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Silke Schuster (Hrsg.): Minderheiten, Mehrheiten und soziale Identitätsprozesse

Cover Silke Schuster (Hrsg.): Minderheiten, Mehrheiten und soziale Identitätsprozesse. Perspektive für eine antirassistische Pädagogik. Logophon Verlag (Mainz) 2004. 151 Seiten. ISBN 978-3-936172-00-3. 6,70 EUR.

Reihe: European community studies - Band 23. Hrsg. vom Pädagogischen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz in Verbindung mit dem European Centre for Community Education, Koblenz.
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Wer die Grenzen (s)einer gewissen, kulturellen Selbstverständlichkeit verlässt, entdeckt die eigenen Zugehörigkeiten in neuen Dimensionen

Das, was im interkulturellen Diskurs als die Aufforderung zum "Perspektivenwechsel" bezeichnet wird, gewissermaßen als die Anstrengung zum Nachdenken über die eigene Identität, mit dem Ziel, sich selbst und die Gruppe und Ethnie, der man angehört, "in den Anderen zu erkennen", gilt mittlerweile als einigermaßen gesicherte Diskussionsgrundlage über ein gerechte(re)s, humane(re)s Leben der Menschen in der Einen Welt, die gelegentlich auch als "globales Dorf" bezeichnet wird. In diesem Rezensionsdienst wurden für die schulische und außerschulische Verankerung dessen, was als Interkulturelles oder Globales Lernen, als Interkulturelle oder Antirassistische Pädagogik bezeichnet wird, zahlreiche Arbeiten vorgestellt: Ulrike Kloeters, u.a., Schulwege in die Vielfalt. Handreichung zur Interkulturellen und Antirassistischen Pädagogik in der Schule (2003), Wolfgang Stender u.a., Interkulturelle und antirassistische Bildungsarbeit (2003), Klaus Seitz, Bildung in der Weltgesellschaft (2002), u.a.

Entstehungshintergrund

Verstehen und Lernen, im eigentlichen Sinne des Wortes als "Verhalten ändern", dass wir Menschen überall auf der Erde "Fremde" und "Eingeborene" sind, was nicht dazu führen darf, den Anderen in seinem Anderssein abzulehnen oder zu diskriminieren, in der eigenen Gesellschaft und Ethnie genau so wenig wie im globalen Kontext, hat also etwas zu tun mit der eigenen sozialen Identitätsarbeit. Silke Schuster hat im Rahmen ihres Pädagogikstudiums in Mainz einen zweisemestrigen Studienaufenthalt am Institut d`études sociales (IES) in Genf durchgeführt. Obwohl die Schweiz ja ein "nahes Ausland" darstellt, mit vermutlich vielen "ähnlichen kulturellen Dominanten", erlebte sie doch immer wieder zahlreiche Irritationen, die dazu führten, dass sie ihre "eigene soziale Herkunft einer Prüfung unterzog, deren Ausgang nach wie vor offen ist". Aus diesen Reflexionen und ihrem eigenen Identitätsprozess entstand das vorgelegte Buch. Die Auseinandersetzungen darin mit interkulturellen Begriffen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wie "Minderheiten und Mehrheiten", "Rassismus und Antisemitismus" sind natürlich Bestandteil im nationalen und internationalen Diskurs um Interkulturalität; was die Arbeit aber interessant macht sind die von der Autorin hergestellten Bezüge zu einigen ausgewählten Theorien zur antirassistischen Pädagogik und zur Identitätsbildung. Da werden die vom deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson (+ 1994) entwickelten Phasen zur Ich-Identität vorgestellt und kritisch hinterfragt; da geht es um die Theorie des symbolischen Interaktionismus, die vom amerikanischen Sozialphilosophen, Pädagogen und Psychologen George Herbert Mead (+ 1931); da wird die von Henri Tajfel und John C. Turner entwickelte Theorie der sozialen Identität diskutiert, mit der nicht uninteressanten "Entdeckung", dass "Identität eine dynamische, an den sozialen Kontext gekoppelte Größe darstellt". Schließlich werden die Arbeiten der 1945 geborenen Professorin für Psychologie, Birgit Rommelspacher, eingebracht, die an der Alice Salomon Hochschule in Berlin zu den Schwerpunkten Interkulturalität und Geschlechterstudien forscht. Ihr spezifisches Anliegen zum schwierigen Prozess von Segregation und Integration in die jeweilige Gesellschaft ist die Diskussion um den Zusammenhang von "Identität und Macht".

Inhalt

Indem Silke Schuster die verschiedenen theoretischen Reflexionen mit der Minderheiten- und Mehrheitenthematik bei sozialen Identitätsprozessen spiegelt, etwa des "Black and White" - Rassismus und dabei z. B. die von der Direktorin des Institute for the Study and Promotion of Race and Culture an der Universität in Boston / USA, Janet E. Helms, entwickelte "Theorie Schwarzer und Weißer `Rassen`- Identität" in die Diskussion bringt, trägt sie dazu bei, den deutschen und europäischen Diskurs zu öffnen.

Weil die antirassistische Pädagogik natürlich auch den Antisemitismus im Blick hat und damit die Auseinandersetzungen mit der Geschichte und dem Holocaust als wichtige Identitätsaufgabe ansieht, ansehen muss, geht es bei der Arbeit auch um die ja nicht unaktuellen Verhältnisse bei "jungen deutschen und nichtdeutschen Juden im Schatten des Holocaust" und deren Identitätsbildung in unserer Gesellschaft. Aus den verschiedenen genannten Aspekten entwirft sie zwar keine Didaktik, aber immerhin "Perspektiven für eine antirassistische Pädagogik". Sie beginnt mit einer Bestandsaufnahme der bisher in der deutschen Erziehungswissenschaft vorhandenen Konzepte für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit, stellt anhand von Begegnungsprogrammen mit israelischen Jugendlichen verschiedene Identifikationserfahrungen vor und resümiert schließlich die ja nicht ganz neue, aber immer wieder neu zu implementierende Aufforderung, rassistische, fremdenfeindliche und diskriminierende Auffassungen und Verhaltensweisen nicht nur zu reflektieren und durch Informationen und Wissen unwirksam werden zu lassen, sondern durch konkrete, interkulturelle Begegnungsanlässe zu einem antirassistischen, demokratischen und humanen Miteinander in den multikulturellen Gesellschaften auf der Erde beizutragen. Auch wenn Konrad Lorenz im Zusammenhang mit dem interkulturellen Diskurs nicht in jedem Fall als ein Zeuge für Interkulturalität angesehen werden kann, so kann seine Auffassung in seinem Buch "Das sogenannte Böse", 1970, uns auf dem Weg zu einer antirassistischen Gesellschaft behilflich sein: "Kein Mensch kann ein Volk hassen, von dem er mehrere Einzelmenschen zu Freunden hat".

Fazit

Man kann die Veröffentlichung von Silke Schuster auch anders sehen: In die Diskussion um die notwendige Weiterentwicklung und Sesshaftwerdung der antirassistischen Pädagogik in dem Gebäude der Erziehungswissenschaften mischen sich mittlerweile auch junge Forscherinnen und Forscher ein; ein gutes Zeichen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.05.2005 zu: Silke Schuster (Hrsg.): Minderheiten, Mehrheiten und soziale Identitätsprozesse. Perspektive für eine antirassistische Pädagogik. Logophon Verlag (Mainz) 2004. ISBN 978-3-936172-00-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2678.php, Datum des Zugriffs 18.01.2020.


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