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Anabel Cornago: Praxis Frühförderung Autismus 2

Cover Anabel Cornago: Praxis Frühförderung Autismus 2 Emotionale Kompetenz. Strategien - Übungen - Materialien. Autismus Hamburg e.V. 2019. 200 Seiten. ISBN 978-3-947616-01-5. D: 14,90 EUR, A: 14,90 EUR.

Reihe: Praxis Frühförderung Autismus - 02.
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Thema

Der zweite Band der Reihe „Praxis Frühförderung Autismus“ widmet sich der emotionalen Kompetenz von Kindern mit Autismus. Emotionale Kompetenz ist eine soziale Kompetenz, Menschen aus dem Autismus Spektrum haben Probleme, eigene Emotionen und Emotionen anderer zu identifizieren. Sie nehmen die Gefühle anders als neurotypische Menschen wahr. Manche autistische Menschen haben eine emotionale Hochsensibilität, was bedeutet, dass sie Gefühle stärker wahrnehmen.

Autorin

Anabel Cornago lebt in Hamburg und hat einen Sohn aus dem autistischen Spektrum. Sie ist Journalistin und Autorin. Ihr Thema ist der frühkindliche Autismus. Als Referentin arbeitet sie im deutsch- und im spanischsprachigen Raum. Cornago hat mehrere Bücher veröffentlich und schreibt zwei erfolgreiche Blogs, in denen sie Informationen und Arbeitsmaterialien veröffentlicht. Sie gehört neben Hermann Cordes und Prof. Dr. Röttgers zum Vorstand des Institut für Autismusforschung (IFA) in Bremen.

Entstehungshintergrund

Der Verein Autismus Hamburg ist ein Zusammenschluss von Eltern mit Kindern, die unter den Bedingungen von Autismus leben. Gegründet wurde er 2009 mit dem Ziel, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und die Lebensgestaltung von Menschen mit Autismus und deren Angehörige zu verbessern. Der Verein hält ein breit gefächertes Informations- und Unterstützungsspektrum bereit wie z.B. Information und Beratung, Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung. Das Buch ist Bestandteil der dreiteiligen Reihe „Praxis Frühförderung Autismus“.

Aufbau und Inhalt

Praxisteil: Strategien, Übungen und Materialien

Strategien und Tools

  1. Emotionen erkennen
  2. Emotionen verstehen
  3. Emotionen ausdrücken
  4. Emotionen regulieren
  5. Soziale Kompetenz und Empathie
  6. Komplexe Emotionen

Quellen, weiterführende Literatur und Anhang

Das Buch ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 200 Seiten, die sich neben Vorbemerkungen und Quellen, einem Literaturverzeichnis und einem Anhang in sechs Kapitel gliedern. Die Seiten sind gut strukturiert, am oberen Rand befindet sich die jeweilige Kapitelüberschrift. Zahlreiche Zwischenüberschriften, Fotos und eingestreute Zitate gliedern die Texte und lockern auf. Eine Vielzahl von Symbolen ergänzen die Erklärungen wie z.B. ein Schraubenschlüssel steht für ein Werkzeug, es gibt Infoboxen und mit einem „V“ sind Grundübungen gekennzeichnet. Zudem gibt es Übungen für Kinder mit und ohne Lautsprache. Unter der Rubrik „Do it yourself“ finden sich sensorische Lernspiele.

Der Praxisteil erläutert Strategien und Tools, also grundlegende Werkzeuge für die Arbeit an der emotionalen Kompetenz. Dabei geht es z.B. um Interaktion, Entspannung und dem Aufbau von Ich-Identität (dafür hat sich ein „Das-bin-ich Buch“ bewährt). Eine weitere wichtige Strategie ist das Visualisieren. Zum Einsatz kommen z.B. Reaktionsmarker (Smilies) und einfach verständliche Zeichnungen (Pictogramme), nicht ausgespart wird das Thema Motivation und das Festlegen von Regeln.

Die nachfolgenden Kapitel beleuchten Emotionen aus verschiedene Perspektiven:

  • Kapitel eins handelt davon, Emotionen zu erkennen. Schritt für Schritt sind Emotionen anhand von Zeichnungen und Fotos zu erkennen und zu unterscheiden, als Nächstes sind Emotionen zu benennen, um diese dann im realen Gesicht zu erkennen.
  • In Kapitel zwei geht es darum, Emotionen zu verstehen. Aus verschiedenen Situationen heraus sind Emotionen anderer Personen zu verstehen, darauf folgt das Verstehen der eigenen Emotionen. Das Kapitel mündet darin, verbal ausgedrückte Emotionen zu verstehen.
  • Um Emotionen auszudrücken muss die passende Mimik gezeigt werden (Kap 3). Es gilt, im ersten Schritt Emotionen anhand von Körpersprache zu entziffern und sie im zweiten Schritt selber zu zeigen. Wenn Menschen über Emotionen sprechen verändert sich die Stimmlage und Betonung. Auch gilt es eigene Wünsche zu äußern und zu lernen, dass es auch Wünsche gibt, die nicht erfüllt werden. An dieser Stelle wird auch auf den Zusammenhang zwischen eigenen Gedanken und Gefühlen bei sich und anderen eingegangen.
  • Inhalt des vierten Kapitels ist die Emotionsregulierung in Bezug auf das Kennenlernen von Strategien zur Entspannung, dem Einschätzen der Intensität positiver Emotionen und auch dem Verstehen unangenehmer Emotionen.
  • Vom Zusammenhang zwischen sozialer Kompetenz und Empathie handelt das fünfte Kapitel. Unterschieden wird zwischen einem angemessenen und einem unangemessenen Verhalten, Auswege finden sich häufig in Verhaltensalternativen. Den Abschluss bilden Erklärungen, dass verschiedene Personen unterschiedliche Gefühle haben, es gilt auf diese angemessen zu reagieren.
  • Das letzte Kapitel gibt Erklärungen zu komplexen Emotionen.

Im Anhang finden sich neben Quellen und Hinweisen zu weiterführender Literatur zu jedem Kapitel Kopiervorlagen. Da in diesem Buch nur eine Auswahl an Materialien zusammengestellt werden konnte, wird an vielen Stellen im Buch auf den deutschsprachigen blog der Autorin namens „arbeitsmaterial.blogspot.de“ verwiesen, in dem weiteres vertiefendes Material zu finden ist.

Diskussion

Die zahlreichen Tipps, Fotos und kreativen Ideen laden zum Nachmachen ein. Lernen braucht Motivation und Spaß, bei der Zusammenstellung der Materialien und Tipps wurde auf diese Bedürfnisse Rücksicht genommen. Die Anregungen sind praxiserprobt und einfach dargestellt, was die Übertragung in die Praxis erleichtert. Erklärungen sind vorhanden, sie sind aber kurz und einfach verständlich gehalten, sodass die wichtigsten Informationen angesprochen sind. Die Übungen enthalten zahlreiche Sprechblasen, die das Kind direkt ansprechen. Durch dieses Stilmittel kann es sich aktiv beteiligen und somit Zusammenhänge besser verstehen.

Alter und Entwicklungsstand sind entscheidend für den Einsatz der hier vorgestellten Strategien, Übungen und Materialien zur Erlangung emotionaler Kompetenz. Die Entwicklungsschritte bauen aufeinander auf und orientieren sich an fünf Stufen des Entwicklungsprozesses von neurotypischen Kindern. 1. Identifizieren von Emotionen, 2. Verstehen von Emotionen, 3. Ausdrücken von Emotionen ausdrücken, 4. Regulieren von Emotionen und 5. Soziale Kompetenz und Empathie. Mit diesen fünf Ebenen haben Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, Schwierigkeiten. Emotionen sind von subjektiver Wahrnehmung beeinflusst, deshalb macht es Sinn, sich vor der Verwendung dieses Buches mit dem Thema Wahrnehmung auseinanderzusetzen (s. Teil 1 dieser Reihe „Praxis Frühförderung Autismus“). Emotionale Kompetenz ist die Summe der Fähigkeiten, die Menschen benötigen, um mit eigenen Emotionen und denen der anderen angemessen umzugehen. Menschen im Autismus-Spektrum nehmen Gefühle anders wahr als neurotypische Menschen und zeigen sie auch manchmal auf andere Weise.

Die Autorin unterscheidet in Bezug auf die Empathie zwei Ebenen: die affektive Empathie und die kognitive Empathie. Ein anderer Begriff für die affektive Empathie ist Mitgefühl: auf die Emotion einer Person wird mit dem entsprechenden Gefühl reagiert. Die kognitive Empathie beschreibt die Fähigkeit, sich in den mentalen Zustand einer Person hineinzuversetzen und so ihr Verhalten zu verstehen. Neben Verhaltensplänen wird an dieser Stelle auch der Einsatz von sog. comic strips nach Carol Gray vorgestellt, mit deren Hilfe sehr schnell soziale Situationen visualisiert werden können. Eine Rezension zum Buch von Carol Gray findet sich unter www.socialnet.de/rezensionen/​17969.php.

Hauptaugenmerk der Übungen in den Kapiteln 1–5 bilden die Basisemotionen wie Freude, Traurigkeit, Wut und Angst, im Kapitel sechs werden komplexe Emotionen wie Scham, Neid, Stolz, Überraschung, Langeweile oder Mitleid behandelt, die möglichst immer in konkret auftretenden Situationen besprochen werden sollten.

Fazit

Die Chancen auf ein selbstständiges und glückliches Leben von Kindern im Autismus-Spektrum können durch Förderung deutlich erhöht werden. Ein wichtiger Aspekt ist der Umgang mit Emotionen. Das Buch ist ein Leitfaden mit Strategien, Übungen und Materialien. Frühförderung sollte kreativ sein und Spaß machen, dieser Band fügt die vielfältigen Praxiserfahrungen der Autorin zusammen. Alle drei Bücher der Reihe „Praxis Frühförderung Autismus“ richten sich an Eltern, Fachkräfte und alle anderen, die mit Kindern im Autismus-Spektrum leben und arbeiten. Texte und Layout sind ansprechend gestaltet. Es besteht die Möglichkeit, im Buch hin und her zu blättern. Sehr ansprechend sind die kleinen gezeichneten Figuren. Es finden sich viele praxisnahe Anregungen für die Förderung von Kindern aus dem Autismus Spektrum. Alle drei Bände beziehen sich aufeinander, es wird angeregt, die Inhalte zu kennen, das ist aber keine Voraussetzung zum Verstehen und Nachmachen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 22.06.2020 zu: Anabel Cornago: Praxis Frühförderung Autismus 2 Emotionale Kompetenz. Strategien - Übungen - Materialien. Autismus Hamburg e.V. 2019. ISBN 978-3-947616-01-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26793.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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