionen auf solche Verläufe machten es immer unwahrscheinlicher, dass solche Aufstiege, wie sie in dem Buch versammelt sind, in Zukunft noch in größerer Zahl möglich sein werden.

Andrea Lange-Vester nähert sich den biographischen Texten aus dem Blickwinkel der Habitus- und Milieuforschung (S. 389). Die Autorin hebt die Unterschiede zwischen den Milieus der Bildungsaufsteiger*innen und distinktiven akademischen Gruppen hervor. So unterscheiden sich die Alltagskulturen der Bildungsaufsteiger*innen aus eher prekären Verhältnissen von denen ihrer Mitschüler*innen im Gymnasium und auch Kommiliton*innen. Ebenso sind Fremdheit und Selbstzweifel im Bildungsgeschehen auffindbar wie auch Doppelleben, Distanz und Entfremdung vom Herkunftsmilieu. Gleichwohl zeigt sich zwischen den Biographien sehr viel Unterschiedlichkeit. Einige wachsen ohne Unterstützung durch das Elternhaus bildungsbezogen heran, andere erfahren eine vielfältige Förderung. Hervorzuheben ist auch die Ungleichheit der Geschlechter. So ist, wie die Autorin betont (S. 406), für die Frauen der Bildungsaufstieg mit der zusätzlichen Hürde verbunden, sich spezifischen Rollenerwartungen zu widersetzen und sich von ihnen zu befreien.

Den Abschluss bildet ein Gespräch mit Initiativen von und für Arbeiterkinder/n in der Wissenschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft über herkunftssensible Nachwuchsförderung. Erst nach und nach, so resümierend die Herausgeber*innen, entwickle die Bildungs- und Hochschulpolitik ein Problembewusstsein dafür, dass Diversität und Chancengleichheit für die Innovationsfähigkeit von Wissenschaft wie auch Demokratiefähigkeit unserer Gesellschaft von zentraler Bedeutung seien (S. 413).

Diskussion

 Eigentlich ist der Feststellung von Michael Hartmann nicht viel hinzuzufügen, dass es nicht leicht sei, aus der Vielfalt der Selbstzeugnisse Gemeinsamkeiten in einem wissenschaftlichen Sinne herauszuarbeiten. Möglicherweise sollte es aber gar nicht um die Ermittlung von Gemeinsamkeiten gehen, sondern um die unterschiedlichen Differenzattribuierungen, wie es Elke Kleinau schreibt (S. 234). Die autobiographischen Aufstiegserfahrungen sind vielleicht auch deshalb so unterschiedlich, weil von einem sehr weit gefassten Verständnis von „Arbeiterkind“ ausgegangen wird. Ähnliches schreiben die Herausgeber*innen auch selber. Möglicherweise aber auch, weil in den jeweiligen Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Regionen Deutschlands sich die Aufstiegsbarrieren ganz unterschiedlich zeigten.

Ob Herabsetzungen im hochschulischen Aufstiegsgeschehen aufgrund sozialer Herkunft erlebt worden sind, steht vielleicht auch im Zusammenhang mit unterschiedlichen Fachkulturen. Die Selbstzeugnisse verraten zumindest eine solche Tendenz. Auch hier ginge es dann um eine Differenzattribuierung. So erscheint mir insbesondere die sozialwissenschaftlich unterlegte Darstellung von Elke Kleinau erneut bemerkenswert. Sie geht weitgehend konform mit der Grundannahme der Herausgeber*innen: Im Diskurs über soziale Bildungsaufsteiger*innen sollte stärker – als es bisher der Fall gewesen ist – die Verflechtung verschiedener Differenzzuschreibungen analysiert werden (S. 234).

Das Buch kann in unterschiedlicher Weise gewinnbringend gelesen werden: Nicht zuletzt von Studierenden und Nachwuchswissenschaftler*innen aus Familien ohne Hochschultradition, als Ermutigung, eine wissenschaftliche Karriere anzustreben, wie es die Arbeiterkinder (AK) anspricht (S. 414). Auch der Rezensent, nunmehr seit 2007 nicht mehr im akademischen Hauptamt tätig, hat sich bereits durch den Titel des Bandes angesprochen gefühlt und sich mit der Überschrift identifiziert: geb. 1942, aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein bei den Großeltern, die hochdeutsche Sprache vor der Einschulung einzig durch Kinder geflüchteter Familien kennengelernt, über Realschule und Gymnasium, begleitet von Glück und Zufall, in die Spur akademischen Aufstiegs gelangt. Vergleichbare biographische Teilstücke finden sich in verschiedenen Selbstzeugnissen des Buches.

Der Band kann auch sozialwissenschaftlich kritisch gelesen werden, in dem Sinne wie es Christoph Butterwegge in seinem Beitrag zum Ausdruck bringt (S. 90). Er fragt, wem der Mythos der Bildungsmeritokratie nützt und welchen Bevölkerungsgruppen damit Sand in die Augen gestreut werden soll. Arme würden angehalten, ihre Bildungskarriere durch Selbstoptimierung eigenverantwortlich zu organisieren, statt auf kollektive Lösungen im Rahmen einer Umverteilung des vorhandenen Reichtums von Oben nach Unten zu setzen. Ein Warten darauf hätte den Biograph*innen allerdings keinen sozialen Aufstieg erbracht.

Fazit

Wie bereits angesprochen: Der Band erfüllt zwei Aufgaben. Er kann gewinnbringend von denen gelesen werden, die von Zweifeln geplagt sind, ob die akademische Karriere für sie der richtige Weg ist. In den Selbstzeugnissen finden sich sicherlich biographische Resonanzböden, sich konstruktiv mit dem Eigenzweifel auseinanderzusetzen. Das Buch kann jedoch auch gewinnbringend im Hinblick auf ihre sozialwissenschaftlichen Botschaften studiert werden, nämlich ernst zu machen mit dem Anliegen, bildungspolitische Verhältnisse so zu ändern, dass Aufstiegschancen chancengleicher verteilt werden.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 26.05.2020 zu: Julia Reuter, Markus Gamper, Christina Möller, Frerk Blome (Hrsg.): Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft: autobiographische Notizen und soziobiographische Analysen. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-4778-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26779.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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