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Karina Kehlet Lins: Sprechen über Sex

Cover Karina Kehlet Lins: Sprechen über Sex. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 124 Seiten. ISBN 978-3-8497-0333-2. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

In Therapie wird, so die Autorin, wenig über Sexualität gesprochen, obwohl Klienten häufig erleichtert sind, wenn Sorgen, Fragen und Probleme sexueller Art im Gespräch Raum gegeben wird. Die Verantwortung für eine Thematisierung sieht Karina Kehlet Lins zunächst beim Therapeuten. Die Sexualtherapeutin bietet mit ihrem Buch eine Art „Sprachkurs“ für Therapeuten, Ärzte und andere Mitarbeiter im Gesundheitssektor. Sie geht davon aus, dass mit etwas Übung jeder Mensch lernen kann, entspannt über Sexualität zu sprechen. An alle Geschlechter gerichtet, fordert das Buch zu mehr Toleranz auf. Besonders wichtig sind der Autorin die Vielfalt und das Recht eines jeden Menschen, eine frei gewählte und selbstbestimmte Sexualität zu leben.

Autorin

Karina Kehlet Lins studierte klinische Psychologie an der Freien Universität Brüssel, sie absolvierte eine systemische Ausbildung und eine Ausbildung über „Sexuelle Störungen und ihre Behandlung“ beim isi – Institut für Systemische Impulse, Berlin. Ihre Arbeitsgebiete sind die Paartherapie, Sexualtherapie und LGBTQIA.

Entstehungshintergrund

Die dänische Therapeutin erlebte in ihrer Praxis und in ihren Kursen für medizinische Behandlung im Gesundheitswesen eine große Nachfrage nach qualifizierter Hilfe bei sexuellen Problemstellungen. Viele Therapeuten und andere Fachkräfte haben das Bedürfnis zu lernen sexuelle Themen anzusprechen und ein konstruktives Gespräch zu führten. Hierfür liegt erstaunlich wenig Literatur vor.

Aufbau

Das 124-seitige Buch gliedert sich nach einem Geleitwort, dem Vorwort des Herausgebers der Themenreihe „Systemische Therapie und Beratung“ des Carl-Auer Verlags Tom Levold und einem Vorwort in acht Kapitel. Das Buch schließt mit einem kleinen Schlusskapitel, dem Literaturverzeichnis und einer Playlist über Musikstücke, in denen Sexualität eine besondere Bedeutung hat. Das Buch beinhaltet Theorie, Praxis und kleine Übungen für die Leser.

Inhalt

In ihrem Vorwort weist K. K. Lins auf die besondere Bedeutung der Sexualität für das Leben vieler Menschen und auch für ihre Gesundheit hin. Gleichwohl tragen viele gut gemeinte Ratschläge in Medien zusätzlich zu Unsicherheiten bei. Die Autoren gehen davon aus, dass sexuelle Herausforderungen normal sind und dass alle Menschen irgendwann im Laufe ihres Lebens Probleme mit ihrer Sexualität haben. Allerdings gäbe es keine bestimmten Regeln dafür, wie Gespräche über Sex zu führen seien. Stattdessen möchte die Autorin mit ihren Ratschlägen eine Richtung vorgeben um Gespräche in Gang zu bringen.

Im ersten Kapitel mit dem Titel: „Die Sexologie – eine Welt für sich?“ definiert die Autorin Sexualität anhand einer umfassenden Definition der WHO und weist auf enge Zusammenhänge zwischen den sexuellem Wohlbefinden und dem allgemeinen Gesundheitszustand hin. Anschließend beschäftigt sie sich mit der Positionierung der Sexualwissenschaft im Verhältnis zur Psychotherapie. Lins resümiert hier, dass sich leider der Bereich der Sexualwissenschaft weitgehend aus den übrigen psychotherapeutischen Fachrichtungen herausgelöst hat und sich so die Sexologie zu einem Spezialgebiet entwickelt hat. Dabei stelle sich jedoch die Frage, ob sich die Interventionen im Wesentlichen von denen anderer Psychotherapien unterscheiden lassen (S. 23).

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit der Stellung der Sexualwissenschaft. Hier zeige sich u.a. auch das Problem, dass es Laien schwer fallen würde zwischen klinischen Sexualtherapeuten und selbst ernannten Sexualtherapeuten mit zweifelhaftem Fachwissen zu unterscheiden. Diese Unübersichtlichkeit wird jedoch von den Beteiligten leider kaum thematisiert. Im Kontext der Psychotherapie wäre es hilfreich, Fachkenntnisse für Psychotherapeuten verschiedenster Verfahren zusammenzufassen um entsprechende Hilfestellung zu geben. Psychologen könnten sich dann in höherem Maße in sexualpolitische Debatten einmischen und sich insgesamt von der Vorstellung lösen, die Sexologie sei ein Spezialgebiet oder schlimmer noch, im Grunde überflüssig (S. 29). Zudem würden im Gesundheitswesen immer noch Menschen arbeiten, die der Meinung seien, dass ältere, behinderte oder kranke Menschen keine sexuellen Bedürfnisse haben. Dabei müssen Fachkräfte akzeptieren, dass auch diese Personenkreise sexuelle Wünsche und Bedürfnisse empfinden und sie ein Recht darauf haben, ernst genommen zu werden. Auch deswegen müssen Gespräche über Sexualität überall im Gesundheitswesen einen festen Platz erhalten. Wichtig sei es in diesem Kontext die Zusammenhänge zwischen körperlichen und psychischen Erkrankungen und der Sexualität zu erkunden und z.B. zu berücksichtigen, dass viele Menschen mit psychiatrischen Leiden sexuelle Traumata erlitten. Zudem haben die meisten Psychopharmaka unerwünschte sexuelle Nebenwirkungen. Leider sei es auch typisch, dass nur wenige Ärzte von sich aus das Thema Sexualität, z.B. bei der Verschreibung von Medikamenten, ansprechen.

Im dritten Kapitel (Vom notwendigen zum guten Gespräch) gibt die Autorin weitere Empfehlungen. Sie betont, dass die Therapeut*innen die Initiative zu einem Gespräch über Sex ergreifen müssen, um zu signalisieren, dass es in Ordnung ist, das Thema ernst zu nehmen. Klienten benötigen dabei die Möglichkeit zum richtigen Zeitpunkt in Ruhe und in ihrem Tempo das zu sagen, was sie äußern möchten. Zur Vorbereitung auf solche Gespräche thematisiert Lins in ihrem Buch eine Reihe von Fragen zur Selbstreflexion. Anschließend stellt sie beispielhafte Gesprächsanleitungen (mit Einzelnen und mit Paaren) vor. Die Autorin betont, dass alle Themen gleichwertig sind und es nur subjektive Wahrheiten gibt. Dabei soll der Therapieraum der Ort sein, in dem die Klienten ihren Präferenzen Ausdruck verleihen können, ohne Vorurteilen zu begegnen und ohne gesagt zu bekommen, wer sie sein sollten oder was „natürlich“ sei. Voraussetzung für solch eine Haltung sei, sich mit den eigenen Vorurteile und „Brillen“ zu beschäftigen. Hierzu werden wieder eine Reihe von Fragen für das eigene Selbstverständnis über die Sexualität und die eigenen Bewertungen vorgeschlagen. Generelles Ziel der Therapie ist zu verstehen, was den individuellen Klienten ausmacht.

Das vierte Kapitel vertieft die Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen. Die Autorin betont, dass unsere eigenen Gefühle und Einstellungen als Therapeut*innen wahrscheinlich das wichtigste Hindernis für das Gespräch darstellen. Zudem thematisiert sie Befürchtungen von Therapeut*innen darüber, was ihre Kollegen davon halten könnten, wenn über Sexualität gesprochen wird. Diese realen oder befürchteten Beschuldigungen seien vermeidbar, wenn das Thema Sexualität routinemäßig auf die Tagesordnung gesetzt würde. Allerdings sei es auch nicht sinnvoll, lediglich vorzutäuschen, dass man keine Vorurteile besitzt. Dann sei es besser mitzuteilen, dass es Dinge gibt, die man nur schwer akzeptieren kann. Man könne jedoch üben, eine neugierige und nachforschende Position zu bewahren. Letztlich gilt: Solange die sexuellen Praktiken nicht gesetzeswidrig sind, ist Toleranz wichtig. Sexuelle Vorlieben sollten als ein breites, vielfältiges Spektrum beschrieben werden.

Das fünfte Kapitel thematisiert Das Recht des Klienten auf „Selbstbestimmung“. Zunächst werden die sogenannten Widerstände des Klienten genauer betrachtet, denn es ist in Ordnung, wenn Klient*innen nicht über Sexualität sprechen möchten. Keinesfalls sollten Therapeut*innen die Rolle eines „Sexmissionars“ einnehmen. Das Recht auf Selbstbestimmung beinhaltet auch das Recht auf Vertraulichkeit. Wichtig sei daher sich zu informieren, welche Vertraulichkeit z.B. auch gegenüber dem eigenen Team angemessen ist.

Im sechsten Kapitel (Sex im Kontext) formuliert die Autorin im ersten Satz (S. 77): „Die traditionellen und normsetzenden Institutionen sind, zumindest im Bereich des Sexuellen, bedeutungslos geworden.“ In unserem Teil der Welt hätten als Folge der industriellen Revolution unsere Beziehungen allmählich ihre lebensnotwendigen praktischen Aufgaben und Funktionen verloren. So habe sich beispielsweise die Ehe in einem höheren Maße zu einer romantischen Beziehung statt einer rein praktischen Verbindung entwickelt (siehe hierzu meine Anmerkungen unter Diskussion). Im Weiteren betont Lins erneut die Bedeutung der Sexualität. Dies führe jedoch bei vielen Menschen zu Problemen, wenn ihr Sexualleben sich nicht in „Höchstform“ befände. Häufig käme es dann zu massiven Problemen in der Beziehung, bis hin zu einer Scheidung.

Viele Paartherapeut*innen würden in der Beratung ein falsches Verständnis vertreten, nach dem eine Verbesserung der Beziehung gleichzeitig zu einer Verbesserung des Sexuallebens führt. Konflikte würden sich oftmals nicht lösen lassen, indem man den Konflikt versteht und ihn ausdrückt. Das Sexualleben sei eben keine Art Metapher für die ganze Beziehung. Ein besseres Sexualleben beinhalte eben oftmals nicht eine bessere Bindung (S. 81).

Zudem problematisiert die Autorin den Druck sexuelle Bedürfnisse haben zu müssen. Dies werde als ein Defizit konstruiert.

Im siebten Kapitel werden die individuellen Eigenarten der Sexualität thematisiert. In den Gesellschaften gebe es keinen Konsens darüber, was als „normale“ Sexualität definiert wird.

Im achten Kapitel ruft die Autorin dazu auf neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, Potenziale zu fördern, die Diversität im Bereich der Sexualität zu verstehen, statt sie abzulehnen oder gar zu pathologisieren und in vielen Fällen die Perspektive eines „Nicht-können“ zum „Nicht-wollen“ einzunehmen.

Das Buch schließt mit dem Literaturverzeichnis, einer Playliste über Musikstücke und Angaben über die Autorin.

Diskussion

Auch ich gehöre zu den Beratern/​Therapeuten, die (zu) wenig über Sex mit den Klienten gesprochen haben und hätte mir daher dieses Buch bereits zu einem früheren Zeitpunkt gewünscht. Wie auch der Herausgeber Tom Levold einführend ausführt, wird nicht nur in den Gesprächen mit den Klient*innen, sondern auch in Supervisions- und Weiterbildungstätigkeiten zu wenig über Sexualität gesprochen und gelehrt. Auch erfahrene Kolleg*innen weisen hier Ängste und Hemmungen auf und vermeiden das Thema. Daher ist es hilfreich im Buch zu erfahren, dass sprechen über Sexualität nicht anstrengend sein muss, sondern wie auch Sexualität selbst mit Interesse, Neugier und einer positiven Einstellung einhergehen sollte. Sprechen über Sex kann von Klienten und Therapeuten gelernt werden.

Die Bedeutung sozialer Faktoren wird jedoch meines Erachtens zu wenig berücksichtigt. Dies zeigt sich bereits im ersten Kapitel über die Sexologie, in der es im Wesentlichen um die psychischen Einflüsse geht oder im sechsten Kapitel, in dem die Autorin ausführt, dass die traditionellen und normsetzenden Institutionen für den Bereich des Sexuellen bedeutungslos geworden seien. Hier werden sicherlich die zirkulären Einflüsse von z.B. Armut, beengten Wohnverhältnissen und den kulturellen Normen für einen großen Teil der Bevölkerung in ihrer Bedeutung unterschätzt.

Das Buch richtet sich an Therapeut*innen und Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen. Genauso empfehlenswert ist es auch für psychosoziale beratende Fachkräfte, denn auch diese begegnen denselben Herausforderungen.

Fazit

Die Sexualtherapeutin Karina Kehlet Lins bietet mit diesem Buch eine Art „Sprachkurs“ für Therapeuten*innen, psychosoziale Fachkräfte und Mitarbeiter*innen im Gesundheitssektor an. Kleine Selbstreflexionsaufgaben für die Leser*innen bereichern das Buch.

Dieses Buch kann allen Berater*innen und Therapeut*innen – Anfänger*innen und Fortgeschrittenen – sehr empfohlen werden. Den Leser*innen wird sehr kompakt eine umfassende, lebendige Darstellung geboten.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Traumatherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 26.05.2020 zu: Karina Kehlet Lins: Sprechen über Sex. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0333-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26787.php, Datum des Zugriffs 04.07.2020.


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